Hirsch”, er selbst aber nannte sich “Leiter der Entwicklungsabteilung II/A im Werk ‘Spezialtechnik Kaiserswartha’”. Der Allerweltsname seiner Firma war allerdings Tarnung (wie ich spater wusste): Sie fertigten dort, weit drau?en vor der Stadt, Granaten und Panzerwaffen, au?erdem eine bunte Auswahl an Signalmunition. Sie drehten, frasten, stanzten, montierten die scharfen Sachelchen vom kleinsten Blechteil aufwarts, mixten die Ladungen, pressten sie in die Sprengkopfe, entwickelten den inneren Aufbau der Kartuschen weiter, optimierten die Energiebilanz und die Reichweiten, alles top secret, rundherum gesichert von Wachturmen und Doppelzaunen und Hunden an Laufdrahten. Der Betrieb hie? im Volksmund “die Waffia”, und die dort arbeiteten “Waffiosi.” Fast alle leitenden Angestellten wohnten “Am Sack”, jeder kannte jeden, aber keiner wusste genau, was in der Abteilung des anderen geschah. Nach der Zeitenwende, der beruhmten Herbstrevolution von 1989, die alles auf den Kopf stellte, gru?ten sich manche nicht mehr. Wenn Familie Kamentz damals im Auto den schmalen Asphaltstreifen entlang fuhr, lief der Dialog zum Beispiel so: Herbert: “Da, guckt ihn Euch an, Muller, Hilmar, vormals Sicherheitsbeauftragter. Verkauft jetzt Dessous. Scheint zu laufen, das halbseidene Geschaft. Sitzt im feinen neuen Wintergarten, trinkt Kaffchen.” Ich: “Papa, was sind Dessous?” (Ich wusste schon fruh, was Dessous sind.) Er: “Alles Quatsch. Firlefanz. Frag die Mama.” Ich: “Mama, wei?t du’s? Was sind Dessous?” Patricia drehte sich zu mir um, behielt aber Herbert im Auge: “Damenbekleidung fur die Herren der Schopfung." Sie lachelte und fugte hinzu: "Nichts fur kleine Kinder." Herbert aber redete weiter, bedachte einen Nachbarn nach dem anderen mit einer bissigen Bemerkung, besonders boshaft wurde er immer bei Hausnummer 33: “Und da: Herrn von und zu Rippersreuths Gartenzwergsammlung. Ein ganzes Wachbataillon. Hat er wieder eine Neuerwerbung?” Ich: “Glaube nicht, Papa. Aber jetzt pflastern sie den Hof.” Ich hatte den Hals nicht nach irgendwelchen neuen Gartenzwergen gereckt, denn solche Missgeburten standen fast in allen Vorgarten. Nein, womoglich zeigte sich die Tochter, Beate v. Rippersreuth. Irgendwann fruher hatte ich sie mal nackt zwischen den Zwergen herumflitzen sehen, und sie hatte mir die Zunge raus gesteckt. Sie war das frechste Stuck, das es fur meine Begriffe geben konnte. Mittlerweile rollten wir vor unser Haus, weitab von direkter Nachbarschaft, ich musste das Garagengatter offnen, Herbert steuerte den Honda aufs Grundstuck, und wenn er dann zur Hausture herumkam, tatschelte er im Vorbeigehen seinen Anti-Gartenzwerg Anita. Damals verstand ich nicht, warum er die Nachbarn mit so viel Neid beobachtete. Hatten wir es nicht schon? Das Garagendach war der Lieblingsplatz meiner Kinderzeit. Ich stieg einfach aufs Aschehaus, das spater den Kompost enthielt, und zog mich weiter hinauf. Besonders im Sommer war es dort oben herrlich, denn die schwer herabhangenden Aste unseres alten Klarapfelbaums bildeten ein schattiges Versteck. Ich lag bauchlings auf der warmen Teerpappe, sog den strengen Chemiegeruch tief in die Nase und ubte mich im Schie?en. Meine Waffe war ein glasernes Blasrohr, in das ich gekaute Papierkugelchen lud, ich zielte nach den gutmutigen metallicblauen Brummern, die es bei uns reichlich gab, und flusterte hingerissen “Volltreffer!”, wenn ich einen erwischte. Einmal traf ich versehentlich einen Schmetterling, einen prachtigen, goldbraun schimmernden Gro?en Fuchs, der mit hochgestellten, wie atmend zuckenden Flugeln auf einem Blatt gesessen hatten. Ich starrte gebannt auf das unformige Loch in den zart geaderten Schwingen, sah dann das todgeweihte Tier verzweifelt umhertaumeln und begann zu schniefen. Ein anderes Mal beobachtete ich von hier oben aus meine Eltern. (Das muss lange vor dem Gesprach uber Dessous gewesen sein.) Ich horte unbekannte Gerausche aus dem weitgeoffneten Fenster vom Papas Zimmer. Film-Clip: Das Bett. Mama wippt rittlings auf Papa, sto?t leise Schreie aus. Ich sehe ihren schmalen Hinterkopf mit der schwarzen Kurzfrisur, den muskulosen Rucken, schwei?glanzend, die Rinne ihrer Wirbelsaule. Papas roter Bart ragt in die Luft, in seinen braunkarierten Socken krampfen sich die Zehen, als wollten sie etwas greifen. Halb bin ich da schon aufgeklart, oder viertel. Ich will Spa? machen und rufe: “Mama, was machst du mit dem Papa fur Sport? Ich seh alles!” Sie hort auf zu wippen, dreht den Kopf zum Fenster und sagt mit normaler Stimme: “Mach dich runter vom Dach! Kannst dir ein Eis aus der Truhe holen, ich komme gleich.” Ich nahm mir zwei Eis, und am Abend gab es Holundereierkuchen, die in Teig getauchten und goldbraun gebratenen Blutenteller, und hinterher spielten wir zu dritt Monopoly, knopften einander Hauser, Grundstucke und ganze Stra?enzuge ab. Von Zeit zu Zeit schielte ich unter den Tisch nach den braunkarierten Socken von Papa und musste kichern. So lernte ich, wie das geht. Spater las ich mal, dass der Anblick von Elternsex manche Kinder furs Leben schockt, sie spater impotent bzw. frigide macht. Impotent bin ich nicht geworden. Jedenfalls nicht total. Fuhlte mich nicht geschockt: Ich nahm zur Kenntnis, dass es eben so aussieht, wenn Mann und Frau “das” miteinander tun: Die Mama reitet auf dem Papa und schreit, und beide recken das Kinn zur Lampe, und davon kommen dann die Babys. Patricia war in ihrer Jugend Sportlerin, Tennis, ihre Vorhand war beruhmt, Pokale und Wimpel aus ganz Europa schmuckten ihr Zimmer. Das war aber, bevor Herbert bei der Waffia anfing, danach durfte sie nicht mehr gen Westen reisen. Alles top secret eben. Sie hatte da aber schon diese und jene inoffiziell uberreichte DM- oder Dollarpramie (die sie “Koder” nannte, aber naturlich nicht zuruckwies) auf ihr geheimes Gottinger “Tenniskonto” uberwiesen, ohne dass unsere Ost-Behorden davon Wind bekamen. Das Geld lag lange Zeit eisern fest. Von ihr, von der Mutter, habe ich den dreieckigen Sportlerrucken, die schmalen Huften, meine Bizepse, uberhaupt meine Rambofigur. Nicht wie bei Goethe: Vom Vater die Statur, vom Mutterlein die