Günter Saalmann

Ich bin der King, Roman

 

I’m a timebomb

stop now

what’s that sound

everybody look what’s going down

and all the timebombs

they’re all dancing to the same song

in a world full of no-ones I’m a someone

I’m a timebomb

(CHUMBAWAMBA: ANARCHY)

 

 


 

In dieser, schon etwas anspruchsvolleren Mission, müsst Ihr zum ersten Mal gegen Menschen antreten. Zerstört deren Städte, doch passt auf, dass Teron Gorefiend nichts passiert.

Bewegt alle Eure Einheiten (außer Peons) nach Westen und zerstört in einem Blitzkrieg die Menschenstadt (türkis). Teron Gorefiend sollte sich dabei wie immer im Hintergrund halten. Wenn dies geschafft ist, baut Ihr so schnell wie möglich eine Stadt auf. Achtet darauf, dass Ihr sie genügend verteidigen könnt. Zum gleichen Zeitpunkt begebt Ihr Euch nach Süden, wo Ihr eine Goldmine erobern könnt. Es empfiehlt sich, dort ein Haupthaus zu bauen. Während dieser Mission ist die Verteidigung vorrangig. Wenn eine mittelstarke Truppe zur Verfügung steht (ca. 25 Mann), geht Ihr erneut nach Süden, dort erobert Ihr die Stadt (lila). Solltet Ihr zu wenig Einheiten haben, geht am oberen Kartenrand entlang, an deren Ende geht Ihr nach Süden. Auch hier findet Ihr eine weitere Goldmine. Wenn Ihr eine große und starke Truppe um Euch geschart habt, vernichtet Ihr alle Menschen (blau).”

(Spiel-Support zu dem Computerspiel ‘Warcraft 2 - Beyond The Dark Portal’, Mission 4, Zeitschrift POWER PLAY Heft 9/96, auf dessen Rückseite auch eine Bierwerbung leuchtet.)



Täglich zwei Mahlzeiten durch den Türspalt, früh Scheiblettenkäse, Schwarzbrot, Kiwi, Trinkjoghurt. Abends warm. Am Anfang Hungerstreik. Jetzt esse ich.

Habe mich im Griff, spare Kräfte, teile den Tag ein. Kurze Schlafphasen, ein bisschen Fitness, Liegestütze, Kniebeugen.

Sport und Wandern. Sechs Schritt hin. Die Eisentür. Kehrtwende, rechte Schuhsohle, sechs Schritt zurück, in Augenhöhe die vergitterte Luke, Kehrtwende, linke Sohle. Eisentür, Luke. Tür, Luke. Was habe ich falsch gemacht? Wo hat meine Logik versagt?

Durch die blinde Scheibe Blick auf verstaubte Klinker, auf Handlänge nah. Im Lauf des Tages wandernde Sonnenquadrate. Der Lichtschacht oben, zu ebener Erde, mit einem Rost abgedeckt.

Problem Nummer eins: die Gitterstäbe. Wäre das gelöst, käme Nummer zwei - der Schacht. Jemand mit schmalen Schultern, ein Schlangenmensch, könnte sich durchwinden. Ich nicht. Aussichtslos.

Ich muss hier raus!

Türwärts nur auf die schwarzen Fliesen treten. Kehrtwende. Lichtwärts nur auf die weißen. Weiße Karos, schwarze Karos. Wenn ich draußen bin, zerschlage ich alle Schachbretter der Welt.

Das Bett, der Wasserhahn, die Toilette.

Ich bin Rex. Rex, Latein: der König.

Ich bin Kamentz. Soll slawisch sein: Stein. Rex Kamentz: König Stein. Königsstein. Festung Königsstein, ha ha, dieses Loch.

Ich muss hier raus.

Seit der Nacht zum Dienstag zweiundsiebzig Stunden Einzelhaft. Am Anfang Ineinanderfließen von Ohnmacht und Halbschlaf. Das Schädeldröhnen wie ein endloser, tiefer Gong. Die Haare um die Kopfwunde herum geschoren, als Kompresse eine Zellstoffeinlage mit der berühmten Saugkraft, mit Heftpflaster kreuzweise festgeklebt.

Das Pflaster löst sich bereits, ich kratze vom Rand her den Schorf aus den Stoppeln.

Dienstag in Abständen meine Wutanfälle, Fäuste gegen die Tür. Pauken und Brüllen, Pauken und Brüllen. Danach totale Erschöpfung, nervöser Schlaf, einmal gestört von einem Schurren und Schieben, Eisen auf Stein. Und ein ekelhafter Traum: Ich reiße Beate den Pulli hoch. Ich dringe in wütender Lust in sie ein, ich bin ein Rammbock, bei jedem Stoß schiebt sie ihre Zunge ein Stück weiter aus ihrem Mund, salamifarben, salamilang.

Auf dem Bettrand sitzen. Pläne für den Ausbruch.

Die bisherigen Versuche - zwei Pleiten. Die erste am Mittwochabend.

Ein Streifen, von der verschlissenen Wolldecke gerissen, zum Strick gedreht, zum Fesseln der Geisel, unterm Kopfkeil griffbereit. Als Schritte auf der Treppe hörbar werden: Fäuste gegen die Schläfen, Würgelaute, Stirn gegen die Mauer, ein Anfall von Durchdrehen, von Raserei, von Selbstzerfleischung. Aber sie fallen nicht drauf rein, schieben nur das Essen durch den Türspalt.

Gestern Abend, Donnerstag, zweiter Versuch, diesmal mit Power. Ich stehe sprungbereit, lausche. Schlüsselklappern, ich werfe meine ganzen fünfundsiebzig Kilo gegen die Tür. Sie fliegt auf, dong, dröhnt zurück. Ich gebe nicht auf, stoße, schiebe. Umsonst. Das Gegengewicht ist massiv. Der Türspalt reicht maximal zum Durchschieben der Mahlzeiten.

Sie waren vorbereitet, draußen steht ein Klotz, der nicht von schlechten Eltern ist. Das war’s in der Richtung. Ausbruchsversuch Nummer drei steht noch bevor.

Diesmal muss es klappen. Wenn ich am Leben bleibe - Rache! Ich ziehe das Ding durch, verlasst euch drauf!

Das Bettgestell. Eisen, Uralt-Sperrmüll. Am Kopfteil ist eine Schweißnaht gerissen, ich packe die Querstrebe und kann sie zur Seite biegen. In der Gegenrichtung sperrt sie sich, aber ich nehme beide Hände. Drei, vier Versuche, sie bricht heraus. Die Bruchstelle scharfkantig, das Werkzeug liegt nicht schlecht in der Faust.

Draußen noch Dämmerung, hier unten schon Dunkelheit. Unterhalb der Fensterluke ertaste ich eine Vertiefung in einer Fuge. Mein Ansatzpunkt, schon beim ersten Kratzen rieselt Mörtel. Morgen früh, bei Tagesanbruch, kann ich meine Decke in die Luke hängen, wie zum Auslüften, das Loch tarnen. Sie könnten unverhofft den Kopf durch den Türspalt stecken.

Kratzen.

In den Verschnaufpausen manchmal ein Rascheln. Vielleicht eine Ratte. Hallo, Ratte!

Ist jetzt schon Freitag? Bei der monotonen Arbeit kein Zeitgefühl mehr, noch dazu im Finstern. Die Swatch hat was abgekriegt, die Zifferblattbeleuchtung streikt. Diese Nacht noch muss der erste Ziegel aus der Wand. Hab ich den, komme ich besser an den nächsten. Lachhaft, ein Mann, der ins Sprengstoffgeschäft einsteigen will, kratzt sich mit ‘nem Stück Eisen durch die Mauer. Graf von Monte Christo.

Durch die Luke fällt kühle Nachtluft.

 

Herberts Stolz war der Anti-Gartenzwerg Anita, der in allem das Gegenteil seiner landläufigen Kollegen war: Aus Eisenblech zusammengeschweißt und genietet, bartlos, mit weiblichen Wölbungen, trug er statt einer roten eine blaue Zipfelmütze und reckte dem Besucher, ein Würstchen drückend, das blanke Hinterteil entgegen. Das Würstchen aus Grauguss war äußerst lebensecht gestaltet - ein Hund, der uns besuchte, schnupperte versehentlich daran. Die Figur war eine Extraanfertigung aus Herberts Betrieb, von ihm selbst lackiert. Das war die Art von verbissenem Humor, die er manchmal aufbrachte, damals, als es uns gut ging, ihm, Patricia und mir, dem Sohnematz.

Blumenrabatten. Samtblauer Eibisch, zwei Steinschalen mit mehrjährigen Fuchsien. Unser Haus war das gepflegteste in der Siedlung, die aus der langgestreckten Häuserzeile “Am Sack” bestand und tatsächlich eine Sackgasse war. Eine dichte Ligusterhecke schirmte den Vorgarten zur Straße hin vor fremden Blicken. Dabei verirrte sich sowieso selten jemand zu uns, denn unser Grundstück Nummer 45 lag ganz am Ende. Zwischen ihm und den anderen Häusern erstreckten sich unbebaute Parzellen, Grundstücke, die, wer weiß warum, nicht verkauft worden waren. Auch hatten wir kein Gegenüber - die sturen Elfgeschosser des Betonviertels guckten erst aus hundertfünfzig Metern Entfernung über unsere Hecke.

Zwischen diesen Klötzern, genannt “Stalingrad” und dem “Sack” lag Ödland, von Weidengestrüpp, Rainfarn, Heidenröschen und Goldrute überwuchert. Hinter dem Haus aber begannen die Felder, die im Frühsommer rapsgelb leuchteten und bis in die Zimmer hereindufteten.

Als ich klein war, hatte ich doch nie das Gefühl, kleiner zu sein als meine Eltern. Ich kannte mich unter dem Tisch ebenso gut aus wie auf den Schränken. Wohl deshalb, weil ich genügend oft in die Luft geworfen, auf dem Arm herumgeschleppt wurde. Manchmal stand ich auf dem Fensterbrett, wenn ein Gewitter heraufzog, der erste Wind Äpfel aufs Garagendach plumpsen ließ, und sagte: “Na, komm mal her, mein Blitz.”

Und meine Mama Patricia nannte meinen Papa Herbert “mein stolzer Hirsch”, er selbst aber nannte sich “Leiter der Entwicklungsabteilung II/A im Werk ‘Spezialtechnik Kaiserswartha’”. Der Allerweltsname seiner Firma war allerdings Tarnung (wie ich später wusste): Sie fertigten dort, weit draußen vor der Stadt, Granaten und Panzerwaffen, außerdem eine bunte Auswahl an Signalmunition. Sie drehten, frästen, stanzten, montierten die scharfen Sächelchen vom kleinsten Blechteil aufwärts, mixten die Ladungen, pressten sie in die Sprengköpfe, entwickelten den inneren Aufbau der Kartuschen weiter, optimierten die Energiebilanz und die Reichweiten, alles top secret, rundherum gesichert von Wachtürmen und Doppelzäunen und Hunden an Laufdrähten.

Der Betrieb hieß im Volksmund “die Waffia”, und die dort arbeiteten “Waffiosi.”

Fast alle leitenden Angestellten wohnten “Am Sack”, jeder kannte jeden, aber keiner wusste genau, was in der Abteilung des anderen geschah.

Nach der Zeitenwende, der berühmten Herbstrevolution von 1989, die alles auf den Kopf stellte, grüßten sich manche nicht mehr.

Wenn Familie Kamentz damals im Auto den schmalen Asphaltstreifen entlang fuhr, lief der Dialog zum Beispiel so:

Herbert: “Da, guckt ihn Euch an, Müller, Hilmar, vormals Sicherheitsbeauftragter. Verkauft jetzt Dessous. Scheint zu laufen, das halbseidene Geschäft. Sitzt im feinen neuen Wintergarten, trinkt Käffchen.”

Ich: “Papa, was sind Dessous?” (Ich wusste schon früh, was Dessous sind.)

Er: “Alles Quatsch. Firlefanz. Frag die Mama.”

Ich: “Mama, weißt du’s? Was sind Dessous?”

Patricia drehte sich zu mir um, behielt aber Herbert im Auge: “Damenbekleidung für die Herren der Schöpfung." Sie lächelte und fügte hinzu: "Nichts für kleine Kinder."

Herbert aber redete weiter, bedachte einen Nachbarn nach dem anderen mit einer bissigen Bemerkung, besonders boshaft wurde er immer bei Hausnummer 33: “Und da: Herrn von und zu Rippersreuths Gartenzwergsammlung. Ein ganzes Wachbataillon. Hat er wieder eine Neuerwerbung?”

Ich: “Glaube nicht, Papa. Aber jetzt pflastern sie den Hof.”

Ich hatte den Hals nicht nach irgendwelchen neuen Gartenzwergen gereckt, denn solche Missgeburten standen fast in allen Vorgärten. Nein, womöglich zeigte sich die Tochter, Beate v. Rippersreuth. Irgendwann früher hatte ich sie mal nackt zwischen den Zwergen herumflitzen sehen, und sie hatte mir die Zunge raus gesteckt. Sie war das frechste Stück, das es für meine Begriffe geben konnte.

Mittlerweile rollten wir vor unser Haus, weitab von direkter Nachbarschaft, ich musste das Garagengatter öffnen, Herbert steuerte den Honda aufs Grundstück, und wenn er dann zur Haustüre herumkam, tätschelte er im Vorbeigehen seinen Anti-Gartenzwerg Anita.

Damals verstand ich nicht, warum er die Nachbarn mit so viel Neid beobachtete. Hatten wir es nicht schön?

 

Das Garagendach war der Lieblingsplatz meiner Kinderzeit. Ich stieg einfach aufs Aschehaus, das später den Kompost enthielt, und zog mich weiter hinauf. Besonders im Sommer war es dort oben herrlich, denn die schwer herabhängenden Äste unseres alten Klarapfelbaums bildeten ein schattiges Versteck. Ich lag bäuchlings auf der warmen Teerpappe, sog den strengen Chemiegeruch tief in die Nase und übte mich im Schießen. Meine Waffe war ein gläsernes Blasrohr, in das ich gekaute Papierkügelchen lud, ich zielte nach den gutmütigen metallicblauen Brummern, die es bei uns reichlich gab, und flüsterte hingerissen “Volltreffer!”, wenn ich einen erwischte.

Einmal traf ich versehentlich einen Schmetterling, einen prächtigen, goldbraun schimmernden Großen Fuchs, der mit hochgestellten, wie atmend zuckenden Flügeln auf einem Blatt gesessen hatten. Ich starrte gebannt auf das unförmige Loch in den zart geäderten Schwingen, sah dann das todgeweihte Tier verzweifelt umhertaumeln und begann zu schniefen.

Ein anderes Mal beobachtete ich von hier oben aus meine Eltern. (Das muss lange vor dem Gespräch über Dessous gewesen sein.) Ich hörte unbekannte Geräusche aus dem weitgeöffneten Fenster vom Papas Zimmer. Film-Clip: Das Bett. Mama wippt rittlings auf Papa, stößt leise Schreie aus. Ich sehe ihren schmalen Hinterkopf mit der schwarzen Kurzfrisur, den muskulösen Rücken, schweißglänzend, die Rinne ihrer Wirbelsäule. Papas roter Bart ragt in die Luft, in seinen braunkarierten Socken krampfen sich die Zehen, als wollten sie etwas greifen. Halb bin ich da schon aufgeklärt, oder viertel. Ich will Spaß machen und rufe: “Mama, was machst du mit dem Papa für Sport? Ich seh alles!”

Sie hört auf zu wippen, dreht den Kopf zum Fenster und sagt mit normaler Stimme: “Mach dich runter vom Dach! Kannst dir ein Eis aus der Truhe holen, ich komme gleich.”

Ich nahm mir zwei Eis, und am Abend gab es Holundereierkuchen, die in Teig getauchten und goldbraun gebratenen Blütenteller, und hinterher spielten wir zu dritt Monopoly, knöpften einander Häuser, Grundstücke und ganze Straßenzüge ab. Von Zeit zu Zeit schielte ich unter den Tisch nach den braunkarierten Socken von Papa und musste kichern.

So lernte ich, wie das geht. Später las ich mal, dass der Anblick von Elternsex manche Kinder fürs Leben schockt, sie später impotent bzw. frigide macht.

Impotent bin ich nicht geworden. Jedenfalls nicht total. Fühlte mich nicht geschockt: Ich nahm zur Kenntnis, dass es eben so aussieht, wenn Mann und Frau “das” miteinander tun: Die Mama reitet auf dem Papa und schreit, und beide recken das Kinn zur Lampe, und davon kommen dann die Babys.

Patricia war in ihrer Jugend Sportlerin, Tennis, ihre Vorhand war berühmt, Pokale und Wimpel aus ganz Europa schmückten ihr Zimmer. Das war aber, bevor Herbert bei der Waffia anfing, danach durfte sie nicht mehr gen Westen reisen. Alles top secret eben.

Sie hatte da aber schon diese und jene inoffiziell überreichte DM- oder Dollarprämie (die sie “Köder” nannte, aber natürlich nicht zurückwies) auf ihr geheimes Göttinger “Tenniskonto” überwiesen, ohne dass unsere Ost-Behörden davon Wind bekamen. Das Geld lag lange Zeit eisern fest.

Von ihr, von der Mutter, habe ich den dreieckigen Sportlerrücken, die schmalen Hüften, meine Bizepse, überhaupt meine Rambofigur.

Nicht wie bei Goethe: Vom Vater die Statur, vom Mütterlein die Frohnatur. Sondern von ihr gottseidank die Statur, von ihm aber leider nicht mal eine irgendwie erkennbare Frohnatur, sondern die Verbissenheit, die Erfolgswut, den so oft unkontrollierbaren Jähzorn. Und dieses elende Frustgefühl bei jeder Schlappe.

 

Kindergeburtstag. An meinem Ehrentag hat Herbert die Äußerung mehr scherzweise getan. Es war am dreizehnten August, ich wurde vierzehn. Da waren wir schon längst keine Zonis mehr, sondern nannten uns Bundesbürger. Wir saßen beim Frühstück, im Radio liefen die Nachrichten, wie immer im August Jahrestag des Berliner Mauerbaus, Gebührenerhöhung bei der Post, Benzinpreise, Fußballfernsehen demnächst nur im Pay-TV, sozial verträgliche Einschnitte, Herzklappenspezialisten, Opel-Manager verschachert Know-how, sächsischer AOK-Chef veruntreut Millionen. Da also kam Herberts Satz: “Man müsste diesen Spitzbuben ein Feuerwerk unter ihre dicken ... Sessel machen.” Dabei balancierte er sein hartgekochtes Eigelb auf dem Löffel.

Beruflich war er da schon unter den wenigen, die bei der Waffia das Licht ausknipsten. Er war längst nicht mehr “Leiter der Entwicklungsabteilung II/A”, sondern der letzte Hilfsarbeiter. Der neue Job nannte sich “Konversion”: Mein Vater stand an der Presse, die früher das Pulver in die Geschosse gedrückt hatte, und entleerte nun Granate für Granate, Kartusche für Kartusche. Entließ sich selbst, langsam, unaufhaltsam.

Er schob sich das Eigelb unter den Schnauzer: “Wüsste sogar, wie man an genügend TNT rankäme. Oder an Nitrozellulose aus den Treibsätzen. Zentnerweise könnte ich das Teufelszeug ...”

Patricia: “Bleib friedlich, Hirsch, mein verhinderter Terrorist. Ball die Faust in der Tasche. Heute ist Geburtstag. Dein Protest im Leben hockt draußen im Garten, ist aus Blech und heißt Anita.”

Ich blies meine vierzehn Lebenslichter aus und sah, wie Herbert seltsam erregt mit dem rechten Daumen ein Loch in die Innenfläche der linken Hand zu bohren versuchte. Eine neue Angewohnheit von ihm.

Prinzipiell und in meinen eigenen vier Wänden kann ich reden was ich will ...” begann er von neuem, winkte aber dann nur ab. Danach kamen an meine Adresse die üblichen Geburtstagssprüche: GratulationglücklichesAlterwiedieZeitvergehtalsichso-altwarwiedu. Ich bekam meine Videokamera M 623 mit zehnfachem Zoom und Autofocus und Stativ, ein Schachspiel und dazu die verschiedensten Klamotten, die mir heute allesamt zu kurz sind.

Am Nachmittag war dann die eigentliche Fete. Ein paar Kumpels und Mädels aus dem Gymmi waren da, etwa ein Dutzend Leutchen. Ihr Geschenk war bescheiden, irgendeine CD, sie hatten zusammengelegt.

Beate v. Rippersreuth brachte einen Videomitschnitt, Pop Classic, Vanessa Mae, damals ihr und mein absoluter Star. In knackigen Shorts, wie eine Teufelin. Ich meine Vanessa mit ihrer Geige.

Einer kam später, uneingeladen, Stefan Jabwonski, genannt Jabw, er zog aus der Kapuze Michael Jackson: “Dangerous”, ladenneu. Sein Geschenk war das teuerste. Dass er es aus der Kapuze zog, deutete allerdings darauf hin, dass für ihn die Anschaffung kostenlos gewesen war, nur mit Risiko verbunden.

Wie Feten so ablaufen: Irgendwer hatte eine Flasche Hochprozentigen im Beutel, damit verschnitten wir unsere Cola. Auch Sekt war da. Ein paar versammelten sich in meinem Zimmer an der Konsole und an den Joysticks, andere interessierten sich für mein Paintball-Gewehr.

Herbert grillte Bratwürste, pflanzte zwischendurch Johannisbeersträucher, obwohl der August nicht gerade die Jahresszeit dafür ist, er rauchte zu viel, hatte einen sitzen und machte Werbung, echt McDonald’s-verdächtig: “Ran, Leute, heiße Wurrycurst, solang der Vorrat reicht, danach gibt’s nur noch Sudelnuppe!”

Für uns war er wirklich komisch.

Ich war natürlich der Mittelpunkt:

Jabw: “Mann, habt Ihr’s geil, Rex! Klo direkt am Hobbyraum! Tür auf, und du kannst im Sitzen Pingpong spielen!”

Elän Zibchen (Sie war die Tochter eines Predigers irgendeiner Konkurrenzfirma der großen Kirche, hieß eigentlich Hélène und verlangte, dass man den Namen französisch aussprach): “Rex, der verflixte Martial, du könntest mir in Latein helfen ...”

Beate: “Rex, zeig mal’n Uki Goshi ...”

Ich hatte mal Judo gemacht, immerhin, violetter Gürtel. Wir breiteten Wolldecken auf den Rasen. Ich führte ein paar Fallübungen vor und den einwandfrei knallenden Handschlag auf dem Boden. Steckte die Freiwilligen der Reihe nach in meinen alten Judogi und zog sie aus dem Stand über die Hüfte. Allesamt krachten ächzend auf die “Matte”. Am härtesten Jabw, denn er versuchte, sich zu sperren.

Mit den Mädchen ging ich pfleglicher um, ließ sie sanfter zur Erde gleiten, aber sie quietschten wie auf der Achterbahn.

Dann hatten alle genug und verteilten sich zwischen Büschen und Sträuchern. Ich holte mir eine Bratwurst mit viel Curry. Beate kam und wollte noch mal geworfen werden.

Sie war in dem Sommer noch mager. Wo ihr himmelblaues Top nicht hinreichte, sah man die Rippen. Und doch konnte sie einen Jungen schon um den Verstand bringen. Es war nicht nur ihre ungewöhnliche Körperlänge, es waren auch die Proportionen, ihre knappen, harmonischen Bewegungen, es machte einen schwindlig, sie rennen oder auch nur gehen zu sehen.

Unser Lateinlehrer hatte uns mal das Wort venustas erklärt: venustas, Anmut. Manche kannten nicht mal das deutsche Wort, da hatte er Beate vom Stuhl aufstehen lassen, einfach so aufstehen, und gesagt: “Das ist Anmut, meine Herren der Schöpfung, und beata venustas heißt glückliche Anmut.”

Und es waren Beates Augen, vor allem die Augen.

Schon drei Gläser Sekt auf ex”, kicherte sie. “Es fliegt sich so schön.”

Schon bei den vorigen Würfen war mir in den Schädel gekommen, bei ihr einen unerlaubten Griff zu riskieren. Dieses Mal! dachte ich. Ich legte meine Currywurst ins Gras, sie schlüpfte in die Kutte, band den Gürtel, stellte sich in Grundstellung. Mit der Rechten knüllte ich den leinenen Aufschlag in ihrem Nacken, mit der Linken griff ich aber nicht nach dem Ärmel, wie es den Regeln entsprach, sondern ihr zwischen die Beine. So standen wir. Auch in meinem Kopf drehten sich die Promille.

Fliegst du jetzt? wollte ich sie fragen.

Ich weiß, es war blöd, aber ich dachte damals, es müsse so sein, so hart und ... na ja, eben männlich ... Und dass die Mädchen es eigentlich auch so haben wollten. Aber sie erschrak, als ich sie meine Hand dort spürte, und ich zuckte zurück.

Gleichzeitig blickten wir beide um uns, ob wir beobachtet worden waren. Ihr Gesicht flammte. Dann sah sie an sich herunter. “He, meine weißen Jeans!”: Der Abdruck meiner Curryfinger war deutlich genug.

Sie warf die Kutte ab und ging weg. Nachher tobte sie umso schlimmer herum, irgendwie drehte sie total auf. Bis ihre Jeans von oben bis unten schmuddelig waren vom Gras und unserer rötlichen Erde.

Übrigens küsste sie sich gegen Abend hinter der Garage mit zwei oder drei Leuten, zu denen sie sich hinabbeugen musste.

Ich wusch mir meine Curryhände und suchte ihre Nähe, aber ausgerechnet mich küsste sie nicht, mich, bei dem sie das Herunterbeugen nicht nötig gehabt hätte. Da küsste ich schließlich Elän Zibchen, der fiel vor Schreck die Brille von der Nase, und sie trat drauf.

Daraufhin stieg ich auf mein Garagendach, lag vollgefressen und angenehm benebelt auf der warmen Dachpappe zwischen Blättern und gelben Äpfeln versteckt, hörte das Gebrumm der Fliegen und beobachtete meine Gäste aus der Rex-Perspektive. Ich sah, dass auch Jabw hinter Beate her war.

Er stellte es selten blöde an: Er zerrte sie am Arm hinter die Garagenecke, direkt unter mein Versteck, und stammelte hitzig: “Ich auch mal, ich auch mal!”

Sie wehrte sich kichernd, und erst, als er sie umhalsen wollte, stieß sie ihn hart in den Magen und schrie: “Putz dir erst mal die Zähne, du Ferkel!”

Ich warf ihm einen Apfel auf den Kopf.

Später, beim Abschied, gab es noch einen echten Zwischenfall mit ihm, diesmal war meine Mutter schuld. Sie überreichte ihm vor aller Augen eine Plastiktasche mit abgelegten Shirts, die sie in aller Eile zusammengeramscht hatte. Klamotten, die natürlich jeder an mir kannte.

Sehen Sie mal, die Hemden sind doch noch recht gut!”

Jabws Miene verfinsterte sich.

Sie: “Sie müssen sich nicht bedanken. Rex hat ja heute neue Sachen gekriegt.”

Sie nahm die Teile einzeln aus der Tasche, zum Beweis, dass sie wirklich noch brauchbar waren: “Eh ich sie dem Roten Kreuz gebe ...” Sie drückte ihm den Bettel der Reihe nach in die Hand, Stück für Stück, resolut, als verteile sie milde Gaben an Asylbewerber.

Alle konnten sehen, wie er in seinem mühsam runtergeschluckten Suff bleich wurde, einige wandten sich ab.

Seine unter der breiten Stirn merkwürdig engstehenden Augen schillerten vor Kränkung und Wut. Patricia bemerkte die Unmöglichkeit der Situation immer noch nicht und sattelte drauf: “Ich hoffe, es ist eine kleine Hilfe, und Ihre Eltern werden sich freuen.”

Da entriss er ihr die Tasche, stopfte das geschenkte Zeug wahllos hinein und rannte zur Tür hinaus. Auf dem Kiesweg stieß er mit einem gezielten Seitwärtstritt unseren Zwerg Anita um.

 

Es war knapp ein Jahr später, da schlug sich Herbert beim Ausstemmen einer Kabelrinne auf die Daumenwurzel. Fluchend schleuderte er den Hammer weg und traf den Garderobenspiegel. Seine Erregung war dadurch aber nicht verpufft - nur scheinbar ruhig stieg er von der Leiter. Seine Schläfenadern schwollen erst jetzt richtig an, er hob den Hammer auf und zertrümmerte das gesprungene Glas systematisch weiter, bis kein Splitter mehr aus dem Rahmen ragte, in stummer Raserei, als wollte er seine Spiegelbild für etwas bestrafen. Endlich schrie er: “Vierzig Millionen, vierzig Millionen!”

Patricia kam die Treppe heruntergerannt: “Was ist los, Mann, knallst du durch?”

Er: “Ich ... knalle ... durch, ... soviel ... es ...mir ... passt!” Er hämmerte rhythmisch weiter, nun allerdings, da kein Glas mehr zu zertrümmern war, in die eigene, hohle Hand.

Sie: “Hast du was getrunken?”

Er: “Und wenn? Ich bin ab dreißigsten abgewickelt. Mich gibt’s nicht mehr.”

Abgewickelt, das war die landläufige Umschreibung des Wortes arbeitslos. Erst mal herrschte Schweigen, nur das Patschen des Hammers war zu hören. Patricia holte den Besen und begann, die Scherben aus den Ecken zu kehren: “Wir haben’s doch kommen sehen, mein stolzer Hirsch.”

In der Tat - Kaiserswartha, unser Nest, das kaum einer in Deutschland kannte und das meistens noch mit Hoyerswerda verwechselt wurde, Kaiserswartha fürchtete schon lange den Tag X herbei. Die Treuhand hatte die Waffia, die “Spezial-technik GmbH”, wie sie offiziell noch hieß, für die berühmte symbolische eine Mark “verkauft”, an einen Deutschamerikaner aus Indiana, der im Polnischen, dicht hinter der nahen Grenze, eine ähnliche Firma unterhielt. Der Ami hatte die Konversion sofort nach Polen ausgelagert, das Werk in Kaiserswartha dicht gemacht und bot nun das riesige Gelände samt Produktionshallen und modernen Maschinen der Treuhandnachfolgerin BvS als Immobilie an - für vierzig Millionen. Für dieses Geld wollte er die Stadt seiner Väter Kaiserswartha später mit einem Gewerbepark beglücken.

Ich war der Sohn eines Abgewickelten. Am gleichen Tag rief mich Beate an und fragte, was mit meiner diesjährigen Geburtstagsfete werden sollte. Und sie lud mich schon jetzt zu ihrer eigenen ein. Ich legte auf.

Zu meinem fünfzehnten Geburtstag dann kam als einziger Besuch meine Oma Nelly aus dem Gebirge, sonst niemand. Familie Kamentz stand unter Schock.

 

Wieder eins von diesen vollklimatisierten Chemoklosetts, knurrte Herbert und meinte damit den blanken Reisebus, der vor uns im Stau stand: v. RIPPERSREUT’S REISETOUR’S GmbH.

Ich: “Die Apostrophe sind beide falsch.”

Wir rückten wieder einen Meter vor.

Er: “Ja, Deutsch muss einer heutzutage nicht können.”

Schlage vor, Ihr wechselt das Thema”, kam es sanft von Patricia, die im Fond saß. “Mein Hirsch schimpft sich neuerdings so leicht in Rage.”

Aber Herbert war nicht mehr aufzuhalten: “Ha, Kollege Rippersreuth! Als Abteilungschef in der Waffia war er ‘ne glatte plusminus Null!”

Die “plusminus Null” mit der apostrophalen Reklame war aber Beates Vater, und so sagte ich: “So eine Null kann er nicht gewesen sein, sonst wäre er nicht Chef geworden. Genau so einer wie du, Papa.”

Herbert haute auf die Hupe: “Fahr endlich, grüner wird’s nicht!”

Das “Chemoklosett” rollte an, kam als letztes unter den Linksabbiegern über die Kreuzung. Die gläserne Seitenfront blinkte in der Abendsonne, und das kleine v. vor dem Namen des Firmeninhabers leuchtete signalrot. Wir standen wieder.

Herbert: “Herr von Adel. Früher hat er den Buchstaben am liebsten weggelassen, hat Arbeiterklasse gemimt.”

Ich schüttete Öl ins Feuer: “Drei Doppelstockbusse, dazu der Mercedes-Möbelwagen mit Hänger ...”

Ich kannte meinen Vater. Jetzt kam die Sache mit dem Grund- und Startkapital. Davon konnte bei v. Rippersreuths nämlich nicht viel mehr vorhanden gewesen sein, als bei uns, bei Familie Kamentz. Im “Sack” war nichts von einer reichen Erbschaft oder einem Lottogewinn bekannt.

Herbert, prompt: “Woher hat er das Geld für so eine Firma? Ich fress’n Besen quer, da stimmt was nicht.”

Patricia:  “Das Geld stimmt jedenfalls. Unser Nachbar hat halt Schwung, Initiative.”

Das hätte nicht auch noch kommen dürfen.

Er: “So, ich habe also keinen Schwung, keine Initiative? Ich stehe nicht jeden Morgen punkt fünf Uhr auf?”

Sie: “Das musst du jetzt nicht mehr.”

Er: “Ich tue es aber. Aus Prinzip.”

Sie: “Hör endlich auf, sinnlos zu nörgeln, Mann.”

Er: “Soll ich mir vielleicht bei der Vulkanwerft was suchen? Oder bei Aerospace? Oder bei Fokker? Europa steht mir ja offen, ha, ha!”

Sie: “Und wenn du dich bei der Gardinenwäscherei um die Ecke bewirbst - sie sind auf Diplomingenieure aus der Waffia nicht scharf.”

Er: “Ich kann ja ein Bestattungsinstitut aufmachen, mit Krematorium gleich in der Garage, ‘Herbert’s letzter Auspuff’, mit Apostroph, für mich selber als ersten Kunden.”

Jetzt wurde Patricia ernstlich fuchtig, sie beugte sich nach vorn und schrie uns beiden in die Ohren: “Mach doch zwei Krematorien auf, drei, vier, mach was du willst, aber hör jetzt endlich auf zu jammern!”

Prinzipiell höre ich auf, wann’s mir passt.” Grün. Er gab Vollgas.

Sie plumpste gegen ihre Rückenlehne: “O Gott. Ich krieg noch Krämpfe bei diesem ewigen ‘prinzipiell’ neuerdings ...”

Vollbremsung in Kreuzungsmitte. Ich flog fast mit dem Kopf durch die Scheibe. Der Gegenverkehr war zufällig wieder ein Fahrzeug der Firma Rippersreuth, diesmal ein Kleintransporter.

Den haben sie neu, hätte ich am liebsten gesagt, aber ich beherrschte meine Wut, mit der ich ganz auf Patricias Seite war.

Endlich hatten wir freie Fahrt. Herbert heizte durch die Löcher, Patricia war dem Infarkt nah, endlich bogen wir in den “Sack” ein.

Hausnummer 33. Fakt war: Während Herbert sich Granate für Granate selbst abwickelte, hatte sein ehemaliger Waffia-Kollege knallhart zugeschlagen. Rippersreuths Einfamilienhaus, einst ein Typenbau wie unseres, breitete sich jetzt mit neuen Anbauten aus wie das Anwesen von Steffi Graf.

Ich sah Beate schon von weitem im Sportdress mit dem Racket in der Hand. Die hohe Mauer, die das Wohnhaus vom Fahrzeughof trennt, diente ihr als Squash-Wand. Ich hatte genug von meinen streitenden Eltern: “Ich will aussteigen!”

Die Reifen radierten, ich sprang raus und knallte die Tür zu.

Beate spielte weiter, als hätte sie nichts bemerkt, sagte schließlich, etwas außer Atem: “Ach du bist’s.” Und fuhr fort, ihre Schläge zu zählen. Sie war schon bei über zweihundert.

Ich lehnte mich auf den Metallzaun und sah ihr zu. Venustas. Seit meinem unerhörten “Judogriff” war viel Zeit verstrichen. Von ihrer Rippenmagerkeit war nichts geblieben, sie hatte sich zur S-Klasse-Frau entfaltet. Sie trug ihre dichten blonden Haare, die in den Wellentälern der Locken dunkelblond erschienen, unter einem weißen Frotteeband gerafft.

Ich wartete, dass sie wenigstens einen Seitenblick für mich erübrigen würde. Ich dachte: Irgendwann hüpft dir schon der Ball davon. Der tat mir aber nicht den Gefallen, und sie ließ mich noch eine Weile ihr heftig bewegtes Profil bewundern, endlich griff sie den aufspringenden Ball und kam racketschwenkend zu mir an den Zaun.

Beim Gehen hielt sie sich wie ein Tennisstar, drückte bei jedem Schritt die Knie durch, ihr Hüftschwung war galaktisch. Das Wichtigste aber waren wie immer die Augen. Grau, ein Schimmer grün, in der linken Iris entdeckte ich an diesem Tag ein sternförmiges helles Einsprengsel, eine winzige Anomalie, die ich bei mir sofort “Magnetanomalie” taufte. (In Gegenden mit starken ferromagnetischen Feldern tanzt bekanntlich die Kompassnadel. Auch mein innerer Kompass kreiselte wie verrückt.) Beate war so schön, dass es nur einen einzigen Jungen im ganzen Gymnasium gab, der zu ihr passen konnte ...

Wow, dreihundert”, sagte sie rasch atmend und gab mir die Hand über den Zaun. Sie schwitzte durch ihr Shirt, meine Nasenflügel dehnten sich.

Ich: “Es ist wegen deiner Geburtstagseinladung ...”

Sie: “Sorry, wir verreisen.”

Ich: “Gebongt. Aber ich kenne einen großen blonden Typ mit v-förmigem Rambokreuz ...”

Sie: “Ein v-förmiges Kreuz? Total spannend.”

Ich: “Der würde dich gern zu ‘ner Cola-Ouzo einladen.”

Sie: “Hab ich im Kühlschrank.”

Ich: “Vielleicht zu ‘nem Eis?”

Sie: “Hab ich in der Truhe.”

Ich: “Willst du ‘ne Zigarette? Oder hast du die auch in der Truhe?”

Sie: “Alles uncool - ich hab alles. Und hier noch extra was. Mund auf, Augen zu.”

Sie fischte in ihrer Brusttasche, ich dachte, sie wollte vielleicht einen Kaugummi herausholen, und gehorchte wie ein Fünfjähriger, schloss die Augen und sperrte den Mund auf. Als ich ihn vorsichtig zumachte, spürte ich ihren Finger im Mund. Es war der kleine, warm und salzig, und sie zog ihn wieder raus, dass es ein winziges Flopp-Geräusch gab. Ich hatte die Augen wieder auf und sah ihre Pupillen ganz nah, die “Magnetanomalie” vibrierte lustig: “Alter, du hättest mir lieber mal’n Kuss anbieten können!”

Ich: “Und wenn ich’s jetzt tu?”

Zu spät!”

Hinter mir bremste ein schwarzer Opel Frontera, der berühmte Off-Roader, Allrad, Geländegetriebe. Beates Mutter, sie lud Einkäufe aus. Ich half ihr, ein paar Sachen zum Haus tragen. Sie ähnelte ihrer Tochter sehr, nicht nur, dass sie ebenfalls blond war. Es war die Stirnpartie, die Wangen mit ihrer jugendlich straffen Haut. Ihr Schritt war hart und eilig.

Mir fiel nicht schnell genug ein neuer, vernünftiger Grund für eine Verabredung mit Beate ein, ich dachte, du kannst sie doch nicht einfach in Gegenwart ihrer Mutter zum Küssen einladen. Ich haspelte: “Ich hab doch das Paintball-Gewehr. Wir könnten ... wir könnten ein Scheibenschießen ... du und ich.” Idiotisch. Ich hätte mich ohrfeigen können, ihr mit so einem blöden Vorschlag zu kommen.

Sie zuckte denn auch die Schultern: “Mal sehen.” Machte auf dem Absatz kehrt und folgte ihrer Mutter ins Haus.

 

Decke unter die Luke gehängt, das Loch ist unsichtbar. Dreck im Klo weggespült. Gefrühstückt.

Wieder das Auf und Ab. Sechs Schritt. Die graue Tür. Kehrtwende, rechte Sohle, sechs Schritt zurück zur Luke, Kehrtwende, linke Sohle. Tür, Luke. Tür, Luke.

Nicht auf die drei, vier gelben Ameisen treten auf ihrem Marsch schräg übers Schachbrett, unter der Seitentür durch, wo das WC gurgelt. Lauft nur, Ameisen, kleine geschäftige Marschierer, Rex tut Euch nichts, der Adler fängt keine Fliegen. Und keine Ameisen. Im Klo gibt es Organisches für Euch, Miasmen ziehen durch meinen Knast. Ich kann die Luke aufreißen soviel ich will.

Jetzt eine Zigarette! Ach, der erste Zug, nussartig, süß-brandig, das aufglimmende Papier eine Spur wie angebrannte Milch. Meine Eidetik funktioniert, auch nach dem Gongschlag über den Schädel: diese sozusagen plastische Erinnerungsfähigkeit: computergenau gespeichert, CD-ROM, jederzeit in den Hauptspeicher einlesbar, Dialoge, Wort für Wort, der Tonfall, die Miene, die Gebärde. Sound, Text und Grafik sozusagen. Und obendrein, anders als beim Rechner, Gerüche, die Erinnerung an Berührungen, besonders an die Weichheit und Wärme eines Körpers. Fast wie live. Fast. Sex im Präteritum. Aber die Wirkung von Nikotin ist nicht durch Eidetik, nicht durch die lebhafteste Erinnerung zu ersetzen.

 

Ich lausche gewöhnlich nicht an Türen, aber ich bekam doch mit, dass Herbert eine Firma gründen wollte.

Eine eigene Firma! Firma Kamentz!

Wir wollten Mittelstand werden. Mindestens Mittelstand.

Ich stellte mir sofort einen Traumurlaub vor. So weit weg, wie die Rippersreuthschen Reisebusse nie kommen würden. USA vielleicht. Auch, dass wir statt unseres popeligen Honda ein BMW-Cabrio besitzen würden, casablancaweiß. (Beates Vater fuhr einen 500 SL, die Mutter den Frontera.) Und wie ich über kurz oder lang selbst den “Sack” entlang pritschen würde wie James Dean, dann schon sechzehn, der einzige Junge in der ganzen Stadt mit US-Führerschein: Stopp unter Beates Fenster, dass die Karosse nur so wippt. Hupsignal: lang, kurz, kurz, kurz, das Morse-B, und wir würden zusammen abzischen, dass unsere Haare flattern, und einen Kometenschweif von Vanessa‑Mae‑Klängen hinter uns herziehen.

 

Herberts Firma war aber noch Zukunftsmusik. Patricia reagierte schneller auf die neue Lage der Familie. Eines Tages lud ein Transporter vor unserer Gartenpforte einen Stapel Kartons ab. Sie trugen kein Firmenzeichen.

Patricia: “Überraschung!” Sie lächelte geheimnisvoll und unterschrieb den Lieferschein. “Wird bezahlt von meinem Tenniskonto!”

Der Fahrer war noch nicht zur Gartenpforte raus, da war der neue Zoff schon da.

Herbert: “Willst du ’n Laden aufmachen?”

Patricias Unterlippe schob sich vor: “Noch nichts von der amerikanischen Methode gehört? Sie garantieren bis zu zweitausend Mark Nebenverdienst. Können wir doch jetzt brauchen, oder?”

Ins Startgeräusch des Transporters hinein belferte Herbert sie an: “Aha, bis jetzt habe ich euch wohl nicht anständig ernährt?”

Bis vor kurzem”, schrie sie zurück.

Das war die Zeit, als sie sich das gegenseitige Anschreien angewöhnten. In unserem abgelegenen Haus fiel das nur dreien auf den Wecker, ihnen beiden und mir.

Er stieß mit dem Fuß gegen den Kartonstapel: “Und was hat der ganze Bettel gekostet, he?” Er fragte nicht mal nach dem Inhalt.

Sie, eisig: “Der ‘Bettel’ wurde, wie gesagt, von meinem Konto bezahlt. Aber ich verrate dir den Preis, damit du deine Ruhe hast: genau die Summe, die ich binnen einem Monat doppelt wieder reinhabe!”

Mir fiel auf, dass Patricia anfangs gesagt hatte: wird bezahlt. Und jetzt: wurde bezahlt. Offenbar war der Handel schon nicht mehr rückgängig zu machen.

Herbert merkte die kleine Unstimmigkeit nicht. Er schnappte bloß nach Luft und schwieg. Ich musste die Kartons in den Hobbyraum hinuntertragen. Ich riss einen Deckel auf und hielt ein zierliches Kästchen in der Hand. Als ich auch das öffnete, fiel ein geschliffener Flakon heraus und zersprang auf dem Fußboden. Bald durchzog süßlicher Fliederduft das ganze Haus.

Die “amerikanische Methode” funktionierte so: Patricia verfertigte eine Liste und rief der Reihe nach ihre alten Schulfreundinnen an: “Wir müssen uns doch mal sehen? Mal wieder eine Runde schwatzen?”

Die meisten sagten zu, denn sie wussten noch nicht, was sie erwartete. Und Patricia wandte sich an uns: “Seht Ihr’s? Der Anfang ist gemacht. Was man braucht in dieser Zeit, ist Schwung und Initiative.”

Sie kaufte sich ein dunkelblaues Kostüm, in dem sie aussah wie eine Chefstewardess. Sie war in letzter Zeit fülliger geworden, fast üppig wie Beates Mutter, was ihr meiner Ansicht nach nicht schlecht stand. Sie färbte sich auch die Haare neu, sie glänzten blauschwarz.

Wir machen einen Wettstreit, Hirsch”, sagte sie zu Herbert: “Einen Wettbewerb, wessen Laden besser läuft.”

Ich: “Was wird denn nun überhaupt mit Papas Firma?”

Aber Herbert spannte uns weiterhin auf die Folter.

Als Patricia von ihrer ersten Tour zurückkam, nahm sie erst mal eine Tablette. Bei drei Freundinnen war sie gewesen, ihr war schlecht vom vielen Kaffee.

Eine hatte rundweg abgelehnt. Die zweite hatte eine Palette pastellfarbene Schminkpuder für vierundzwanzig Mark neunund-neunzig genommen. Diese “Kundin” war Frau v. Rippersreuth, Beates Mutter.

Patricia war ehrlich zu uns: “Die knalldumme Pute: Mein Gatte hinten, mein Gatte vorn. Ich sah schon beim Abschied, wie das Geld sie reute. Und mit welcher Gönnergeste sie mir den Pfennig Rückgabe geschenkt hat! Zwischen uns ist es jedenfalls gelaufen.”

Die dritte Freundin hatte das Kaffeegeplauder von sich aus auf “die Haut ab dreißig” gelenkt und ihr, Patricia, dann ein Sortiment Cremes angeboten.

Das Stewardessenkostüm hing seitdem im Schrank. Patricia hat ihre fliederduftende Ware später nach und nach als Weihnachts-, Oster- und Geburtstagspräsente unter die Leute gebracht.

 

Herbert konnte nicht meckern, denn er hatte bisher noch nicht mal vierundzwanzig Mark neunundneunzig umgesetzt. Seine “Verhandlungen waren noch am laufen”, wie er sagte. Konkreter wurde er nicht. Nur flatterten bei Tisch großartige Wörter aus seinem Mund: Investment, Grundfonds, Rendite, Bankgeheimnis, Anmeldung im Firmenregister, in den Gelben Seiten. Er erklärte: “Die einen verdienen ihr Geld mit Arbeit, die anderen mit Geldverdienen. Das ist das ganze Geheimnis.”

Eines Tages mähte er sich den roten Vollbart zu einem Dreitagebart.

Sieht so ein Chef aus?” fragte er bei Tisch und reckte den nicht vorhandenen Bauch.

Patricia wusste zu dem Zeitpunkt schon, was ich noch nicht wusste. Ihr Lächeln war voll trauriger Ironie, als sie uns die Vorsuppe auftat. Es war eine Spargelbouillon mit Fleischklößchen.

Bisschen mager wirkst du ohne richtigen Bart, Hirsch”, sagte sie.

Er blickte mich prüfend an, in seinen Augen lag Zweifel. Ich weiß heute, wie sehr er sich vor meiner Reaktion auf die bevorstehende Mitteilung fürchtete.

Ich: “Ich platze vor Neugier!”

Patricia: “Bring es ihm ein bisschen behutsam bei, Mann.”

Er seufzte: “Also gut. Es ist nicht gerade ein Geschäft mit Fliederduft. Im Gegenteil.”

Patricia: “Lass den Fliederduft aus dem Spiel, bitte.”

Er: “Unsere Kästen blitzen nicht vor Lack und Glas wie gewisse vollklimatisierte Chemoklosetts auf Rädern ...”

Ich: “Soll ich jetzt raten?”

Er: Für das Geschäft benötigen wir sehr teure Spezialfahrzeuge. Zwei siebenhundertelfer Daimler für je hundertzwanzigtausend Mark. In den Kästen, die wir transportieren, findet gerade ein Mensch Platz. Der Inhalt ist voll biologisch abbaubar, ha, ha. Na, dämmert’s?”

O nein, o nein”, schrie ich.

Patricia: “Du wirst dich an den Gedanken gewöhnen, Junge.”

Ich stieß meinen Teller weg, dass die Fleischklößchen über den Tisch hüpften, und rannte in mein Zimmer. Nur zu gut erinnerte ich mich an den Streit im Auto, von wegen Krematorium “Letzter Auspuff.” Was damals noch als ein trauriger Witz erschienen war, sollte jetzt Wirklichkeit werden: Ein Bestattungsunternehmen. Die “Kästen”, das konnten nur die Särge sein.

Ich sprach tagelang nicht mit ihnen.

 

Ein künftiger Firmenchef braucht einen gewissen Lebensstil. Teure Anschaffungen belegen ja, dass der Betrieb gut läuft. Das Wohnzimmer wurde Büro. Mit neutral-dunklen, geschmackvollen Möbeln, sie durften keineswegs billig aussehen. Die alte Heizung im Keller, ein tonnenschwerer Kohleofen, wurde abmontiert und in eine Ecke gewuchtet. Ich musste helfen, wir schufteten schwitzend, legten Holzrollen unter wie die alten Ägypter. Zu dem gewissen Lebensstil gehörte eine Ölheizung im Haus, okay.

Im “Sack”, war kürzlich mehrmals eingebrochen worden. Natürlich tippte jeder auf das “Gesindel aus Stalingrad”. Unser “Firmengelände” musste also gegen Diebe gesichert werden. Wieder schwirrten die großartigen Wörter umher: Investmentfonds, Kreditbank, Bankgeheimnis, neuerdings brachte Herbert auch immer wieder Patricias eisernes “Tenniskonto” ins Gespräch. Dabei stieß er allerdings auf taube Ohren.

Die Kellerfenster, die sowieso unter dem Niveau unseres Rasens, in der Tiefe abgedeckter Luftschächte Staub und Spinnenweben ansetzten, wurden zusätzlich vergittert.

Wir kauften eine Hochsicherheitshaustür.

Diese Tür hatte sechs Verriegelungen und unter der Edelholzverkleidung einen Stahlgitterrahmen, in den kleine, braunspiegelnde Glaskassetten eingelassen waren, sie kostete zehntausend Mark.

Im Zusammenhang mit unserer neuen Firma fiel ein paar Mal der Name des Dessousreisenden Müller, Hilmar. Dessous waren wohl doch nicht so gefragt in unserem Landstrich, und der Mann sollte jetzt Herberts Geschäftspartner werden.

 

In meiner miesen Stimmung war die Schule der reine Kurbetrieb.

Latein. An der Tafel der Satz: Aquila non capit muscas.

Kasimir Kopp, einunddreißig, geschieden, Import aus der Schweiz, von den Schülern anfangs Querkopp genannt, später Quasimir, die Ellenbogen aufgestützt, den triefendnassen Tafelschwamm gegen die kantige Bauernstirn gedrückt. Sauerheringsstimmung. Durchwachte Nacht. Kasimir Kopp, Latein und Deutsch, gab eine Kneipensitzung sogar zu, im Gegensatz zu den anderen Paukern, bei denen man höchstens an der Wangenmuskulatur sah, wie sie mit geschlossenem Mund gähnten. Quasimir seufzte tief aus dem Magen und erklärte, die Menschheit der Zukunft würde nur noch nachts zur Arbeit gehen, wegen des Ozonlochs. Wer von sieben bis einundzwanzig Uhr vor die Tür müsste, bekäme dann hohe Tagzuschläge.

Die Blödelei begann: Schule künftig von neunzehn bis null Uhr, ein Nachttopf würde ein Tagtopf, ein Tagedieb ein Nächtedieb, nächtliche Raubüberfälle zu täglichen. Ich, im O-Ton Stadt-Kulturspiegel: “Die Entwicklung der Nacht im Weltmaßstab, Lichtbildervortrag von Herrn Professor Quasimir Kopp, Schweiz.”

Die Massen lachten beifällig, Quasimir bemühte sich, väterlich zu grienen.

Jabwonski: “Und die Weiber kriegen ihre Nächte.” Ausgerechnet Jabw war es, der das dazwischenwarf, einer, der im Unterricht sonst wenig in Erscheinung trat. Quasimirs Grienen erstarrte.

Man muss quasi es Gspüri haa för das, was man die Grenzen des guten Geschmacks nennt”, sprach er eisig. Damals wechselte er noch gelegentlich zwischen seinem gemütlichen Schweizer Dialekt und dem Hochdeutschen, und das war für uns das Zeichen, dass er ungemütlich wurde. Er nahm Jabw mit dem Tafelsatz dran.

Aquila non capit muscas.

Jetzt steckte Jabw fest. “Aquila - der Adler”, das wusste er noch.

Quasimir half weiter, sein Ton war Spott: “‘non’ heißt ‘nicht’, Jabwonski.

Der Schüler druckste rum, lief rot an.

Quasimir: “Wo ist das Verb, Jabwonski!”

Capit?” brummte der Schüler in seinen Bart.

Quasimir half: “Das Wort ‘kapieren’ hängt mit capit zusammen. Hopp Schwiiz, mach scho, Jabwonski.”

Jabw: “Wir werden gesiezt und so.”

Quasimir verlor die Fasson: “Ich entschuldige mich, Sie Vorderlader ... Verben müssen kommen wie mit dem Sturmgewehr! Also: capere, capio, cepi, captum. Allez hopp, Jabwonski, wenigstens mal das Präsens: capio ...”

Jabw quälte sich durch den Singular: “capio, capis, capit ...”, bis ich mit dem Atem eines einzigen Seufzers ergänzte:

...capimus, capitis, capiunt.”

Auf Jabws Platz lag aufgeschlagen ein Exemplar der Waffenzeitschrift VISIER. Quasimir seufzte: “So goht’s doch net wiiter, Jabwonski. Das isch ...” Jemand kicherte hinter vorgehaltener Hand, und er wechselte ins Hochdeutsche: “Sie sollten eine Karriere beim Militär ins Auge fassen, ernsthaft, Jabwonski.”

Jabw hatte ein seltenes Geschick, “Situationen” heraufzubeschwören. Wie eben mit seinem schwachen Beitrag von den "Weibern, die ihre Nächte kriegen", wie Jabw das so nennt.

Ich guckte hinüber zu Beate, die seit einiger Zeit unsere Schülersprecherin war. Sie hob den rechten Ellenbogen über den Kopf, um sich das Haar aus der linken Schläfe zu streichen. Rechte Hand, linke Schläfe, dabei reckte sie nicht nur den Ellenbogen. Ihre Augen unter gehobenen Brauen zeigten den Ausdruck spöttischen Bedauerns, was etwa heißen konnte: Was kann ich dafür, dass mir mein volles, Wella-gepflegtes Haar so ungebändigt ins Gesicht quillt?

Jabws Entgleisung schien ihr gleichgültig.

Sie trug einen weißen Body, absolut nichts drunter. Sogar Quasimir konnte nicht umhin, von Zeit zu Zeit den Blick in ihre Richtung zu heben, unter seinem stirnkühlenden Tafelschwamm hervor. Ich vermutete schon lange, dass sie ihm zu schaffen machte. Bereits damals, als er uns an ihrem Beispiel das Wort venustas, Anmut, verdeutlicht hatte. (Ich weiß nicht, ob eine Schülerin einen Lehrer schon auf Grund gewisser Blicke wegen sexueller Belästigung drankriegen kann.)

Es dauerte, bis Jabw den Sinn des Tafelsatzes entschlüsselt hatte: “Der Adler fängt keine Fliegen.”

Die Klasse sollte nun sinnentsprechende Wendungen im Deutschen finden. Wir fanden:

Keine kleinen Brötchen backen.”

Klotzen, nicht Kleckern.”

Beate verdrehte ein Sprichwort: “Wer den Pfennig ehrt, ist des Talers nicht wert.”

Quasimir winkte ab: “Knapp vorbii isch au danäbe! Zu kurz gezielt, Herrschaften!” Und kam auf die Begriffe Würde, Format. Von dem echten Format, symbolisiert durch die unangreifbare, ruhige Höhe des schwebenden Königsvogels unterschied er quasi das unflügge Getorkel junger Raben, die zwar die Flügel spreizen, aber schon aus dem Nest fallen, wenn sie nur eine Fliege schnappen wollen.

Das alles war echt “quasi” und reichlich unverdaulich, aber beim “Quasieren” lebte unser Lehrer auf. Er legte nun endlich den Schwamm weg und strich sich seine braune Haartolle mit Schwung aus der Stirn: “Und wer über die Frauennatur Witzchen versucht, aber capere nicht konjugieren kann, ist ein solcher Unglücksrabe ...”

Beate war auf einmal bei der Sache, sie unterbrach ihn kampflüstern: “Wow, und was haben wir Frauen damit zu tun? Wir lassen uns solche Vergleiche nicht gefallen!” Sie hatte recht. Quasimirs gutgemeinte Reihenschaltung Adler-Rabe-Frauennatur war für sich genommen schon wieder einer Beleidigung. Die Schülersprecherin war aufgestanden, beata venustas, sie blitzte den Lehrer an und erhielt lautstarke Unterstützung von anderen Mädchen, besonders von Elän Zibchen, unserer Klassenbesten. (Der Klassenbeste war ich.)

Quasimir blinzelte verwirrt: “Was für Vergleiche? Ein logischer Fehlschluss, ein Missverständnis, meine Damen! Ich habe doch gerade Ihre Würde verteidigt!”

Sein Blick nahm einen Ausdruck von Wehmut an.

Ich beobachtete Jabw. Er trug heute wieder mal eins von meinen abgelegten Muscle-Shirts, es umspannte seinen Brustkasten wie eine Wursthaut. Nein, ein torkelnder junger Rabe war der nicht. Eher ein junger Wolf. Seine Kiefer mahlten. Es war jetzt bleich. Ich ahnte, er würde diese Stunde noch ausrasten.

Jabwonski, Stefan, unser Prolo, war von Kopf bis Fuß ein armer Schuft. Manchmal kreuzte er in einer gemausten Klamotte auf, Boss oder Nike oder Adidas, die er zwei, drei Tage auf dem Hof reklametrug und dann verscheuerte. Und während die übrige Klasse permanent in Markenware leuchtete, hatte er dann wieder das alte, zu enge Zeug an.

Er wohnte in “Stalingrad”, das sagt alles. Elfgeschosser, Dreck, Krach: soziales Wohnen. Niemand kann dafür, ob er hier aufwächst oder da. Aber unsere Klasse war fast nur aus Leuten mit sattem Background zusammengewürfelt, mit richtigen Elternhäusern, wir waren fast alles Einzelkinder mit gesegneten Taschengeldern, ausreichendem Zensurendurchschitt und Zukunftschancen. Wer da bloß in Sport was zu bieten hatte und nicht wenigstens rumlief wie Jonny Depp oder Keanu Reeves, der konnte sich ‘ne Pfeife anzünden. Tja, und wenn er dann noch aus “Stalingrad” kam ...

Jabw klebte auf seinem Stuhl. Seine Gesichtsfarbe wechselte erneut, er flammte, als ihm Quasimir eine Fünf eintrug.

Es klingelte. Quasimir erhob sich und verschwand mit knappem Winken.

Die Arena für das, was folgte, war unser Karee aus Tischen. Jabw pflanzte sich vor Beates und Eläns Platz auf. Seine Stimme grollte aus seinem Brustkasten hervor wie ein Gewitterdonner: “Alles wegen Euch, Ihr stinkenden Mütter!”

Mich packte Zorn. Auf den hergelaufenen Strolch. Auf das arme Schwein. Auf den Secondhandtyp. Ich flankte über meinen Tisch, setzte ihm die Faust aufs Ohr. Sein Kopf flog zur Seite wie ein Punchingball, zuerst war in seinen Augen nur Verblüffung. Er griff in die Tasche.

Ich sprang zurück und nahm Verteidigungsstellung ein.

Aber er sah mich nur feindselig an, machte kehrt und federte breitspurig hinaus. Ich frage mich heute, woher meine Überreaktion auf seine merkwürdigen “stinkenden Mütter” kam. Ich denke, es war eine Vorahnung, die meine eigene Lage betraf.

 

Der Pausenhof. Ich hatte es früher manchmal extra so eingerichtet, dass ich den Hof allein betrat. Hatte mir den Joke gemacht, mit meiner Swatch die Sekunden oder höchstens Minuten zu stoppen, bis jemand in meinem Fahrwasser schwamm. Zwei Minuten war das Äußerste, dann hatte ich Gesellschaft.

Die Jungen kamen meistens mit Computerfragen: “Rex, mein Pentium stürzt dauernd ab, oder das Bild hat weiße Streifen, oder alles verzerrt sich. Was soll ich nur machen? Das Spiel hab ich ganz neu!”

Ich: “Wann hast du den Rechner gekauft?”

Er: “Vor zwei Jahren.”

Ich: “Liest du nicht die POWER PLAY? Es kann an der Serie liegen. Werkstatt aufsuchen. Checken lassen, ob dein Pentium den berühmten serienmäßigen Rechenfehler hat.”

Er: “muss ich extra den ganzen Tower hinschleppen?”

Ich: “Du brauchst auch bloß den Prozessor auszubauen. Wenn du’s kannst: Lüfter runternehmen, Plastikhebel anheben, die schwarze Platte mit Beinchen, aber vorsichtig ...”

Er: “Danke, Rex, du bist der Größte.”

Die Mädchen kamen mit Scheinfragen, nur, um mit mir anzubändeln: “Rex, was hast du bei der dritten Aufgabe raus?”

Ich, als müsste ich mich erst erinnern, welche Aufgabe die dritte war, sehe mir die Fragerin an und entscheide, ob ich sie schnell abfertigen werde oder ein bisschen Small Talk mache.

Sie: “Na, die Aufgabe, wo das Verhältnis vom Umfang des Kreises zu seinem doppelten Radius zu bestimmen war.”

Ich (angenommen, sie hat Gnade gefunden): “Die drei war ‘ne Scherzfrage. Das Verhältnis von Umfang zum doppeltem Radius des Kreises ist die Ludolfsche Zahl p, sie beträgt dreikommavierzehn. Willst du sie genauer wissen?”

Sie: “Ach ja, bitte, Rex!”

Ich: Dreikommaeinsviereinsfünfneunzwosechsfünfdreifünf ...”

Sie denkt, ich mache Spaß, fängt an, überlaut zu lachen, und schon gucken die anderen Mädchen her, neidisch, dass da eine von mir so gut unterhalten wird.

Dieses Spiel nannte ich “Klettensammeln”. Ein privates Politbarometer, meine Beliebtheit war messbar mit der Uhr.

Voll Grauen dachte ich an diesem Tag an die Zukunft. Bald würde meine Leben trist und einsam sein. Ich setzte probehalber die Leichenbittermiene auf, die die Menschheit künftig von mir erwartete. Bei dem neuen Institut meines Vaters.

Heute aber verging nicht mal eine Minute. Da kam Beate. Und in ihrer Spur Elän Zibchen. Sie bedankten sich bei mir. Elän sagte, ich hätte die Ehre aller Frauen der Welt gerächt, aber mit der Faust hätte ich es nicht machen dürfen.

Ich: “Mit Psychotherapie?” (Die Predigerstochter wollte mal Psychotherapeutin werden.)

Da Elän viel kleiner war als Beate und ich, sah es ganz natürlich aus, wenn sie sich beim Spazieren zwischen uns hielt, so war eine Unterhaltung zu dritt am bequemsten. Aber ich fand eine Unterhaltung zu dritt durchaus nicht bequem und fragte, um sie loszuwerden: “Ich kenne da eine Helene bei Wilhelm Busch, die ach so tugendhafte fromme Helene. Sprichst du ihretwegen deinen Namen lieber französisch aus?”

Sie biss sich auf die Lippe und trottete weiter zwischen uns her.

Ich versuchte es anders: “Hast du ‘ne neue Brille?”

Elän: “Sie fallen mir immer runter. So wie damals, auf deinem vierzehnten Geburtstag. Das ist jetzt schon die dritte.”

Ich: “Immer, wenn dich jemand küsst, fallen sie runter, hm?” Ich sah aus dem Augenwinkel Beates Lächeln.

Elän nahm das neue Gestell sogar von der Nase: “Von Fielmann, ohne Zuzahlung!”

So können nur Mädchen mit den besten Zensuren sein, dachte ich. Wir schritten gerade an den Fahrradständern vorbei, hinter denen es wie aus Schornsteinen qualmte.

Beate: “Sieh doch mal zu, Elän, ob du für uns drei Zigaretten schnorren kannst, sei so nett.”

Da begriff Elän endlich und ließ uns allein.

Wir gingen eine Weile weiter, der Abstand blieb zunächst der alte, als warteten wir beide auf Eläns Rückkehr. Aber Elän kam nicht, und auf einmal war Beate bei mir und fasste nach meiner Hand. Ein knapper Griff aus dem Handgelenk, als wenn sie einen springenden Ball schnappt. Und wieder guckten wir uns unwillkürlich beide um, ob uns jemand beobachtete. Aber die allgemeine Aufmerksamkeit gehörte im Moment - Jabw.

Der war dicht umringt. Vorwiegend Jüngere, keine Leute aus dem Gymmi, sondern Realschüler, die mit unsereinem Schulhaus und -hof teilen, Knirpse mit Brandlöchern in den Ärmeln vom Zigarette-Verstecken. Sie staunten ihn an für einen seiner Tricks mit dem Sprungmesser. Feixend hielt er es in der hoch erhobenen Hand und ließ es auf seinen vorgestreckten entblößten Fuß niederfallen. Im letzten Moment, man sah es schon spießen - in der letzten Millisekunde zog er den Fuß zurück, die Klinge steckte fast bis zum Griff im Sand. Mitten im Fußabdruck. Die Übung klappte zehnmal hintereinander.

Einer von seinen kleinen Fans, ein spitzer Junge mit einer Hasenscharte, probierte es auch, sogar Jabws Feixen versuchte er hinzukriegen. Es kam, wie es kommen musste - zweimal zog er den Fuß vor dem Loslassen des Messers weg, beim dritten Mal traf er seinen großen Zeh. Es blutete fürchterlich, der Kleine biss die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Bei dem Anblick krampfte sich Beates Hand in meine.

Das ist der Unterschied zwischen uns, Stefan Jabwonski, dachte ich besänftigt und zufrieden. Du dienst dich mit deinen Kunststückchen bei den Kids an, ich halte die Hand des schönsten Mädchens der Welt. Zwischen uns liegen Welten. Der Adler fängt keine Fliegen.

Ich dachte in diesem Moment nicht an die Zukunft. Eine total schöne Stimmung erfasste mich, ich war stolz - und, ja, vermutlich glücklich. Am Abend spielte ich mit Beate Squash und küsste sie unter einem Holunderstrauch hinter ihrem Haus und, als es anfing zu regnen, setzten wir uns in den halbverfallenen Pavillon, der noch von früher her auf dem Rippersreuthschen Grundstück steht. Es war einfach irre.

 

So vergingen die wochen. Eines Nachmittags nahm sie mich mit ins Haus. Weißer Vorsaal, Strukturtapete, Stilleben: Blumenvase mit abgefallener Rosenknospe, Tautropfen.

Beate legte den Finger auf den Mund.

Ich stieg im Gleichschritt hinter ihr treppauf. So knarrten die Stiegen wie unter einer Person.

Aus einem entfernten Raum kam die Stimme der Mutter: “Bist du’s, schon, Dad?”

Beate: “Ich bin’s nur, Mom.”

Die Mutter: “Ach du, Bea. Schleppst du irgendwas Schweres? Klingt ja wie anderhalb Zentner!”

Beate: “Nur meinen Rucksack mit den Büchern, Mom!”

Dad, Mom. Ich kam mir vor wie in einer amerikanischen Serie, aber das störte mich im Moment nicht.

Beate öffnete mir ihr Reich, im wahrsten Sinne des Wortes. “Nordic Design”, flüsterte sie und drehte ihre Tonanlage bis zum Klirrfaktor auf. Vanessa Maes Geigenklänge. Von unten rief die Mutter wieder irgendwas, wir verstanden aber absolut nicht, was sie meinte.

Ich sah mich um. Das Zimmer war freundlich und voll Licht und sogar aufgeräumt. Ich wollte dazu was bemerken, aber sie kam mir zuvor, indem sie ihre Hände hinter meinem Nacken verschränkte: “Seit einer Woche mach ich Ordnung. Heute war ich mir auf einmal sicher, dass ich wollte, dass du raufkommst.” Sie goss sich an mich und streifte mit ihrem Mund meinen. Dann zog sie mich zur Tür, wir drehten gemeinsam den Schlüssel herum. Wir mussten nah beieinander bleiben, wegen der Verständigung, wegen Vanessas Geige.

Da war noch eine zweite Tür, ohne Schlüssel. Beate sah meinen Blick: “Da drüben steht bloß Daddies Computer, vollgepackt mit Geschäftsgeheimnissen, der interessiert sich nicht für uns.”

Wir umarmten uns erneut und fielen auf den flauschigen Teppich. Wir lagen Auge in Auge nebeneinander, die “Magnetanomalie” in ihrer Iris tanzte.

Und wieder spürte ich eine solche Wolke von Glück wie noch nie in meinem Leben. Es war, als wenn man statt eines erhofften Geschenks plötzlich viel mehr bekommt als man sich träumen ließ, etwas, das also nicht ganz dem Traum entspricht, das irgendwie anders ist, aber noch viel schöner, süßer, etwas Grenzenloses, Leuchtendes, das einen vollständig einhüllt, in Besitz nimmt vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. Dieses Etwas hatte merkwürdigerweise eine Farbe: Himmelblau.

Ich: “Fliegst du jetzt?”

Sie: “Total. Und du?”

Ich: “Ich auch. Zur Sonne. Du bist die Sonne.”

Sie: “Du bist der Mond, mein Alter.”

Ich: “Wie bitte? Ich bin der Mond?”

Sie bestand darauf, dass ich der Mond sei.

Ich: “Halbmond oder Vollmond?”

Sie: “Neumond, mein Alter.”

Ich: “Aber dann bin ich ja gar nicht zu sehen?”

Sie: “Ich seh dich ja auch nicht.”

Wenn ich heute dran denke - ein Dialog wie in einer Heimatserie (blühende Wiese, azurner Himmel, im Hintergrund der Bodensee) nur das Geflüster war lauter.

Sie schloss die Augen. Ihre Lider schmeckten nach Salz wie ihr Finger damals. Wir versenkten die Münder ineinander, fahrig und doch zögernd gingen meine Hände auf Wanderschaft. Auf einmal bekam ich freiwillig angeboten, was ich mir als vierzehnjähriger Judoka aus Frechheit genommen hatte. Auch das war es wohl, das “andere Geschenk”, das, was ich nicht erwartet hatte. In meinen bisherigen Vorstellungen von Mädchen hatten der Bio-Unterricht und der “adult mode” bestimmter PC-Spiele die Hauptrolle gespielt. Und als hätte meine schöne Beate meine Gedanken erraten, sagte sie:

Siehst du, so ist es doch viel cooler” - sie schmiegte sich dicht an mich und knöpfte meine Jeans auf. Ich wollte das bei ihr auch tun, aber da begannen wie verrückt meine Augen zu tränen. Es war wohl eine allergische Reaktion auf die Teppichfasern. Ich drehte mich weg.

Als ich mich wieder umwandte, lag Beate steif auf dem Rücken, guckte zur Decke.

Sie: “  ...du schon mal?”

Ich: “Nein, du?”

Sie: “Ich glaub dir nicht. Die Statistik besagt, das heute schon viele Jungen mit fünfzehn ...”

Ich: “Hast du die Statistik von Elän Zibchen?”

Sie: “Und wenn?”

Wir lagen beieinander, wollten einander haben, und irgendwas war zwischen uns.

Sie: “Das nächste Mal, ja?” Sie streichelte mein Haar, zauste mit dem Finger meine Brauen: “Deine Brauen - sie sind immer total hell im Sommer ...” Aber ihr Finger bürstete gegen den Strich, die Glückswolke, die mich eben noch eingehüllt und getragen hatte, zog sich zurück, verflüchtigte sich. Ernüchtert stützte ich mich auf den Ellenbogen: “Was hat dein Vater für’n Rechner?”

Sie erschrak ein bisschen: “Der Rechner? Ist der wichtig? Ach ja, für dich, du alter Freak. Antiker Kasten jedenfalls, der Rechner, gleich nach dem Herbst neunundachtzig, ein Geschenk von Geschäftsfreunden.”

Da hattet Ihr doch noch gar kein Geschäft?”

Spannend, ja? Kein Geschäft, aber Geschäftsfreunde. Damals haben alle Erwachsenen rumgekungelt, wenn sie konnten. Was weiß ich? Ein paar scharfe Karossen haben ein paar Mal bei uns gehalten. Ein Amerikaner war dabei, aus Indiana, Kartoffelnase, Farmertyp, mit dem musste ich mit Champagner anstoßen, so klein und spillrig ich damals noch war.”

Ich: “Du warst nie spillrig, nie im Leben.”

Sie lächelte: “Es war um Weihnachten, meine Mom hatte sich extra ein grünes Partykleid zugelegt, Tänzchen unterm Christmas tree und so weiter, aber wir mochten den Typ beide nicht. Aber Marktwirtschaft ist eben Marktwirtschaft, hat mein Dad gesagt, da passt man sich an, und außerdem ist der Kartoffelnasige bei weitem nicht bloß Farmer.”

Sie redete zu viel für ein Mädchen, das mit einem Jungen auf dem Teppich liegt. Und irgendwie fand ich mich schäbig, dass ich sie reden ließ. Trotzdem hätte ich echt gern mal den alten Computer durchgecheckt. Meinen Vater Herbert hätte die Sache sicher interessiert. Von wegen Startkapital für eine Firmengründung.

Aber was soll’s, dachte ich. Und plötzlich, wie auf ein geheimes Kommando, drehten wir uns wieder zueinander. Beate begann mich zu streicheln durch den Stoff durch, und vorsichtig tat ich es bei ihr auch. So bereiteten wir einander Sonne, Mond und eine himmelblaue Milchstraße.

Nachher saßen wir noch ein Weilchen auf dem Teppich, halb voneinander abgekehrt, und ihr Finger malte in den Flausch: I LOVE REX.

Und ich sagte: "Ich dich auch."

 

Am Tag unserer Firmeneröffnung, die, wie es angemessen schien, “im kleinen Kreis und in aller Stille”, stattfinden sollte, wollte ich nicht mal in der Nähe sein, deshalb fuhr ich zu Großmutter Nelly ins Gebirge, kam erst mit dem Frühzug wieder zurück und nahm gleich den Bus zur Schule.

Quasimir benahm sich merkwürdig, anders als sonst. Nicht, weil er vom Lehrbuch abwich - das tat er immer. Aber er schien irgendwie amüsiert und besorgt zugleich: Er schrieb an die Tafel den Kurzsatz: Non olet. Ein “Quasierstunde”:

Titus, der Sohn des Imperators Vespasian, tadelte einmal seinen Vater, weil der eine kaiserliche Steuer auf die öffentlichen römischen Bedürfnisanstalten erhoben hatte. Diese Abgabe hielt er eines Herrschers für unwürdig. Vielleicht”, sprach Quasimir, “vielleicht hat Titus sogar den berühmten Satz vom Adler zitiert, der keine Fliegen fängt.

Daraufhin hielt der Kaiser seinem Sohn ein Geldstück aus der Tageseinnahme unter die Nase, und der junge Mann musste zugeben, dass es nicht stank. Non olet also: Es stinkt nicht. Geld stinkt nicht.”

Unterdessen bohrte und hämmerte es im Schulhaus, dass die alten Wände zitterten. Quasimir leitete aus seiner Story zwei Grundhaltungen ab: Die “adlige” des Titus, der sich mit schnöden Klo-Gebühren nicht abgibt, und die mehr plebejisch-bürgerliche des Vaters, der auch Entgelte für eine doch gemeinnützige Dienstleistung nicht verschmäht. Beides aber waren Standpunkte innerhalb ein und derselben Kaiserfamilie. Wir sollten uns das zur Lehre dienen lassen. Und zum Trost.

Ich verstand nicht, warum Quasimir die Geschichte die ganze Zeit in meine Richtung erzählte. Was hatte ich mit Kaiser Vespasian zu tun? Auch die anderen begriffen es nicht und zuckten die Achseln.

In der großen Pause wollte ich zur Schülertoilette. Von hier aber kam das Bohren und Hämmern. Da hing ein Schild: WEGEN BAUMASSNAHME GESCHLOSSEN.

Draußen, entlang der Schulhofmauer, stand eine Reihe blauer Häuschen. Sie wurden bereits fleißig aufgesucht, die Mädchen standen Schlange. Sie aßen und tranken dabei und unterhielten sich, und als ich näher kam, grüßten einige mit merkwürdigem Gekicher.

Als ich an der Reihe war, trat Jabw heraus, er schlug die Tür zu und zeigte auf das Firmenlogo, ein neckisches Zwerglein mit heruntergelassener Hose, in einer Sprechblase stand: Mach’s flott!

Das Apostroph ist richtig”, sagte ich noch ahnungslos.

Er zeigte auf die kleingedruckte Firmenadresse:

Mobile Sanitäranlagen

Verleih und Service

H. Kamentz & Partner

02699 Kaiserswartha, Am Sack 45

Telefon ...

Jemand schlüpfte eilig vor mir in die Zelle, riegelte zu. Und obwohl ich dringend mal musste, brach ich in Gelächter aus und konnte nicht wieder aufhören. Ich spürte, wie eine Irrsinnswut in mir hochkam. Ich hörte mein gellendes Gelächter über den Hof hallen, von den Ziegelmauern zu mir zurückspringen, während mir gleichzeitig die Tränen übers Gesicht schossen. Ich rastete aus, begann, die verfluchte Kabine hin und her zu schaukeln. Von drinnen kam weiblicher Protest, ich schaukelte wie ein Besessener und schrie: “Mach’s flott bei Firma Kamentz, Mach’s flott bei Firma Kamentz, der Inhalt ist biologisch abbaubar!”

Mit einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung warf ich das Häuschen auf den Rücken. Die Tür öffnete sich, und heraus kletterte triefend Elän Zibchen.

Das alles war so schnell gegangen und hatte die Zuschauer derartig verschreckt, dass niemand eingeschritten war. Jetzt erst hielten ein paar Zwölfer mich fest, ihre Klammergriffe waren eisern, obwohl das gar nicht mehr nötig war. Ich war fertig. Die Mädchen kümmerten sich um Elän und führten sie dann weg.

Der Aufsichtslehrer kam, Quasimir. Er brachte mich ins Lehrerzimmer, redet auf mich ein: “Dass dich das so schlimm mitnimmt, hab ich nicht geahnt, Junge, du brauchst ein dickeres Fell, so eins wie Kaiser Vespasian.” Er träufelte mir Beruhigungstropfen auf ein Stück Zucker. Ich lehnte ab. Er rief zu Hause an.

Patricia holte mich im Honda. Vor unserer Einfahrt parkte eins der neuen Spezialfahrzeuge, ein siebenhundertelfer Daimler. In hygienischem Weiß, mit dem Tank für das Lösungsmittel, dem kleinen Kran, dem gerippten Absaugrohr, der Transportbühne für die Benutzerkabinen.

Mit letzter Kraft erreichte ich das Bad. Ich war drei Tage krank. Der Klassenprimus war der Sohn eines Klomannes.

 

Als ich nach den drei Tagen wieder in der Schule aufkreuzte, dachte ich, es gäbe Theater mit Elän. Aber das blieb aus. Ich ging hin und entschuldigte mich. Sie sagte “schon gut”. Ein wenig spitz höchstens.

Dann Beate. Ein Gefühl der Unsicherheit hatte ich seit meinem Ausflippen. Ich war mir fast sicher, dass Beate meinem Blick ausweichen würde. Um das nicht zu erleben, guckte ich sie meinerseits nicht an. Oder höchstens verstohlen. Sie wirkte irgendwie fremd. In der Hofpause erblickte ich sie hinter den Fahrradständern umringt von rauchenden Zwölfern. Sie reckte das Kinn, blies sich Qualm ins Pony. Pony? Erst jetzt nahm ich sie eingehender in Augenschein: Neue Frisur: Ihre Haarflut war hoch im Nacken zu einem Zopf gestrafft. Elän stand natürlich auch dabei und paffte.

Beate sah mich kommen und sagte: “Ich werde wohl mal eine mit Freunden qualmen dürfen.” Als hätte ich ihr das verboten.

Cool tun, dachte ich.

Ich zündete mir auch eine an. Hängte mich sogar in das Gespräch, das gerade lief. Es ging um Raubkopien der neuesten Action-Spiele. Wing-Commander II war schon out, im Kommen war das schwer verbotene Doom, bei dem man den Gegner mit der Kettensäge außer Gefecht setzt. Jemand hatte ein Tauschangebot, ich hatte auch eins, und wir wurden handelseinig. Die Zwölfer ließen sich mit keinem Blick, mit keiner Geste anmerken, dass sie sich an meinen Skandal erinnerten.

Elän trat ihre Zigarette aus und verschwand diskret in Richtung der blauen Häuschen.

Beate griff nach meiner Hand. Ihre Finger waren kühl. Nur als einer von den Klassenkameraden an meine Adresse witzelte: “He, Titus, nimmt Papa Vespasian für den Anfang Schnupperpreise?” zuckten die Finger und wollte sich öffnen. Es half nichts, dass sie sich in ärgerlicher Selbstüberwindung gleich um so fester schlossen und dass ihre Besitzerin in mühsamer Lockerheit fragte: “He, Alter, was ist?” Ich machte mich los.

 

Ziegel wackelt mit leichtem Knirschen, verhakt sich. Noch immer der erste. Arbeit im Kauern, ich sitze auf den Fersen. Die Berührungsfläche zwischen Waden und Oberschenkeln klebt, in den Kniekehlen beißt der Schweiß, juckt ekelhaft. Ich verlagere mein Gewicht auf die Kniescheibe. Kniet man so in der Kirche? Ha, ha, wie ein Buß-Beter, einer, der an diesen unglaublichen Gott glaubt, für den sie so viel Werbung machen.

In meiner Halb-Ohnmacht neulich ein Traum: Ich bin in eine Betonröhre gekrochen, die beim Weiterkriechen immer enger wird, ein langgestreckter Konus. Eine zweite Öffnung, ein Ausgang existiert offenbar nicht, Dunkelheit, Atemnot, Ich stecke plötzlich fest, will zurück, kann aber nicht, hinter mir drängen andere nach. Ich weiß, es gibt keine Rettung, außer, es gelingt mir aufzuwachen ...

Der Handrücken, überall kribbelt und krabbelt was. Ich klatsche zu, die Haut beginnt zu brennen. Ich zerreibe zwischen den Fingerspitzen Ziegelstaub und zwei oder drei lebende Krümel. Sie wohnen vermutlich in der Wand. Je tiefer ich kratze, desto mehr Ameisen. Je mehr ich mich kratze, desto mehr juckt es. Soll das so weitergehen? Soll ich hier verfaulen? Soll das ihre Rache sein? Wollen sie mir einen Denkzettel verpassen? Immerhin haben sie meine Kopfwunde versorgt, als ich ohne Bewusstsein war, immerhin füttern sie mich. Ich werde sie auf keinen Fall um etwas bitten. Wenn Schweigen zu ihrer Taktik gehört - Schweigen kann ich schon lange.

Blick hinauf zur Luke. Zwischen den Ritzen des Abdeckrosts jetzt schon der Mond. Er kriecht. Grillen zirpen. Die Nacht riecht nach Heu.

Jetzt eine Zigarette. Ein Königreich für ‘ne Zigarette!

 

Auf dem stillgelegten Werkgelände der Waffia gibt es genug Pisten aus Betonplatten, Brachgelände. In einer schwachen Stunde hatte mein Vater versprochen, mir das Autofahren beizubringen. Als Entschädigung für alles, was ich wegen seiner Firma mit dem Bildchen vom hingehockten Gartenzwerg (Ich nannte sie bei mir nur “Firma Flott”) hatte erdulden müssen und voraussichtlich noch erdulden würde. An diesem Sonntagmorgen waren wir ganz früh hinausgebrummt. Das Werktor stand einladend offen, hing schief in den Angeln, von Brennnesseln zugewachsen. Wir umfuhren die verrosteten Slalomhindernisse der einstigen Hochsicherheitszufahrt, hielten, Herbert schaltete die Zündung ab. Wir tauschten die Plätze: “Anschnallen!”

Schon aus Kleinkindertagen kannte ich das Wahnsinnsgefühl, am Steuer zu sitzen und mit aller Kraft zu kurbeln. Auch am Joystick kriegt man ja schon ein Gespür für das Fahren. Und mit meinem Mo hatte ich sowieso nie Probleme. Aber es ist was anderes, wenn man hundertzehn PS echt zum ersten Mal starten soll mit Kupplung und Gas.

Das Herz pumpte mir unterm Kinn. Ich umspannte fest die Lederumkleidung des Lenkrads. Ich schluckte, aber ich hatte Mühe, genügend Spucke zusammenzukriegen.

Aber er wollte erst mal reden. “Denkst du, mir macht das alles Spaß?”

Ich: “Grade so ‘ne “Firma Flott”? Der Adler fängt keine Fliegen!”

Er: “Sprüche wurden für jede Gelegenheit erfunden. Und für einen wie mich gilt: Friss Vogel, oder stirb.” Er lachte unfroh. “Und überhaupt. Früher hat unsereins hier in Kaiserswartha Tod und Verderben produziert. Weil die’s drüben auch gemacht haben. Die ganze Stadt wusste es. Aber niemand hat uns schief angeguckt. Noch viel weniger, als wir das Teufelszeug endlich entsorgten. Und jetzt entsorgen wir halt - " Er zuckte mit den Schultern. "Und unser Lösungsmittel ist ein friedliches Algenextrakt und tatsächlich biologisch abbaubar. Dass sie dich dafür anflaxen sollen? Das ist doch halb so schlimm.”

Ich. “Du erlebst es ja nicht.”

Er: “Und wenn. Du kannst dir’s raussuchen. Entweder du machst gute Miene, passt dich ein - sonst bleibt dir doch nur das Sozialamt - oder du fackelst das Ganze überhaupt ab, machst den Feuer unter den Sessel. Übrigens brauchst du dazu kein TNT und kein hoch verestertes, umständlich mit Äther und Alkohol behandeltes Zellulosenitrat, sondern bloß Streichhölzer. Wie die Chaoten, die zur Zeit die Supermärkte niederbrennen. Bitteschön - nach dieser Gesellschaftsordnung kommt sowieso die kriminelle Revolution. Die ist ja schon auf dem Marsch. Wenn du das Chaos beschleunigen willst?”

Vom “Feuer-unter-den-Sessel-machen” war bei ihm ja schon die Rede gewesen. Und auch davon, dass einer wie er an Sprengstoff hatte rankommen können. Wie beiläufig sagte ich: “Glaube kaum, dass das mal funktioniert hat, hier, bei der Waffia Schießpulver klauen.”

Er begann, nach seiner Angewohnheit, mit dem rechten Daumen in der linken Handfläche zu bohren: “Wie kommst du auch auf so was? Man redet manchmal was daher. Wir hatten zuletzt den Verfassungsschutz im Betrieb. Die Art und Weise der Kontrollen allerdings ...” Er verstummte.

Ich: “Welche Art und Weise?”

Er: “Zufalls-Stichproben. Und nur am Werktor. Dreh jetzt den Zündschlüssel nach rechts!”

Die Katastrophe kam nicht wegen des üblichen Anfängergeruckels. Diese Sache klappte bei mir überraschend gut. Wir rollten fast vorschriftsmäßig los. Mein Puls hatte sich beruhigt, ich genoss das einmalige Machtgefühl, wenn einem die Kiste unter dem Hintern weggleitet, nur durch ein winziges Tippen mit dem großen Zeh.

Herbert: “Zweiter Gang, zweiter Gang!”

Ich lachte und schaltete gleich in die drei.

Ab ging die Post. Ich bog von der zentralen Betonstraße ab ins ehemalige Testgelände, wo jetzt manchmal die Faschos ihre Übungen abhielten. Entlang der ausgefahrenen Lehmpiste wucherte abgestorbenes Ginstergestrüpp.

Ich beschleunigte. Wir wurden bis zum Wagenhimmel geschleudert, mit einem Seitenblick sah ich, dass Herbert die Luft anhielt, sich in die Polsterwülste krallte, dass er Angst hatte. Dem stolze Hirsch sauste der Frack!

Hat mich das angestachelt, noch schneller zur fahren? Ich weiß es heute nicht mehr. Freilich, jetzt war er einmal mir ausgeliefert, so wie Patricia und ich sonst ihm, wenn er am Steuer seinen Rappel bekam! Und Patricia hatte ja so recht: Andere Väter waren erfolgreich, und das nicht mit jämmerlichen “mobilen Sanitäranlagen” ...

War es also Mutwillen? Oder bekam ich bei dem in der Tat beängstigenden Tempo auf einmal doch Probleme mit den drei Pedalen, für die ich doch nur zwei Füße hatte?

Er quetschte zwischen den Zähnen hervor. “Bist du komplett wahnsinnig geworden? Gas weg!”

Die Kurve sah ich rechtzeitig, fand sogar die Bremse, bis ich glaubte, die Strecke wieder zu überblicken.

Bist du komplett wahnsinnig!!”

Etwas schliff und knirschte, ein Schlag traf meine rechte Schulter, wir saßen fest. Und lagen schief. Stille. Nur das Knacken des verreckten, abkühlenden Motors.

Von Herbert kam ein Stöhnen. “Bist du ... komplett ...”

Ich betastete mein Schlüsselbein. Es hatte gehalten, der Gurt auch. Ich nickte.

Sein Kinn zitterte wie im Schüttelfrost: “Mein Bein, mein Bein ...”

Ich kriegte meine Tür auf und kroch nach draußen. Der Honda hing seitwärts in einem frisch ausgehobenen, sehr langen Laufgraben. Am Boden lagen Bierdosen und ein Stück MG-Patronengurt. Wir waren mindestens vier Meter weit auf den rechten Achsen gerutscht und am Ende des Graben ins Erdreich geprallt.

Ich sprang hinab und versuchte von unten, Herberts Tür aufzukriegen. Es ging nicht. Sein Kopf lag halb auf der Scheibe, das Kinn zitterte. Ich riss noch einmal an der Klinke, ein verzweifelter Ruck, mein Vater kippte langsam aus dem Auto, hing im Gurt, er löste die Sicherung selbst, ich fing ihn ab und ließ ihn auf den Boden des Grabens gleiten.

Er stöhnte tief: “Mein Bein ...”

Mir war zum Heulen: “Ich kann nix dafür, Papa, ich kann nix dafür ... Plötzlich der Graben ...”

Das Kinn hörte für einen Augenblick auf zu zittern: “Wie sieht’s von vorne aus?”

Dass er jetzt an die Karre dachte! Ich stemmte mich aus dem Loch und besah den Schlamassel. Rechter Scheinwerfer, Spoiler, Kotflügel in den feuchten Dreck gebohrt, ein einziger Knautsch. Die Motorhaube hochgebeult. Der gesamte Motorblock rechts mindestens dreißig Zentimeter in den Fahrgastraum gedrückt.

Herbert richtete sich auf und lehnte sich im Sitzen an die Lehmwand. Ich gab Bericht, er betastete seinen rechten Unterschenkel und versuchte, die Hose heraufzuziehen. Der Fuß stand normal, aber das ganze Bein war mindestens eine Spanne zu kurz, so dass die Hosenröhre dem Balg einer Ziehharmonika glich. Das Flattern seiner Hände war für mich schlimmer als sein Gestöhn.

Aber dann riss er sich zusammen. Ich musste das Handy suchen. Es klemmte unter dem Bremspedal, funktionierte. Er rief seinen Partner in der Firma an, Müller, Hilmar, den vormaligen Dessous-Händler. Der kam innerhalb einer Viertelstunde mit einem unserer weißen Spezialfahrzeuge. Er überblickte die Lage, kratzte sich unter seinen angegrauten Haaren: “Ihr Leute, Ihr Leute!”

Sein gemütlicher Bauch unterm Overall und die tiefe Stimme, seine ganze bedächtige Art beruhigten mich ein wenig. Zu zweit hievten wir Herbert aus dem Graben und verfrachteten ihn auf den Beifahrersitz des Daimler. Herbert konnte wieder fluchen, war aber blass wie ein Laken.

Trotzdem ging es nicht sofort los. Erst mal wurde der Honda aus dem Graben gehoben. Die eingedrückte Schnauze in der Luft, hing er schließlich an dem Kran, der sonst die blauen Häuschen schwenkte.

Ich wurde beauftragt, das schiefgebeulte Handschuhfach auszuräumen. Währenddessen berieten die beiden in der Kabine des anderen Autos, ich konnte nicht hören, was sie redeten.

Hilmar beugte sich schließlich heraus: “Du gehst jetzt zu Fuß nach Hause, Junge! Und zu niemandem eine Silbe! Du weißt von nichts, das ist ein Befehl, verstanden?” Die Stimme hatte einen metallischen Ton bekommen, war plötzlich eine Waffia-Stimme, sie duldete keinen Widerspruch. Mir war auch nicht danach.

Die Fuhre setzte sich in Bewegung, ich folgte auf Schusters Rappen. Unterwegs sah ich dann den Honda im Straßengraben, lebensecht gegen einen angeschabten Baum gesetzt. Die zerknautschten Teile von Lehmresten gereinigt. Ein Bilderbuchunfall.

Herbert behauptete später, er wäre durch einen PKW voll Jugendlicher von der Fahrbahn abgedrängt worden. Mich ließ er bei seiner Darstellung gänzlich aus dem Spiel.

Er lag sechs Wochen im Krankenhaus. Operation folgte auf Operation. Ich ging Tag für Tag zur Besuchszeit hin. Saß an seinem Bett und wusste nicht, was ich reden sollte. Ich hatte Schuldgefühle und konnte sie nicht aussprechen. Nach seiner Entlassung lief er an Krücken und konnte nicht fahren: den Honda nicht, der war hin. Einen Daimler von der flotten Firma auch nicht, denn sein Gasbein war nicht belastbar.

 

Die Versicherung hatte irgendeinen Verdacht und verweigerte die Zahlung. Eine Anzeige aber blieb aus, denn Herbert kannte den Vertreter gut, einen ehemaligen Kollegen. Wo in Kaiserswartha saßen keine ehemaligen Kollegen? Und ich musste noch mal und noch mal schwören, von nichts zu wissen.

Ich schwor. Vielleicht als Gegenleistung zeigte Herbert sich mitteilsam, erzählte er mir, was ich kurz vor unserer Crashfahrt hatte wissen wollen - aus momentaner Neugier. Ich hatte nach der Nitrozellulose nicht noch einmal gefragt, so wichtig war sie mir nicht. Damals. Später gewann die Sache beträchtlich an Bedeutung.

Also, die sogenannte Konversion bei der Waffia lief so: Ob Panzerfaust, ob Granate, der Inhalt wanderte unmittelbar nach der Entleerung in Plastikbeutel, die zugeknotet, nummeriert, plombiert und registriert wurden, um später verbrannt zu werden. Aber bröselte nicht bei jedem Arbeitsgang eine Prise von dem “Teufelszeug” auf die Arbeitsplatte? Man brauchte es nur mit der Hand in einen Extrabeutel zu wischen, den man später unbeobachtet durch den Werkzaun schob: Die Zeiten der Wachtürme, der Doppelzäune, der scharfen Hunde an den Laufdrähten war seit Jahren vorbei. Pro Tag konnte ein einziger Mitarbeiter so die stattliche Menge von einem halben Kilo beiseite schaffen.

Mein Vater: “Das macht im Jahr ...”

Ich: “Schon gut. Mathe kann ich selber.”

 

Während Herberts Krankenhauszeit hat dann Müller, Hilmar die “Firma Flott” merkwürdig flott in tiefrote Zahlen gefahren. Fehleinschätzung des Marktverhaltens, Missmanagement, Herbert tobte. Später begann er zu argwöhnen, dass das “Missmanagement” von einem gewissen Jemand, der sich für unser Haus und Grundstück interessierte, ferngesteuert war, wenn auch nicht von Anfang an. Ein zweites Dutzend der blauen Kabinen war unnötigerweise angeschafft worden, dazu ein dritter Spezialtransporter. Der Partner mit der überzeugenden Stimme hatte Herbert am Krankenbett immer weitere Investitionen eingeredet, während er selbst schon seinen Ausstieg vorbereitete - er hatte eine feste Anstellung als Fahrschullehrer in Aussicht.

Die Bank kannte kein Erbarmen.

Vergleichsverfahren, Zwangsversteigerung, Sequestor, so hießen die neuen Themen bei Tisch. Und wieder und wieder das alte Thema: Patricias “Tenniskonto”.

Ich aber hatte da noch nicht im geringsten kapiert, was das alles für mich bedeutete.

In den Sommerferien war mein Aufenthalt bei Großmutter Nelly nicht freiwillig. Angeblich wurde mein Typ da dringend benötigt, Nelly war in der Badewanne ausgerutscht, hatte einen blauen Ellenbogen und brauchte angeblich Hilfe. Ich musste sie auf den Friedhof zu Großvater begleiten, sie traktierte mich mit Pudding, mit alten Storys von der Familie und mit Lebensweisheiten: “Bosheit macht unglücklich, Unglück macht böse.” Alles in dieser Art.

Sie hatte nicht mal Telefon, ich schrieb drei Briefe an Beate, die mit “Hallo Sonne” begannen und bekam zwei Antworten mit einem ernüchternden “Hallo Rex”.

Noch jetzt rätsele ich, warum meine Eltern mich nicht später haben zurückkommen lassen, nachdem zu Hause alles gelaufen war. Vielleicht hofften sie, dass plötzliche Hektik, unvorbereiteter Stress mich ablenken, meinen Protest in Grenzen halten würden. Vielleicht dachten sie: Action, das ist es doch, was der Junge immer will.

Ich habe für Action gesorgt.

 

Ich kam mit dem Mittagszug wieder in Kaiserswartha an, hatte auf einmal eine böse Vorahnung und nahm vom Bahnhof aus gleich ein Taxi. Als ich ausstieg, stand vor unserem Haus ein Möbelwagen. Zuerst dachte ich, jemand zieht bei uns ein, ein Untermieter vielleicht, ein Wessi-Verwaltungsmensch oder ein Bankschlips, der einen Haufen Miete bringt. “Aber nicht in mein Zimmer”, rief ich und rannte dass der Kies auf dem Gartenweg nur so spritzte.

An der Stelle, wo Herberts Anti-Gartenzwerg Anita gehockt hatte, krümmten sich Regenwürmer.

Im Haus dann: Rumoren und Möbelrücken, Männerstimmen hallten, ich erfasste mit einem Blick die bereits leergeräumte Küche.

Mein Zimmer schien noch unberührt. Von der Wand sprang mir Bruce Lee entgegen, ich entdeckte den Rumtopf, der damals alljährlich nach Großmutter-Nelly-Rezept angesetzt wurde, und den sie aus irgendeinem Grund bei mir sichergestellt hatten. Ich riss die Schranktüren auf: Meine Klamotten war schon eingepackt.

Ich drehte den Zimmerschlüssel im schloss herum und schrie: “Mit mir nicht!”

Herberts Stimme: “Junge, schließ auf, es hat doch keinen Zweck, sei vernünftig!”

Ich: “Ich will nicht vernünftig sein! Das ist mein Zuhause!”

Patricia: “Spiel nicht plötzlich den Zehnjährigen, Rex! Es fehlt nur noch, dass du mit den Füßen stampfst - was sollen die Möbelmänner denken!”

Draußen war Stille eingetreten, ich hörte nur das gelegentliche Knacken der Treppenstufen, die Männer verharrten und hörten zu, wie sich die Sache mit mir entwickeln würde. Ich hatte also Publikum. Ich schrie: “Sie sollen alles wieder reinstellen!”

Herbert rüttelte an der Klinke: “Komm lieber raus und hilf, es gibt genug Arbeit!”

Ich gab keine Antwort mehr, und die Belagerung wurde vorläufig aufgehoben. Sie rechneten wohl damit, dass ich nach ein paar Trotzminuten von selbst zur Vernunft kommen würde. Aber ich dachte nicht daran, Aufruhr durchglühte mich: Das war mein Vaterhaus, das war mein Garagendach, mein Klarapfelbaum ...

Mein Paintballgewehr stand unberührt hinter dem Schrank. Ich streifte die Segeltuchhülle ab. Schüttelte den CO2-Tank, er war noch fast voll. Ich schraubte ihn an, im Magazin klapperten an die vierzig Schuss, Farbe pink. Vom Fenster aus konnte ich über Sträucher und Gartenhecke hinweg das Möbelauto anvisieren. v. RIPPERSREUTH’S UMZÜGE EUROPAWEIT las ich, das Signalrot der Buchstaben heizte zusätzlich meinen Zorn an. Ich befand mich in einem ähnlichen Wutrausch wie nach Herberts Firmeneröffnung, als ich eines der Häuschen auf dem Schulhof attackiert hatte. Ich kannte das Gefühl der Raserei, wusste, dass ich mich lächerlich machte, und konnte doch nicht dagegen an. Es war ein Rückfall in die Kinderzeit, okay, ich war der kleine Junge, den man zur Oma schickte, wenn es ernst wurde.

Ich stellte mich aufs Fensterbrett, kippte das Oberlicht und hängte es aus den Scharnieren. Nun hatte ich sogar eine Auflage für meine Gewehr. Die Kugeln pfatschten aus dem Lauf, durchpfiffen in einer Zehntelsekunde die Distanz, auf der Seitenplane des Möbelwagens breiteten sich prachtvolle pinkfarbene Kleckse aus.

Die ersten Schüsse kriegte niemand mit, aber sie bewirkten, dass ich ruhiger wurde, meine Wut kühlte ab, wurde allmählich eiskalt. Ich ballerte nicht weiter drauflos, sparte Munition. Erst wenn die Träger erneut mit einem Möbelstück kamen, drückte ich ab. Jetzt merkten sie, was lief. Es gab draußen eine ziemlich lautstarke Beratung mit Herbert, der sich daraufhin zwischen seinen Krücken querbeet zu mir herüber schwang. Er stand ungedeckt unter meinem Fenster.

Ich hab keine weiße Fahne dabei, Junge”, sagte er.

Denkst du, ich muss lachen?” schrie ich. Ich zielte eine Weile auf seinen Kopf und sprang dann ins Zimmer zurück.

Sie dachten, damit wäre die Sache nun endlich ausgestanden. Ich wusste, dass sie das dachten. Ich blieb ungefähr eine halbe Stunde auf meinem Bett sitzen. In meiner Verbissenheit habe ich mich über den Rumtopf hergemacht. Ich soff das starke Zeug gleich aus dem Steingutgefäß, die Beeren kullerten mir rechts und links übers Kinn. Nach einer Viertelstunde war ich total bekleckert und besoffen und bezog wieder Stellung am Fenster.

Ein Schuss hat einen im Nacken getroffen, der Treffer war erst pink, dann tropfte es dunkelrot.

Sie brachen die Tür auf, ich wurde überwältigt, und mehr weiß ich nicht. Ich lag fast einen ganzen Tag ohne Bewusstsein. Diagnose: Alkoholvergiftung. Ich wachte auf in einem Kabuff von Zimmer im siebenten Stock in “Stalingrad”. Meine Möbel umdrängten mich wie in einem Secondhandladen.

Vom Fenster aus blickte ich auf den linken Teil eines langgestreckten Balkons. In der Ecke reckte unser Anti-Gartenzwerg Anita das Hinterteil. Jenseits der Betonbrüstung markierte die einförmige Skyline der benachbarten elfgeschossigen Wohnsilos meinen zukünftigen Horizont.

Ich schloss meine Elektronik ans Netz, saß tagelang vor dem Monitor. Warcraft 2 - Beyond The Dark Portal. Ich erreichte den Eingang zur Orc-Welt. Turalyon öffnete ihn, indem er den Leuchtkreis betrat. Zuvor richtete ich einiges Unheil an und zerstörte alle Hochburgen der Horde, säuberte das Land Azeroth von den Orcs.

Am Dunklen Portal errichtete ich ein schloss, ein Rathaus und eine Kaserne. Im Osten hatte ich stets den Finger am Abzug, ein Zucken genügte, der plötzlich aufgetauchte Feind war platt, und der nachträgliche angenehme Schrecken über die ausgestandenen Gefahr saß mir zwischen den Schulterblättern. Ich baute das Gold ab und rekrutierte damit neue Paladine.

Oder ich lag auf dem Teppich und studierte meine POWER PLAY. All die Spiele, die darin besprochen wurden, Wing-Commander II und III, Doom, Duke Nukem, Warcraft, wie sie auch hießen und funktionierten - sie trainierten Reaktionsschnelligkeit, ökonomischen Einsatz der Waffen und Hilfsmittel, taktische Schläue, Strategisches Denken. Wenn ich eine große und starke Truppe um mich geschart hatte, vernichtete ich alle Menschen (blau).

Patricia riss mich aus meinen Studien und Siegen- mit Küchenaufträgen. Mit Anfragen, ob ich Schularbeiten gemacht hätte. Ich sollte die Treppe wischen, weil sie selbst immer mal Probleme mit ihren Bandscheiben bekam - da allerdings weigerte ich mich kategorisch. Das war Anfang August, Beginn der zehnten Klasse. In ein paar Tagen würde ich sechzehn sein.

 

Die Story mit dem blutiggeschossenen Möbelmann schien für mich gelaufen zu sein. Patricia hatte die Sache geregelt und dazu tatsächlich ihr berühmtes “Tenniskonto” angezapft, dessen Höhe nicht mal Herbert kannte, und mit dem sie seine Firmenpleite nicht verhindert hatte.

Sein Bein erholte sich nur langsam, er hinkte in der Wohnung auf und ab wie ein lahmer Tiger, wenn auch meist schon ohne Krücken. Die standen überall im Weg. Er nannte sie seine einzigen Gehilfen und meinte Geh-Hilfen, das sollte ein Witz sein.

Einmal fielen sie klappernd um und rissen eine Porzellankanne vom Tisch.

Patricias Nervenkostüm war auch nicht mehr das stabilste: “China Blau! Mann, kannst du nicht aufpassen?”

"Lass mich!" schrie er sie an. "Ich humpel hier herum, wie der letzte Invalide. Alles vertan. Alles erledigt. Was soll denn werden?"

Ich litt unter seinen Qualen. Aber ich konnte auch diesmal nicht auf ihn zugehen, ihm sagen, es tut mir leid. Mein Vater war nicht mehr der, den ich von früher kannte, und ich war selbst zu frustriert, hier in "Stalingrad", im 7. Stock. Er musste manchmal einen gewaltigen Grimm haben auf mich, die Ursache des Unfalls, ich spürte es. Aber er sprach das Thema nicht an.

Er hatte sich seine Firmenchef-Dreitagestoppeln abrasiert. Sein nacktes Gesicht wirkte klein, die Furchen von den Nasenflügeln herunter zu den Mundwinkeln glichen Messerkerben.

Patricia legte ihm die “Rundschau” auf den Tisch. Er blätterte. Dann ein Foto, wie mit gelb-rotem Pinselstrich markiert: Ein Schlipstyp, Studiobräune, Nasenbrille, kaum wiederzuerkennen der gewesene Nachbar, Bodo Freiherr v. Rippersreuth (43), einflussreichster Mittelständler, unentbehrlicher Arbeitgeber und Steuerzahler unserer Stadt, frisch nachgerückter Abgeordneter seiner Partei im Stadtparlament. Herr v. Rippersreuth plante, so stand zu lesen, seinem Fahrzeugpark ein Taxiunternehmen sowie eine Fahrschule anzugliedern.

Herbert fegte die Zeitung vom Tisch, besann sich dann, bückte sich mühsam, mit abgestrecktem Bein, und klaubte die Kannenscherben einzeln auf das Papier, genau auf das Foto. Patricia beobachtete ihn dabei. Ihr Blick war starr..

Später hat er die Kanne wieder zusammengeklebt.

Eines Nachts hörte ich die Wohnungstür schnappen. Ich war aber zu verschlafen, um darin ein Problem zu entdecken. Plötzlich rüttelte mich Patricia: “Papas Bett ist leer!”

Ich knurrte. “Er holt Zigaretten, lass mich schlafen ...”

Sie: “Wenn er wenigstens noch rauchen würde! Los, aufstehen!”

Ich: “Ist er im Schlafanzug los? Dann nachtwandelt er.”

Sie: “Spinn nicht rum. Er hat sich angezogen.”

Sie zerrte mich an den Haaren aus dem Bett. Rannte aus dem Zimmer, kam wieder, die Wäscheleine in der Hand: “Gott sein Dank, das ist es nicht.”

Ich hatte mittlerweile Balkontür und Fenster kontrolliert. Sie waren verriegelt. Auch die Flasche Johnny Walker, die noch von der Firmeneröffnung her vorrätig war, stand ungeöffnet im “Büroschrank”. Ich stolperte im Korridor über Herberts Krücken. Er konnte nicht weit sein. Das alles beruhigte uns aber nicht. Wir fahndeten noch im Treppenhaus, im Keller, beide in Schlafsachen.

Standen dann dicht nebeneinander am dunklen Küchenfenster. Patricia meinte, dass es ihn beunruhigen müsste, wenn er bei seiner Rückkehr Licht sähe, dann wüsste er, dass wir seinen Aufbruch bemerkt hatten und uns Sorgen machten. Vielleicht klärte sich ja alles ganz harmlos auf.

Sie knüllte den Pyjamakragen in meinem Nacken: “Ihr seid alle beide schwierig in letzter Zeit.”

Sie roch gut. Anders als Beate, herber, aber gut und altvertraut. Ich war für einen Augenblick noch einmal ein kleiner Junge. Das letzte Mal, dass ich das war.

Nach mehr als zwei Stunden hörten wir den Fahrstuhl. Wir stürzten zur Wohnungstür. Herbert schleppte schwer, wie der berühmte Jesus auf seinem Golgathaweg an seinem Kreuz.

Patricia unterdrückte ein nervöses Lachen..

Es war unsere Hochsicherheitshaustür aus dem “Sack”, die er anschleppte: Sechs Riegel, die braunspiegelnden Glaskassetten in Edelstahl gefasst.

Herbert verkündete mit der Stimme eines mattgekämpften, aber siegreichen Boxers, er hätte bei unserem Auszug sämtliche Zweitschlüssel des Hauses unterschlagen. Und da ein neuer Besitzer noch nicht eingezogen war, hatte er die Tür problemlos aufschließen und aus ihrer Verankerung hämmern und hacken können.

Zehntausend Mark”, stöhnte er zufrieden. “Morgen inseriere ich in der Rundschau.” Er war fix und fertig. Wir zogen ihn aus und brachten ihn zu Bett. Sein Bein war geschwollen und klumpig wie eine überreife Zucchini. Er ließ sich von Patricia kalte Umschläge machen und japste vor Schreck, als das nasse Tuch die weißrasierte Haut berührte.

Und meine Johannisbeersträucher hole ich mir auch noch ...”

Und schon schlief er.

 

Eine Survival-Maske hat er aufgehabt!”

Eine Survival-Maske? Spinnst du?”

Wenn ich dir’s sage! Eine schwarz-rote. Sie sagen, er hat auf dem Fensterbrett gestanden bei jedem Schuss gebrüllt: ‘Volltreffer, Volltreffer!’”

Ich lach mich scheckig. Dass der’n Sprung in der Schüssel hat, siehste dem nicht an. In ‘ner Survival-Maske und mit Paintball gegen ‘n Möbelwagen!”

In der Schule war die Verteidigung meines Zimmers offenbar allgemeines Gespräch. Todsicher zusammen mit meiner Klo-Show auf dem Schulhof.

Ins Gesicht sagte mir niemand was. Und gerade weil niemand was sagte, spürte ich, dass ich erledigt war. Ein Zehner mit 'ner Survivalmaske schießt mit dem Paintball auf den Möbelwagen. Mein Ansehen war hin, da konnte ich zehnmal ein ausgebuffter Computerfreak sein, die Zahl p bis zur zehnten Dezimalstelle runterrasseln können.

Beates Gesichtsausdruck blieb reserviert, wenn ich ihren Blick suchte. Schob sie nicht sogar die Unterlippe vor? Sie war jetzt täglich von Zwölfern umringt.

Und ich mied die Runde.

Einmal, wie zum Trotz, probierte ich meinen Beliebtheitstest, den Test mit der Uhr. Nach fünf Minuten kam - Elän Zibchen. Fragte mich Latein. Das Verb pingere, malen.

Das englische paint kommt daher, stimmt’s?”

Ich brummte was.

Sie: “Paintball. Das würde mich schon mal interessieren. Kaliber achtsechs, Geschossenergie siebenfünf Joule ...”

Ich: “Wie unauffällig du das Gespräch auf den Punkt bringst. Echt mal. Hast dich informiert, was?”

Sie: “Ja, natürlich. Man will doch nicht dumm dastehen. Wir könnten doch mal ...”

Ich stöhnte.

Sie: “Gib mir ‘ne Zigarette.”

Ich zündete mir umständlich eine an und gab ihr keine. Nicht mal das vertrieb sie: “Rex, sagte sie sanft, “Du hast doch Probleme! Entkrampf dich, sprich dich mal aus ...”

Ich: “Ich bin übergeschnappt, ja? Ist es das? Ich brauche Psychotherapie, ja?”

Sie seufzte besorgt: “Ja, vielleicht brauchst du die.”

Die Hälfte ihrer Brillengläser war von Kondenströpfchen blind. Sie nahm die Brille ärgerlich ab und rieb sie an ihrem Jackensaum blank. Auf ihren glänzigen Nasenflügeln sah ich die roten Abdrücke des Gestells: Elän hatte sich tatsächlich auf dieses Gespräch vorbereitet und schwitzte nun, dass sie ihren selbsterteilten Auftrag auch ja voll erfüllte. Sie merkte nicht, wie sie mir auf den Nerven rumtrampelte. Sie beschämte mich zusätzlich.

Ich blaffte: “Ich bin noch kein Pflegefall, dass ich ‘ne Krankenschwester brauche! Hau ab, Fielmanngestell! Geh zu deiner Beate!”

 

Ich habe innerlich gejubelt, als Quasimir einen Spruch an meine Adresse richtete, mit dem er mich richtig auf die Schippe nahm, wie man es mit einem Geisteskranken nicht tut. Er jedenfalls hielt mich noch nicht reif für die Klapsmühle. Der Satz lautete: Rex pulex in Africam et multum in plus.

Ich saß da. Das Wort pulex kannte ich nicht, wollte mich aber nicht blamieren, und hoffte es aus dem Zusammenhang zu erraten. Ich fand keinen. Das Subjekt war klar, rex, der König. Rex pulex - eventuell: der große, der mächtige, der siegreiche König? Keine Ahnung.

Quasimir: “Wo ist das Verb, Kamentz!”

Ich wusste, als Prädikat musste ein Verb da sein, wenigstens ein kleines, aber ich sah keins.

Er: “Weiter: In Africam.”

Ich: “Nach Afrika.”

Er: “Gut der Mann. Multum?”

Ich: “Viel.”

Er: “Plus?”

Ich: “Mehr.”

Von den anderen kam auch niemand hinter den Sinn, nicht mal, als Quasimir die Bedeutung von pulex bekannt gab: der Floh.

Der Spruch war ein Schülerscherz aus seiner Jugend. Er funktionierte nur mündlich und sollte heißen: Der König floh nach Afrika und fiel ins Meer.

Zum erstenmal in meinem Leben, dass Leute auf meine Kosten laut lachten. Mir ins Gesicht, wenigstens das. Sie lachten so, wie es das Witzchen eigentlich nicht hergab. Es war wie nach einem Autostau, der sich plötzlich in Wohlgefallen auflöst, nein, es war ein Staudamm, der da brach, eine Wand aus Rücksichtnahme gegenüber dem armen Rex, und ich lachte beinah von Herzen mit und sah Quasimir dankbar an.

Und Quasimir schob noch ein Sprüchlein nach, als Trostpflästerchen: Quam diu habebis salem, fame non morieris. Solang es dir an Salz nicht fehlt, wirst du nicht Hungers sterben.

Er erklärte, dass Salz bis ins Mittelalter hinein eine Kostbarkeit gewesen sei, eine Währung, fast wie Gold. Aber er übersetzte den Spruch “quasi” modern: Auch wenn du im Betonviertel wohnst, bist du noch lange nicht am Ende. Es gibt genug Leute auf der Welt, die überhaupt nicht wohnen."

Ich warf ein, dass mich die allerdings im Augenblick einen Dreck interessierten. Da sah er mich lange an und antwortete: "Wenn ich so dächte, dann wär ich ein extremer Rechter." Und er kam auf den Unterschied zwischen Rechten und Linken. "Die einen denken nur an sich und die eigene Misere, die anderen dagegen überlegen, wie es mit der Menschheit weitergehen soll."

War ich jetzt ein Rechter?

 

In der zweiten Hofpause wollte ich mit Beate reden. Aber es war wie jetzt schon ein paar Mal: Sie hatte gerade Wichtiges zu erledigen. Sie ging ein Stück beiseite, ich sah sie mit dem Handy am Ohr. Kurz darauf hielt vor dem Hoftor ein neues Fahrschulauto des Großunternehmens Rippersreuth, der Fahrlehrer, es war kein anderer als Herberts ehemaliger “Partner” Hilmar, stieg aus und öffnete die Rücktür. Beate lief hin und griff vom Sitz etwas Flockiges. Als sie damit näher kam, erkannte ich ein junges weißes Hündchen.

Ein Malteser, ein teures Rassetier, ein seidiger Kläffer mit gelockt behaarten rosa Hängeohren und stumpfer Nase. Beate hatte der Klasse die Show versprochen: Eine Hundetaufe.

Die Mädchen riefen “Niedlich!” Auch die Jungen grinsten, als sie das Tier mit in die Klasse brachte.

Sogar Quasimir. War es die Lateinstunde? Oder Deutsch?

Der flockige Winzling machte sich sofort bei allen beliebt, indem er einfach der Reihe nach an allen Beinen schnupperte.

Jemand fragte. “Männchen oder Weibchen?”

Beate bückte sich und streichelte ihn ausgiebig: “Ein Männchen.”

Sie kauerte genau vor mir, aber von mir abgewandt, ich sah den gebeugten schlanken Nacken, den hoch ansetzenden, irgendwie arrogant wirkenden Zopf.

Jemand: “Und wie soll er heißen?”

Beate ließ sich den nassen Tafelschwamm bringen, träufelte daraus feierlich ein paar Tropfen auf den Hundekopf: “Ich taufe dich auf den Namen Rex Pulex. König Floh. Komm zu mir, Rex Pulex!”

Sie richtete sich auf, venustas, tat ein paar Schritte zurück, sodass ich zur Seite treten musste. Purer Zufall, dass der Hund wirklich zu ihr gewackelt kam, als hörte er bereits auf den Namen. Er wurde auf den Arm genommen und auf die Nase geküsst: “Damit ist die Taufe vollzogen.”

Er nieste und blickte aus schwarzen Knopfaugen von einem zum andern.

Sie trug ihn zu Quasimir, drängte ihn dem Verdutzten in den Arm, und zwar mit solcher Bestimmtheit, dass der Lehrer einfach zugreifen musste. Er wurde puterrot, setzte das Tier ungeschickt und fast ärgerlich zu Boden.

Da kam es zu mir getrippelt, umrundete mich halb, begann zu knurren und schnappte zu. Wie Nadeln drangen die Zähnchen zwischen Jeans und Schuhen in meine Achillessehne. Ich keilte mit dem anderen Huf aus, mit solcher Wucht, dass das Scheusal jaulend gegen ein Tischbein flog. Ich griff meine Sachen und verließ die Szene.

Die Bisswunde war nicht tief. Was tief saß, war eine Verletzung anderer Art.

Nun sah ich durch. Und wie ich durchsah, Beate v. Rippersreuth! Die blauen Kabinen auf dem Hof, den Sohn eines Toilettenmanns, dergleichen konnte die S-Klasse-Dame noch verkraften. Gerade noch. Geld stinkt ja nicht. Was stank, war die Armut! Da mied man besser die Berührung wie bei einer ansteckenden Krankheit. Ha, ha, I LOVE REX, hattest du das nicht mal mit dem Finger groß in deinen Luxusteppich geschrieben? Jetzt war Rex abgeschrieben. Welche Ehre, dass du dein Wuscheltier noch nach ihm benanntest! Rex pulex! Damit alle was zu lachen hatten. Ja, ich hatte den Durchblick! Und alle sollten es künftig sehen: So wie ich eben, so führte sich einer auf, der nichts mehr zu verlieren hat. Ein Prolo aus “Stalingrad”. Ich werde euch allen beweisen, was in mir steckt, dachte ich. Wer will noch einen Tritt?

 

Draussen wird es hell. Enormer Betrieb bei den Ameisen. Das Ziegelwrack, vom Werkzeug benagt, schwer in der müden Hand. Wohin damit? Einfach links neben die Tür, die nicht weiter aufgeht als fünfzehn, zwanzig Zentimeter. Selbst, wenn sie den Kopf hereinstecken würden, könnten sie den Ziegel und alle folgenden im toten Winkel nicht sehen. Übrigens stecken sie den Kopf nicht herein. Sie wissen, dass ich gewalttätig bin. Ich könnte ja versuchen, die Tür, statt sie aufzustoßen, ranzuziehen. Und sie hätten den Hals im Spalt ...

Ein durchgestreckte Hand würde mir auch schon genügen, als “Faustpfand” sozusagen für Verhandlungen. Aber selbst damit sind sie vorsichtig: Das Essen schieben sie auf dem Fußboden mit einer morschen Zaunlatte durch, mit der sie auch den von mir bereitgelegten Beutel mit den Abfällen nach draußen ziehen - ich bekomme sie nicht zu Gesicht.

Jetzt erst mal aufs Ohr krachen, die lahmen Knie strecken. Die Wolldecke kratzt. Die Finger zerschunden, jeder Knochen wie nach einer Folterung. Die Handnarbe pulst. Eigentlich sind das ja schon mal zwei Narben. Wie viele Verwundungen habe ich überhaupt? Die Hand - Einstich, Austrittsöffnung. Die Achillessehne: Hundebiss. Ein gebrochenes, aber sauber verheiltes Nasenbein. Eine Beinah-Hodentorsion (O-Ton Arzt). Ein Messerstich im linken Spann. Die Kopfwunde fast heil, bald kann ich sie ebenfalls als Narbe verbuchen.

 

Ich traf Jabwonski im nahegelegenen Aktivmarkt. Er trug diesmal eine Schild-Baske, über seiner Stirn prangte irgendein Staatswappen, ich glaube, das kroatische.

Er trieb sich dort mit zwei mir unbekannten Kumpels zwischen den Regalen rum, sie redeten laut, ich hörte, dass sie sich gegenseitig den Film erzählten, den auch ich mir am Vorabend reingezogen hatte. “Kchchchch ... wummm, kchchch ... ratatata ... und voll rein und voll drauf ...”

Sie bewegten sich ohne Einkaufswagen und sehr schnell zwischen den Regalen, und mir war anfangs nicht klar, warum sie es so eilig hatten. Bis ich sah, wie einer - nicht Stefan - eine Flasche Schnaps unter seine Jacke schob. Aha, das hohe Tempo gehörte zum Manöver, so konnten sie, auch wenn jemand Alarm geschlagen hätte, sozusagen mit Anlauf über eine der Absperrketten jumpen. Aber niemand schlug Alarm. Jabw sah mich plötzlich vor sich, erstarrte.

Ich: “Na??”

Er: “Was, na?” In seinen Augen lag die sprungbereite Feindschaft, die ich schon darin gesehen hatte, als ich ihm mal bei der Verteidigung der weiblichen Würde meine Faust aufs Ohr setzte. Sein Blick zuckte zu dem Kumpel mit der ausgebeulten Jacke. Mir war klar - er war im Zweifel, ob ich die Klauaktion gesehen hatte.

Die beiden anderen hatten die Störung natürlich auch bemerkt, aber anstatt zu verduften, rückten sie mir rechts und links auf die Pelle, während Jabw von vorn meinen Einkaufswagen blockierte.

Der mit der Flasche: “Wer is’n das wieder?” Er entblößte dabei eine Reihe schwarzer, schadhafter Schneidezähne.

Jabw: “Einer aus’m ‘Sack’. Haust jetzt auch in ‘Stalingrad’.”

Der dritte: “Dann schnappen wir’n ja jederzeit, dann kriegt er’n Arsch voller Tränen.” Er trug Oi-Schnitt und unter der Nase, die komisch zuckte, eine Rotzbremse, ein Hitlerbärchen.

Ich hatte ihnen nichts getan als “Na??” gesagt. Und ich hatte sie beim Klauen gesehen. Ich brauchte jetzt nur ein Wort fallen zu lassen: Drei Meter weiter ordnete ein ziemlich stabiler Weißkittel Schokoladentafeln. Er hatte uns bereits im Auge. An der Decke drehten sich drei Kameras.

Was sollte ich machen? Es ging mir nicht um die geklaute Flasche, logisch, ich wusste, dass Jabw stahl wie ein Rabe. Es ging um die saublöde momentane Falle, in der ich steckte. Rückzug? Meine künftige Stellung in der neuen Umgebung hing davon ab, was ich jetzt unternahm. Mir war nun einmal dieses bescheuerte “Na??” entschlüpft, mit doppeltem Fragezeichen, was fast nur heißen konnte: Na, Ihr klaut also hier ein bisschen? Macht man so was? Ich hatte mich schon beinahe lächerlich gemacht.

Tat ich so, als hätte ich nichts gesehen - ich hätte mein bedeutsames “Na?” ja wiederholen können, in leicht verändertem Tonfall, damit es nach harmloser Begrüßung klang - tat ich also ahnungslos, obwohl sie mich wahrscheinlich durchschauten, zeigte ich Feigheit. Die war schlimmer als Lächerlichkeit. Ich musste mich für das kleinere Übel entscheiden, Straightness mimen. Dabei hieß es wiederum, den Bogen nicht zu überspannen. Verlangte ich laut hörbar, dass sie die Flasche zurückstellten, wären sie einfach zum Ausgang hinausgaloppiert, und der Ehrlichkeitsfuzzi Kamentz wäre zum Gespött von ganz “Stalingrad” geworden.

Der Weißkittel ersparte mir weitere Überlegungen. Er kam ran und sagte: “Stellt die Flasche in den Wagen, Jungs, sonst gibt’s Ärger.”

Jabw: “Stell sie rein, Kevin.”

Der Schwarzzahn gehorchte mit unangenehmem Lächeln.

Daraus, dass Jabw unter den dreien das Kommando gab, ersah ich, dass er ihr Leithammel war.

Ich schob zur Kasse und zahlte den Schnaps zusammen mit meinen Einkäufen. Ich sagte: “Das Geld bekomme ich von euch wieder, genau zwölfneunundneunzig.”

Draußen griffen sie die Flasche aus dem Wagen und entschwanden.

Ich kriege Euch”, rief ich ihnen hinterher.

 

Ich habe sie gekriegt. Natürlich nicht am nächsten Tag, und in der nächsten Woche auch nicht. Aber ich habe sie gekriegt. Und von Jabw das Geld. Vor den Augen von Schwarzzahn Kevin und dem Oi mit dem Hitlerbärtchen.

Die Clique kam aus dem halben Betonviertel, sie traf sich ausgerechnet hinter unserem Wohnsegment, in dem vierzig Parteien leben. Bei heiterem Himmel saßen sie draußen auf der Treppe, die auf den Wäscheplatz und zum Kinderspielplatz führt. Bei ungemütlicher Witterung versammelten sie sich drinnen in der sogenannten “Schleuse”, dem Durchgang zwischen rückwärtiger Haustür und Fahrstuhlraum. Wenn sie sich nicht gerade ein bisschen zeckten, hockten sie auf dem PVC, an die Wände gelehnt, die Arme auf den Knien. Ein Mädchen war bei ihnen, schwarzhaarig, von Kopf bis Fuß schwarz angezogen. Sie war die einzige Figur mit einer Art Styling, die anderen waren second hand.

Logisch, wenn ich zur vorderen Haustür rausgehen wollte, etwa, weil vorn mein Mo parkte, tat ich es. Wollte ich zur hinteren raus, weil das fürs Einkaufen im Aktivmarkt bequemer war, ging ich durch die “Schleuse”. Da ließ ich mich doch nicht von provokatorisch quer gestreckten Beinpaaren abhalten.

Ich sagte höflich: “Würdest du mal bitte deine Gräten einziehen?”

Der Oi mit dem Hitlerbärtchen: “Hast du mal ‘ne Zigarette?”

Ich: “Bedaure. Aber ich hatte bitte gesagt.”

Er zog die Beine ein. Aber der nächste dachte nicht dran.

Es war der Schwarzzahn. Ich hatte mir seinen Namen gemerkt: “Kevin, deine Hinterflossen, sei so freundlich.”

Kevin: “Und du hast nicht zufällig ‘ne Zigarette?”

Ich: “Du qualmst doch grade. Das nächste Mal.”

Er zog die Flossen ein.

Der dritte war Jabw. Er feixte, rührte sich nicht. Ich starrte ihm zwischen die Augen, das Feixen gefror. Wir beide wussten, stundenlang konnten wir uns so nicht anglotzen. Die anderen warteten bereits mit Interesse auf den Ausgang des Duells. Ohne den Blick im geringsten zu bewegen, erkannte ich den kleinen, verwaschenen Aufnäher auf seinem viel zu engen Shirt.

Ah, United Colors”, sagte ich mit gespielter Wiedersehensfreude. Denn auf dem Aufnäher stand BENETTON, das Shirt war eins von meinen abgelegten. Da zog er die Beine ein, und nach ihm tat es unaufgefordert das schwarzhaarige Mädchen.

 

In der Schule hatten wir beide Trouble. Jabw wegen seiner Messertricks, es hatte Beschwerden geregnet. Ich wegen meines Hackentricks in Richtung Rex Pulex, der in einer Tierklinik das Zeitliche gesegnet hatte. Zum Glück hatte Beate ihren Eltern nicht den wahren Grund für seine Leiden genannt, sondern eine Story von einem bösen Moped erfunden. Eine Schadenersatzforderung kam also nicht. War es Großmut? War es Angst, dass ich hingehen und meine angebissene Achillessehne präsentieren könnte?

Jedenfalls ließ sich Beate innerhalb unseres Tischkarees umplatzieren, so dass sie mich nicht dauernd sehen musste. Selbst Elän zeigte mir nun die kalte Schulter. Auf dem Schulhof mieden die meisten meiner ehemaligen Trabanten den Kontakt zu dem “Hundekiller” aus Klasse zehn.

Es ergab sich, dass die einsamen Schulhofrunden des Primus Kamentz und des Schlusslichts Jabwonski sich schnitten. Ich wollte eigentlich von den zwölfneunundneunzig für den Schnaps anfangen, die er mir schuldete, und sagte wie beiläufig:

Na??” Wie kürzlich im Aktivmarkt.

Da er allein war, probierte er nicht aufzutrumpfen. Sondern die umgängliche, kumpelhafte Tour.

Bin total pleite und so.” Dabei huschte sein Blick aber für den Bruchteil einer Sekunde hinunter zu seinem rechten Fußknöchel. Ich sah, wie sich dort die ausgeleierte Frotteesocke beulte. Jeder wusste, das war sein Portemonnaie an Tagen, an denen er wieder mal eine geklaute Klamotte verscheuert hatte. Er fühlte sich ertappt: “Mußt du verstehen. Schulden und so.”

Ich: “Bei mir auch!” Aber ich merkte, freiwillig würde er keinen Pfennig rausrücken: “Was anderes”, sagte ich. “Warum gibst du dich mit diesen ‘Stalingrader’ Flachköpfen ab?”

Er: “Ich wohne seit sechzehn Jahren dort. Hab mit ihnen schon die Klobrillen im Kindergarten vollgepinkelt. Du bist neu. Was willst du, die Kamolzen sind meine Kumpels.”

Kamolzen. Im Gymmi benutzen wir den Ausdruck für Halbliterdosen Bier. Er klang irgendwie russisch, und das Land Jelzins ist nun mal das Saufland Nummer eins. Jabw hatte das Wort offenbar ins Betonviertel exportiert. Dort musste es seine Bedeutung erweitert haben und bezeichnete nun die Leute, die das Bier aus den Dosen in sich umfüllten. Seine Kumpels.

Ich: “Und warum spielst du bei deinen ‘Kamolzen’ gleich auch noch den Obermacker?”

Er zuckte die Achseln: “Survival. Die einzige Möglichkeit, nicht untergebuttert zu werden. Du mußt das Leitschwein sein. Ich halte mich total an die ‘Prinzen’: Du mußt ein Schwein sein, in dieser Welt ... Im übrigen: Ich bin das Schwein und dir kann’s wurscht sein. Häng dich nicht rein, wie neulich in der Kaufhalle. In den Nachbarblöcken gibt es Dutzende von Leuten, die mit uns nichts am Hut haben und wir nicht mit ihnen. Die leben alle friedlich und wir lassen sie ungeschoren.”

Ich: “Soll das’n guter Rat sein, oder ‘ne Drohung?”

Er entzündete eine Zigarette und brannte sich im Gehen ein Loch in die Jeans, am Oberschenkel, so gründlich, dass der aufsteigende Rauchfaden nach verbranntem Fleisch roch.

 

Es gibt mehrere Gründe, dass ich mich der Clique anschloss, die sich “die Kamolzen” nannte, Jabw, Kevin Richter mit seinen faulen Zähnen und Danny, dem Oi mit dem Hitlerbärtchen. Und dem Mädchen in Schwarz. Anlass war ein Zwischenfall ein paar Tage später - das Leben machte mir blutig klar, dass ich allein, ohne irgendeine Clique, verraten und verkauft war.

Ich wurde aufgeklatscht. Ich, Rex Kamentz, wurde aufgeklatscht nach allen Regeln der Kunst.

Ich kam vom Einkaufen im Aktivmarkt. In meiner Tüte trug ich ein Kilo Tomaten und irgendein Bündel Grünzeug.

An der Ecke zu dem querstehenden Wohnblock, dort, wo zwei steinerne Pingpongplatten unter ein paar struppigen Weidensträuchern langsam verwittern, stand mitten auf dem Gehweg ein flaches Schraubglas. Auf dem Deckel stand LAUSCHAER METT: Ich sah im Innern etwas Grau-Rötliches, stellte meine Tüte ab, hob meinen Fund auf und öffnete ihn.

In dem Mettwurstglas lag ein Ohr.

Der verdorrte Leichnam eines Menschenohrs, das Ohrläppchen fehlte, aber sonst war alles dran. In den eingetrockneten Rinnen war ein wenig schwarzer Dreck, vermutlich verkrustetes Blut.

Ich hatte nicht unbedingt das Bedürfnis, festzustellen, wie lange das Verfallsdatum überschritten war, aber etwas zwang mich doch dazu: Ich schnupperte an dem Glas, so, wie man eben an einem Mettwurstglas schnuppert. Vielleicht habe ich auch auf die Möglichkeit gehofft, dass es sich um eine Imitation handeln könnte, etwas aus einem Scherzartikelladen.

Möchtest abkotzen auf mein Ohr, he?”

Ich blickte auf.

Vor mir eine Glatze: die Schultern nach vorn, die von Tattoos bedeckten Pranken bis zu den Fingerknöcheln in den Hosentaschen, die Ellenbogen bedrohlich abgespreizt. An seiner rechten Kopfhälfte fehlte das Ohr, offenkundig das, welches ich in der Hand hielt. Ein verschrumpelter Rest Ohrläppchen hing noch da, es ähnelte einer Rosine.

Ich schraubte das Glas sorgfältig zu, schüttelte es vor seiner Nase, wie man ein Reagenzglas schüttelt. Er griff zu. Ich nahm meine Tomatentüte und wollte an ihm vorbei, aber er stellte mir ein Bein, ich stolperte, und in dem Moment fiel ich drei anderen Glatzen in die Arme, die hinter den Weiden gelauert hatten.

Anfangs stießen sie mich zwischen sich nur ein bisschen hin und her. In diesem Moment dachte ich etwas, was gar nicht in die idiotische Situation passte, eine Schutzfunktion des Hirns vermutlich, damit ich meine Wut unter Kontrolle behielt, ich dachte: Ihr erinnert mich an Dummies: Mit euch könnte Ferrari Crashtests veranstalten.

Hoppladi!” grunzte der einohrige Dummy und stieß mich.

Hopplada!”, echote Dummy 2 und stieß mich.

Über mir die Wand aus Balkons, hier und da zog sich ein Gesicht hinter die Geranien zurück.

Ich: “Hab ich euch was getan?”

Dummy 3: “Du bist hier langgekommen, oder bestreitest du das?”

Ich: “Und?”

An Flucht war nicht zu denken, ich hielt Ausschau nach einer Griffmöglichkeit für einen O Goshi. Aber dazu braucht der Judoka die Kampfkleidung des Gegners. Die Dummies trugen nur nassgeschwitzte Muscleshirts, übersäht mit aufgedruckten Blitzen und Totenköpfen.

Dummy 4 (der Kleinste und Dickste, seine wimperlosen Äuglein verschwanden in Fettpolstern, seine Stiefel waren nicht zugeschnürt, vom Hosenbund hingen ihm Hosenträger): “Uns gefällt deine Nase nicht, du Chaotenschwein!”

Da stieß ich mein Knie hoch, Notwehrprogramm der Frauen. Er wich jedoch rechtzeitig zurück, ich erwischte seinen Bauch nicht voll. Und er fegte mir von unten die Faust blitzschnell quer übers Gesicht, es knackte in meinem Kopf. Sie hielten mich fest und drückten mir meine Tomaten auf den blutigen Rotz. Ich röchelte, sie stopften mir mein Grünzeug ins Maul. Das Ganze dauerte kaum länger als eine Minute. Eine Minute kann lang sein.

Die Sonne schien auf hunderte Geranienkästen.

Übrigens muss wohl doch jemand die Polizei angerufen haben, denn fünf Minuten später kamen sie mit Blaulicht und Tatütata die Wolgograder Allee herauf. Aber da lag ich schon in meinem Zimmer und kühlte mir den Riechkolben, der Farbe und Form einer Flaschentomate angenommen hatte. Seitdem hasse ich den Geschmack von Gartenkräutern.

Das Nasenbein war gebrochen. Ich musste einen dreieckigen Nasenverband tragen und sah aus wie ein Monster aus dem Labor von Dr. Frankenstein.

 

Es “ergab sich so”, dass Beate und ich allein im Schulzimmer waren - sie hatte in ihrer Eigenschaft als Sprecherin eine Bestelliste für Klassenfotos nicht rechtzeitig zusammengestellt und musste die Arbeit nach dem Unterricht nachholen. Ich war einfach dageblieben, tat so, als ob ich in meinen Sachen was suchte. Die Frage, die ich ihr stellen wollte, war schlicht und sollte unsere Beziehung für alle Ewigkeit klären, sie lautete: Was ist mit I LOVE REX? Sag mir die Wahrheit ins Gesicht!

Ich wusste nur nicht, wie ich anfangen sollte. Ich stand auf, ging zu ihr hin und sah die Fotos durch.

Sie: “Kennst die Bilder, hast ja bestellt.”

Ich, dumpfer Ton unter meiner Nasenbinde: “Logisch. Wollte mich nur noch mal erinnern, wie ich ohne diese Gesichtszierde aussah.”

Sie schob mir den erledigten Stapel Fotos zu, ein Stück weg von sich, und kreuzelte weiter in ihrer Liste. Ich fächerte die Bilder auf. Auf keinem fand ich Beate in meiner Nähe. Und eigentlich war da überhaupt niemand, der richtig in meiner Nähe stand oder saß oder sich mir zuwandte. Irgendwo am Rande ragten zwei einsame Türme, einer hier, einer da: Ich und Jabw.

Ich legte die Fotos zurück: “Heute ist Verbandabnahme.”

Sie: “Gratuliere. Wie ist es überhaupt zu dem Bruch gekommen?”

Ich: “Im Beton kommt es eben dazu.”

Sie: “Elän wohnt auch im Beton und hatte bisher immer eine heile Nase.”

Ich: “Elän, Miss Predigertochter.”

Ich dachte: Warum stellst du mir nicht gleich den berühmten Rex Iudaeorum als Beispiel hin. Der wäre sicher mit seiner Nase nicht in meine Situation geraten. Der hätte ihnen die Wangen hingehalten, immer abwechselnd rechts und links. Gerade solche wie der werden am Ende ans Kreuz geschlagen. Nein, die geduldige Spießertour, Demut, Mitleid, Palmenzweig - das ist nichts für Rex Kamentz.

Sie wiederholte: “Ja, allerdings, Elän.”

Ich: “Du hast’s nötig, Beate, wirklich. Sitzt selber auf deinem dicken Nordic-Design-Teppich ...”

Die Anspielung auf den Teppich, ihren I-LOVE-REX-Teppich, war mir mehr so rausgerutscht. Ich dachte, jetzt muss sie aber doch zucken, rot werden, aufbrausen, reagieren. Und wenn nicht, kann sie doch endlich mal von ihrem ermordeten Rex Pulex anfangen. Vorwürfe, Beschimpfungen, egal was, nur ein Zeichen, dass ich ihr nicht gleichgültig bin.

Nichts kam, außer: “Ich hab zu tun, Rex.”

Mir juckte es in den Fingern, sie herzunehmen und zu schütteln. Wie konnte sie es wagen, mich einfach beiseite zu stellen? Ich bezwang mich und dachte: Warte, jetzt muss du Farbe bekennen ... Ich wusste, dass meine Nase halbwegs gerade zusammengewachsen war. Ein winziger Knick in Augenhöhe, das war alles. Aber sie war noch geschwollen und blaugelb unter dem Mull und mit Salbe verklebt.

Ich riss mir den Verband aus dem Gesicht wie ein Exi seinen Mantel aufreißt: “So sieht dein alter Rex jetzt aus. Gibt dir das was?”

Sie fuhr nicht zurück. Sie saß und blickte mir ins Gesicht, als wäre ich eins ihrer Fotos, dem sie gleich eine Bestellnummer verpassen müsste. Kühl blickte sie, beherrscht, eine Spur genervt. Und sagte: “Rex, ein Strich mit dem Staubsauger über den Teppich, und alles vorbei. Aber wenn du ein Problem hast und Hilfe brauchst - die Klasse ist immer für dich da, das weißt du.” Und sie machte sich wieder an ihre Liste.

Ich: “Hast du ’n andern?”

Sie kreuzelte: “Das muss ich dir nicht sagen. Aber weil du ’s bist: Nein, ich habe keinen anderen.”

Sie hatte auf einmal das Gesicht ihrer Mutter, der erfolgreichen Firmen-Gattin und Geschäftsfrau: Bin sehr in Eile.

 

Aufschrecken, offener Schnarchrachen. Kribbeln am Mundwinkel. Wenn ich schlafe, spazieren die Viecher womöglich in meinem Mund aus und ein. Vielleicht kommen sie gar nicht aus der Mauer, sondern aus meinem Inneren? Reizender Gedanke. Ich huste und spucke, gehe mir die Zähne putzen. Zu meinem “Glück” war ja für Hygiene in diesem Privatknast vorgesorgt. Auf der Bürste krümmt sich sterbend ein gelbes Insekt. Und das alles zum Samstagabend.

Heute nach dem Frühstück den ganzen Tag über gelegen, gedöst. Im Halbschlaf noch gelauscht. Wieder das Rascheln. Nein, nicht bloß ein Rascheln. Eher ein Schleichen und Schleifen.

Feigheit? Nein. Es ist die Ungewissheit, das wehrlose Ausgeliefertsein. Ein Schuss, alles wäre erledigt. Heutezutage achtet niemand mehr darauf, wenn es irgendwo knallt. In Kaiserswar-tha knallt es jede Nacht.

In den Hinterkopf, aufgesetzt. Bei den chinesischen Hinrichtungen soll das Blut aus dem Einschussloch spritzen wie aus einem geplatzten Schlauch, der Henker springt beiseite, um sich die Uniform nicht zu besudeln. Sie drillen das sogar, das Beiseitespringen nach dem Schuss.

Meine Hautgeschichte bricht in den letzten Jahren öfter mal aus. An bestimmten Stellen knospt es, blüht auf von Pusteln und Bläschen. Ich kratze mich dann blutig, der Arzt sagt Neurodermitis, seelisch bedingt. Dass ich nicht lache. Seelisch, was soll da bei mir “bedingt” sein?

 

Für Herberts Zehntausendmarktür hatte sich kein Käufer gefunden. Sie stand im Korridor herum.

Eines Tages teilte er uns knapp und unfeierlich mit, dass er jetzt auf Anlageberater umschule.

Was ist ein Anlageberater?” wollte ich wissen.

Patricia antwortete für ihn: “Das sind ehrenwerte Leute, die anderen helfen, ihr vieles Geld vor der Steuer zu retten. Da ist Herbert mit seiner Erfahrung als erfolgreicher Geschäftsmann natürlich exakt der Richtige.”

Dass wir im Wohnzimmer schon gediegene dunkle Büromöbel stehen hatten, musste uns angeblich jetzt zupass kommen. Ein Handy war auch da, fehlte nur ein neues Auto, eins, mit dem man repräsentieren konnte. Herbert spekulierte wieder mal auf Patricias “Tenniskonto”: Er hatte bereits einen Audi 80 anvisiert, Jahreswagen, Fünftürer, anthrazit.

Er trug auch in der Wohnung Anzug und Schlips, um in sich das Gefühl gespannter geschäftlicher Aufmerksamkeit wach zu halten, machte sich überall breit, blockierte meinen PC mit seinem Schreibprogramm, übte werbewirksame Offerten. Oder er stakste durch sämtliche Räume, trainierte einen beflügelten Schritt (in der Vorstellung, er hätte sein Humpeln überwunden), probierte eine lockere Schulterhaltung, die rechte Hand halb in der Hosentasche, in der linken einen Lederkoffer. Mit gespitztem Mund pfiffelnd, drückte er eine imaginäre Klingel.

Er öffnete selbst und quasselte mit ausgestreckter Grußhand gegen die Wand: “Grüß Gott, Frau Mustermann, Kamentz mein Name, (Blick zur Armbanduhr), wir waren ja telefonisch verabredet, ich komme eine Minute zu spät, ich weiß, ein Anlageberater kommt nie zu spät, aber ich konnte es einfach nicht schaffen. Der Stress! Bitte? Ja, ja, wem sagen Sie das. Darf ich die Schuhe anlassen?”

Patricia unterbrach ihn: “Ein Anlageberater behält immer die Schuhe an! Sie sind sauber, da er eben aus seinem gepflegten Wagen gestiegen ist!”

Herbert fing an, mir unheimlich zu werden. Der stolze Hirsch, er war drauf und dran, sich in eine Karikatur zu verwandeln. Ich hatte ein paar Mal das Bedürfnis, hinzugehen und zu sagen: Bleib ruhig, du packst es schon, Papa. Und eines Abends tat ich es. Wie ich es mir vorgenommen hatte, bei Tisch, es gab marinierten Hering mit Salzkartoffeln und bläulichen Zwiebelringen. Ich legte die Hand auf seinen Arm : “Du packst es schon, Papa.”

Aber der Satz kam so steif und hölzern und eingeübt aus mir heraus, dass Herbert bestimmt gedacht hat, Patricia hätte mich angestiftet. Er blickte mir lange ins Gesicht, und das Wasser stieg ihm in die Augen. Er schob seinen Teller weg, als wenn die Zwiebelringe schuld wären.

Ich machte mich daheim rar, sooft ich konnte.

 

Rechtzeitig sah ich durch die vordere Glastür draußen die Dummies sitzen. Ich befühlte meine Nase, die noch immer wehtat, und machte kehrt.

Und schritt zur Hintertür hinaus. Diesmal saßen Jabws “Kamolzen” auf dem Kinderspielplatz.

Einer wippte auf einem Spiralen-Schaukeldino bis zur Erde, einer knotete das Overshirts um seine Hüften auf und zu, die anderen bewarfen die Blechrutsche mit Steinbrocken und erfreuten sich an dem Gepolter. Das Stimmungsbarometer stand auf Gähnen, das sah ich, es lag vielleicht auch an der drückenden Luft zwischen den hohen Steinwänden - dieser Altweibersommer war genau so heiß und öde, wie sich schon der ganze lange Sommer gezeigt hatte. Das Kamolzenbier, eine Palette BECK’S, stand in einem entführten Aktivmarktwagen. Falls die Palette komplett gewesen war, waren das vierundzwanzig halbe Liter gewesen, die Büchse zu neunundneunzig. Vier Figuren, darunter wieder das Mädchen mit dem Grufti-Outfit. Sie hatte heute einen Hund neben sich, einen ganz jungen, auffällig dunklen Schäferhund, der den Kopf aufmerksam erhoben hielt und mit schief hängender Zunge hechelte. Das Gespräch, wenn sie überhaupt eins geführt hatten, versandete, als ich mich dazusetzte. Sie sahen mir neugierig entgegen, Jabw hatte ihnen inzwischen todsicher von meinen bisherigen Skandalen berichtet.

Ich sagte hallo.

Schwarzzahn und Oi wie aus einem Mund: “Hast du mal ‘ne Zigarette?”

Das Mädchen wandte mir voll ihr Gesicht zu, ich sah, dass sie sich die eine Kopfhälfte geschoren hatte. Sie tippte sanft mit der langen Asche ihrer Zigarette auf meine geschundene Nase: “He, hast dir’s überlegt?”

Ich: “Was soll ich mir überlegt haben?”

Sie: “Dass du dich zu uns hockst und nicht bloß über uns wegsteigst?” In ihrem Augenwinkel saß Schlafsand. Sie ritt auf dem ausgestreckten Knie von Jabw und fädelte jetzt an seinem Schnürsenkel.

Der Hund erhob sich, kam zu mir, beschnupperte mein Gesicht und winselte. Sie zog ihn am Halsband zurück: “Du riechst nach Tod, er spürt das”, sagte sie freundlich.

Ich: “Nach Tod? Kann sein. Ich bin ein bekannter Hundekiller.”

Jabw hatte mein Auftauchen mit finsterer Miene quittiert. Sein Gesicht hellte sich auch weiterhin kaum auf: “Zu deiner Information, Kamentz”, knurrte er, “bei der Schwarzen riechen alle nach Tod. Kevin Richter, Unser Oi Danny, ich auch. Es ist ihre Macke. Lass sie in Ruhe.”

Er lehnte sich zurück und begann, durch ihr schwarzes Shirt hindurch an ihrem BH-Verschluss zu schnipsen. Stretch, machte er, stretch ... Es sollte locker, spielerisch aussehen, und sie räkelte die Schultern.

Aber ich sah, dass er speziell mir eine Vorstellung gab, die etwa besagte: Wie du siehst, sind hier die Verhältnisse geklärt, ich habe dich gewarnt, misch dich nicht ein.

Aber die anderen beiden griffen das Thema Tod auf, offenbar um das Mädchen, das sie also “die Schwarze” nannten, auf die Schippe zu nehmen. Und so prompt, als hätte ich soeben den Startschuss dazu gegeben, eine Erlaubnis erteilt, die der Obermacker bisher verweigert hatte.

Danny: “Echt, Sterben is geil, hat sie recht.”

Kevin: “Gift musste saufen, Spülmittel.”

Danny: “Du hechelst, du japst, und beim Abflug kotzste noch ab: uää ...”

Kevin: “Stärkster Trip, den’s gibt, stärker als Zahnschmerzen.”

Beide: “Co-ol.” Wie Beavis and Butthead.

Das Mädchen war mit dem Schnürsenkel fertig, zündete sich eine neue Zigarette an, lehnte sich an Jabws Brust zurück, so dass er nicht mehr stretchen konnte, und deutete mit rauer Stimme den Anfang von BECK’S Bierwerbung an: “Sail away ...” Es klang wie Seele weh. Ich erfuhr, dass sie stets eine kleine Flasche mit verdünntem Spülmittel (“Mit der Kraft der Citrone”) in der Hosentasche hatte. Sie panschte ihr Bier damit.

Da holt dich mit dreißig der Teufel.” Sie wies auf den Aufdruck auf ihrer Brust: AC/DC: “I’m on the highway to hell.”

Jabw: “Schon gut, Schwarze.”

Sie erhob sich, zog sich am Seil die Kletterburg hinauf, rutschte die Kinderrutsche hinunter und blieb auf dem Blechabsatz sitzen. Mir fielen ihre viel zu großen Schuhe auf, die herausgestreckten klumpigen Zungen. Auf einer war ein Pentagramm aufgemalt, auf der anderen die “Zahl des Tieres”, die Teufelszahl 666.

Jabw wandte sich an mich. “Was anderes, Kamentz. Wir sind hier unpolitisch. Und Leute, die mit den Glatzen Zoff haben, können wir nicht gebrauchen. Hau ab.”

Ich merkte an einem sekundenlangen Flattern seines Augenlids, dass es ihm ungemütlich war, in diesem Ton mit mir zu reden.

Ich sagte: “Gebongt.” Blieb sitzen, tat, als hätte ich den Rausschmiss überhört. Ich beabsichtigte, wieder in dieser Runde aufzukreuzen. Nun gerade. Ich dachte: Meine Hartnäckigkeit müsstest du kennen, Jabwonski.

Er beobachtete mich unter feindselig zusammengezogenen Brauen hervor und merkte an meiner Miene, dass er im Moment nichts machen konnte: “Deinen Einstand bei den Kamolzen gibst du noch, Kamentz.”

 

Der Einstand, so glaubte ich, wäre eine Lage Bier. Aber Jabw meinte damit eine Art Test, der mich vergraulen sollte, eine Aufnahmeprüfung - später wurde mir klar, dass es lächerlich gewesen war zu glauben, dass es in dem bis dahin müden Trüppchen so etwas wie eine Aufnahmeprüfung geben könnte.

Ich war denn auch der einzige, dem je eine zugemutet wurde. Aber ich habe prompt und mit gleicher Münze zurückgezahlt. Diese Sache fand gleich am nächsten Tag statt.

Sie saßen auf der Hintertreppe und blickten mir erwartungsvoll entgegen. Ich hatte schon die Hand in der Tasche, weil ich auf die Zigarettenschnorrerei wartete. Aber Fehlanzeige.

Oi-Danny zu Jabw, scheinheilig: “Und? Was geht heute los, Stefan?”

Jabw grinste ihm zu. Und lenkte wie zufällig das Gespräch vom Spülmittel-Trinken auf Salz-Essen. Er stellte die Behauptung auf, dass kein normaler Sterblicher es fertig brächte, einen Teelöffel gehäuft voll Salz, Speisesalz, NaCl, trocken zu schlucken. Das sei wissenschaftlich erwiesen.

Oi-Danny stellte mir eine Kilotüte Kochsalz hin. Schwarzzahn Kevin Richter zog aus der Hosentasche einen verkeimten Teelöffel. Jabw legte einen Brotkanten daneben: “Brot und Salz. Willkommen in ‘Stalingrad’, Kamentz!”

Von einem bestimmten Punkt zwischen meinen Schulterblättern aus verbreitete sich ein Schauder über meinen ganzen Rücken. Ich spürte, wie ich blass wurde.

Ich zuckte leichthin die Achsel, nahm eine Prise Salz zwischen Daumen und Zeigefinger, bestreute das Brot damit und biss ab. Ich wusste, dass das nur ein Aufschub war.

Jabw: “Nimm dir gleich’n ganzen Löffel voll. Wir geben’s gerne. Du bist keine normaler Sterblicher, du schaffst es.”

Ich dachte: Damit, dass ich kein normaler Sterblicher bin, hast du recht, Jabwonski. Und ich will doch erleben, was für Gesichter Ihr Nachtjacken zieht, wenn ich die Provokation annehme.

Die Schwarze sah mich mit wacher Neugier an. Der Hund schloss das Maul, legte den Kopf auf die Pfoten, sein Blick war treu und ergeben.

Ich griff die Tüte, riss sie vollends auf und tauchte den Löffel hinein. Das Salz floss über den Löffelrand wie Seesand. Ich merkte, wie mein Schauder auch die Zuschauer erfasste. Ein Würgegeräusch brach plötzlich aus dem roten Mädchenmund.

Ich brummte so cool ich konnte: “Salz törnt mich an.”

Sie lauschte meinem Satz nach. Krallte mir plötzlich die Hand ins Knie: “Sag das noch mal!”

Ich: “Salz törnt mich an.”

Sie: “Habt Ihr’s alle gehört? Da war es, das geheime Zeichen von Satan: Sa-lz t-örnt mich an. Sie betonte die Buchstaben, die zusammen das Wort Satan ergaben: “Der Junge schafft es!”

Ich dachte zuerst, sie macht einen Witz, aber dann entsann ich mich ihrer verrückten Todes- und Teufelssprüche von gestern. Und dass Jabw jetzt “Schon gut, Schwarze!” sagte, überzeugte mich restlos, dass es ihr ernst war.

Jabw wandte sich an mich mit einem Quasimir-Zitat: “Solang es dir an Salz nicht fehlt, wirst du nicht Hungers sterben.” Er lächelte feindselig.

Meine Hand bebte, noch einmal rieselten ein paar Körnchen.

Das Salz füllte meinen ganzen Mund aus. Die Schärfe biss in die gehöhlte Zunge, in den Gaumen, mit dem hervorschießenden Speichel verteilte sie sich in den Wangentaschen, ich schmeckte, ich litt das Salz in jedem Winkel meines Mundes, jedes Körnchen, sogar zwischen den Zähnen. Die Zunge stieß den Salzbrei aus meinem Kopf, der Würgereiz trieb mir einen Rülpser aus dem Magen, aber ich schloss den Mund wieder und schluckte, und nun brannte auch mein Schlund, die Kehle bis hinunter in die Brust.

Die Schwarze zippte ein Bierbüchse auf und schob sie mir in die Hand, ich trank in langen Zügen. Und dann kehrte ich mich zur Seite und gab alles wieder von mir und zusätzlich das, was ich im Lauf des Tages gegessen hatte. Minutenlang schossen mir Tränen übers Gesicht.

Als ich mich halbwegs wieder im Griff hatte, sagte ich, und ich konnte wegen des unverminderten Speichelflusses kaum sprechen: “Lo. Un jetl lu, Kunkl.” Das hieß: “So. Und jetzt du, Kumpel.”

Ich dachte, Jabw würde kneifen.

Er nahm Tüte und Löffel. Er stieß den Löffel anscheinend mit Todesverachtung in das Salz. Aber auf seinem Gesicht, in seinem gesamten Körper ereigneten sich Kämpfe, eine Abfolge widerstreitender Gefühle, blitzschnell, zu erinnern jetzt nur in Zeitlupe: Ekel, der ihm die Mundwinkel herabzog, die zitternde Versteifung des Nackens, ein kläglicher Blick zu mir, fast ein Flehen, ihm die Prozedur zu ersparen. Gerade diesen Blick, obwohl kurz wie das Klicken eines Kameraverschlusses, bemerkten vermutlich die anderen auch, und ich bin sicher, dass seine ganze außer Kontrolle geratene Mimik ihm in den Augen der Clique schadete.

Im gleichen Maß, wie sie mir nützte, obwohl ich soeben vor aller Augen gekotzt hatte: Sie zeigte den Obermacker in einem Moment der Schwäche, bevor überhaupt etwas geschehen war.

In gewisser Hinsicht hatte er es ja auch schwerer als ich. Ich hatte noch nicht gewusst, was wirklich auf mich zukam. Er jedoch musste durch meine äußere und innere Verkrümmung, die noch nicht abgeklungen waren, einen Vorgeschmack bekommen haben. Es war, wie wenn zwei nacheinander hingerichtet werden, und der zweite muss es beim ersten mit ansehen.

Obwohl das natürlich kein Vergleich ist.

Jabw schob sich den ebenfalls gehäuften Löffel Salz zwischen die Zähne. Er brachte es nicht einmal fertig, den Mund zu schließen, saß da mit aufgesperrtem Rachen und japste, dass sein Zäpfchen, nur so hüpfte. Und alles, was ich durchgemacht hatte, wiederholte sich.

Ich erhob mich: “Game over!”

Von diesem Tag an war ich bei den Kamolzen aufgenommen, Vollmitglied. Und ich dachte zum erstenmal: Wenn du das Schwein bist in dieser Welt, Jabwonski, dann will ich das Wildschwein sein.

Noch am gleichen Abend schütteten wir uns die Köpfe zu, um das Salz endgültig herunterzuspülen. Ich und Jabw zahlten das Bier, die Schwarze brachte aus dem Aktivmarkt noch eine Flasche Anis-Likör, was anderes hatte sie nicht erwischen können. Ich war auf dem Heimweg so steif, dass ich im Fahrstuhl auf sämtlichen Knöpfen rumpatschte, in der Hoffnung, dabei auch mein Stockwerk zu erwischen. Danach musste ich auf die Knie runter, um nicht umzukippen. Die Fahrstuhltür stieß ich halb mit dem Schädel auf, kroch hinaus, richtete mich an der Wand auf und erreichte die Wohnung, mein Zimmer. Mir war alles egal, alllles egallll ...

Ich zog mich aus. Patricia kam in Schlafsachen: “Was für einen Stampftanz veranstaltest du denn da?”

Ich riss mich zusammen: “Ich ... sch-tanze nicht, ich sch-teige aus ... ich sch-teige aus ... aussser Hose.”

Nächster Morgen, Wecker überhört, Patricias Pochen an der Tür. Zum Beeilen war es zu spät, da ich das Piepsen sowieso immer auf den letzten Drücker eingestellt habe. Also rief ich: “Zwei Stunden Ausfall, hab erst um zehn!”

Patricia, von draußen: “Dann steh trotzdem auf, es gibt Arbeit!”

Ich: “Ich bin müde!” Auf dem Bauch liegend angelte ich meine wild verstreuten Klamotten vom Fußboden und schob sie unters Bett. Nach einer weiteren Viertelstunde erschien Patricia erneut, diesmal mit der Mitteilung, dass Herbert mit dem Aufbau seiner neuen Werkbank im Keller inzwischen fertig wäre.

Ich grunzte: “Benötigt er mich ja nicht mehr.”

Sie: “Fein. Der Vater arbeitet, der Sohn pennt.”

Ich: “Wozu braucht er eine Werkbank? Wir brauchen keine Werkbank.”

Sie “Ich glaube, er will irgendwas erfinden.”

Ich: “Und was?”

Sie: “Sein Geheimnis.” Winziges spöttisches Mundwinkelzucken, aber es entging mir nicht: “Sein Werkbankgeheimnis.”

Ich: “Wenn es wieder so was ist, wie seine anderen Bankgeheimnisse ...”

Sie riss mir die Decke weg und sofort das Fenster auf: “Wie das hier stinkt!”

Ich taumelte ins Bad. Der Restalk saß mir im Hirn bis hinab ins Rückenmark.

Alles egal. Bis kurz vor meinem selbstverordneten Schulbeginn saß ich am PC und vernichtete in Warcraft 2 zusammen mit Teron Gorefiend blaue Menschen und beutete sagenhafte Goldminen aus.

 

Ich war noch weit davon entfernt, bei den Kamolzen Chef zu werden, wie ich es mir nun ernsthaft vorgenommen hatte. Aber das war der Test, dem ich mich selbst unterzog - würde ich mich durchsetzen, es schaffen, die kleine, schläfrig rumhängende Clique, die mir nicht im geringsten imponierte, auf Vordermann zu bringen?

Oder imponierten die vier mir doch? Irgendwie vielleicht. Hauptsächlich wegen Jabw - der war ein starker Typ, eine harte Nuss, die noch lange nicht geknackt war. Mit mir als Chef und ihm als Vize musste die Truppe unschlagbar werden.

Es war anfangs nicht so, dass ich einen bestimmten Zweck verfolgte - es war ein Spiel, eine Wette mit mir selbst: Das wäre doch gelacht! Oder höchstens war da, weit im Hintergrund, der Gedanke, eines Tages irgendwas irgendjemandem heimzuzahlen. Wem genau? Was? Es war mehr ein Gefühl, so wie ich als Zwölfjähriger manchmal das Gefühl hatte, verknallt zu sein, und nicht wusste in wen, bis die Betreffende mir über den Weg lief und ich dann dachte: Ja, natürlich, die.

Vorläufig konnte ich immerhin daran denken, die finanzielle Rechnung zu begleichen, die noch offen stand. Es war ein paar Tage später, draußen ging ein Wolkenbruch nieder. Sie saßen in der “Schleuse”. Ich hockte mich dazu. Eine Flasche ging rum.

Ich: “Was zahlt ihr für’n heißen Tipp?”

Kevin Richter: “Was für ’nen Tipp?”

Ich: “Einen, mit dem Ihr Trouble und Kies spart.”

Danny: “Erst den Tipp.”

Ich: “Erst das Geld. Ihr kennt mich. Auf das, was ich sage, ist Verlass.”

Jabw: “Wie viel?”

Ich: “Dreizehn Mark.”

Jabw: “Ist ‘ne Pechzahl.”

Ich: “Für mich nicht.”

Es ist auch später immer so gewesen: Unsere Unterhaltungen liefen meist auf ein Duell zwischen mir und Jabw hinaus. Wir zwei hatten das Sagen, das letzte Wort. Mal er, mal ich, zuletzt allerdings nur noch ich. Das war aber schon, als die Clique für uns praktisch nicht mehr existierte.

Ich hatte mich vorbereitet. Wenn mein Trick funktionierte, musste er mich von dem Verdacht reinigen, ein Moralfuzzi zu sein, und sollte mir endlich meine zwölf Mark neunundneunzig wiederbringen. Der Briefumschlag mit meinem “heißen Tipp” war schon zerknittert, ich hatte ihn mehrere Tage mit mir rumgeschleppt, bis sich diese Gelegenheit bot. Vor aller Augen musste die Sache laufen, das war wichtig. Jabw biss an.

Er griff in seine Socke: “Ganoventausch!”

Ich: “Aha. Niemand traut niemand.”

Er reichte mir mit der rechten Hand das Geld, ich ihm mit meiner Rechten das Kuvert.

Die Schwarze gab das Kommando: “Zu-gleich!”

Wir zogen links und ließen rechts los.

Während ich seelenruhig Schein und Münzen einsteckte, riss er den Umschlag auf. Er las leise und steckte das Papier sofort weg. “Ist gebongt”, knurrte er an die Adresse von Kevin und Danny. Auf meinem Zettel stand:

Ihr totalen Flaschen, wenn Ihr in den Supermärkten was krallt, lasst unseren Aktivmarkt aus! Wo man täglich einkauft, muss man clean dastehen, denn haben sie einen erst beim Wickel, beobachten sie einen auf Schritt und Tritt. Habt Ihr in der Stadt nicht ein Dutzend Discounts, Ihr Nachtjacken? Also könnt Ihr beim Klauen doch täglich wechseln, und wo Ihr geschnappt werdet, geht Ihr erst mal nicht wieder rein. Dieser Rat ist gratis, aber ich hatte ja noch zwölfneunundneunzig zu kriegen, okay?

Einen Pfennig Rückgabe hatte ich in den Umschlag gelegt.

 

Du reisst deine Tage runter wie Papier von der neuen Rolle, sie verringert kaum ihren Umfang. Das Leben hat sich eingespielt, der Trott wird sich nie ändern, du machst so weiter bis zum Grab. Die Schulstühle wetzten sich offenbar eher durch als die Hosen, die dir mit ihren Rio-Reiser-Rissen bis zum Lebensende am Hintern baumeln werden. Zwischendurch sind mal Ferien (bei Oma Nelly im Gebirge, während Beate als Au-Pair-Tochter in Indiana, USA, auf einem Reithof Sprachurlaub macht), findet sang- und klanglos der sechzehnte Geburtstag statt, ein Weihnachtsfest, Silvester, ein Schulfasching. (Ich hatte keinen Bock, setzte mir bloß eine Sonnenbrille auf und ging als Heino. Das entsprach meiner Stimmung.)

Die Eingewöhnung in die neue Umgebung vollzog sich nur langsam, aber ich lernte, mit dem Betonviertel auszukommen, es war wie mit meiner Hautallergie: Salbe drauf, dann ging’s. Ein, zwei Bier, dann lief’s. Bis zum nächsten Ausbruch.

Herbert hatte seine ersten Kurse als Vermögens- und Anlageberater, oder wie es fett und amtlich hieß: “Freier und unabhängiger Finanzdienstleister” beendet, fuhr mit dem Audi auf die Dörfer und sprach bei den Bauern vor, hatte auch schon zwei oder drei “dicke Fische an Land gezogen”, wie er sagte. Sein Chef in Augsburg war für den Anfang zufrieden mit ihm und hatte schon eine offizielle Niederlassung Kaiserswartha in Aussicht gestellt, die Herbert als Gebietsleiter übernehmen sollte. Vorläufig arbeitete er auf Provisionsbasis.

Seinen “beflügelten Schritt” allerdings bekamen wir zu Hause nicht mehr vorgeführt. Wenn er abends heimkam, waren seine Tritte kurz und ungleichmäßig. Das Bein tat ihm weh. Ich beobachtete ihn verstohlen, und manchmal sagte ich zu mir: Daran bist du nun schuld.

Eines Tages brachte er für Patricia ein Geschenk mit. Sie öffnete den flachen Karton und hob ein Kleid heraus. Es war ein hellgrüner, schwarzgefütterter Hänger, wehende Seide. Sie hielt ihn sich an den Körper: “Chiffon, muss teuer gewesen sein ...”

Herbert: “Größe 48, müsste passen.”

Sie fiel ihm um den Hals: “Hirsch! Dass du daran gedacht hast ...”

Herbert: “Fünfzehn Jahre ...”

Ich: “Hochzeitstag?”

Natürlich, es war das Datum, an dem ich mir jedes Jahr bewusst wurde, dass ich zu früh auf die Welt gekommen war. Ich sprang auf und holte den Johnny Walker, der noch immer ungeöffnet im “Büroschrank” stand.

Als ich wieder in die Küche kam, untersuchte Patricia gerade den Geschenkkarton.

Fischer & Seidel”, las sie. “Hast du das Kleid schon länger, Hirsch?”

Herbert arbeitete mit einem Zahnstocher in seinem Gebiss, versteckte sein Gesicht hinter vorgehaltener Hand: “Heute früh gekauft.”

Patricia: “Schwindle nicht, Mann.”

Er: “Echt ...”

Sie: “Bitte lüg mich nicht an.”

Er: “Wie kommst du auf so was?”

Sie: “Weil Fischer & Seidel seit drei Jahren pleite sind.”

Er warf den Zahnstocher auf seinen Teller: “Diese Spitzen sind immer viel zu weich, zerfasern, bleiben einem zwischen den Zähnen. Fischer & Seidel? Die haben noch die Filiale in Bautzen ...”

Sie: “Sie hatten nie eine Filiale in Bautzen. Und wenn sie pleite sind, sind sie pleite. Das müsstest du doch am besten wissen.”

Herbert setzte sich in seine angestammte Ecke hinter dem Küchentisch: “Ein Kleid ist ein Kleid, es wird dir stehen, probier’s erst mal an ...”

Patricia nahm das Geschenk und verschwand im Korridor. Als sie wiederkam und sich vor uns drehte, sah sie aus wie die Gastgeberin einer Cocktailparty.

Selbst mir blieb er Mund offen. “Galaktisch!” rief ich.

Herbert klatschte Beifall.

Sie: “Und trotzdem will ich wissen, woher es stammt.”

Und da war es mit Herbert vorbei. Er weinte fast, als er vom heutigen Tag berichtete. Er hatte nicht auf seine innere Stimme gehört, die ihm sagte: Klingle mit deinem Köfferchen nicht im “Sack” und schon gar nicht bei Nummer 33. Aber er hatte eine Immobilie auf dem Land an der Hand, beste Wohngegend, ein bombiges Zufallsangebot, für das aber auch ein finanzstarker Interessent gefunden werden musste. Und er hatte bei Rippersreuth geklingelt:

Heraufgebeten hat er mich in ‘sein kleines Reich’. Ein Sportplatz von Schreibtisch. Erklärt mir seinen Internet-Anschluss. Herzlich gelacht hat er, der Kollege II/B Bodo Freiherr v. Rippersreuth, als ich mit meiner Immobilie kam. Herzlich gelacht, ha, ha ha!” Herbert imitierte höhnend das “herzliche Lachen” seines überlegenen Feindes. “Und zum Schluss kommt noch die Gattin, drückt mir den Karton in die Hand. Herberts Stimme schnappte ins Fisteln: “Und aller-herz-lich-sten Gruß zu Hause. Wir hatten doch immer die gleiche Figur? Habe das Fähnchen nur bei einer einzigen Gelegenheit getragen ...”

So schnell konnte ich nicht gucken, wie Patricia sich das exklusive Geschenk über den Kopf riss: “So! bei einer einzigen Gelegenheit hatte sie es an?”

Ich erzählte beiläufig, was ich von Beate über das grüne Kleid wusste. Von der Geschäftsfete mit einem knollennasigen Amerikaner aus Indiana vor sechs oder sieben Jahren, auf der ihre Mutter in einem solchen Kleid getanzt hatte. Unterm Christmas tree.

Patricia schäumte: “Da konnte sie es nicht ein zweites Mal tragen, was? Oder vielleicht noch ein drittes Mal?”

Auf ihren noch immer durchtrainierten Schultern, bis in den BH hinein, zeigten sich rosa Flecken und Inseln. Sie war so wütend, dass sie nun versuchte, das Kleid in Fetzen zu reißen.

Am Saum anfangen!” riet ich, und da war es ganz aus. Patricia schmiss das Kleid über den Stuhl: “Und du?” schrie sie mich an: “Was stehst du hier rum! Hast du nichts zu tun?”

Herbert fuhr auf: “Jawohl! Und was soll dieser Schnaps auf dem Tisch? Denkst du, deinen Eltern ist nach Feiern zumute?”

Es folgte die ganze Kanonade, die jeder kennt:

Sie: “Die Abfälle nicht runtergeschafft!”

Er: “Die Balkonblumen nicht gegossen!”

Sie: “Neuerdings drückt er sich sogar vorm Einkaufen!”

Ich verteidigte mich natürlich: “Weil Ihr zwei Wochen mit dem Taschengeld im Rückstand seid, ganz einfach!”

Er: “Du Rotzlöffel! Und deshalb machst du wohl auch keine Schularbeiten mehr?”

Sie: “Und das Zimmer sieht aus!” Jetzt merkte sie, dass sie die ganze Zeit halbnackt dastand und hielt sich das grüne Kleid vor die Brust.

Ich erholte mich nur langsam von meinem Staunen, wie schnell sie so total auf ein anders Thema umschalten konnten. Natürlich hatten sie mit allen Vorwürfen recht, aber es geht doch jedem so: Gerade wo sie recht haben, öden sie einen am meisten an. Wen interessiert schon, ob jemand recht hat. “Ich verlange”, sagte ich mit möglichst ruhiger Stimme, “dass ich eine abschließbare Tür für mein Zimmer kriege.” Ich ließ sie allein. Jetzt ging es zwischen ihnen erst richtig los:

Er: “Du kümmerst dich nicht um deinen Sohn!”

Sie: “Wieso mein Sohn, deiner ist er doch auch.”

Er: “So, ist das wirklich meiner?”

Sie, Hochton: “Na fein. Jetzt kriegt unser Hochzeitstag Niveau. Nur weiter so ...”

Taschengeld. Schlampenwirtschaft. Früh nicht aus dem Nest. Schmutzige Socken unterm Bett. Selber schuld, weil in diesem Hause alles durchgeht und so weiter und so weiter. Türenknall. Ich hatte eigentlich noch in mehreren Fächern zu lernen, aber unter solchen Umständen war das unmöglich. Und dann dachte ich: Was soll’s, echt mal: Herbert ist Ingenieur mit Hochschuldiplom und jetzt putzt er Klinken ... Und obwohl ich vorhin reichlich aufgetrumpft hatte, war mir nicht wohl in meiner Haut. Zwischen meinen Eltern und mir hatte es irgendwann den ersten Knacks gegeben, und nun bröckelte es Stück für Stück.

Am nächsten Tag hatten sich die Wogen geglättet. Herbert und ich passten gemeinsam die Hochsicherheitstür für zehntausend Mark in meinen Türrahmen ein.

 

Wenn sie untereinander Krach bekamen, was immer öfter passierte, schloss ich hinter mir zu und drehte Vanessa Mae auf. Manchmal stieg ich auch aus meinem Fenster auf den Balkon, besonders an schwülen Abenden, wenn sich ein Gewitter zusammenbraute. Ich lehnte mich weit über die Brüstung, beobachtete, wie sich die Wolken verdunkelten, zu Gebirgen türmten, bis der Himmel schwarz war, ich genoss das von fern näherkommende Zucken des Lichts, den ersten nahen Blitz, das Donnerkrachen. Wurde der aufgebrachte Wortwechsel aus der Wohnung zwischendurch hörbar, sprach ich zu Herberts Liebling Anita: “Dich müsste der Blitz erschlagen, so wie die da hockst. Explodieren müsstest du wie eine Bombe!”

Manchmal legte ich mich rücklings auf den Kunstrasen, ließ mich von schrägen Regenböen peitschen, durchweichen, dachte an Beate. Ich wurde eine Vorstellung nicht los: Sie liegt zu Hause, allein wie ich, nur sie im Trockenen, sie liegt auf ihrem weichen Teppich und schreibt mit dem Finger vier Worte in den Flausch. In diesem Moment betrete ich das Zimmer, völlig durchnässt. Sie sagt: Zieh die Klamotten aus, du erkältest dich noch ... Wir liegen nebeneinander, jetzt zeichnet ihr Finger meine Brauen nach ... Die gegenseitigen Kränkungen sind vergessen, in unseren Adern rauscht es, draußen tobt das Gewitter ...

Wow! Sie streichelt mich: Wie bist du zu Hause weggekommen in so einer Nacht?

Meine Eltern denken, ich bin im Kino.

So spät? Es ist Mitternacht, mein Alter.

Sie denken, ich bin auf der Disko.

An einem gewöhnlichen Dienstag? Sag mir die Wahrheit!

Sie denken, ich liege im Bett.

Und sie haben nicht gehört, wie du zur Tür hinaus bist?

Nun hat sie mich in die Enge getrieben. Nun muss ich mit der Sprache raus, dass ich heimlich vom Balkon im siebenten Stock geklettert bin, dass ich mein junges Leben riskiert habe, ihretwegen.

Da umarmt sie mich, legt sich auf mich, streichelt mein Gesicht. Ich fahre mit beiden Händen ihren Rücken hinab. Sie sagt, wenn sie die Augen schließt, sieht sie ein tiefes Himmelblau. Da lieben wir uns wie Mann und Frau.

Manchmal beugte ich mich allen Ernstes übers Geländer und erkundete meine Möglichkeiten. Bis hinunter waren es vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig Meter. Wegen eines Niveauunterschieds im Baugrund ist unser Wohnsegment zum Nachbarsegment höhenversetzt errichtet. Die Balkons auf unserer Seite liegen immer anderthalb Meter höher als die der Nachbarn. Zusammen bilden sie sozusagen einen Reißverschluss, besser gesagt, eine Art Treppe.

Die Treppe zu Beate. Alles Schwachsinn, Spinnerei. Ich kriegte Beate nicht aus meinem Schädel.

 

Fernes Glockenläuten. Sonntag. Sechster Sonnenaufgang. Die Nacht wieder nur halben Ziegel geschafft, Schrunden und Blasen überall. Und in aller Frühe zweimal ganz deutlich das Schleichen im Haus. Soll ich rufen?

Keinesfalls. So naiv bin ich nicht anzunehmen, dass sich von den Kamolzen einer ohne seinen Rex verwaist fühlt und die Umgebung nach ihm durchforstet. Und wenn, würde er seinerseits ja rufen. Den Namen des Gesuchten.

Verdammt, nein, dort schleichen die anderen, bei denen jede Bitte um Mitleid, jeder Appell zwecklos wäre, die Schweine, die mich hier gefangen halten, Leute mit scharfem Verstand und ohne Pardon. Die, denen wir in die Quere gekommen sind, ich und Jabw - später, am Ende unseres Härtetrainings, von dem unser Löffelchen Salz nur ein verspielter Auftakt war.

Was bereiten die da oben gegen mich vor? Warum halten sie mich überhaupt so lange fest, ohne mir mitzuteilen, was sie vorhaben, was sie bezwecken? Wollen sie mich mürbe machen für ein Verhör? Reif für die Folter? Aber sie werden mich nicht weich kriegen. Ich ziehe die Sache durch.

Oder sie brauchen Zeit. Recherchieren unterdessen, holen Erkundungen ein, wie gefährlich ich für sie bin. Haben sie Erfolg, bin ich erledigt, auch ohne Verhör. Im Mittelalter schnitt man unliebsamen Mitwissern bloß die Zunge raus.

Wie mies mir auf einmal wird.

Ein Krampf. Wie eine Riesenkralle, die den Magen zusammenpresst, ihn dreht, dann loslässt, aber nur, um sofort als geballte Faust ihn von unten her einzubeulen, nach innen zu stülpen, Richtung Kehle ...

Schaffe es gerade noch bis zur Toilette. Das meiste ist saure Luft. Erleichterung.

Wieso suchen mich meine Eltern nicht? Haben sie mich aufgegeben? Glauben sie, dass ich mich von zu Hause abgesetzt habe? Längst müsste die Polizei alarmiert sein. Die käme mit Suchhunden und würde die Landschaft nach mir durchkämmen, jeden Stein umdrehen, wie das ihre Pflicht ist. Aber ich höre keine Hunde.

 

Im Umfeld des Aktivmarkts gab es einen Typ, den sie “Jacke” nannten. Er fuhr einen hochgestylten Manta mit amerikanischem Eagle auf dem Motordeckel und hatte am Heck einen Aufkleber: MICH KOTZT EURE ARMUT AN. Er ließ sich gelegentlich auch bei der Clique sehen.

Wenn wir auf dem PVC in der “Schleuse” hockten, erblickten wir von ihm zuerst seine spitzen gelben Lee-Cooper-Stiefel.

Er trug auffällig modische Jacken und Blazer, zu denen eigentlich ein weißes Hemd mit Krawatte gehört hätte. Dem ersten Eindruck nach war er ein Bankschlips, einer, von dem es heißt: jung, dynamisch, flexibel. Vielleicht wäre er gern was in der Richtung geworden, aber irgendwie hatte er den Zug verpasst. Vielleicht lag es an seiner wenig Vertrauen einflößenden Stimme, die hoch und quäkig war, wie die Stimme von Martin Semmelrogge, der in “Tatort” und anderswo die windigsten Gangster spielt.

In Filmen kriegen solche Typen gewöhnlich scharfe Sonnebrillen aufgesetzt, spielen niemals die Chefs, sondern meistens deren rechte Hand oder Handlanger.

Ich hatte ihn übrigens gleich bei der ersten Begegnung wiedererkannt: Er war einer von Rippersreuths Möbelträgern, der, dem ich mal mit einem Paintball den Nacken markiert hatte. Damals hatte er die Haare kurzgeschnitten getragen, jetzt verdeckte die Narbe ein filziger Karl-Lagerfeld-Zopf. Er hatte den Nacken eines Wrestling-Fighters.

Jacke handelte in den Höfen mit “Fajerwerki”, polnischen Feuerwerkskörpern von mordsmäßiger Power, Raketen, Blitzknallern und Kanonenschlägen, wie sie in Deutschland streng verboten sind. Vor jeder größeren Fußballübertragung machte er Spitzenumsätze, und es puffte und krachte dann im ganzen Viertel.

Einmal kaufte ich fünf Raketen. Nicht wegen Fußball - ich wollte testen, ob er den Paintball-Schützen wiedererkannte.

Sein Blick blieb gleichgültig, er kassierte das Geld und verschwand auf leisen Lee-Cooper-Sohlen.

Die Kamolzen wollten erfahren, wo ich meine Superkracher loslassen würde. Ich wusste es nicht und hüllte mich deshalb in geheimnisvolles Schweigen. Zufällig kam kurz darauf noch ein anderer Bekannter des Wegs: der “ Herzinfarkt”.

Der Mann mit diesem ausgefallenen Spitznamen war ein Rentner, der immer unsere “Schleuse” sauber kratzte, er ging sogar mit dem Spachtel ran, ohne Bezahlung und obwohl es ihn einen Dreck anging, denn er wohnte im achten Stock: “Diese Sauerei wieder!” fing er an. “Kippen, Kaugummiwarzen, Rotzfladen! müsst Ihr eure Blechbüchsen hier platt treten? Und der Qualm zieht bis in die elf!”

Ich erhob mich zu meiner vollen Länge, legte die Hand ans Ohr und zitierte aus “Anarchy” von Chumbawamba, meiner neuen Lieblingsscheibe: “I can’t hear you ‘cos your mouth’s full of shit ...”

Er stand verdattert.

Ich: “Ich muss es wohl übersetzten: Woher wissen Sie denn, dass der Rauch bis in den elften Stock zieht, wenn Sie im achten wohnen? He? Klettern Sie auf ihre alten Tage extra die vielen Treppen um zu schnuppern?”

Er zog sich einen Schritt zurück. Sein Gesicht war weiß und zerknittert wie Milchhaut, die Hand, mit der er seinen Gehstock fester fasste, übersät mit braunen Flecken. Er tat mir fast leid - er wagte es, gegen uns anzutreten. Nein, ein Feigling war er nicht, floh nicht in Panik, er deckte seinen Rückzug mit Geschimpf: “Eine Generation von Rotzern seid Ihr ...”

Die Schwarze: “Und Rotzerinnen bitte, ja?”

Er: “Nischt wie Saufen ...”

Rotzer, Rotzlöffel, das hatte Herbert schon zu mir gesagt, in dem Punkt war ich reizbar. Außerdem hatte ich nun mal das Wort ergriffen, und die Kamolzen erwarteten von mir jetzt was. Ich sagte: “Entschuldigung. Ist doch klar: Wenn wir andauernd ausspucken, weil Ihr Spießer uns bis hier oben steht, müssen wir auch viel trinken. Wegen dem Flüssigkeitsverlust. Das verstehst du doch,‘ Herzinfarkt’, oder etwa nicht?”

Er: “Ich lasse mir das nicht bieten, ich bezahle regelmäßig meine Miete ...”

Jabw sprang nun ebenfalls auf: “Das tun wir hier wohl nicht? Willst du das sagen, ‘ Herzinfarkt’?”

Der Alte fasste sich tatsächlich ans Herz, fing an zu fisteln: “Ich rufe die Polizei ...”

Wir hatten nicht mal “Komposti” oder “Kistenfüllung” zu ihm gesagt, wie es andere getan hätten. Aber er geriet total außer sich, wiederholte kreischend wie ein altes Weib: “Miete bezahlt ... lasse mir das nicht bieten ... rufe die Polizei ... bin schwer herzkrank ...”

Kevin imitierte die Handbewegung des Alten: “Bin auch schwer herzkrank, uuuäää. Und dazu schwer arbeitslos.”

Danny: “Ich auch. Und dazu schwer ohne Lehrstelle.”

Die Schwarze: “Und ich hab mir mit dreizehn schon mal schwer ein Baby wegnehmen lassen, weißt du, was eine Intensivstation ist, Opa?”

(Von dem “weggenommenen” Baby erfuhr ich auf diese Weise.)

Jabw: “Und dafür wird man hier noch vollgelappt.”

Kevin und Danny fingen an, leere Dosen nach dem Alten zu schmeißen, da zog er sich endlich zurück.

Co-ol!” rülpsten die beiden im O-Ton Beavis and Butthead.

Vor dem Erscheinen der Bullen fürchteten wir uns nicht. Wir hatten in Erfahrung gebracht, dass der “ Herzinfarkt” nur bluffte, er besaß keinen Telefonanschluß.

Aber sehr wahrscheinlich hat er an dem Tag von einem Nachbarn aus telefoniert. Jedenfalls erschien nach nur einer halben Stunde eine Streife der Schwarzen Sheriffs mit einem Köter, dessen Kopf ungefähr doppelt so groß war wie der von unserem Hund. Aber unserer ging sofort kläffend auf den Großen los, wurde weggebissen, der Hundeführer konnte kaum die Leine zurückreißen. Das Schmerzgejaul des Kleineren war ohrenbetäubend, eigentlich verdrückten wir uns bloß ihm zuliebe, und am Ende fanden wir uns auf dem Kinderspielplatz wieder. Das Tier war am Hals verletzt und beruhigte sich nur langsam im Arm der Schwarzen, ihre Klamotten waren voller Blut.

Auf einmal wusste ich, wo mein Feuerwerk am wirkungsvollsten erstrahlen würde. Ich sagte für den nächsten Abend Nüchternbleiben an. Die Kamolzen, sogar Jabw, rückten interessiert näher, als ich meinen Plan entwickelte ...

Ein kleiner Wettkampf würde sich ganz nebenbei ergeben. Und ich dachte bei mir: Das wird ein Test für uns alle. Damit kläre ich die neue Kamolzen-Rangordnung. Ohne mich wart Ihr nur ein vertriefter Haufen. Das wird sich ändern. Ich werde euch einstufen nach eurem Mut, eurer Wendigkeit, eurer Power. Ohne, dass ihr’s merkt. Ich weiß dafür eine neue Maßeinheit.

 

Nächster Abend. Dunkelheit. Alle nüchtern. Das Angriffsziel hieß achter Stock.

Jabw: “Wer zuerst?”

Die Schwarze: “Du, Stefan!”

Von unten sah die Übung aus wie ein Kinderspiel. Die Balkons dieses Bautyps schließen ja nicht plan mit der Hauswand ab, sondern stehen ein Stück vor, bieten Griff- und Trittmöglichkeiten. Wir besprachen die Einzelheiten. Auf den Parterrebalkon gelangte man leicht, konnte fast hinaufflanken. Hier kam es nur darauf an, sich nicht grade vor einer der großen Fensterscheiben zu zeigen, sich hart am Rand zu halten. Dann:

Linker Fuß auf die Brüstung, aufrichten an dem Betonträger, der die Balkonbrüstung des Nachbarsegments trägt.

Stehend mit der rechten Hand das Eisengeländer auf der Brüstung greifen, linkes Knie auf den Träger raufziehen.

Rechter Fuß folgt, man stützt sich hoch, steht vornüber gebeugt halb über dem nächsten Balkon und schwingt das rechte Bein über den Rand.

Man steht sicher im ersten Stock, kann ausruhen und Kräfte sammeln oder auch nicht, sich um hundertachtzig Grad drehen und den Vorgang seitenverkehrt wiederholen.

Technisch also keine große Sache, man sieht so was in jedem Film zehnmal schwieriger. Die Herausforderung bestand in der Überwindung der Höhenangst.

Kevin: “Und was kriegt derjenige, der den achten Stock schafft?”

Danny: “Vorschlag: Clinch mit der Schwarzen.”

Ich lachte über den Joke gebührend: Schafft Ihr erst mal den vierten oder fünften. Davon hängen eure Beförderungschancen in meiner zukünftigen Truppe ab. Ich spaßte: “Und wenn es gleich alle bis in die acht schaffen? Ich meine, wegen dem Clinch?”

Die Schwarze blies Asche von ihrer Zigarette, dass sie rot aufglühte. Jabw äußerte sich zunächst nicht. Nach einer Weile hob er eine Schulter und sagte knapp: “Wer die Rakete zündet, gewinnt den Clinch.”

Ich wunderte mich, dass er den unerhörten Vorschlag von Danny nicht ebenfalls als Witz abtat. Clinch mit der Schwarzen? Waren die vier schon derartig abgefahren? Was verstanden sie unter der Boxervokabel, wie weit ging so ein “Clinch”? Mit der Schwarzen, auf die Idee war ich noch nicht gekommen, obwohl wir uns doch nun schon ein Weilchen kannten. Eine unerwartete Erregung erfasste mich, aber ich tat cool und wandte ein: “Derjenige, der als erster klettert, und der dann auch die Rakete bei “ Herzinfarkt” zündet, lässt den andern dann ... keine Gewinnchance mehr, oder?”

Ich redete von “Gewinnchance”, als ob es um ein Maibaumklettern beim Kinderfest ginge, mit einer Schachtel Ferrero-Küsschen als Preis.

Jabw: “Wir losen, wer den Anfang macht. Schafft er’s - Pech für die anderen: Leb wohl, Marie, Vielleicht beim nächsten Mal.”

Die Schwarze lehnte sich rücklings an seine breite Brust und summte wieder mal den Soundtrack ihres Lebens: Sail away ... Ich bekam mit, wie seine Hand ihren Rücken abwärts strich. Ihr Hund knurrte kurz auf, sie löste sich von Jabw. Sie beide waren überzeugt, dass er der Gewinner sein würde.

Die Schwarze war der Preis, sie musste selbstverständlich nicht klettern. Sie kürzte drei Streichhölzer, das vierte ließ sie lang und versteckte die Enden in ihrer Hand, so dass nur die roten Köpfe hervorguckten. Irgendwie managte sie es, dass Jabw das lange Beinchen erwischte.

Er zog seine Kapuze über seine Schirm-Baske und band sich ein Tuch vor den Mund. Für den Fall einer unliebsamen Überraschung blieb das Gesicht besser unsichtbar. Ich händigte ihm eine Rakete aus.

In der Nähe stand eine Laterne, sie störte uns. Kevin zerschmiss sie mit einem einzigen Steinwurf. Es klirrte leise, die Glassplitter landeten zwischen den Zweigen eines Essigbaums.

Jabw war schon auf dem ersten Balkon. “Sie haben die Jalousien unten”, hörten wir, aber das sahen wir selber, das Licht sickerte in Streifen durch. Er setzte das linke Bein auf die Brüstung und zog sich weiter hoch. Das ging sehr schnell, Genaueres war aber jetzt nicht mehr zu erkennen. Wir hörten dann aus dem zweiten Stock ein wütendes Zischen: “Sch ..., die Schweine haben Kakteen draußen ...” Kevin und Danny krächzten ihr Beavis-and-Butthead-Gekrächz, die Schwarze streichelte ihren Hund, sie guckte nicht nach oben, die ganze Zeit nicht. Ich blickte auf meine Swatch: Jabw war jetzt eine Minuten unterwegs. Wenn er so weitermachte, musste er in weniger als zehn Minuten am Ziel sein. Wir sahen von Zeit zu Zeit im Widerschein eines in der Ferne vorbeistreichenden Autoscheinwerfers seine Silhouette an der Hauswand turnen. Manchmal verschwand er ganz.

Ein Schreckensschrei.

Gepolter.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück, ich glaubte, gleich käme er runtergeklatscht. Aber oben tat sich nichts weiter. Wir verzogen uns unter die breiten Fächer des Essigbaums und spähten durch die Blätter nach Jabwonkis Rakete. Fehlanzeige. Nach ungefähr drei Minuten kam er an - aber nicht die Wand herunter, sondern zur Hintertür heraus. Er schnaufte: “Der ‘ Herzinfarkt’!”

Die Schwarze: “Hat er dich erkannt?”

Jabw kauerte sich neben sie, zog sich das Tuch vom Mund: “Null Ahnung. Steht auf dem dunklen Balkon, guckt nach den Sternen. Ich - vor Schreck bald rückwärts ... Er sieht mich und japst. Ich zieh mich rauf, jumpe an ihm vorbei ins Wohnzimmer, der Korridor stank nach Muff, er hatte natürlich auch noch die Kette vor der Tür. Aber hier bin ich. Achter Stock.”

Die Schwarze kroch an ihn ran. “War’s für heute.” Ihre Stimme gurrte taubenzahm. Mich ritt der Teufel: “Aber die Rakete hat Stefan nicht abgebrannt. Das gehörte zur Aufgabe.”

Jabw brummte: “Aufgabe oder nicht. Werd heute schon noch ‘ne Rakete abbrennen.” Seine Hand strich ihren Rücken abwärts.

Die anderen beiden grunzten ihr B&B-Grunzen. Ich war in Gefahr, heute Abend den Clown zu machen, wie damals im Aktivmarkt. Auch vor mir selbst konnte ich mich nicht mit der halben Sache abfinden. Ich hatte die Kletterei angekocht und sollte nun selbst unten bleiben? Ich wäre nicht Rex Kamentz gewesen.

Ich sagte: “Die Rakete - geschenkt, Mann. Und hier noch drei Stück dazu. Eine behalte ich. Und jetzt bring ich’s zu Ende!”

Ich borgte mir Jabws Tuch und band es mir vor die Nase.

Die Schwarze: “Lass den Scheiß, Rex, echt, es reicht für heute.” Ihre Stimme war tief und heiser, und ich musste mich plötzlich zwingen, ruhig durchzuatmen. Sie war ja nicht gerade das, was man ein Supergirl nennt, aber sie war ein Mädchen. Und was sich unter ihren lappigen schwarzen Klamotten verbarg, wusste ich noch nicht. Das war es aber nicht allein, was mir in dem Moment durch den Schädel ging. Denn die ungewohnte Frequenz ihrer Stimme, die Heiserkeit waren mehrdeutig: Regte sie sich darüber auf, dass ich den Preis kriegen könnte? Oder traute sie mir die Leistung nicht zu, fürchtete gar meinen Absturz? Ich musste das checken, rein theoretisch. Und natürlich mich selber testen.

 

Schauer zwischen den Schulterblättern, der gleiche Schauer, den ich zum erstenmal verspürt hatte, als ich im Begriff war, die Salzprüfung zu abzulegen. Diesmal bereitete er mir Genuss, ich hatte das Gefühl des Außerordentlichen, des Großen, meine Sinne waren hellwach, gespannt, alles in mir war Klarheit, Ordnung, irgendwie nahm ich jeden meiner Nerven einzeln wahr, jede Muskelfaser, vibrierend, juckend vor Kraft.

Ich kletterte. Linker Fuß, rechte Hand, linkes Knie. Im zweiten Stock machte ich ebenfalls Bekanntschaft mit den Kakteen.

Im dritten stieß ich irgendwas um, verhielt mich still, aber nichts passierte.

Im Wohnzimmer des vierten rechts spielte eine Familie mit zwei kleinen Kindern ein Würfelspiel. Links war alles dunkel.

Im fünften rechts ebenso. Links hantierte ein Barttyp mit dem Staubsauger.

Im sechsten links saß ein Ehepaar unter der Stehlampe. Beide lasen Bücher. Rechts spielte ein kleines Kind am Lichtschalter: An, aus, an, aus.

Stinknormale Leute, Stinos: Kinder, Kakteen, Staubsauger, Bücher, heile Welt.

Auf dem siebenten Balkon stand die eiserne Anita. Ich konnte es mir nicht verkneifen - ich trug sie in die andere Balkonecke. Einfach so, in die andere Ecke, wo sie noch nie gehockt hatte. Die Tür stand so weit offen, wie der Sturmhaken es erlaubte. Durch die Jalousieritzen sah ich meine Eltern, Patricia im Joggingdress, Herbert im Anzug, den Schlips gelockert. Der Fernseher lief ohne Ton, sie saßen sich am Schreibtisch gegenüber, er im Drehstuhl, sie im niedrigen Besuchersessel. Sie drillten ein Verkaufsgespräch. Es war zum Lachen - und auch wieder nicht.

Er: “Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind wir uns einig, dass diese Kapitalanlage für Sie von großem Nutzen wäre.”

Sie: “Allerdings, mich interessiert nur noch die Mindesthöhe meines Einsatzes.”

Er: “Fünfzigtausend Mark.”

Sie: “Oh, fünfzigtausend!”

Er: “Ja, allerdings, fünfzigtausend.”

Sie: “Das ist aber gleich sehr viel.”

Er: “Nun, das würde ich nicht sagen. Bedenken Sie ...”

Sie: “Falsch, falsch! Du mußt im gleichen Atemzug mit der Summe die Vorteile aufzählen. Hast du wieder versäumt! Der Kunde darf nicht zum Grübeln kommen! Und im letzten Satz widersprichst du ihm unverblümt! Willst du verkaufen oder willst du dich mit ihm streiten? Noch mal von vorn ...”

Was für ein Müll, dachte ich beim Weiterklettern. Vielleicht hatten sie keine andere Wahl, ich aber fühlte mich doppelt frei in luftiger Höhe, fast wie der Adler, der keine Fliegen fängt, aquila ...

Rechts von uns spielten zwei Schulmädchen Flöte.

Vor dem achten Stock spannte ich erst eine Weile, eh ich mich hochzog: Der “ Herzinfarkt” stand nicht mehr draußen, die Balkontür war zu, Licht brannte nur im kleinen Zimmer. Die Vorhänge waren nicht ganz zugezogen.

Die alte Frau, die da im Bett saß, war mir noch nie begegnet. Sie hatte einen schiefen Mund, der “ Herzinfarkt” flößte ihr aus einer Schnabeltasse zu trinken ein und redete ihr zu. Er streichelte ihr strohiges, schmutziggraues Haar, das nach allen Seiten abstand. Seine Hände zitterten, und eine grünliche Flüssigkeit tropfte den Mundwinkel der Kranken hinab. Es war echt kein schöner Anblick. Die Schwarze hat irgendwie recht, dachte ich, man müsste mit dreißig zur Hölle fahren.

Ich zog meine Rakete aus der Tasche, kramte nach dem Feuerzeug. Es streikte. Und als der Docht schließlich, fast widerwillig Feuer fing, schnappte mir der Deckel unter dem Daumen weg. Hier sollte es also nicht sein. Die alte Frau mit dem schiefen Mund hatte es endlich fertiggebracht, die Tasse mit den eigenen Händen zu fassen.

Nur weg hier! Ich war in Top-Form, die Kletterei war leichter gegangen als gedacht. Weiter! Ich blickte nicht nach unten, ich wusste, dass sie dort auf mich warteten.

Endlich sah ich über mir die Dachkante. Ich war im elften Stock. Hier brannte kein Licht, ich konnte auch nicht sehen, ob die Leute Vorhänge oder Jalousien hatten, und wenn ja, ob sie zugezogen waren. Ich blieb vorsichtig: Auf Knien tappte ich über den Kunstrasen, ertastete eine Flasche, die sie wohl zum Blumengießen verwendeten. Ich kippte das Wasser aus, zog meine Rakete erneut hervor und stellte den Holzstab hinein. Die Startrampe war perfekt, ich postierte sie auf die Balkonbrüstung. Erst im letzten Moment, als ich schon wieder mit einem Bein über dem Abgrund hing, schnipste ich mein Feuerzeug an. Die Flamme war sofort da. Ich hielt sie an die Lunte.

Im Licht der kleinen, sich aufwärtsfressenden Glut erblickte ich an der Seitenwand einen Klettereibisch, pflückte eine dunkle Blüte ab und steckte sie ein. Dann zischte und krachte es ohrenbetäubend.

Ich hing eine Weile regungslos. Nichts rührte sich. Die Wohnungsinhaber waren nicht daheim. Und auch auf den anderen Balkons erschien niemand: In “Stalingrad” knallt es das ganze Jahr über.

Der Abstieg war der schwierigere Teil. Denn nun musste ich nach unten sehen, ob ich wollte oder nicht, in die schwindelnde Tiefe. Und einmal trat ich einen von den gefärbten Ziersteinen los, die, in den Beton eingegossen sind, rutschte ab und hing für einen Moment nur an den Armen.

Klimmzug, der Fuß fand wieder Halt.

Der Stein musste die Kumpels unten ganz schön erschreckt haben, ein weiblicher Angstlaut hallte noch mehrfach im hohen Karree der Häuser, gefolgt von einem kurzen Aufblaffen des Hundes. Mein Herz schlug wie rasend, und ich wusste nicht, ob es von dem Notklimmzug kam oder schon von der Erwartung dessen, was sie “Clinch” genannt hatten. Außer Puste sprang ich vom letzen Balkon und zog die Eibischblüte aus der Tasche. Sie war zerdrückt, ich gab sie der Schwarzen: “Game over. Tschüs für heute.”

Auf einmal war mir so, als müsste ich locker auf die Belohnung verzichten. Unter Kumpels war das ja total straight.

Jabw erhob sich: “Hast gewonnen.” Ich wollte etwas einwenden, aber er unterbrach mich mit Grabesstimme: “Hast gewonnen, verdammt noch mal!” Er nahm den Hund beim Halsband und verschwand in Richtung Kletterburg. Kevin und Danny folgten ihm unentschlossen, kamen nach ein paar Schritten zurück. Offenbar fühlten sie sich hinundhergerissen zwischen ihrem alten Obermacker und mir. Sie versuchten das Klettern schließlich auch, außer Konkurrenz, aber halbherzig, ohne besonderen Eifer: Danny schaffte es bis in den dritten Stock, Kevin bis in den zweiten.

Dann verkrümelten auch sie sich. Mit einer solchen Reihenfolge hatte ich ungefähr gerechnet: Ich - elfter Stock, Jabw - achter, Danny - drei, Kevin - zwo. Ein nicht einzuschätzender Faktor war das Mädchen. Bei Hühnern gibt es eine Hackordnung.

 

Die Schwarze: “Was is nu?”

Ich: “Was soll sein?”

Sie setzte sich ins Gras, zog eine Zigarette hervor, zündete sie an und reichte mir den zweiten Zug. Ich setzte mich neben sie und gab ihr die Zigarette wieder. Wir verschränkten die Arme vor den Knien und schwiegen eine Weile.

Sie: “Blond, bisschen wellig. Steh ich drauf.”

Ich: “Schwarz. Steh ich auch drauf.”

Meine Stimme kam gepresst, das Herz schlug mir noch immer unterm Kinn, vor Blödheit wusste ich nichts Besseres, als ihr das Kompliment über die Haarfarbe zurückzugeben. Ihr Halbfrisur hatte mir nie gefallen, es hing Tag für Tag auf die gleiche Weise strähnig hinter ihrem winzigen Ohr. Eine Duftmischung aus Deodorant und Körperdunst wie nach tagelangem Trampen stieg mir in die Nase. Irrerweise stieß mich das aber nicht ab, im Gegenteil. Doch eins war total verrückt: Beate hatte ich schon berührt, als ich vierzehn war, hatte mit ihr auf dem Teppich Sonne, Mond und Sterne gespielt. Und hier traute ich mich plötzlich nicht.

Ich ärgerte mich sofort, dass mir Beate ausgerechnet jetzt in den Sinn kam.

Die Schwarze drückte die Zigarette in die Erde. “Is’n nu?”

Ich gab mir einen Ruck und legt ihr die rechte Hand auf den Oberschenkel, ein Stück überm Knie. Der Hosenstoff war dünn und seidenglatt. Sie wartete, nahm dann die Hand und schob sie höher. Dabei geriet mein Ellenbogen gegen ihre Brust. Eine saublöde Stellung, der rechte Hand wie beim Stafettenlauf, kurz vor der Stabübernahme. Ich nahm den Arm wieder weg und legte ihn ihr um den Rücken. Und merkte, dass die linke Hand im Augenblick wichtiger war.

Die Schwarze hatte dünne, kühle Lippen, sie kippte hintenüber und zog mich mit. Ihre Nackenwirbel drehten sich zwischen den Fingern meiner rechten Hand, mit der Linken suchte ich fahrig zwischen den Falten ihres Overshirts herum, um einen Eingang zu finden. Sie lachte, ihr Nabel zuckte, sie machte eine Bewegung, und ich fand mich zurecht. Sie trug keinen BH, die kleine Brust war feucht und heiß, stand fest wie bei den roten Frauen auf den Bildern dieses Südseemalers Gauguin. Inzwischen war sie nicht untätig, sie zerrte an unseren beiden Reißverschlüssen. Aber als meine Hand näher kam, griff sie danach, die Zifferblattbeleuchtung meiner Swatch blitzte kurz auf. Das weitere war Hektik, die dann in einen ruhigeren Rhythmus überging und etwas vom Stampfen einer Maschine hatte. Zwischendurch musste ich mir einen Lachanfall verbeißen, weil ich mir vorstellte, jetzt käme jemand mit der Taschenlampe. Das irritierte sie, sie lag plötzlich still, boxte mich gegen die Brust: “He, stimmt was nicht?” Ich sagte “alles okay”. Aber es war nicht mehr okay. Sie versuchte einen Stellungswechsel, wälzte mich zur Seite, um selbst nach oben zu kommen, wir gerieten auseinander. Sie beugte sich über mich, drückte meinen Kopf ins Gras und spuckte mir ins Ohr. Fast wütend riss ich sie wieder unter mich: Ich war der, der hier bestimmte. Die Schwarze fügte sich.

Dann waren da zwei oder drei kleine Rülpser, die sich unter meinem Drängen aus ihrer Kehle in meinen Mund entluden, und die merkwürdigerweise nach Zitrone schmeckten. Erst später ist mir klargeworden, dass sie von dem Spülmittel herrühren mussten, das sie in ihr Bier tat.

Live, richtig in einem Mädchen, war es das erste Mal für mich. Als sie merkte, wie ich abhob, spannte sie sich, krallte ihre Nägel in meine Hüften, bäumte sich mir hart entgegen und hörte auf zu atmen. Diese Starre dauerte eine kleine Ewigkeit, dann sackte sie zurück, als hätte ich sie erwürgt. Erst nach einer Weile kam ein kurzes Schnappen, nach einer Pause drang schließlich ein stoßweises Stöhnen tief aus ihr heraus. Ich glaube, in dem Moment stimmte es zwischen uns.

Mit Beate war ich so weit nicht gekommen.

Die Schwarze nahm wieder mein Handgelenk und drückte auf die Zifferblattbeleuchtung: “Fünf Minuten, na ja.” Dann rauchte sie. Ich zerrte vergeblich an meinem Reißverschluss. “Schätze, der ist hin”, stellte sie fest.

Ich: “Guckst du immer auf die Uhr?”

Sie: “Mach ich immer, wenn mal was satanisch Schönes kommt. Hab halt sonst meistens den Arsch voller Tränen.”

Ich: “Jetzt im Moment auch?”

Sie: “Jetzt schon wieder, mein Höllenengel.”

Warum?”

Was hab ich vom Leben? War mal Köchin, Azubi. Der Kneiper ging mir regelmäßig an die Wäsche. Danach dreiundvierzig neue Bewerbungen. Ich wollte weg von zu Hause, zur See fahren. Was soll’s. Frag nicht weiter, Höllenengel.”

Ich hätte gern gewusst, ob das An-die-Wäsche-Gehen mit dem Baby zusammenhing, das sie sich mit dreizehn hatte “wegnehmen” lassen. Aber dann fiel mir ein - mit dreizehn ist man noch nicht Azubi.

Ich fragte was anderes: “Wieso dauernd Höllenengel?”

Sie: “Ich wusste von Anfang an, dass es mit uns passieren würde, mit dir und mir. Schon in dem Wort Sa-ni-t-är-an-lagen” - sie betonte die Buchstaben, die das Wort Satan ergaben, wie sie es ähnlich schon bei anderer Gelegenheit gemacht hatte - “schon da hab ich dich entdeckt, Höllenengel. Es war ein Fingerzeig.”

Ich ahnte nichts Gutes: “Was hab ich mit Sanitäranlagen zu schaffen?”

Sie: “Hatte dein Alter nicht diese Firma? Als mir Stefan davon erzählte, wusste ich, es war vorherbestimmt.” Sie ergriff plötzlich meinen Kopf mit beiden Händen, küsste mich fest auf den Mund. Jetzt waren ihre Lippen warm. Sie stand auf und klopfte sich die Klamotten ab: “Sail away.”

Auf den Spielplatz, hinter der Kletterburg, pfiffen Raketen hoch.

 

Ihren Ursprung hatte die Fassadenkletterei in einem Gedankenspiel gehabt. Im Zusammenhang mit einem gewitterschwülen Beate-Traum. Aber jetzt war ich live geklettert - und hatte live mit einem Mädchen geschlafen. Nur nicht mit Beate. Auch, wenn es zwischen uns aus war - irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mir meine leicht errungene “Zielprämie” den Weg zu meinem Traummädchen endgültig, für alle Zeiten, versperrte. Ich schämte mich, mir war echt elend zumute.

Irre. Ein Rex Kamentz und sich schämen. Einer wie ich steht eigentlich über den Dingen. Es gibt kein Gut und Böse, keinen Gott und keinen Teufel. Und doch - ich schämte mich. Und leider nicht nur wegen des Verrats an meinem Beate-Traum, sondern zusätzlich noch - vor der Schwarzen. Ihr lächerlicher Satansfimmel war mir zupass gekommen. Aber ansonsten - sie hatte doch keinerlei Gefühle für mich, und ich keine für sie. Woher denn auch.

Was hatte ich in dem Augenblick empfunden, als wir beide nichts als eine brutal stampfende Maschine waren, ich vor allem? Konnte es nicht sein, dass ich ihr sogar wehgetan und sie es mit ihrem coolen Blick zur Uhr nur überspielt hatte? War nicht bloß mein zeitweiliger Alles-egal-Frust im Spiel gewesen, dazu das Rauschen meiner Stresshormone nach dem Klettern, durchmischt mit der Sorge, vor einer Kamolzin als Mann zu versagen?

Das war allerdings was Neues: Ich legte Wert auf ihre Meinung über mich.

Ich traf sie am nächsten Tag auf der Straße, sie hatte ein geschwollenes Auge. Mit dem gesunden sah sie an mir vorbei, aber mit einem kaum beschreibbaren Ausdruck von Befriedigung, der ungefähr sagte: Siehst du, Höllenengel, das hast du mir angetan.

Ich kann nur spekulieren, was zwischen Jabw und ihr gelaufen war: Er hatte wohl damit gerechnet, dass sie sich weigern würde, einem anderen als ihm den “Preis” zukommen zu lassen. Vielleicht hatte er ihre Anhänglichkeit testen wollen, ihr deshalb die freie Entscheidung überlassen.

Und die freie Entscheidung dann nicht verkraftet. Ich beschloss, mich ein paar Tage nicht bei den Kamolzen blicken zu lassen.

 

Hätte ich nur nicht den Gartenzwerg auf dem Balkon spazieren getragen. Das ist einer von meinen Grundfehlern: meine Sorglosigkeit, mein plötzlicher Mutwillen, das Bedürfnis, es drauf ankommen zu lassen.

Ich saß in meinem Zimmer, da klingelte es an der Korridortür.

Herbert machte auf, ich hörte die zittrige Stimme vom “ Herzinfarkt”: “Suche weitere Zeugen ... Fußspuren ...”

Ich klinkte meine Tür auf, um besser zu verstehen.

Herbert: “Der Wind letzte Nacht. Sie müssen sich irren.”

Der “ Herzinfarkt”: “Mich irren? Es ging gar kein Wind. Er stand plötzlich neben mir, so nah, wie Sie jetzt ...”

Herbert: “Beruhigen Sie sich! Wie sollte einer im achten Stockwerk ... Manchmal sieht man auch Gespenster. War vielleicht ein kleines Schnäpschen im Spiel, Sie? Komm mein Schatz, wir trinken ein Likörchen, hehe?” Es tat mir weh, meinen Vater das alte Stimmungslied zitieren zu hören, wahrscheinlich drohte er dabei noch scherzhaft mit dem Zeigefinger.

Der “ Herzinfarkt” kam prompt in Rage: “Wollen Sie sagen, dass ich betrunken war? Haben Sie auch die Knallerei nicht gehört?”

Herbert: “Das war im Hof irgendwo. Bitte nehmen Sie’s mir nicht übel. Aber ich habe zu tun.”

Damit schloss er die Tür. Er schloss sie leise. Rücksichtsvoll.

Unterdessen war Patricia auf den Balkon gelaufen. Jetzt kam sie: “Anita ...”

Herbert: “Was ist mit Anita?”

Sie: “Steht nicht mehr am alten Fleck. Verpflanzt hab ich sie nicht!”

Er: “Vielleicht war sie dir beim Wäscheaufhängen im Weg?

Sie: “Rex? Rex!!”

Ich kam aus meinem Zimmer, tat verschlafen: “Was ist?”

Sie: “Hast du Anita ...”

Ich: “Ich betrete doch kaum euren blöden Balkon.”

Sie: “Eben. Er gießt ja nicht mal die Blumen. Hirsch, hol den alten Mann zurück ...”

Ich hätte zugeben können, dass ich es war. Dass ich beispielsweise im Balkonschränkchen etwas gesucht hätte, dass mir Anita im Weg stand. Aber mich ritt wieder mal der Teufel - Ich wollte wissen, wie Herbert reagieren würde.

Er: “Ich den Alten zurückholen? Damit wir dann von der Polizei als Zeugen befragt werden? Und morgen steht’s in der Rundschau? Denkst du, das macht einen guten Eindruck auf die Klienten? Ich sage dir was: Ich war der schreckliche Übeltäter. Jetzt erinnere ich mich: Habe im Balkonschränkchen was gesucht. Der Alte spinnt einfach. Er kann einem natürlich leid tun.”

Sie: “Vorsichtig warst du immer, Hirsch. Wie es sich für einen Hirsch gehört. Jetzt wirst du feige. Du hast nicht Angst wegen der Klienten, sondern vor den Typen, die hier massenweise herumhängen, gegen die du aussagen müsstest.”

Zwei Kripoleute kamen und befragten die Mieter. Herbert leugnete, etwas Auffälliges bemerkt zu haben. Patricia schwieg dazu und ich auch.

Aber er legte eine Kette um Anitas Hals und schloss sie ans Balkongeländer.

 

So bestätigte sich, dass mein Vater kein Kreuz mehr hatte. Bildlich gesprochen, denn man sah ihm äußerlich nichts an: Er ging nicht gebückt, nicht mit hängenden Schultern, er war nicht geschrumpft. Da noch nicht. Wenn er sein Anzugjackett ablegte, leuchtete sein dezent-pastellfarbenes Oberhemd, auf der goldenen Schlipsnadel las man das Wort Allfinanz. Trotzdem war an ihm nicht mehr die Spur vom alten “Hirsch”. Er war ein Männlein, das sich reckte, versuchte, sich Respekt zu verschaffen:

Hast du Schularbeiten gemacht?

Ich: “Nei-en!”

Er: “Dann machst du sie jetzt.”

Ich: “Jetzt nicht!”

Er: “Was hattest du in der letzten Mathearbeit?”

Ich: “Drei. Es waren bloß Faselfehler.”

Er: “Was war mit Physik?”

Ich: “Auch drei. Der Test war nicht angekündigt.”

Er: “Und wie viele haben eine Eins geschrieben?”

Ich: “Vier oder fünf. Höchstens.”

Er: “Aha, und der Primus nicht mit dabei ... Du machst jetzt deine Schularbeiten. Das Leben besteht nicht aus Dumdideldei, sondern aus beharrlichem, zähem Streben, Schritt vor Schritt..”

Ich lachte: “Denkst du, mit deiner Tippel-Tappel-Tour kommt einer heutezutage weiter?”

Er zuckte. Und ich erschrak. Das Wort Tippel-Tappel musste er ja auf sein kaputtes Bein beziehen, an dem ohne alles Drumrumreden ich schuld war. Hätte er nicht ins Krankenhaus gemusst, wäre die “Firma Flott” nicht wochenlang ohne seine Kontrolle geblieben und vermutlich nicht pleitegegangen und so weiter.

Aber nichts in dem Sinne kam von seine Seite. Mein Vater beherrschte sich. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, hob sein Bein auf ein Fußbänkchen und stützte die Stirn in die Hand: “Ich könnte mich immer wieder ohrfeigen wegen dem Versicherungstrick mit unserem Honda damals. Damit muss ich dir ein schlechtes Beispiel gegeben haben. Ist es das? Verachtest du mich, lässt du mich deshalb dauernd deinen Widerstand spüren, deinen Spott?”

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, lehnte am Schrank, die Hände auf dem Rücken, und federte mit den Schulterblättern vor und zurück gegen das Holz.

Glaub mir”, fuhr er leise fort, “es war das einzige Mal bisher, dass ich eine krumme Tour versucht habe. Und sie hat mir nichts eingebracht als Scherereien. Wenigstens das sollte dir zu denken geben. Und jetzt geh und erledige deinen Schulkram, dein Vater bittet dich.”

Merkwürdig, gerade in dieser Minute, in der er sich nicht respektheischend spreizte, fast zusammengesunken hinter seinem Schreibtisch hockte, den Fuß auf dem Bänkchen, wirkte er größer, massiver als sonst. Ich ging in mein Zimmer und öffnete meine Bücher.

Zwei Tage später kriegte ich einen Ausschlag am Unterarm. Ich dachte plötzlich an AIDS, aber die Vorstellung war ja lächerlich. Und dann entdeckte ich mehrere abgebrochene Kakteenstacheln, winzig. Ich zog sie mit der Pinzette heraus, und damit war die Sache erledigt.

 

Wieder eine Nacht. Draußen rauscht ein Platzregen nieder, und von Zeit zu Zeit poltert ein Apfel aufs Garagendach, rollt die Schräge hinunter und zerplatzt im Gras. Als Kind nannte ich dieses Geräusch “das kleine Gewitter”.

Ich habe eine Etagenordnung erfunden und bin selbst im Keller gelandet.

Den Sonntagnachmittag über immer mal am Ausstieg gekratzt. Riskant, so am helllichten Tag, aber besser als das Rumsitzen und Grübeln. Bei Licht arbeitet sich’s besser, schon wegen der Ameisen, man wischt sie weg, eh sie ihre Säure verspritzen können. Trotzdem nicht vorwärtsgekommen: Schmerzen in der Mittelhand. Und im Mörtel Kieselsteine, die klemmten, sich nicht rührten. Reste des zweiten Ziegels kamen nur stückweise.

Und dann, bei Einbruch der Dämmerung, ein feines Zischen oben im Haus, leise aber deutlich. Verwechslung mit Ratten unmöglich. Die Abstände unregelmäßig, tssst ... tssssssst ... tst ...

Du spürst die fremde Anwesenheit auf der Haut wie ein Jucken. Der Atem stockt, der Herzschlag wird hart, auch, wenn schon alles wieder still ist.

Um mich umzubringen, würden sie außerhalb der gewohnten Stunden für Frühstück (8 Uhr) oder Abendbrot (19 Uhr) kommen. Unerwartet würden sie da sein, damit ich keine Zeit für Verteidigungsmaßnahmen finde. Mit der Pistole - nein, so würden sie es bei mir nicht machen. Eher mit einer Schnur, wegen der Spurensauberkeit, sie würden die Schlinge im Nacken mit einem Knebel zuschrauben wie auf der alten spanischen Garrotta.

Gestern die Ameisen auf den Fliesen gezählt, manchmal kam ich auf über hundertfünfzig. Vielleicht war das gar kein Zischen, was das Ohr registrierte. Vielleicht knisterten nur tausend Insektenschritte. Meine Sinne beginnen in diesen Tagen der Stille überempfindlich zu werden, ich sehe kristallscharf die Konturen der Gegenstände in diesem halbdunklen Raum, durchs offene Fenster rieche ich, ob der Wind von den Feldern kommt oder aus dem Beton. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich bald auch mit der Haut hören kann. Fast gewaltsam rette ich mich in die Erinnerung, um nicht den Verstand zu verlieren.

 

Wenn ich und Jabw uns auch vorläufig nicht bei den Kamolzen trafen - wir waren ja trotzdem Schüler des gleichen Gymnasiums, der gleichen Klasse. Quasimir hatte im letzten Jahr gerade noch durchgedrückt, dass sein Schlusslicht versetzt wurde. Mit Ach und Krach und unter Berücksichtigung sozialer Aspekte, wie es offiziell tönte.

Das zehnte Schuljahr war Jabws letzte Chance.

In der Klasse ahnte niemand, dass es zwischen Stefan Jabwonski und mir eine neue Beziehung gab, die Eifersucht, nämlich seine. Aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Im Gymmi waren wir Gymnasiasten, und was sich in “Stalingrad” abspielte, gehörte nicht her. Hier war Burgfrieden angesagt. Waren wie nicht beide Prolos? So dachte ich, und glaubte, dass er auch so dächte.

Seit meinen berühmten Blackouts bewirkte mein Erscheinen bei manchen Mitschülern immer wieder mal ein Augenzwinkern, das ich nicht mitbekommen sollte. Schlimmer aber war eines Tages ein Ausbruch von öffentlicher Hilfsbereitschaft: Ich war bei der Kassierung für eine Fahrt ins Landschulheim gerade mal nicht flüssig (einen Tag vor dem Taschengeld), da veranstalteten sie eine Sammlung. Für Jabw und mich. (Natürlich steckte Elän dahinter, aber Beate bereitete es offenbar Genugtuung, die Spendenliste zu führen und uns am nächsten Tag die dicken Kuverts zu überreichen.) Der Unterschied zwischen Jabw und mir: Er schob das Geschenk mit eiserner Miene in seine Socke - die Zeiten, wo er über milde Gaben ausrastete, waren lange vorbei. Ich aber dachte: Mit mir nicht. Auf euren Exkursionsfotos werdet ihr später nicht mit dem Finger auf den Almosenempfänger Rex Kamentz tippen.

Ich nahm also das Geld in Empfang, legte zehn Mark von meinem daheim frisch empfangenen Wochengeld dazu und erwarb am Pausensnack-Fenster des Hausmeisters den gesamten Lagerbestand an Haribo-Konfekt. Ich riss die Tüten auf, engagierte zwei kleine Realschüler, die den zusammengeklumpten Inhalt in den Korridoren breit streuen mussten - was sie mit Wonne taten. Ich ging nebenher - keine halbe Minute, da hatte ich hinter mir eine heitere, sich balgende Prozession. Die Show war ich mir schuldig. Und meinem ruinierten Ruf.

Zu der Exkursion fuhr ich natürlich nicht mit.

Und ich erteilte damit Jabw eine Lektion in Sachen Verachtung. Er verstand - und nahm übel. Dazu kam, dass er meinen “Clinch” mit der Schwarzen noch nicht verwunden hatte. Aber seine Art Wut war mit Zeitzünder ausgerüstet, wie ich später noch mehrfach erleben musste.

 

Es gab ein Schulfach, in dem er jederzeit mit mir gleichzog: Sport. Er war etwas kleiner als ich, aber ein Kraftbündel, ich lief schneller, er ausdauernder. Ich fing Bälle, die er nie gehalten hätte, er schoss Elfmeter, die selbst mir die Luft nahmen, falls ich sie fing.

Einmal organisierte unser Sportlehrer Häcker ein Wasserballturnier gegen eine Bautzener Schule. Auf den Zuschauerbänken entdeckte ich Beate, in der ersten Reihe zwischen Elän und Quasimir.

Sie strich sich dauernd über die straff gekämmte Zopffrisur, rechte Hand, linke Schläfe, trug Pants und ein hellblaues Top, über dem Nabel geknotet. Und als ich einmal direkt vor ihr aus dem Wasser tauchte, sah ich, wie Quasimir ihr auf ebendieses hellblaue Top schielte.

Eigentlich waren sie dazu da, ihrer Mannschaft zuzujubeln, aber ich glaube, sie wetteten auf den Sieg der Bautzener. Von Abspiel, von Ballkombination bei uns keine Rede: Jabw und ich versuchten nicht so sehr, den Gegner kaltzustellen, als uns gegenseitig auszustechen. Das war eindeutig Jabws Schuld.

Einmal flog der Ball aus dem allgemeinen Gequirle ein wenig abseits, er und ich crawlten danach, als stünde das Leben auf dem Spiel.

Ich als erster am Ball. Inzwischen sind auch zwei Bautzener heran. Jabw, als wollte er in eine günstige Zuspielposition schwimmen, vollführt eine Wende ...

Ein Tritt. Ich reiße vor Schmerz den Rachen auf und saufe ab. Krümme mich, statt mich zu strecken, kriege die Nase nicht an die Oberfläche. Der rechte Hoden ist weg, steckt irgendwo in der Bauchhöhle. Ich drücke auf meinem Leib herum, um ihn wieder nach unten zu kriegen. Ich sehe den blaugefliesten Beckenboden, das Geflimmer der tanzenden Lichtreflexe der Hallenlampen, ich sehe meine Hände arbeiten, die verkrampft angewinkelten Knie, zu keiner Schwimmbewegung fähig.

Ich sehe in einiger Entfernung das Gewimmel rudernder Beine, höre das Gekreisch der Zuschauer wie fernes Rauschen oben an der Luft. Die Lungen wollen mir platzen, ich schreie, ein Rülpser steigt nach oben. Ich höre Häckers Trillerpfeife, jetzt erst, nach dieser Ewigkeit, und dann ist jemand bei mir und hat mich im Rettungsgriff.

Ich liege gekrümmt am Rand, Chlorwasser in der Nase, die Hände zwischen den Beinen, neben mir Quasimir, sein Anzug trieft, er ist es, der mich herausgeholt hat.

Beate ist bei seinem Platsch ins Wasser nass geworden. Sie wischt auf ihrer Brust herum. Die Wischerei beschäftigt sie dermaßen, dass sie nicht mal zu mir herguckt, als die Lehrer mich aufheben und zur Mannschaftsbank führen.

Jabws grimmiges Feixen in der Meute.

Der Sportlehrer der Bautzener kam: “Was war denn? Kleiner Wadenkrampf?”

Es war eindeutig ein persönliches Foul, und das noch von einem Mannschaftskameraden. Und Häcker hatte es nicht bemerkt.

Ich nickte.

Den Rest des Spiels verbrachte ich auf der Bank. Jabw lief zu großer Form auf. Kaiserswartha gewann verdient 17:15.

 

Das Ende des Schuljahrs war nicht mehr fern. Bis dahin ging es zwischen Jabw und mir böse hin und her.

Schlusspunkt: die Lateinklausur.

Der ahnungslose Quasimir hatte uns speziell für diese Arbeit nebeneinandergesetzt. Ich denke heute, er hat es getan, weil er Jabw eine selbständig erzielte Vier nicht mehr zutraute. Er muss gehofft haben, dass ich meinen Nachbarn abschreiben lassen würde. Nichtsdestoweniger hatte er uns alle an den äußersten Enden unserer Schülertische platziert, wahrscheinlich, damit ihm niemand Begünstigung vorwerfen konnte. Und er drohte mit dem Jüngsten Gericht, falls er Betrugsversuche bemerken sollte.

Der Text, denkbar entgegenkommend: Caesar, Commentarii de bello Gallico.

Gallia est omnis divisa in partes tres ...

Nach einer Viertelstunde schiebt mir Jabw unter dem Tisch, auf einem Lineal klebend, ein Haftnotizblatt herüber: divisa!!! Nicht mit Fragezeichen, sondern mit drei Ausrufungszeichen, ein Hilferuf.

Ich sehe den gelben Zettel noch leuchten. Ich rieche (noch jetzt, meine Eidetik funktioniert), wie Jabw schwitzt. Ich hebe angestrengt die Augen zur Zimmerdecke. Ich will den Zettel nicht sehen. Ich murmele sogar vor mich hin, so dass Quasimir, herschauen muss. Ich murmele aber nicht die Übersetzung der Vokabel, die mir mein Nachbar verzweifelt vom Mund abzulesen sucht. Ich brabbele den ganzen Satz, und zwar lateinisch, so, als ob ich mir selbst im Unklaren wäre. Die Übersetzung steht seit zehn Minuten auf meinem Blatt: Gallien in seiner Gesamtheit ist in drei Teile geteilt.

Was ich nicht wusste - und hätte ich es gewusst, hätte ich mich anders verhalten? - die Klausurnote war das Zünglein an der Waage gewesen, das über Jabws Verbleib am Gymnasium entschied. Quasimir konnte sein Schlusslicht nicht retten. Katastrophales Notenbild, rüpelhaftes Gesamtverhalten - die Klassenkonferenz beschloss Nichtversetzung. Die Sekundarstufe II hat der Schüler Jabwonski, Stefan, nicht mehr erreicht. Er ging ab.

 

Ich selber fing in der Klausur wider Erwarten auch bloß eine Drei. Der Grund: Tagelang vor der Arbeit war mein Interesse von einem Heft über CB-Funk gefesselt gewesen.

Ich lernte zur Zeit die Q-Gruppen, jene Kürzel, die aus den Tagen der Morsetaste stammen, und mit der sich Insider, die Lastwagenfahrer auf den internationalen Routen, schnell verständigen oder warnen:

QSO=Funkverbindung

QRA=Funk-Rufname

QTH=Standort

Ich prägte mir die Zahlencodes ein:

74=Laß Dich nicht erwischen!

99=Verschwinde!

Die Codewörter:

Kojak: Achung Bullen!

Oberwelle: Freundin, Ehefrau

Santiago S1, S2, S3 usw.: Grad der Empfangsqualität

Ich hatte im Laden ein Paar “SHORTY” von Team Electronic für 119,90 gesehen. Die wollte ich zu Weihnachten. Dafür paukte ich das Funkchinesisch.

Ja, ich war sehr beschäftigt.

Auch stand ich nicht mehr auf Vanessa Mae. Für mich war jetzt die Scheibe “Anarchy” von Chumbawamba absolute Spitze. Ich groovte mich ein, wenn die Stelle in Heaven/Hell kam: Tight-rope walker, chaos order, I fell right into heaven/hell, devil take me, god forsake me, made my home in heaven/hell.

Wenn ich den CD-Player zurückdrehte, hörte ich die unerträglichen Dialoge meiner Eltern, in deren Ergebnis Patricia meist ins Schlafzimmer rannte. Ich wusste, sie saß jetzt eine halbe Stunde im Schneidersitz auf dem Bett, mit durchgedrücktem Rücken, die Unterarme auf den Knien. Das Neueste aus ihrem Ratgebermagazin: Mit Yogaübungen versuchte sie sich zu beruhigen.

Wenn sie ausgeyogat hatte, versammelten wir uns am Küchentisch und löffelten schweigend den fast kalten Eintopf: Möhren, Kartoffeln gestampft, feinfaseriges Kochfleisch, Speck und Zwiebeln, Majoran.

Bei so einer Gelegenheit stieß ich mal den Löffel in den Brei: “Andere essen Pizza! Es gibt so viele Möglichkeiten: Pizza Salami, Pizza Fungi, Pizza sonst was ... Aber nein, ständig Prolofraß!”

Da war es mit Patricias Yoga-Ruhe aus. Sie fing an zu schluchzen, regelrecht zu wimmern. Sie sprang auf, langte aus dem Regal das Ketschup und schüttete mir den Inhalt der Flasche über den Eintopf, dass ringsum alles rot gesprenkelt war: “Da hast du Salami, Fungi, sonst was ...”

Am Schrank steckte ein Rundschreiben der Grundstücks- und Gebäudewirtschaft: Betreff: Mietanpassung.

Herbert verzog sich ins Wohnzimmer, sein “Büro”. Ich kam dazu, wie er fahrig in einem Wust von Papieren wühlte. Ich sah sofort, dass sie nichts mit seinem Job zu tun hatten.

Ich: “Technische Zeichnungen?”

Er raffte mit eiligem Griff die Blätter zusammen, überlegte es sich aber und fächerte sie vor mich hin: “Aber sag’s deiner Mutter noch nicht. Vielleicht ist es ein Ausweg. Guck hier ...”

Ich sah auf dem ersten Blatt, exakt in schwarzer Tusche auf Transparentpapier ausgeführt, eine Gehhilfe, eine Krankenkrücke, Maßstab 1:3.

Herbert, geheimnisvoll: “Meine Erfindung. Ich bin drauf gekommen, als ich mit dem Beinbruch lag.”

Das also war sein “Werkbankgeheimnis”, seine Bastelei im Keller.

Ich: “Ich sehe nichts Besonderes.”

Er: “Guck weiter.”

Er zog das nächste Blatt aus dem Fächer. Darauf war die Krücke im Längs- und Querschnitt zu sehen. Die Maßangaben waren noch mit Bleistift eingetragen. Ich erkannte, ins Innere des Krückenrohrs eingeschoben, ein zweites, dünneres, in ihm ein drittes. Und ein System von Spiralen.

Herbert, stolz: “Konversion des Erfindergeistes, sozusagen: die 30mm Kleinkaliberkrücke, abgekürzt KKK30.”

Ich: “Gehst du an die Börse damit? Wozu soll das Ding gut sein?”

Er: “Die KKK geht ineinander zu schieben. Leicht, platzsparend im Auto, steht nicht im Weg, fällt nicht dauernd um. Wenn sie gebraucht wird, genügt ein Druck aufs Knöpfchen, die KKK fährt aus zur individuell benötigten Länge.”

Ich: “Prinzip Knirps. Und wo ist das Knöpfchen?”

Er: “Das ist noch mein Problem. Ich habe hier drei Varianten ...”

Herbert entwickelte große Pläne. Er wollte einen “stillen Teilhaber” finden für eine ganz neue “Existenzgründung” und seine Produkte der Bundeswehr anbieten. Wenn er pro Krücke nur fünf Prozent verdiente, konnte er bei einem Herstellungspreis von hundertfünfzig Mark ...

Ich sah meinen Vater sich in Eifer reden, die Worte rauschten an meinem Ohr vorbei. Der stolze Hirsch meiner Kindertage - ein Krückenkonstrukteur. Okay, dachte ich, wenigstens unternimmst du was. Das kenne ich ja auch an mir, dass ich ständig was unternehmen muss, dass ich keine Ruhe habe, wenn nicht irgendwas passiert. Aber dein pingeliges Hantieren mit angespitztem Bleistift, die Erfindung von Knirps-Knöpfchen - das kann nicht mein Weg sein. Ich unterbrach seine Erläuterungen: “Mein Taschengeld steht noch aus.”

Er gab mir fünfundzwanzig Mark, die Hälfte des Üblichen. Ich stand da, die drei Scheine in der Hand: “Und das Tenniskonto?”

Er: “Von jetzt ab fünfundzwanzig. Basta.”

Nachher wieder taten mir Patricia und Herbert leid, und ich bedauerte besonders meinen Aufstand wegen der Pizza. Aber es war nun mal nicht meine Art, lange solches Mitleid zu ertragen: Mitleid ist etwas, das sich auf ferne, fremde Menschen beschränken sollte, auf Hungernde in Afrika, auf Slum-Indios, auf Tschernobyl-Kinder. Aber im Fall größerer Nähe wird aus Mitleid gleich Mit-Leiden, und man schiebt die eigenen Leute innerlich desto weiter von sich, um nicht verrückt zu werden.

Einen Hausaufsatz zum Thema “Mein Lebensentwurf” hatte ich schon tagelang vor mir hergeschoben, weil ich dachte - was nützt der ganze Schwindel. Dann setzte ich mich doch dran, klapperte irgendwas auf dem PC-Manual zusammen von ehrlicher Arbeit, beharrlichem Streben, Tippeltappel-Lebensideal usw. Und löschte alles komplett. Ich bekam eine Sechs von Quasimir, der mir die Löschung nicht glaubte.

 

Trotz allem, was zwischen Jabw und mir passiert war, saß ich wieder unter den Kamolzen. Wo sollte ich sonst hin? Und Kevin und Danny hatten mich direkt aufgefordert: “Kommst du, Rex? Mit dir ist wenigstens immer was los.”

Sofort aber fing Jabw von der Lateinklausur an: “Vor Gericht heißt so was: ‘Unterlassene Hilfeleistung’, du Schwein!”

Ich: “Du mußt ein Schwein sein in dieser Welt. Hättest du mich nicht ins Gemächt getreten.”

Er: “Hättest du die Pfoten von ihr gelassen.”

Die Schwarze saß auf seinem ausgestreckten Bein und rauchte, er stretchte gereizt an ihrem BH-Verschluss, sie machte eine ungeduldige, fast zornige Bewegung: “Na los, setzt euch gegenseitig die Faust aufs Auge. Und mir auch, wegen einem bisschen Clinch. Euch Jungs geht’s ja nicht gut, wenn Ihr nicht drauflos dreschen könnt. Immer wollt Ihr Sieger sein, einer den anderen übertrumpfen. Nur zu, Satan hat seine Freude an euch.” Ihre Rede war begleitet von einem Geperl rauchgefüllter Seifenblasen, sie hatte sich wohl zu viel Spülmittel ins Bier gemischt: “Schuld an dem ganzen Müll ist der da oben.” Ihr Daumen deutete zum Himmel.

In diesem Moment rollte ein blitzneues Taxi auf dem Plattenweg vorbei, der Fahrer ließ lässig einen Arm aus dem Fenster hängen, es war Jacke mit dem Lagerfeld-Zopf, der Fajerwerki-Verkäufer. Auf dem gelben BMW stand RIPPERSREUTH’S OVERLAND LINES CB-FUNKTAXI. Ich hatte von dem neuen Unternehmenszweig ja schon gehört. Wann würde Herr v. Rippersreuth eine Fluglinie eröffnen? Zwar war mir durchaus klar, dass nicht ausgerechnet er, als Einzelperson, an dem allgemeinen “Müll” schuld war, den die Schwarze meinte. Aber er gehörte zu den Göttern, die leibhaftig “da oben” saßen. Noch lange nicht ganz oben, klar. An der Spitze der Pyramide saßen die Herren von Shell (zum Beispiel), welche die ganze Menschheit zum Narren hielten, indem sie etwa eine Ölplattform, wenn sie sie schon nicht an Ort und Stelle versenken konnten, gen Norden in einen einsamen Fjord bugsierten, um sie dann dort in aller Stille wegrosten zu lassen. Die scheffelten die Knete, und die Knete reichte nicht für alle, wir unten guckten in die Röhre.

Ich sagte zu Jabw: “Hätte dich eine Latein-Vier gerettet? In der Sek. II büffeln wir in Leistungskursen. Kannst mir lieber dankbar sein. Verplemperst keine zwei Jahre mehr, suchst dir’n fetten Job.”

Er: “Du besorgst mir einen.”

Ich: “Als Möbelträger? Als Taxifahrer? Warum nicht? Siehe Jacke. Etwas findet sich.”

Er: “Vergiss es. Kein Wort mehr drüber.”

Sein gespielt lässiges Abwinken aber passte nicht zu seinem Gesichtsausdruck. In seinen Augen schwelte es, und auf einmal begann er, sich rhythmisch mit der Faust in die hohle Hand zu klatschen, so wie es die Faschos machen, wenn sie sich selber anheizen und Hass, Hass, Hass skandieren.

Er schob die Schwarze weg, wiederholte: “Kein Wort mehr.” Und stürzte sich auf mich: Magenhaken.

Ich: Katamewaza, De Ashi barai.

Er: Krallt mein Bein. Ne waza unmöglich, nur ordinärer Bodenkampf.

Ich: Daumen in seinem Auge.

Er: Würge beidhändig.

Ich: Knie in seinem Magen.

Er: Loslassen, Seitwärtsrolle.

Ich springe auf, zwei Tritte in seine Rippen. Ich will mich bremsen, mache stattdessen weiter. Noch ein Tritt, und da hast du, und in die Nieren, und noch mal, und noch mal ...

Die Schwarze hängt sich an mich.

Er: Aufspringen, das Messer. Es fliegt.

Der Schmerz in meinem Fuß. Durch den Schuh durch, im Spann. Er muss einen Nerv getroffen haben.

Die Schwarze hängt sich an ihn: “Schluss jetzt ... Idioten ...”

Kevin und Danny: “Co-ol ...”

Ich bücke mich, bleibe ohne jede Deckung, ziehe das Messer raus, wische die Klinke im Gras ab und übergebe es ihm: “Geht’s dir jetzt besser?”

Er: “Glaub schon.”

Der Schnitt war tief, aber parallel zu den Mittelfußknochen. Kein Nerv verletzt. Ein paar Tage Humpeln.

 

Nacht zum Dienstag. Vor einer Woche der Schlag über meinen Schädel. Seitdem allein mit mir selber. Dritten Ziegel in Angriff genommen. Die Ameisen krabbeln jetzt schockweise, ich mache Jagd. Weiß jetzt wieder, wie diese gelbe Art heißt: Pharaoameisen. Krankheitsüberträger, wir hatten sie in Bio. Knacken beim Drauftreten. Ich lasse die Leichen antrocknen, schabe sie später mit dem Schuh in die Ecke. Ich rede mit den Toten: Das ist Euer Friedhof, Ihr Kuscheltiere. Wo wird meiner sein?

Wieder das Gefühl auf der Haut, dass in der Nähe jemand rumschleicht. Wie viel wissen die über mich? Oder genauer, wie viel wissen die von dem, was ich weiß?

Warum haltet Ihr mich hier fest? Macht das Maul auf! Was habt Ihr mit mir vor!! Meldet euch endlich, wir kommen ins Geschäft ...

Habe ich das jetzt gesprochen? Oder wollte ich nur? Ich halte mir den Mund zu wie ein kleiner Junge, der sich beim Plappern ertappt. Mein Reden würde ihnen nur beweisen, dass sie mich geschafft haben. Das dürfte zwar das Verfahren beschleunigen - aber wie würde es ausgehen? Im Gegenteil, alles was ich brauche, ist Zeitgewinn, um mich frei zukratzen.

Garotta? Und wenn sie sich doch für die Pistole entscheiden?

Im Fernsehen vor Jahren eine Reportage über Nigeria. Öffentliche Hinrichtung von Rebellen. Eine Reihe Pfähle. Die Kamera von schräg links auf den ersten gerichtet, Teleobjektiv, ganz nah, ein stolzes, schönes Bantugesicht. Er starrt schräg zum Himmel. Die erste Salve, er zuckt hoch. Er schließ die Augen, seine Lippen öffnen sich im Schmerz, er beißt die Zähne aufeinander, auf seinem Shirt fünf oder sechs Flecken, wie Paintball. Zweite Salve, er sackt zur Seite, baumelt schief in der Fessel, das Objektiv zoomt nah an die aufgerissenen, gebrochen Augen. Eiskalte Kameraführung.

Das Jucken würde aufhören, wenn ich Beate hier hätte. Ich würde sie küssen, das Innere ihres Mundes würde sich anfühlen wie die frischen Höhlungen einer sonnenwarmen Gartentomate, aus der man die Kerne trinkt. Ach, Beate, oder wir würden still liegen und die Augen schließen und um uns wäre die blaue Wolke. Ja, von dieser Medizin würde es schlagartig aufhören, das Jucken.

Zum Glück ist mein Gesicht nicht befallen.

 

Das Sprayen hatte bis dahin keinen interessiert, aber in unserer Clique kreuzte seit kurzem ein Typ in einer drecksteifen Malerhose auf, der vierzehnjährigen Hinner Bergmann. Ich erkannte in ihm den Realschüler, der sich einst auf dem Schulhof Jabws Messer in den Fuß gespießt hatte. In der Hinsicht waren wir ja sozusagen Leidensgefährten. Inzwischen, so hieß es, war er zu einem eiskalten Spraydosen-Fuzzi geworden. Er hatte von unserer Kletterei gehört, das zog ihn an.

Seine Hasenscharte war mit einer Verformung des Kiefers verbunden, die ihm das Sprechen erschwerte. Besonders das S und das Sch kamen nicht gut bei ihm, sie wurden zu N. So näselte er Fachbegriffe, “fat cap” und “nkinny cap”, breite und feine “Düne”.

Er war noch immer ein bleicher, spitznasiger Junge, ein Leichtgewicht, eine Maus.

Jeder Sprayer hat sein Tag, sein Erkennungszeichen. Seins waren seine ineinander verkeilten Initialen HB im Bauch eines Fisches, weshalb wir ihn anfangs den “Heilbutt” nannten. Irgendwann wurde daraus “Kaputtbutt”.

Aber nicht im Sprühen allein lag sein Ehrgeiz.

Es kam ihm darauf an, dass er an der Stelle, die er für seine Markierungen ausgewählt hatte, vorher etwas zerstörte. Zu dem Zweck trug er in seinem Rucksack einen Patentschraubendreher mit sich rum, in dessen hohlem Griff verschiedene Schraubköpfe klapperten. Sein spezieller Zorn galt Fernsehantennen.

Den Grund nannte er uns: Seine Mutter knechtete ihn mit Fernsehverbot, während sie selbst dauernd vor der Glotze saß. Die Schwarze entdeckte in dem Wort “Satellitenantenne” wieder mal eine “Maske”, ein Versteck des Satans.

Ich musste lächeln. Aber ich dachte: Die “Öffentlich-Rechtlichen” sind führend beteiligt an dem ganzen süßlichen Gesäusel, das uns einschläfern soll, an der Verbreitung von Spießermoral und Spießerpolitik, der Verkleisterung der Hirne. Die da oben glauben selber nicht an das, was sie uns vorsülzen. Wie heißt es bei Chumbawamba: You’re a liar, I wouldn’t piss on you if you were on fire ... Schon nicht schlecht, einer Anzahl Wohlstands-Mumien vorübergehend die Mattscheibe abzuschalten. Okay, starten wir die nächste Aktion.

Eine Schüssel stach unserem Neuen besonders ins Auge - sie hing als Werbung für eine Antennenfirma und zugleich als Gemeinschaftsantenne an dem Haus, in dem er selbst wohnte. Das Ding hatte zweieinhalb Meter Durchmesser und war in Höhe des neunten Stockwerks befestigt, schräg unter seinem Zimmerfenster. Aber zu weit weg, er wusste nicht, wie er rankommen sollte. Ich versprach ihm unsere Hilfe.

In der nächsten Samstagsnacht zogen wir los.

Zuerst gingen wir zur Disko. Sie findet zweimal wöchentlich im sogenannten “Bunker” statt, einem schwarzen Betonwürfel, der aussieht wie die Kaaba in Mekka. Ich war bis dahin nur einmal kurz drin gewesen, aber wegen der geschorenen Dummies wieder abgehauen. Diesmal waren wir zu sechst, die Schwarze mitgerechnet. Wir tranken, um uns anzuheizen für die bevorstehende Arbeit. Als wir uns um elf, wie verabredet, vor dem Ausgang trafen, beobachteten wir, wie ein paar von den Dummies, die auch diesmal wieder die Disco bevölkerten, in der Nähe herumlungerten. Bis ein Taxi hielt, da gingen sie zu dem hin. Sie verhandelten mit dem Fahrer und bekamen einen gefüllten Leinenbeutel herausgereicht. Mit dem verschwanden sie im Dunkel.

Auf der Taxitür aber stand RIPPERSREUTH’S OVERLAND LINES CB-FUNKTAXI. Am Steuer saß Jacke mit seinem K.-L.-Zopf.

 

Die Strassenlampen tauchen allabendlich den “Bunker” in Flutlicht, blenden das Auge, während außerhalb der Lichtkegel die Wände der Elfgeschosser sich im dunklen Himmel verlieren. Das war für unser Vorhaben günstig.

Aus der Disko groovte die Musik, die Anwohner hatten Fenster und Balkontüren dicht, die Vorhänge zu und wahrscheinlich Wachs in den Ohren. Gerade hier waren wir so gut wie sicher.

Die Fläche an Heilbutts Haus war ohne jeden Vorsprung - die Giebelfront. Bei diesem Bautyp gibt es hier nur eine Reihe Fenster, sie sind senkrecht untereinander angeordnet, und zwar linksseitig. Sodass rechts Platz ist: Für eine Riesenantenne. Oder für ein Riesen-Tag.

Ich ließ mir bestätigen, dass Heilbutts Mutter auf Achse war und uns nicht in die Quere kommen würde. Ich erläuterte meinen Plan in den Einzelheiten. Er und die zwei stärksten Leute sollten jetzt nach oben gehen.

Er wollte schon abmarschieren, ich hielt ihn zurück: “Zuerst die Fernsehschüssel abmontieren, logisch. Und was willst du dann sprühen?”

Heilbutt: “Na, Mann, meinen Fin, die Buchntaben H und B.”

Ich: “Ist doch Müll. Seh ich schon in der halben Stadt.”

Er verzog gekränkt seine vierzehnjährige Hasenscharte.

Ich: “Es muss was sein, wo die Leute das Grübeln kriegen.”

Die Schwarze unterstützte mich: “Was sie nicht dranlassen können, so ätzend muss es sein. Und wir stehen unten und peilen, wie sie sich abbuckeln und es doch nicht wegkriegen.”

Jabw: “Zum Beispiel?”

Die Schwarze: “Ein Kreuz, verkehrtrum. Und dazu: Antichrist, Death to Christ. AC/DC.”

Jabw: “Ein Kreuz schon, aber ein anderes. Ein Hakenkreuz. Auffällig muss es sein, mindestens drei Meter.

Ich: “Ich denke, wir hier sind unpolitisch?”

Jabw: “Sind wir auch. Bloß mal so als Joke.”

Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass wir den Job der Dummies übernehmen sollten. Vor allem aber schmeckte mir nicht, dass Jabw das letzte Wort bekam. Ich sagte: “Gegenvorschlag: Eine Bombe, und darin der Satz: “Grübeln statt glotzen.”

Der Satz wurde rundweg abgelehnt. Mit Grübeln hatte keiner was am Hut. Ich kam als nächstes auf: Es lebe die kriminelle Revolution! Den Ausdruck “kriminelle Revolution” hatte Herbert mal gebraucht.

Gerade rollte ein Bullenauto über den benachbarten Parkplatz. Es hielt, die Bullen beobachteten eine Zeitlang den “Bunker” und dann uns. Ich winkte hinüber: “Passt schön auf, Jungs, wir verbrechen grade ‘n bisschen was!” Und die Schwarze stellte sich frontal in Grätsche, formte mit den Armen das bekannte schräge Telekom-T, was bei ihr nur heißen konnte: Schert euch zum Teufel.

Ob die Bullen das begriffen? Jedenfalls telefonierten sie, kurbelten plötzlich die Scheibe hoch und düsten mit Blaulicht ab. Das hob unsere Stimmung. Ich, Jabw und Heilbutt machten uns auf den Weg.

 

Die über und über besprühten Fahrstuhlwände. Im zehnten Stock stiegen wir aus. Auf der Flurgarderobe bei Bergmanns saß ein buntes Dutzend kleiner und großer Plüschtiere: Ernies, Berts, Käpt’n Blaubären, Alfe. Heilbutt erklärte eilig, dass er damit nichts zu tun hätte - seine Mutter sammelte so was.

Was sie offenbar auch sammelte, waren ungeöffnete Fensterchen-Briefe, sie flatterten unter unsern Tritten umher wie Herbstlaub. Ich stellte mir vor, was sie für eine Frau sein musste: Eine, die keine Raten mehr zahlt. Die sich nicht mehr regelmäßig auf den Ämtern zur Stelle meldet. Eine mit Formularangst, eine, die den Kopf in den Sand steckt. Beziehungsweise in die Glotze.

In Heilbutts Zimmer prangte an der Stirnwand, sauber gesprüht, die Parole AUF DIE PLÄTZE - FERTIG - ARBEITSLOS. Und darunter der Name seines großen Idols Manfred Spiess.

Er holte aus einer Ecke den Rucksack mit seinem Arbeitswerkzeug und zog zwei Wäscheleinen hervor.

Jabw prüfte die Sicherheit des Materials. Bei beiden Leinen gab es zerfaserte Stellen, aber Heilbutt schwor, dass sie immer gehalten hätten.

Fünf Minuten waren wir mit dem Knüpfen von Schlingen und Knoten beschäftigt. Dann knipste ich die Lampe aus und öffnete das Fenster. Heilbutt stieg aufs Fensterbrett, zog unter seinen Armen die Schlaufe noch einmal fest. Er schob seinen Rucksack vor der Brust zurecht, warf die zweite Leine, deren eines Ende um seinen rechten Fußknöchel gebunden war, hinunter zu den anderen.

Wie er da so saß, mit hochstehendem Haarwirbel, klein und schmal, spürte ich, dass ich noch was sagen muss. Ich sagte: "Pass auf dich auf, Kleiner."

Ich und Jabw hatten uns unser Leinenende mehrfach um die Handteller gewunden und ließen ihn langsam hinab. Er war doch schwerer, als ich gedacht hatte, das gestraffte Seil drückte augenblicklich eine Kerbe in das Regenblech über der Simskante. Jabw stand hinter mir und bremste mit, wir wickelten Stück für Stück von unseren Fäusten.

Ntop!”

Das Seil rutschte knirschend aus seiner selbstgekerbten Rinne, schrammte einige Zentimeter nach links, es gab einen Ton wie von einer Saite - von unten aus zogen sie jetzt Heilbutt am Bein seitwärts in Richtung Schüssel. Dadurch erhöhte sich unsere Belastung. Ein Schweißtropfen sickerte mir durch die Brauen und brannte im Auge.

Ich hätte mich gern nach draußen gebeugt, aber das ging nicht, wenn wir Heilbutt ruhig in der Schwebe halten wollten. Ich rief: “Kommst du klar?”

Heilbutt: “Neinne! Die Nrauben nind eingerontet!”

Ich ermunterte ihn: “Nimm dir Zeit und nicht das Leben!”

Ich musste ziemlich brüllen, wegen des Lärms aus dem “Bunker” und dem Alarm, den jetzt gerade mehrere Feuerwehren die Wolgograder Allee herauf veranstalteten.

Mir schoss durch den Kopf, dass heute zum ersten Mal ein Menschenleben von mir abhing - von meinen Armmuskeln. Natürlich auch von Jabwonskis. Und von einer ausgefransten Wäscheleine. Da war es wieder, das Rieseln, das genussvolle Erschauern zwischen meinen Schulterblättern, das Zeichen, dass mein Adrenalinspiegel stieg, und ich hatte es noch nie so intensiv gespürt.

Der Kleine brauchte eine Viertelstunde allein für die Antenne. Wir mussten ihn zentimeterweise höher ziehen, dann wieder hinunterlassen, damit er an alle Schrauben der Halterung herankam. Ich hatte das Gefühl, dass Jabw auf meine Kosten Kräfte sparte.

Auf einmal ein Knirschen draußen, ein heftiger Ruck, das Gewicht verdoppelte sich. Ich wurde gegen die Fensterbrüstung gezogen, Jabw hing schräg über dem Fußboden, stemmte sich gegen meine Hacken. Und trotzdem drohte uns das Seil unaufhaltsam durch die Hände zu gleiten. Zum Glück hatte ich das Ende an die Türklinke geknotet.

Wir hörten den Kleinen draußen schimpfen. Die schwere eiserne Installation hatte sich von der Wand gelöst und in der Seilschlaufe verhakt, in der er selber hing, er mühte sich ab, das Ding loszuwerden. Die drei unten hatten losgelassen, aus Angst, die Schüssel auf die Köpfe zu bekommen. Unsere Leine schabte auf dem Blech hin und her - der Kleine pendelte mitsamt der Antenne.

Endlich unten das lang erwartete Scheppern und Erleichterung für uns. Mit vereinten Kräften zogen wir unseren Sprayer in die von ihm geforderte Position. Der zweite Teil der Arbeit begann. Im Bunker pausierte gerade die Musik, wir vernahmen das feine Zischen der Sprühdosen. Ich rief:

Machst du die Bombe, Heilbutt?”

Jabw hinter mir: “Das Hakenkreuz, Heilbutt!”

Ich: “Hör nicht auf ihn! Mach die Bombe!”

Die drei unten brüllten auch irgendwas.

Ich: “Die Bombe! Die kriminelle Revolution!"

Jabw: “Das Hakenkreuz!”

Bombe, Hakenkreuz. Wir zogen am gleichen Strang, buchstäblich, und nicht mal jetzt waren wir uns einig. Und dabei wurde bereits das Haus rebellisch, von der Längswand, der Balkonseite her hörten wir Stimmen: “Haben Sie auch kein Bild? Was ist mit dem Bild los, mitten im Krimi ...”

Es war eine Frage von Minuten, dann mussten sich die Fenster auch auf unserer Giebelfront öffnen und wir entdeckt werden.

Dazu auf der Wolgograder immer neue Feuerwehren.

Endlich kam Heilbutts Genäsel: “Unten locker lannen!”

Wir begannen, ihn heraufzuziehen. Die Kante des weichen Blechs stülpte sich nach oben, hakte sich ins Seil. Jabw löste das Problem mit einem Ruck, endlich hatten wir den Jungen wieder unter dem Fenster, Jabw hielt weiter fest, ich griff in die Schlaufe unter Heilbutts Achsel und zog ihn herein. Wir knipsten das Licht an. Er befreite sich von der Leine und streifte sich sein Shirt über den Kopf: Unter seinen Armen zogen sich rote Striemen abgeschabter Haut entlang. Er biss die Zähne zusammen.

Ich: “Game over.”

Am nächsten Morgen konnten wir sein Werk bewundern. Ein Hakenkreuz, schätzungsweise zwei mal zwei Meter, schwarze Kontur mit regelmäßiger weißer Schraffur. Auf dem Querbalken:

ES LEBE DIE KRIM

Er hatte versucht, es mir und Jabw recht zu machen, aber für die Hälfte meiner Kampflosung zu kurze Arme gehabt.

 

In einer der nächsten Nächte träumte ich, Heilbutt wäre abgestürzt. Die Wäscheleine schabt sich an dem scharfkantigen Blech durch, und er stürzt. Der Schrei hallt, ich wache auf. Schlafe wieder ein: Die Türklinke, an der ich das Leinenende festgeknotet habe, löst sich, Leine samt Klinke schießen erst Jabw, dann mir durch die Finger, draußen der Schrei. Beim dritten Mal rutscht Heilbutt einfach durch die Schlaufe, das schmalschultrige Kerlchen hat die Arme beim Sprühen zu hoch gehoben. Aber diesmal schlägt er ohne Schrei unten auf.

Gerade davon werde ich richtig wach, ich gehe in die Küche und schmiere mir ein Brot. Ein tiefes, fast zärtliches Gefühl der Freundschaft für den kleinen näselnden Heilbutt erfasst mich, ich sitze und kaue, und mir kommt der Schmetterling in den Sinn, den ich als Kind mal erschossen habe.

 

Auf den Joke, zuzugucken, wie irgendwer sich mit der Beseitigung seiner Arbeit abmühte, warteten wir übrigens mehrere Wochen. Erst gab es einen gemeinen Leserbrief in der Rundschau, die Vermutung, dass die Nemzy hinter der Sache steckten: Die sogenannten Nemzy, die angeblichen Deutschen aus Russland, der Ukraine, aus Kasachstan, die mit dem Deutschen Schäferhund im Stammbaum, die, wie man weiß, hier ihre politischen Querelen untereinander austrugen, das großzügig gewährte Gastrecht missbrauchten und nicht Halt machten vor deutschen Antennen ... Und die sich nicht zu wundern brauchten, wenn die Geduld in der Bevölkerung usw. ...

Was wir an dem Abend nicht gewusst hatten: Dreihundert Meter weiter waren die Parterrebalkons samt Trockenwäsche abgefackelt worden. In dem Block hausten ebenjene Nemzy, die sich nicht zu wundern brauchten. Wir wussten es besser als der Leserbriefschreiber: Die Dummies hatten ihre Bambule gehabt und wir unseren Joke.

Schließlich kam ein Fahrzeug der Stadtwerke, eine Drehleiter wurde ausgefahren und eine Reklame über Heilbutts Werk gehängt, eine Werbefläche aus Sperrholz.

Von nun an sah “Stalingrad” dort oben ein paar Typen ein Boot tragen, kieloben, keine Köpfe, nur der letzte guckt hervor und sagt: AUCH HB.

 

Immer öfter erhob sich die Frage, womit wir unser Bier bezahlen wollten. Ganze Paletten zu klauen, kompakt in Folie eingeschweißt, war, so versicherten Kevin und Danny, meist unmöglich. So waren sie oft gezwungen, die Dosen zwei-, dreistückweise mitzunehmen. Dann das Problem Zigaretten: Das Risiko, erwischt zu werden, wurde, trotz wachsender Routine, nicht geringer. Ich musste es wissen. Patricia hatte seit neuestem einen 470-Mark-Job als Aufpackerin im Aktivmarkt.

Ich: “Wir müssen die Sache größer sehen, Leute. Der Adler fängt keine Fliegen. Wir werden über Katalog abzocken.”

Die Methode war weithin bekannt, aber ohne mich hatten sie nicht gewusst, wie sie es anstellen sollten. Denn dazu benötigt man eine leerstehende Wohnung. Ein Haus ist noch besser, ist geradezu ideal.

Ich bestellte unter der Adresse Sven Peschke, Am Sack 45, 02699, Kaiserswartha von Quelle einen billigen Toaster.

Ich kreuzte auf dem Vordruck unter Zahlungswunsch bitte ankreuzen das dritte Kästchen an: per Nachnahme in einem Betrag.

Bei der Vorbereitung halfen alle. Unser alter Vorgarten wurde aufgeräumt, herumliegendes Gerümpel zusammengetragen und auf einem prächtigen Scheiterhaufen verbrannt. Wir jäteten sogar die Wege, harkten den Kies. Zum Glück war ja vom Gartentor aus wegen der Sträucher, die noch immer üppig standen, die fehlende Haustür nicht zu sehen. Natürlich brachte ich an der Torsäule neben dem alten Klingelknopf deutlich sichtbar die Extraanfertigung eines Messingschilds an: Sven Peschke.

Und wunderte mich wieder mal, dass das Haus, das meine Eltern damals fast Hals über Kopf hatten aufgeben müssen, noch immer keinen Nachmieter besaß. (Auch Herbert regte sich manchmal darüber auf, als ob es sein Eigentum war, was da verfiel.)

Wir lungerten zwei Nachmittage in der Sonne, spielten Grill-Party und warteten. Am dritten erschien der Transporter von Quelle. Ich ging dem Fahrer zum Tor entgegen, fragte: “Der Toaster?”

Dem Mann war es egal, was der Karton enthielt. Die Adresse stimmte, das Anwesen machte einen bewohnten Eindruck. Ich unterschrieb, versehentlich aber mit Peschke, Jens. Er stutzte, weil die Vornamen nicht übereinstimmten.

Ich sagte, Sven, das sei mein Vati. Der Toaster solle ein Geschenk für ihn sein. (Prusten hinterm Zaun.)

Er: “Sie zahlen bar?”

Ich zückte mein Portemonnaie.

Den Toaster schenkte ich der Schwarzen. Am nächsten Tag bestellte ich ein Fernsehgerät von Philips. Diesmal kreuzte ich bei Zahlungswunsch das erste Kästchen an: Gegen Rechnung innerhalb von 14 Tagen.

Alles passierte wie beim ersten Mal. Nur, dass ich diesmal nicht zahlte, weil mich leider keine Rechnung erreichte ...

Die Schwarze hatte bereits in der Rundschau annonciert: Verkaufe umständehalber TV-Gerät, Philips, neuwertig.

Game over.

Wir besaßen mit einem Schlag 2000 Mark, die ich verwaltete. Das war mein erstes richtiges Ding, das ich drehte, die erste “Goldmine”, die ich ausbeutete. Und ich war dadurch zum Schatzmeister der Truppe geworden, Herr über die “Bierkasse”, von mir hing ab, wann es was gab und wie viel.

Ich war nicht so dumm, den Trick zu wiederholen.

 

Quasimir hatte mir den Umschlag mit dem dicken Stempel mit nach Hause gegeben. Einen Schulleiterbrief zu unterschlagen, war sinnlos.

Herbert öffnete und Patricia las über die Schulter mit.

Sie: “ ...Nachlassen in fast sämtlichen Fächern ... die verschiedensten Eskapaden ...”

Er: “ ...fraglich, ob er in der neuen Umgebung schon den geeigneten Freundeskreis fand ...”

Ich: "Das ist mein Leben, und was ich draus mache, ist mein Bier.”

Herbert: “Stichwort Bier ...”

Ich: “Ach, lass mich doch in Frieden, du Kleinkaliberknirps ..."

Da hatte ich Patricias Vorhand im Gesicht, dass mir der Kopf schief auf dem Hals saß.

Ich wusste, mein Jähzorn hatte mich wieder einmal zu weit getrieben. Trotzdem war ein Rückzug jetzt nicht mehr möglich.

Ich kann ja ausziehen.”

Ich öffnete die Balkontür. Es war heller Mittag, als sie mich über die Brüstung steigen sahen. Zwei fassungslose Gesichter über mir, im Hof Kindergeschrei: “Da klettert einer, da klettert einer!”

 

Schulschluss. Elän holte mich am Portal ein. Ihr Blick hinter den Fielmanngläsern war so durchdringend vielsagend, so treu und vorwurfsvoll, dass ich fragte: “Warum redet sie nicht selbst mit mir?”

Elän: “Vielleicht, weil Ihr nicht mehr den gleichen Heimweg habt.” Dann seufzte sie: “Uns ist was Idiotisches passiert, Beate und mir. Wir haben an dem alten Computer von ihrem Vater herumprobiert und irgendwas durcheinandergebracht. Du bist die einzige Rettung. Sie lässt dir sagen, heute ab halb acht hat ihr Dad Ausschusssitzung, und ihre Mom ist auch nicht daheim. Lass Beate nicht hängen.”

Beates Einladung - denn etwas anderes war es ja wohl nicht - beschäftigte mich den ganzen Nachmittag. Warum teilte sie mir mit, dass auch ihre Mutter abwesend, wir also ganz allein sein würden? Ich klaute aus Herberts Büroschrank die Flasche Johnny Walker. (Man kommt doch nicht ohne ein standesgemäßes Gastgeschenk, oder?)

Und machte mich auf den Weg durchs Ödland.

Beim letzten Rest des Tageslichts und im aufkommenden Nebel wirkte unser Haus wie eine Ruine im Moor. Den Grund bemerkte ich erst beim Näherkommen - jemand hatte sämtliche Scheiben eingeschlagen.

An das Anwesen Nummer 33 hingegen schloss sich jetzt ein ausgedehntes Firmengelände an. Als ich am Zaun entlangging, löste ich den Bewegungsmelder aus, der Infrarotsensor tauchte den gesamten Fuhrpark in gedämpftes Flutlicht: Blanke Busse, Möbel-Laster, Kleintransporter, Nobeltaxen, Fahrschulautos.

Ich sah auf meine Swatch. Ich war eine halbe Stunde zu früh.

Im gleichen Augenblick hörte ich eine schwere Tür, aus einem Werkstattgebäude im hinteren Teil des Hofes kam ein Mann im Overall, ging schräg über das Gelände zu dem von Gartenzwergen bewachten Pavillon. Ich erkannte Jacke an seinem Zopf. Er sah mich nicht, denn ich hatte mich in den Schatten eines Strauchs zurückgezogen. Er schleppte vor dem Bauch einen Karton.

 

Eigentlich konnte es mir egal sein, was ein Fahrer der Firma so spät noch in dem nostalgischen, mit Holzsäulchen und Kreuzgatter verzierten Häuschen trieb, aber ich glaubte, auf seinem Karton den Schriftzug FAJERWERKI erkannt zu haben.

Ein siebenter Sinn sagte mir, dass die Sache von Interesse sein könnte. Die Einfahrt war verschlossen, ich hob mich über den Metallzaun und schlich im Schatten der Fahrzeuge zum Pavillon. Die Tür stand spaltbreit offen, eine elektrische Handlampe verbreitete mattes Licht. Jacke hatte es sich auf einem Stapel unordentlich hingeworfener, noch nicht aufgefalteter FAJERWERKI-Kartons bequem gemacht und schien in dem, den er soeben herangeschleppt hatte, etwas zu ordnen.

Er redete in seinem quäkigen Semmelrogge-Falsett halblaut mit jemandem, den ich nicht sehen konnte. Die andere Stimme war tief, sie kam mir bekannt vor, aber ich war mir zunächst nicht sicher.

Jacke nahm eine Kinder-Sandschaufel zur Hand und begann, bunte Fajerwerki-Röhren von der Art, wie ich sie schon von ihm gekauft hatte, mit Pulver zu füllen. Die Hülsen verschloss er mit einer Pappscheibe und Klebstreifen. Weiter, die nächste. Der andere Mann schien mit dem gleichen Job befasst. Eine richtige Produktion, die Sache lief wie am Fließband.

Der Unsichtbare sagte nach einer Weile: “Es reicht für heute.” Und da erkannte ich die Stimme: Sie gehörte Müller, Hilmar, dem Fahrlehrer, dem Pleite-Partner meines Vaters, dem gewesenen Dessous-Händler, dem gewesenen Sicherheitschef bei der Waffia.

So sah also die Endfertigung der streng verbotenen Superpower-Kracher aus, die angeblich aus Polen stammten. Von dort kam vermutlich nicht mal die Hülse - die Aufschrift sollte eventuelle Fahnder nur auf die falsche Fährte locken. Ein Etikettenschwindel.

Und Jacke betrieb den Laden nicht allein, wie ich früher geglaubt hatte, sondern zusammen mit einem Mitangestellten der Firma. Dass sein Fajerwerki-Handel ein dunkles Geschäft war, war mir immer klar gewesen. Aber hier war ich womöglich einem Schwarzmarkt größeren Kalibers auf der Spur.

Woher kam das Pulver, das die Experten durch seine enorme Knallkraft verblüffte? Ich konnte ja mal spekulieren: Nitrozellulose, hoch verestert, aus gewissen Treibladungen, die jemand in Kaiserswartha ohne allzu großes Risiko jahrelang beiseite schaffen konnte? Des Farbeffekts wegen gemixt mit Eisenfeilspänen oder Strontiumnitrat oder womit immer?

Ich hatte genug gesehen. Ich zog mich zurück, fand den Durchgang zum Wohngrundstück und klingelte an der Haustür.

 

Beate trug einen Jogginganzug, weissmetallic. Sie lächelte einladend, als hätten wir uns nie gekracht (richtig gekracht hatten wir uns ja auch nicht): “Wow! Geil, dass du mir helfen willst. Komm erst mal nach oben.”

Ich winkelte den Arm, ließ den Bizeps schwellen: “Wo steht das Klavier?”

Sie schritt mir voran die Treppe hinauf. Über mir wippte ihr hochgeflochtener Zopf. Unwillkürlich stellte ich Gleichschritt her, so wie damals ... Aber dann fiel mir ein, dass ihre Eltern sowieso nicht daheim waren. Ich überlegte, ob ich sie einholen und den Arm um sie legen sollte, da waren wir schon auf der Treppengalerie, an ihrer Zimmertür. Am Nordic-Design-Tisch saß Elän Zibchen im Mohairpullover und funkelte mir entgegen.

Ich stand da mit meinem Johnny Walker: “Gratulation. Fein eingefädelt.”

Beide überschlugen sich, mir zu versichern, dass es wirklich in erster Linie um den Computer ginge, und wenn ich nicht über meine Probleme reden wollte, brauchte ich nicht, sie wollten mich nicht vergewaltigen. Aber die Flasche, sagten sie, wollen wir jetzt doch lieber verschlossen lassen.

Beate öffnete die Tür zum Nebenzimmer.

Rippersreuths Büro war kein Büro, sondern schon ein Empfangskabinett. Schwerer antiker Glasschrank voller Handbücher und Ordner, ein Porträt Otto von Guerickes, daneben der bekannte Stich, auf dem Pferde die Magdeburger Halbkugeln auseinander zu reißen versuchen. Ledersessel, Generaldirektorschreibtisch, Siebzehn-Zoll-Monitor, der Pentium mit dem Internetanschluss, mit dem Rippersreuth schon meinen Vater geschockt hatte, Flachbett-Scanner (wozu? fragte ich mich), Farbdrucker, alles vom Feinsten. Ich hatte solchen Luxus noch nie auf einen Haufen gesehen.

Aber der Lintec war nicht der Rechner, zu dem ich gebeten wurde. Der stand verschämt in einer Ecke. Ein vorsintflutlicher IBM AT, schwärzlicher Bildschirm, eine dezente Staubschicht mit ein paar Fingerspuren verriet, dass er selten benutzt wurde.

Beate schob mir den Chefdrehstuhl heran: “Wir wollten ursprünglich einen Brief an dich schreiben.”

Aha, dachte ich. Nicht ich, sondern wir wollten schreiben.

Ich bootete. Auf dem Monitor erschien matt die Konfiguration. Dann: ENTER SUPERVISOR PASSWORD. Ich dachte: Nanu, warum schützt der alte Fuchs diesen Schrotthaufen per Password? Der Lintec, das ist klar, Geschäftsdaten, den wird er sogar noch gründlicher gesichert haben. Aber dieses alte Ding? Gibt es Geheimnisse, auf die nicht mal die liebe Familie stoßen darf?

Zufällig hatte ich vor zehn Minuten auf dem Gelände der Firma etwas beobachtet, mir meine Gedanken gemacht. Es war also nicht verwunderlich, wenn ich vor diesem Gerät, das jede Auskunft verweigerte, einen Schritt weiterdachte.

Wieso duldete der große Chef Rippersreuth den strafbaren Nebenjob seiner Mitarbeiter? Noch dazu auf seinem Firmengelände? Dass er davon nichts wusste, war unwahrscheinlich. Hing er mit drin?

Der “Dad” Teilhaber - oder gar Boss? - eines netten kleinen Handels mit Substanzen, die eventuell aus Panzerfäusten und Granaten stammten? Ich dachte an meinen straighten, uncleveren Vater, der über bestimmte Beschaffungskanäle eine Menge wusste, der selber aber nicht über Nacht Millionär geworden war. Herr v. Rippersreuth - Chef einer neuen “Waffia?” Es war nur so ein Verdacht, noch reichlich unbegründet, aber der Gedanke ließ mich grinsen. Ich saß eventuell vor einem Zeugen. Vor einem stummen Zeugen.

Beate griff über meine Schulter, unwillkürlich weiteten sich bei so viel Nähe meine Nasenflügel, sie gab die Buchstaben R, E und X ein und drückte die Enter-Taste: “REX, das sollte unser Password sein. Aber nichts rührt sich. Wir haben alles Mögliche probiert. Ist was kaputt? Wenn mein Dad was merkt ...”

Ich klapste gegen meine Stirn: “Weiber!”

Ich dachte nämlich im ersten Moment, sie wären so blöd, tatsächlich hatten sie beide in der Schule nie am Informatikunterricht teilgenommen. Aber dann sah ich durch - sie täuschten ihre Ahnungslosigkeit nur vor. Ja, natürlich. Sie hatten einen Vorwand gebraucht, mich zu ihrer Seelenmassage herzukriegen, zu der sie sich verpflichtet fühlten. Dahinter steckte Elän mit ihrer ewigen Psychotherapie. So, meine Damen, dachte ich, mal sehen, wer hier wen verschaukelt.

Ich drückte wilde “Shortcuts”, machte ein bedenkliches Gesicht, wurde immer verzweifelter, da sich auf dem Schirm natürlich weiterhin nichts tat. Endlich erweiterte ich meine “Untersuchung” auf das gesamte Gerät und drückte dabei unbemerkt auf Power. Der Monitor erlosch: “Sorry. Nichts mehr zu machen.”

Deutlich verwandelte sich die anfangs geheuchelte Angst auf ihren Mienen in echte Besorgnis. Nämlich, dass ich jetzt tatsächlich was kaputtgemacht haben könnte.

Elän: “Rex, tu was, bitte. Die blöde Idee kam von mir.”

Ich: “Man könnte höchstens, als letzte Möglichkeit ...”

Beide: “Ja??”

Ich: “Kleinen Schraubendreher! Kreuzschlitz!”

Beate rannte.

Ich war mit der Predigerstochter unter vier Augen: “Warum hast du bei der Einladung so getan, als würde ich mit Beate allein sein?”

Elän funkelte: “Gelungen, he? Ein Weibertrick, meine Idee, nimm’s nicht krumm. Bestimmt hast du gedacht, es könnte da wieder was laufen. Nur deshalb hattest du die Güte zu erscheinen.”

Beate kam, sie hatte das letzte gehört: “Kleine Verschwörung, um dich wieder in den Kreis der zivilisierten Menschheit zurückzuholen.” Sie gab mir das Werkzeug: “Wir brauchen dich echt, wie du siehst.”

Ich zündete mir erst mal eine Zigarette an, obwohl in diesem Haus offenbar nicht geraucht wurde: So so, zivilisierte Menschheit, dachte ich.

Vier Schrauben am Gehäuse, vier an der Festplatte, Stecker ab, Rippersreuths gespeicherte Geschäftspraktiken in die Jackentasche: “Wann kommt der Dad zurück?”

Beate: “Er trifft sich nach der Sitzung noch im ‘Lamm’. Mom ist auch dort.”

Ich: “Okay. In zwei Stunden ist das Gerät wieder komplett. Ich kann den Fehler nur zu Hause checken.”

Sie waren echt geknickt, begleiteten mich bis zum Tor.

Ich sprintete heim, schraubte meinen Desktop auf, schloss Rippersreuths Festplatte an “Hosenträger” und Stromversorgung, schaltete sie als Slave und zog den Inhalt runter auf meine eigene Festplatte. Gegen dies simple Verfahren ist noch kein Kraut gewachsen. Und kein Password. Hoffentlich, dachte ich, sind die Daten selbst unverschlüsselt, das würde mir einen Haufen Arbeit sparen.

Nach einer Stunde war alles erledigt, ich rannte zurück und setzte das entliehene Teil wieder ein: “Hände weg, wer nichts davon versteht”, warnte ich, “und kein Wort zu Daddy!” Und als sie behutsam anfingen: “Rex, überleg mal, wie soll es mit dir weitergehen ...” machte ich den Johnny Walker auf.

Alän: “Rex, deine letzte Show mit den Haribos ...”

Ich soff den ersten Schluck.

Beate: “Angelique, Markus Römer, Marcus Schulz, Elän sowieso - sie hatten am meisten für dich gespendet - gerade ihnen kommst du jetzt maulfaul und grimmig. Jeder versteht, wenn einer mal verrückt spielt. Aber das? Ein bisschen Dankbarkeit könnte dir nicht schaden.”

Ich soff den zweiten Schluck und hielt ihnen die Flasche hin. Sie schüttelten betreten die Köpfe. Elän versuchte sogar, mir das Zeug wegzunehmen. Das gelang ihr natürlich nicht, sie schrie mich an: “Neulich bist du in Geschichte eingenickt!”

Ich soff den dritten Schluck, einen besonders langen. Der Johnny Walker schmeckte ein bisschen wie der Rauch von einem Scheiterhaufen.

Beate: “Neulich hast du am Waschbecken gestanden und an dem Reinigungsmittel geschnuppert, das der Hausmeister stehen gelassen hatte. Ich spreche dich an - du guckst durch mich durch und murmelst das Wort ‘Zitrone’. Was hat das alles zu bedeuten?”

Ich soff weiter, bei jedem Vorwurf einen Schluck. Mein Dreiwochenbart sah ungepflegt aus, im Nachmittagsunterricht roch ich nach Bier. Bald war die halbe Flasche leer. So, dachte ich. Angelique. Markus und Marcus. Ich kommen denen grimmig. Leuten, die ich normalerweise gar nicht sehe.

An das Reinigungsmittel konnte ich mich nicht erinnern, auch nicht an das Einschlafen in Geschichte. Möglich war’s schon.

Sie nahmen mich also in die Zange: Pauker und Mitschüler vereint in moralischer Mission zur Rettung des Absteigers. Einbeziehen, mit Aufgaben betrauen - das alte Rezept. Ich kam mir vor wie in einem Ost-Kinderbuch.

Dad und Mom kamen heim und komplimentierten mich hinaus in den Nebel, wo mir schlagartig speiübel wurde.

 

Jetzt ist schon Dienstag. Morgendämmerung, die Luft kühler als sonst. Kratze den Rest des dritten Ziegels aus der Wand. Pausiere, knete meine schmerzenden Handflächen.

Schritte. Das Frühstück vor Tau und Tag? Unmöglich. Ich höre sie im Vorsaal, dann das Knacken der Treppendielen zum Obergeschoss. Zwei Personen, wieso kommen sie heute zu zweit? Ich höre schwere Tritte über mir. Etwas schurrt über den Fußboden, es klingt wie ein Pappkarton.

Und zum ersten Mal höre ich sie reden. Wenn sie einzeln kommen, mir das Essen mit der Latte hereinschieben, gibt es keine Gelegenheit, ihre Stimmen zu hören. Eine helles Semmelrogge-Organ antwortet einem sonoren, bedrohlich ruhigen. Was sie sagen, ist nicht zu verstehen.

Sie kommen wieder die Stiegen herunter. Jetzt sind sie auf der Kellertreppe, jetzt vor meiner Tür. Ich stehe bereit, einen halben Ziegel in der Hand.

Die tiefe Stimme: “Hier nicht, hier steht der Ofen.”

Semmelrogge: “Vielleicht nebenan, wo die Ölheizung war? Verdammich, irgendwo muss doch ein passendes Loch sein?”

Die Schritte entfernen sich. “ ...in Luft auflösen ...” verstehe ich noch.

Meine Hand mit dem Stein sinkt herab. Jacke und “Partner” Hilmar, wer sonst, die neue Waffia, die mich hier schmoren lässt. Oder jedenfalls die  Bodies der Organisation. Ein Loch suchen sie. Ein Loch? Etwa, weil sie zu faul sind, selber eins zu bohren? Um eine Ladung hineinzuschieben, um dem Haus eine TNT-Kur zu verpassen? Da wäre ein Loch in unmittelbarer Nähe des unbequemen Häftlings das Sicherste - er wäre “in Luft aufgelöst”, jedenfalls nicht mehr identifizierbar.

Sie sind aber vorläufig wieder weg.

Ich lege mein Werkzeug unter den Kopfkeil. Strecke mich auf dem Bett aus. So würde ich aufgebahrt daliegen. Ich atme tief durch: Sie haben draußen geraucht. Über mein Rippengehäuse hinweg erblicke ich meine rot bestaubten Zehen, schaue zu, wie sie wackeln. Wenn meine Swatch noch richtig läuft, bringen sie in einer Stunde das Frühstück.

 

Ich hätte Beate und ihrer ganzen hochnäsigen “zivilisierten Menschheit” zu gern eins ausgewischt, indem ich die Herkunft des großen Vermögens von “Dad” ans Licht brachte. Ja sicher, einer wie der war nicht nur einfaches Mitglied der Bande, sondern der Kopf, er zog die Fäden. Aber wie konnte ich ihn entlarven? Ich saß an meinem PC und durchforstete Rippersreuths Works-Dateien nach dem Erstellungsdatum. Die letzte Speicherung war von 1992, lag also ein paar Jahre zurück. Korrespondenzen. Reklamationen. Steuererklärungen, aus denen ich nicht schlau wurde. Angebote. Entwürfe für Werbeannoncen und Firmenlogos in allen möglichen Schriftarten, immer mit dem falschen Apostroph. Keinerlei Verzeichnisstruktur, absolute Ahnungslosigkeit von Datenverwaltung; Eine Unzahl kürzester Dokumente nebeneinander, ausnahmslos mit der Namenserweiterung .wps, ich saß stundenlang, ohne auf einen Hinweis zu stoßen. Am Abend gab ich frustriert die Suche auf, vorläufig.

 

Und setzte mich hinunter zu meinen Kamolzen, auch wenn sie nicht zur “zivilisierten Menschheit” zählten. Oder gerade deshalb. Drei Mienen hellten sich auf, als ich kam. Die von der Schwarzen, die von Danny und Heilbutt.

Danny: “Rex, hast du mal ‘ne Zigarette?”

Heilbutt: “Rekn, wan ntellen wir heute an?”

Kevin hatte eine geschwollene Backe vom Zahnweh, Jabw tat gleichmütig.

Ich gab mich finster. Hier war einiges zu klären. “Heilbutt!” begann ich streng. “Wer hat hier im Haus die Fahrstuhlknöpfe angekokelt und den Fahrstuhl vollgesprüht?”

Heilbutts freudig-erwartungsvolle Miene wurde fragend: “Ich natürlich! HB, nieht man doch.”

Ich: “Und warum bei mir im Haus?”

Er: “Na, bei euch wohnt doch der Alte, der’n wieder abkratnt.”

Ich: “Der Alte kratzt selber bald ab. Lass ihn in Frieden.” Ich wandte mich an alle: “Den ‘ Herzinfarkt’ in Zukunft in Ruhe lassen, kapiert? Eine Truppe, die sich wie Max und Moritz aufführt, hat am Ende alle Leute auf dem Hals. Wenn schon Zoff, dann wegen was Richtigem!”

Meine Rede wurde akzeptiert. Jabw beobachtete mich, wie mir schien, mit Staunen.

Wir versanken in Schweigen. Da gab es noch was: Bei der letzten Aktion hatten sie mich überbrüllt, und unter Heilbutts Händen war das blöde Hakenkreuz mit der amputierten Inschrift entstanden. Einmal konnte ich mir das Tippen an meiner Autorität bieten lassen, ein zweites Mal nicht.

Autorität, Macht, Befehlsgewalt, egal, wie man es nennt. Die Öl-Multis, die Waffenexporteure, die Medienbetreiber, selbst noch einer wie Herr Bodo v. Rippersreuth besaßen das große Geld, um sich Macht zu kaufen, ich musste meine Macht mit Faust und Grips erobern. Eines Tages würde ich ganz groß einsteigen, voll mitmischen, meine “Goldmine” ausbeuten. Irgendwann kam er, der große Coup. Ja, ich hatte Blut geleckt. Macht, das war mein Kick, das war der rieselnde Schauer zwischen meinen Schulterblättern, und hier, sozusagen auf der Straße, lag mein Pilotprojekt.

Neulich hatten ein paar Typen im Vorbeigehen gesagt: “Guckt mal da rüber: Kamentz und seine Kamolzen.” Ich hatte gesehen, dass das Jabw ganz und gar nicht passte. Ich wusste, wenn ich ihn nicht duckte, würde er immer wieder aufmucken, versuchen, mich kaltzustellen bei der Truppe. Die Truppe, sie musste ich unwiderruflich gewinnen.

Wollte ich meinen Kick, musste ich für ihren Kick sorgen. Das konnte nur ein neuer, ein verschärfter Stress sein. Ich hatte “was Richtiges” angekündigt. Ich räusperte mich: “Autos knacken.”

Kevin, geschwollene Backe: “Nicht grade einmalig.”

Aber wir zogen los.

Auf dem Parkplatz suchte ich für uns einen älteren Golf aus. Wie man ihn aufkriegt, wusste ich nicht, ließ es mir aber nicht anmerken.

Kevin, verächtlich: “VW! Und dann so ‘ne Rostlaube!”

Ich: “Mach’s erst mal, wenn du kannst!”

Danny: “Nein ich!” Seine Nase zuckte freudig wie bei einem Jagdhund, der Witterung aufnimmt. Er erbat sich Jabws Sprungmesser, holte ein zerknülltes Taschentuch aus der Hosentasche. Damit polsterte er den Messergriff, setzte die Klinge oberhalb der Schließmechanik auf das Türblech und schlug mit der Rechten zu. Die Klinge fuhr in den Hohlraum wie in Pfefferkuchen, es dauerte keine zehn Sekunden, und die Karre war offen.

Kevin überbrückte die herausgerissenen Kabelenden der Zündung mit einer großen Büroklammer und brachte Leben in den Motor. Er fuhr dann auch als erster. Wir anderen natürlich mit, insgesamt waren wir sieben (der Hund mitgerechnet), wir quetschten uns Falten in die Sitzflächen. Danach war ich dran.

Es ist ein unwahrscheinliches Gefühl, die Fahrbahnmitte entlang zu düsen, wenn die weißen Balken der Markierung einem entgegeneilen, schneller und schneller, als wollten sie sich in den Weg stellen, sich vor einem aufbäumen - um ohne Gnade umgefahren zu werden wie Bäume von einem rasenden Panzer, man ist Herr über annähernd hundert PS, der Motor jault wie eine getretenes Tier, die Kumpels schreien “dran, dran, drauf”, und man hört ihre Angst.

Alle fuhren, sogar die Schwarze, und sie fuhr gar nicht mal schlecht. Ich wunderte mich, dass Jabw keine Eile zeigte, ans Steuer zu kommen. Bald merkte ich warum - er hatte keine Fahrpraxis. Er hantierte ruckartig, nervös, beschleunigte wütend.

Ich saß unterdessen hinten, die Schwarze auf meinem Schoß. Ergeben hatte sich das zufällig, und sie saß am Anfang steif. Aber als sie bei dem Geruckel immer wieder gegen mich gepresst wurde, gab sie ihren Widerstand auf. Ich wunderte mich, wie leicht sie war und hatte ein Gefühl, als ob wir ineinander fließen würden. Dabei hatte ich meine Hände auf ihren Schultern liegen.

Übrigens wurde Jabw bald ein guter, sicherer Fahrer.

 

DIESER HERBST WAR INSGESAMT TRÜBE, der Winter lag in der Luft. Glatteis und erster Schnee hielten uns nicht ab. Wir waren bald ein eingespieltes Team. Kevin und Danny wählten gewöhnlich die Modelle aus, sie hatten einen sicheren Blick, welche zu knacken waren und welche nicht. Ich postierte die Schmieresteher, wobei ich nie vergaß, Jabw über das Wo und Wie um Rat zu fragen.

Nach dem Bruch trat Heilbutt in Aktion, übersprühte beim Licht einer Taschenlampe die Nummernschilder. Das ging bei ihm blitzartig, und während am Heck die weiße Grundierung noch antrocknete, sprühte er vorn schon (durch Pappschablonen) das neue Kennzeichen auf. Die ersten beiden Buchstaben waren stets HB, darauf legte er Wert.

Ein Autoknack aber, für sich allein genommen, ist noch kein Ding, da hatte Kevin recht. Auf einen neuen Kampf kam es an. Es dauerte, ehe wir an dem Abend zwei Autos in Gang bekamen: Elektronische Wegfahrsperren waren für uns nicht zu überlisten. Endlich hatten wir eine ältere Astra-Limousine und irgendeinen Subaru. Die breite Wolgograder Allee mit der weiten Kurve oben am Hang bot sich als Rennstrecke an.

Ich saß am Steuer des Astra, auf dem Beifahrersitz - Jabw.

Wir nahmen uns jeder eine Büchse Bier und reichten zwei nach hinten. Auf den Rücksitzen hatten diesmal Danny und die Schwarze Platz genommen.

Im Subaru saß Kevin am Lenkrad. Er spielte bereits mit dem Gas, neben ihm reckte Heilbutt den Hals. Aus ihren Lautsprechern nagelte der Rhythmus.

Jabw half mir beim Kurzschließen. Wir rollten als erste vom Platz.

Ich blendete auf. Die Fahrbahnränder glitzerten vom Raureif. Ich überholte einen weißen Omega Caravan. Er sah so irre frischgewaschen aus und irgendwie fett. Das provozierte mich.

Danny beugte sich zu mir vor: “Mann, da drin saß ‘ne Mumie!” Also einer, der mindestens schon so um die vierzig war.

Eigentlich war ein einfaches Rennen zwischen mir und Kevins Subaru geplant. Aber das Auftauchen der weißen Provokation änderte die Lage.

Ich ließ mich zurückfallen, der Omega musste überholen, er fuhr in die rechte Spur und bremste, denn die Ampel sprang gerade auf Rot. An solchem Fahrverhalten erkennt man die Mumie hundertprozentig, man braucht gar nicht hinzugucken: Für Leute ab vierzig ist die Ampel ein heiliges Feuer, sie richten sich immer danach. Ich ging daneben auf die Bremse, guckte mir den Fahrer tatsächlich nicht erst an. Und das war der entscheidende Fehler. Meine Sorglosigkeit, mein Leichtsinn spielte mir wieder mal einen Streich.

Meine Aufmerksamkeit war auf den Rückspiegel konzentriert: Hinter uns kamen die Kumpels zum Stehen. Sie hätten jetzt ihre Chance nützen, auf die Gegenfahrbahn ausscheren und vorbeidüsen müssen - aber auch sie hatten erkannt, dass jetzt was anderes lief. Das Spiel mit einer Mumie bot mehr Kick.

Noch während der Rotphase machte Jabw eine zweite Büchse auf und reichte sie mir rüber. Klare Sache, er wollte mich anheizen. Ich hatte nichts dagegen, prost! Ein neuer Härtetest für Intelligenz und Nerven stand bevor.

Grün. Die Schwarze rülpste laut ihren Zitronenrülpser, es ging ihr, glaube ich, nicht besonders gut an dem Abend.

Der Omega war angefahren, ich hatte ihm einen Vorsprung gegeben, sonst machte die Hetze keinen Joke. Ich weiß nicht, warum ich das permanente Grinsen auf Jabws Visage nicht ernstnahm, das ich aus dem Augenwinkel gut erkennen konnte, jedes Mal, wenn wir unter einer Laterne durchrollten.

Ein Tieflader kam uns entgegen. Ich ließ ihn vorbei und setzte dann zum Überholen an. “Dran, dran, drauf!” schrieen wir, hinter uns funkte Kevin mit der Lichthupe, machte Stimmung. Ich fuhr gleichauf mit dem Omega, er hatte keine Chance. Ich schlug das Steuer rechts ein, es waren nur Zentimeter zwischen uns und ihm, ich hörte den Fahrer kreischen.

Jabw war abgetaucht, mit den Knien unters Armaturenbrett gerutscht, die Hände vorm Gesicht. Und wieder war mir gewesen, als grinste er. Da hatte ich den Omega schon das erstemal gestreift, es gab ein mörderisches Knirschen und das bekannte Spiegelsplittern, die Mumie versuchte, nach rechts auszuweichen, aber da war kaum noch Platz. Er probierte einen kläglichen Trick, ließ sich zurückfallen, aber da bremste ich ebenfalls, was soll’s, du Komposti, füg dich in dein Schicksal, hinter uns würde dich Kevin in Empfang nehmen! Der Mann hätte zurück crashen können, aber es war sein Auto, das er fuhr, teuer bezahlt, sein Lack, deshalb war er von vornherein unterlegen.

Ich hatte auf einmal eine Mordswut auf den Feigling: Warum fuhr er auf unserer Rennstrecke spazieren, warum zwang er mich zu dieser Sache, können die Schweine abends nicht in ihren betten liegen, ihre Weiber bumsen? Der nächste Crash war schon ein richtiger Rammstoß, es knallte wie ein Schuss, und er fuhr mit ABS-Geratter den Bordstein hoch und auf die Wiese.

Und tschüs!”

Der Raureif war vermutlich sein Glück, denn er überschlug sich nicht, sondern schlitterte, kreiselte, kriegte die Hufe nicht von den Klötzern. Aber nach einer doppelten Kehre kam er zum Stehen. Ich sah es im Innenspiegel, atmete durch: “Game over.”

Jabw, wieder senkrecht, jetzt feixte er offen zu mir rüber: “Weißte wer das war?”

Ich: “Ein Bekannter?”

Jabw: “Dreimal darfst du raten und so.”

Ich fuhr die nächste Straße rechts ab. Mich irritierte das “und so”, seine Verlegenheitsfloskel, die er früher manchmal in der Schule gebraucht hatte, hier draußen nie. Ich bremste und hielt: “Also raus damit!”

Ich sah seine Wolfsaugen schillern: “Das war dein Quasimir, die Sau, die mir das Gymmi versaut hat. Mit deiner freundlichen Unterstützung.”

 

Ich schlief unruhig. Ich träumte, ich bin Gott, der aus der Osterwerbung. Oder jedenfalls sein Sohn. Ja, der bin ich, und sie wollen mich ans Kreuz schlagen. Mich quält die Vorstellung, wie sie mir die Nägel durch die Hände treiben werden. Durch die Hände - das aber ist noch nicht das Schlimmste - am meisten fürchte ich den einen, den großen Vierkantnagel, den durch beide Füße. Ich mache mir klar, dass ich, um die Hände zu entlasten, den Hauptteil meines Gewichts auf die Füße legen werde, das heißt auf den dritten Nagel, auf den Punkt, in dem nun der Schmerz meines gesamten Körpers zusammenfließt - bis ich erschlaffe, mir die Knie einknicken und ich nun doch in den Händen hänge. Ich martere mein Gehirn, wie ich der Hinrichtung entgehen kann - bis mir einfällt: Verdammt, ich bin ja Gottes Sohn. Ja, ich verfüge über Wunderkräfte. Ich kann aus meiner Gefangenschaft fliehen, die ganze Anklage aus den Hirnen löschen. Was werft Ihr mir überhaupt vor? Aber ich will den höchsten Triumph erst im letzten Moment. In dem Augenblick, wo sie mit meiner Hinrichtung beginnen, wo der erste Nagel in mich eindringt, werde ich aus meinem Kopf Hilfe erschaffen:

Gottes Tochter. Sie ist blond.

Ja, Ihr Versager, ab jetzt ist Gottes Sohn kein Einzelkind mehr! Sie schleudert Blitz und Donner, und Ihr werdet zu Blechfiguren. Und die verschreckte Volksmenge erlebt, wie ich sportlich vom Kreuz springe und zwischen euch, die Ihr allesamt das gleiche Gartenzwerggesicht habt, davon wandele, den einen oder anderen mit der Schulter umkippe, dass das Blech nur so scheppert: hoppladi!

Gottes Tochter rennt mir nach: Warte doch, Rex ...

Ich wachte auf, schweißnass.

Die Deutung meines Traums war nicht schwer - ich hatte Schiss und hoffte auf ein Wunder. Ich hatte Müll gebaut, kein Zweifel. Ohne Frühstück, total vertrieft, latschte ich zur Schule.

Viermal qualvolle, belanglose fünfundvierzig Minuten vor der entscheidenden Stunde, zwischendurch klopfte ich ans Lehrerzimmer.

Der Mathelehrer kam raus: “Ja bitte?”

Ich: Ich möchte ein Buch für Herrn Kopp abgeben.”

Er: “Ach, Ihr verehrter Tutor. Der Herr ist heute noch nicht da, geruht beim Arzt zu sitzen. Tja, der König Al-  ...also ja, wie gesagt, er ist noch nicht da.”

Das Wort Alkohol hatte er rechtzeitig verschluckt.

Ich wunderte mich, in welchem Ton der Mathelehrer von seinem Kollegen sprach. Wenn Quasimir auch mal einen Kater hatte - er war bestimmt kein Alki. Ich peilte an dem Lehrerohr vorbei, irgendwie wollte ich das Gehörte nicht wahrhaben. Aber Quasimir saß tatsächlich nicht an seinem Platz. Die Pauker standen in Grüppchen beieinander und diskutierten. Die Tür schloss sich wieder.

Also hatte Quasimir gestern abends was abgekriegt. Hatte er mich am Steuer erkannt? Das war die Frage.

Dann Leistungskurs Latein.

Wenn auch mit Verspätung - Quasimir kam. Er war blasser als nach einer durchzechten Nacht. Er knallte seine Tasche mit gewohntem Schwung auf den Tisch, setzte sich, stützte die Ellenbogen auf und hielt sich den nassen Tafelschwamm an die Stirn. Seine ersten Frage war eine Überraschung: “Wer von Ihnen hat bei den Schularbeiten den Fernseher laufen?”

Alle meldeten sich, sogar Elän.

Wer hat zusätzlich noch den Walkman auf?”

Viele meldeten sich.

Wer liest zur Zeit freiwillig ein Buch?”

Ich: “Freiwillig?” (Früher hatte ich viel gelesen, auch Bücher, seit Jahren aber las ich hauptsächlich Illustrierte, Computersachen, meine POWER PLAY.)

Quasimir seufzte. “Themenwechsel. Ein berühmter Satz, lateinisch zitiert nach dem Griechen Sokrates: Nosce te ipsum. Die Übersetzung liefert Rex Kamentz.”

Er nahm für einen Moment die Hand mit dem Schwamm von der Stirn, ich sah erst jetzt den Schnellverband an seiner linken Schläfe. Ich antwortete, obwohl ich wusste, dass die Übersetzung haarscharf danebenging: “Erkenne dich selbst an.”

Quasimir schwieg, senkte die Stirn wieder in die Hände. Redete nach einer Weile hinunter auf sein Lehrbuch: “Grammatisch kein Einwand, Kamentz. Aber noscere heißt nicht nur anerkennen, sondern in seiner ersten Bedeutung schlicht: erkennen. Bevor man sich selbst anerkennt, muss man sich erst mal kennen. Aber dieses Stadium scheint die Menschheit ja heutzutage überspringen zu wollen.”

Er nahm jemand anderen dran. Die Übersetzung kam korrekt, was ja jetzt kein Kunststück mehr war: Erkenne dich selbst.

Beate meldete sich: “Wow, nosce te ipsum. Sokrates meint damit, dass es vor allem Männer sind, die es nötig haben, sich selbst zu erkennen. Anderenfalls hätte er ja auch sagen können: Nosce te ipsam.” Sie betonte das a im letzten Wort.

Bravissimo, die Dame!” rief Quasimir. “Der Feminismus marschiert! Die Menschheit darf hoffen! Sokrates huldigt also mit diesem Satz indirekt dem schönen Geschlecht. Eine völlig neue Interpretation! Allerdings”, er senkte die Stimme, “allerdings kennt niemand das griechische Original ...” Er blickte Beate an, als hätte er soeben in ihr das griechische Original entdeckt. Und er guckte viel zu lange. Und sie guckte, verdammt noch mal, zurück, aktivierte ihre Magnetanomalie!

Schließlich kam: "Sie mit ihrer Menschheit immer! Sie sind tatsächlich ein Linker, Herr Kopp!”

Quasimir: “Ich? Wieso?”

Und er wich aus: “Ich bin ein ‘Eidgnoss’, ein altväterlicher.”

Ich durfte dann das Perfekt des Verbs konjugieren. Bis vor kurzem galt ich erhaben über eine Kontrolle meiner Grundkenntnisse. Ich wusste prompt die Stammformen nicht.

Er half mir. “Novi. Auf deutsch?”

Ich: “Ich habe dich erkannt.”

Quasimir: “Ich sagte nicht: te novi, Kamentz. Das würde allerdings heißen: ich habe dich erkannt. Mer gsäänd üüs denn noch der Schtond - wir sehen uns nach der Stunde.”

Peng.

Dann geriet er wieder in sein geliebtes Quasieren. Mit einer Rede, wie sie nur ein “Eidgnoss, ein altväterlicher” zustande kriegt, der noch dazu Lateinpauker und Privatphilosoph ist, wandte er sich an unsere Hirne: “O cerebra nova, o Ihr Neuhirne”, deklamierte er wie auf dem Theater. “Permanent seid ihr zerstörerischen Klangwogen ausgesetzt, schießen in eure Windungen hochgeschäumte Reize, entfesselte Bilderfluten!

Das rauscht dann dahin in engen Kanälen, ohne sich fruchtbringend zu verzweigen, dürr bleiben Eure Felder, auf denen Freude und Trauer, Reue und Zorn erblühen könnten! Fernsehmord, Heavy Metal, Ferrero-Küsschen, Bier, gebraut nach deutschem Reinheitsgebot, und nebenbei ein paar lateinische Verben. Oder auch nicht. Ihr werdet unfähig, zu erschrecken, Euch von Herzen zu freuen ...”

Ich warf ein: “Wie kann ein Hirn sich von Herzen freuen?”

Er winkte ab: “Schlagfertig seid Ihr, intelligent, unempfindlich, sogar gegen Schmerz, eiskalt, ohne Gewissen. Nur die Extase bleibt Euch, der Über-Strom, der Super-Thrill, der Crash! Die Menschheit der Zukunft wird ihre Kriege im Pay-TV übertragen, und ein Schlachtfeld wird zugleich Stadion und Deponie sein! O misera pueritia! O arme Jugend! Nämd einisch es Papier füre! Tout de suite!”

Unvermittelt folgte ein Kurztest über Kasusendungen:

Der Hundebiss: Morsus catelli.

Des Schlangenbisses: Morsus serpentis.

Dem Ameisenbiss: Morsui fornicarum.

Gewissensbisse: Morsus conscientiae.

Ich knallte die Übersetzungen hin und dachte: Das kann ich noch lange, trotz “Nachlassens in fast allen Fächern.” So ein Neuhirn bin ich. Schlagfertig, intelligent, unempfindlich, eiskalt. Aber nicht durch Reizüberflutung. Sondern infolge gezielter Abhärtung. Ja, ich bin das Neuhirn. Ich brauch meinen Kick. Ich schaffe euch alle. In a world full of no-ones I'm a someone. I'm a timebomb.

 

Die Schule liegt ein ganzes Stück weg vom Betonviertel, das ehrwürdige Backsteingebäude gehört zur Altstadt, wo auch Quasimir wohnt. Trotzdem wählte er unseren Weg so, dass sozusagen er mich nach Hause brachte und nicht ich ihn. Wir schwiegen lange, er hielt den Kopf gesenkt, und ich sah ihm auf die beginnende Glatze. Von oben erinnerte mich seine hochgekämmte Löwenmähne an ein Vogelnest.

Schließlich bog er ins Ödland zwischen “Stalingrad” und dem “Sack” ab. Das winterdürre Gestrüpp war stellenweise bereift, weggeworfene Matratzen- und Fahrradteile, Autoreifen, Betonbrocken säumten den Trampelpfad. Wir mussten hintereinander gehen, er vor mir. Ich dachte: Er vertraut dir. Du könntest jetzt zuschlagen, hier sieht es niemand.

Neutrales Terrain”, sagte er, halb zu mir umgewand. “Kamentz, warum machsch du so öppis?”

Ich: “Ich wusste nicht, wer im Auto sitzt.”

Er: “Das war nicht meine Frage.”

Ich: “Aus Fun. Aus Joke.”

Er: “Joke?”

Ich: “Kampf ist Joke. Spuren hinterlassen ist Joke.”

Er: “Und wenn’s eine Bremsspur ist. Wie wär’s mit arbeiten? Nicht für die Schule, sondern fürs Leben?”

Ich schnipste mit dem Daumen: “Ich seh’s an meinem Vater. Und außerdem lerne ich ja fürs Leben: Powerplay live. Andere abdrängeln, das ist das Leben. Härte.”

Er ahmte mein Schnipsen nach: “Mein Freund. Wie wär’s statt mit Powerplay mit Fairplay? Ich lebe schon länger als du in dieser freisten aller Welten. Ich weiß, wovon ich rede. Es gibt nicht nur Gemeinheit und Frust. Du warst ein erstklassiger Schüler, könntest es wieder werden. In Latein und Deutsch kann ich nicht mal klagen. Ansonsten sehe ich den Weg von Jabwonski vor dir. Verbau dir nicht die Lebenschance.”

Ich: “Lebenschance. dass ich nicht lache. Fehlt bloß noch das Wort Chancengleichheit. So wie Sie reden, können Sie glatt Arbeitsminister werden. Was heißt hier Lebenschance?”

Er: “La chance, Glück, mon ami. Glücklicher Zufall. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.”

Ich: “Nutze ich eine Lebenschance, habe ich sie einem anderen weggeschnappt. Das wissen wir doch.”

Er: “Schon richtig. Was willst du überhaupt werden?”

Ich: “Vielleicht studiere ich Management, steige ein in die Chefetagen?”

Er winkte ab. “Um es kurz zu machen: Ich verlange, dass du dich der Polizei stellst wegen gestern nacht. Wenn nicht, sage ich gegen dich aus, gegen meinen eigenen Schüler.”

Ich: “Sie könnten Anzeige gegen Unbekannt erstatten. Die Versicherung zahlt ...”

Er: “Versicherung hin, Versicherung her. Erstens würde ich in der Kasko zurückgestuft. Zweitens käme die Sache vielleicht niemals aus. Und soll ich warten, dass du nach drei oder vier Wochen weitermachst mit ähnlichem “Joke”? Das ist meine Offerte, Kamentz.”

Ich schwieg, wir kamen drüben beim “Sack” raus, gingen wieder nebeneinander. Wir kamen an unserer Ruine vorüber, später an Rippersreuths Protzenburg.

Er: “Und noch was. Ich sehe sehr gut, was zwischen dir und Beate läuft. Beziehungsweise nicht läuft. Halt dich an sie.”

Ich: “Sie gefällt Ihnen wohl?”

Jetzt war er es, der schwieg.

Ich witterte meine “Chance”: “Okay, Sie zeigen mich an. Dann zeige ich Sie an. Ich sehe auch, was läuft zwischen einem Lehrer und einer minderjährigen Schülerin. Soll ich warten, bis Sie sie rumkriegen mit Ihren Komplimenten von wegen venustas?”

Ich wusste, wie elend, mies und unbegründet war, was ich da abließ. Ich spürte das verzerrte Grinsen auf meinem Gesicht. Und setzte noch hinzu: “Das ist meine Offerte.”

Er war am Boden zerstört. Ich ließ ihn stehen, höre noch jetzt seine Stimme hinter mir: “Kamentz! Kamentz! Triste esset, nisi ridiculum!

 

Frühstück. Ich werfe mir zuerst die Tomaten ein, trinke den kühlen Kernsaft. Im Garten Spatenstiche. Mir ist, als hätte ich das Geräusch auch gestern schon gehört, nur weiter weg. Das Schanzgeräusch der Friedhöfe.

Die quälende Frage: Wie konnten sie meine Identität feststellen? Anonymer, als wir gearbeitet haben, ging es doch fast nicht.

Der CB-Funk? Wir haben stets verschlüsselt gesendet. Und über CB klingt die Stimme verrauscht, im Beton höchstens als S-3-Signal. An den Stimmen waren wir für die nicht zu identifizieren - falls Jacke tatsächlich zufällig in den Kanal 39 reingehört haben sollte. Geht das überhaupt über Taxifunk?

Wo war bei uns die undichte Stelle? Die Kamolzen waren in Details nicht eingeweiht, wussten weder, was sie hätten verraten sollen, noch, an wen.

Alte Radierung eines mittelalterlichen Asienreisenden in einer Illustriertenserie, Geschichte der Drogen: Eine Folterhinrich-tung: Das Opfer mit dem Rumpf fest an einen Baumstamm geschnürt, so, dass die Füße den Boden nicht berühren. Der Scharfrichter, Chinesenhut wie die Zuschauer, von denen einige selbst mit Hand anlegen, er hat eine Säge, die abgetrennten Arme liegen schon am Boden, gerade sägt er an einem Schienbein. Der Gefesselte verdreht die Augen, der Mund ist zum Schrei geöffnet, sein Haar steht buchstäblich zu Berge. Die Bildunterschrift teilt mit, dass man den Verurteilten vorher Opium gab, damit sie länger durchhielten.

Die Bodies könnten von mir erfahren wollen, wer außer mir noch Bescheid weiß.

Und wenn nun Jabwonski der Verräter war?

 

Mit Jabw hatte ich ein Hühnchen zu rupfen. Er schien immer noch zu glauben, dass er mich austricksen, mich ungestraft ins Messer laufen lassen konnte, wie zuletzt mit Quasimir. Die Machtfrage hatte sich oft genug neu gestellt, wieder mal stand ich vor der Aufgabe, sie zu klären, letztmalig, ein für allemal, koste es, was es wolle. Wenn die Zeit der “Gameboyspiele” (was war es sonst?) erst vorbei war, wenn es ernst werden sollte bei den Kamolzen, wenn das große Ding für uns kam, dann durfte es nicht zwei Köpfe geben. Sondern einen: mich. Andererseits: Ohne Jabw ging es nicht, das war klar, er war nicht nur eine harte Nuss, er war der Härteste, der Verschlagenste. Nach mir.

Ich musste ihn so beeindrucken, dass er endlich begriff, wo der Hammer hängt, im echten Sinne des Wortes.

Ich hatte mal gehört, dass sie dergleichen bei der Hitlerjugend durchzogen. Jeder weiß, dass ich kein Nazi bin, aber in solchen Sachen, das muss jeder anerkennen, waren sie einmalig. Und da neuerdings zwei verwaiste Dummies bei uns mit rumhingen - Läppchen und der Fette saßen nach dem Anschlag auf die Ausländerbalkons in U-Haft - schien mir die Zeit gekommen für ein neues, hartes Spiel.

Die Idee hatte ich aus meinem Gottestraum.

Die Vorrichtung, die ich in Herberts Kellerwerkstatt zusammenzimmerte, sah ganz einfach aus: Zwei Fichtenbretter parallel übereinander, aber rechts und links durch Vierkantleisten auf Abstand gehalten, so dass man eine Hand bequem dazwischenschieben konnte.

Zur üblichen Abendstunde nahm ich außerdem zwei Hämmer, eine Kneifzange und eine Handvoll Zwölfernägel. Die Kamolzen trafen sich auf dem Spielplatz, denn für gewöhnlich brachen wir von hier aus zu den Parkplätzen auf. Heute aber lud ich alle in die “Schleuse” ein. Denn heute brauchten wir Licht. Wir setzten uns im Kreis aufs PVC.

Ich: “Jeder kann Chef der Truppe werden. Jeder kann mitmachen. Nicht, dass es hinterher heißt, ich oder Stefan hätten die Führung undemokratisch an uns gerissen.”

Bei dem Wort “undemokratisch”, lachten ein paar Leute, aber es war ein verklemmtes Lachen. Denn sie ahnten schon, dass jetzt was Spezielles kam. Ich schlug zwei Nägel im Abstand von etwa dreißig Zentimetern in das obere Brett. Nur in das obere. Und zwar so weit, dass die Spitzen auf der Unterseite gerade eben herausspießten.

Ich schwang den Hammer: “Unser kleines Spiel heißt ‘Nagelprobe’. Wer legt die Hand drunter?”

Die Schwarze tat einen Japser. Ich sah an ihren Lippen, wie sie das Wort Nagelprobe vergeblich hin und her wendete, ob darin ein Zeichen des Satans zu erkennen sei. Übrigens saß sie heute nicht, wie gewöhnlich, auf Jabws Knie, sondern für sich allein, an der Tapete gelehnt, die Beine seitwärts untergeschlagen, die schlank und sexy aus ihrem Lederröckchen hervorkamen. Ihre Augen wanderten unruhig zwischen mir und Jabw hin und her, sie streichelte heftig ihren Hund.

Jabw war blass geworden, er spuckte seine Zigarette von sich, ergriff nun ohne Zögern den anderen Hammer und rutschte in die Mitte. Er grätschte die Beine und rückte die Vorrichtung zwischen seinen Füßen zurecht, schob seine linke Hand zwischen die Bretter - genau unter den einen Nagel. In der rechten Hand wog er prüfend das Gewicht seines Werkzeugs.

Ich setzte mich in der gleichen Haltung ihm gegenüber, wir hatten ein paar Schwierigkeiten mit unseren Beinen. Aber dann saßen wir bereit: Jeder die linke Hand unter einem Nagel, jeder mit einem Hammer bewaffnet.

Ich erklärte die Regel: “Auf Kommando wird gleichzeitig zugeschlagen. Jeder haut genau einmal auf den von ihm aus gesehen rechten Nagel. Es gibt drei Möglichkeiten zu verlieren: Entweder, man trifft daneben, weil man Mitleid mit dem Gegner hat, dann ist man ein Waschlappen. Oder man zuckt mit der eigenen Hand zurück, mit der, die drunter liegt, überwindet den Reflex nicht. Dann ist man ebenfalls nichts als ein Waschlappen. Die dritte Möglichkeit, man versagt beidhändig. Rechts und links.”

Heilbutt: “Dann in man tnwei Wannlappen.”

Ich: “Mir ist nicht nach Witzen zumute.”

Jabw: “Redest ziemlich lange drumrum. Kamentz. Zeit schinden, he?”

Ich, unbeirrt: “Nur wer schonungslos zuhaut und selbst Schmerz erträgt, der ist der King.”

Heilbutt: “Könnte ja auch jeder nich nelber nageln, denk ich mal.”

Jabw, finster: “Würde keiner fertigbringen. So aber ...”

Kevin, Danny, die Dummies mucksten sich nicht - eine ganze Handvoll Nägel hätte ich nicht mitzubringen brauchen, und ich hatte auch nicht ernsthaft mit der Teilnahme unserer “Fußtruppe” an dem Ausscheid gerechnet. Dies war eine Sache zwischen Jabw und mir.

Nur Dummy 3 (nach meiner privaten Nummerierung) wollte noch wissen, wer Sieger sein sollte, da es ja sein konnte, dass zwei Mann die Bedingungen erfüllten. Die Frage war eigentlich überflüssig: Gewonnen sollte der haben, dessen Schlag härter gewesen war, dessen Nagel tiefer steckte. Ich übergab dem Dummy die Kneifzange zum Herausziehen.

Ich und Jabw tranken ohne abzusetzen einen halben Liter. Wir sahen uns zwischen die Augen.

Jabw: “Du Schwein. Ich hasse dich. Du geschniegelte Sau aus dem ‘Sack’!”

Alles klar, er versuchte, sich in Wut zu geifern, wie es die Gegner beim Wrestling machen. Okay, das hatten wir ja schon mal.

Ich: “Für das Messer in meinem Fuß!”

Er: “Für das versaute Abi!”

Ich: “Für den Tritt beim Wasserball!”

Er: “Dafür, dass du mir mein Mädchen bumst.”

Ich: “Weil sie es will ...”

Jabw heulte fast, ich merkte, wie seine Hand in dem Gestell zitterte: “Schwarze, gib das Kommando!”

Die Schwarze zündete sich scheinbar cool eine neue Zigarette an. Ihr Gesicht wirkte im Licht der Neonröhre bläulich und irgendwie klein. Ihre Stimme war brüchig:

Dran!”

Ich rückte meine Linke unter der herausspießenden Nagelspitze zurecht, bis ich sie zwischen zweitem und drittem Mittelhandknochen spürte. Die Fingerspitzen krümmte ich um die untere Brettkante, damit ich nicht zurück konnte.

Dran!”

Den Hammer hielt ich in bequemem Abstand. Ich wusste, ich würde treffen.

Drauf!”

Der Schmerz. Jabw jault auf und drischt immer weiter. Bei ihm quillt es dunkelrot zwischen den Brettern, Venenblut, bei mir zunächst nicht, obwohl er sinnlos noch immer drauflos hämmert, der Nagelkopf sitzt schon tief im Holz.

Der Dummy nahm ihm den Hammer weg. Seine Zange griff zunächst nach dem herausstehenden Nagel, er stemmte einen Fuß auf die Vorrichtung und riss. Jabw war frei.

Bei mir war es schwieriger. Mit der Zange war kein Rankommen an den Nagelkopf. Das Foltergerät mitsamt meiner Hand musste hochkant gestellt werden, damit er die Spitze, die sogar noch durch das untere Brett hindurch bis ins PVC gedrungen war, zurückschlagen konnte. Der Idiot machte es mit den Zangenbacken, traf dauernd daneben, und jeder Schlag ging mir bis ins Hirn.

Aber endlich war auch ich befreit. Auch bei mir kam jetzt das Blut. Ich zischte vor Schmerz, presste den Daumen und Mittelfinger der heilen Hand auf die Löcher außen und innen, aber der rote Saft quoll und quoll. Der Hund erhob sich und begann, mit der Nase die Spritzer und Tropfen am Boden zu untersuchen. Die Schwarze sprang auf und schob ihn mit dem Bein weg.

Ohne sonderlich auf uns Jungs zu achten, kehrte sie sich seitwärts und stieg aus ihrem Slip, krempelte ihren Rock zurecht und schlang mir das weiße, warme Baumwollding um die Hand.

Ich stöhnte: “Bist disqualifiziert, Jabw. Die Regel hieß: Ein einziger Schlag.”

Er stand abseits in der Ecke, blutete kaum weniger als ich, hatte aber nur die Finger zum Abdichten. Er biss die Zähne aufeinander, dass es knirschte: “Bist der King!”

Game over. Als ich unsere Wohnung aufschloss, kam Patricia aus dem Schlafzimmer: “Ich hatte ein dummes Gefühl ...”

Ich konnte gerade noch meinen Notverband unter der Flurgarderobe verschwinden lassen. Ich faselte was zusammen von einem Sturz und einem Nagel auf der Straße. Herbert fuhr mit mir zur Notaufnahme ins Krankenhaus. Unterwegs presste ich die Hand in dicke Zellstofflagen, die dauernd durchsuppten. Ich dachte: Früher bist du immer wieder durchgedreht. Heute hast du den Durchblick behalten, bist cool geblieben, Jabw nicht.

Ich bin der King.

 

Weihnachten, Heiligabend. Im Fernsehen die übliche Werbung plus Otannenbaumgesäusel. Ich kriegte ein Walkie-Talkie - das CB-Funkgerät SHORTY, das Paar zu hundertneunzehn neunzig, aber ich bekam ein Einzelstück, deutlich second hand, nicht gerade, was ich mir gewünscht hatte. Jabw besaß schon länger so ein Ding, er nannte es “Handgurke”.

Wir hatten für zwanzig Uhr auf Kanal 39 die erste Verbindung vereinbart, aber es kam nur Kratzen und Rauschen. Zu viel Beton türmte sich zwischen uns. Ich lauschte ein bisschen in den Äther - QSOs von Hobbyfunkern, die einander 55 und 73 und 88 zum Fest wünschten. Zwischendurch ordinärer Taxifunk. Das Ding flog in die Ecke.

Patricia war irgendwie besonders schön heute, blank und rosig. Aber ich war in letzter Zeit so genervt, dass selbst ihr Super-Aussehen mich zum Widerspruch reizte, auch ihr offensichtliches Bemühen, sich durch mich die Stimmung nicht verderben zu lassen: “Bitte, Rex, ja? Wenigstens zu Weihnachten ... Guck erst mal deine anderen Geschenke an!”

Ein Paar Lederhandschuhe (damit ich mich bei Stürzen künftig nicht so leicht verletzte) und eine Rasiercreme, Restposten aus Patricias Abenteuer mit der “amerikanischen Verkaufsmethode.”

Ich: “Wieso andere Geschenke?” Ich betonte die Pluralendung. “Rechnet Ihr jeden Handschuh einzeln?”

Herbert blickte mich mit stummem Vorwurf an. Ich biss mir auf die Lippen. Ich wusste, es ist nicht ihre Schuld. Aber ich musste mich einfach wehren gegen diese ganze Schäbigkeit. Die mir Angst machte. Auch, was sie sich gegenseitig schenkten. Er ihr: Ein Buch über gesunde Ernährung. Und die Mitteilung, dass er seine zusammenschiebbare Kleinkaliberkrücke KKK30 beim Münchener Patentamt als Gebrauchsmuster angemeldet hatte. Sie ihm: Socken, zwei Hemden, Kragenweite 39, sein Hals war dünner geworden.

Patricia: “Wir wollen heute mal ganz zufrieden sein, Kinder. Unser Leben ist doch gar nicht so schlecht in der neuen Umgebung. Die Wohnung, Zentralheizung, stets warmes Wasser ...”

Ich: “Was noch?”

Sie: “Ordentliche Leute rings um uns.”

Ich: “Ihr habt keine Ahnung, was draußen läuft.” In dem Moment und auch später war ich ehrlich überzeugt, dass mein Leben auf der Straße ein einziger unabwendbarer Überlebenskampf sei, eine Schule, die nur der Stärkste besteht. Hätte ich die Dinge sonst dermaßen auf die Spitze getrieben, wie es im nächsten halben Jahr getan habe?

Patricia: “Habt Ihr über die Ferien Schularbeiten auf?”

 

Erster Feiertag. Obwohl Herbert “prinzipiell” keinen Alkohol mehr anrührte, meinte Patricia, ein Gläschen Mainzer Spätburgunder würde auch ihm gut tun. Zur Gans. Aber sie hatte sich verrechnet - er blieb stur, wir tranken den Wein allein. Mir schmeckte er fad, den größeren Teil goss Patricia in sich hinein und zwar so hastig, als ob sie im nächsten Jahr nichts mehr kriegen würde.

Sie verschluckte sich hoffnungslos, Herbert beobachtete sie mit krauser Stirn: “Das fehlte noch, dass der Vater einer solchen Familie zum Alkoholiker wird.”

Er wollte ihr auf den Rücken klopfen, aber sie entzog sich seiner Hand: “Die Mutter ... wird also von einer halben Flasche Wein Alkoholikerin ... deiner Meinung nach?”

Herbert: “Es war eine dreiviertel Flasche.”

Patricia: “Sieh mal an, man rechnet mir die Gläser nach. Und jetzt trinke ich grade weiter!” Und sie sprang auf und rannte zum Büroschrank. Der Johnny Walker war verschwunden: “Rex!” rief sie.

Ich: “Ja, was ist?”

Patricia: “Hast du uns was zu sagen?”

Ich: “Nein, wieso?”

Patricia: “Hier war eine Flasche ...” Sie riss der Reihe nach sämtliche Schranktüren auf.

Ich: “Was für eine Flasche? Hab sie nicht, echt.”

Herbert erhob sich ebenfalls, er verließ das Zimmer. Ich saß allein am Tisch, hörte, dass er nebenan meine Sachen durcheinander warf. Ganz klar, er suchte die Flasche, egal ob voll oder leer - er wollte Gewissheit. Und ich dachte: Such nur, du findest nichts. Also wird dein Verdacht nicht nur auf mich, sondern auch auf Patricia fallen. Du wirst es ablehnen, sie zu verdächtigen, aber ein Zweifel wird bleiben.

Und umgekehrt, dachte ich, Bosheit stieg in mir auf: Patricia kommt auf die Idee, dass du, Herbert, selber die Flasche heimlich ausgetrunken haben könntest und dich jetzt schämst, es zuzugeben. Dein ewiges “prinzipiell”, kann ja mal ins Wackeln gekommen sein, he? Wie das bei Arbeitslosen ist. Denn natürlich bist du arbeitslos, alles andere ist Selbstbetrug.

Es wäre für mich leicht gewesen, die Sache zuzugeben. Aber ich kriegte den Mund nicht auf. Ich weiß nicht, aber vielleicht wollte ich einfach dieses verfluchte “Prinzipiell” ankratzen. War Herbert erst im Verdacht, dass er heimlich trank, vielleicht trank er dann wenigstens öffentlich mal ein Glas?

Wie wünschte ich mir den alten Herbert zurück, den stolzen Hirsch! Der zum Geburtstag Würstchen grillte, das Wort Nudelsuppe zu Sudelnuppe verdrehte, manchmal ein bisschen besoffen war und umgänglich und rotbärtig. Der sich nicht prinzipiell täglich rasierte.

Er hielt sich in diesen Weihnachttagen starr gerade, zog seinen Schlips wohl jeden Tag eine Spur enger, das Weiße seiner Augen war gelb wie bei einem Gallekranken, sein Gesicht - zerkerbt, als würde er stark rauchen. Obwohl er keine Zigarette anrührte.

Von dem Tag an verschloss er seine Schränke und versteckte die Schlüssel.

 

Zwoter Feiertag. Es gab die Mittagreste von Heiligabend. Sauerkohlgeruch in der ganzen Wohnung. Beim Kompott legte Patricia den Löffel weg: “Ich bin schwanger.”

Mir fiel ein Stück Pfirsich aus dem Mund. Ich bückte mich danach, mein Blick suchte unwillkürlich Herberts Socken. Natürlich erwartete ich nicht ernsthaft, dass er seine uralten braunkarierten Socken anhätte, die für mich mit einer bestimmten Erinnerung verbunden waren. Er trug graue, sein Weihnachtsgeschenk.

Ich tauchte wieder hoch: “Sag doch was!”

Herbert: “Was soll ich sagen?”

Ich: “dass es nicht stimmt!”

Er zuckte die Achseln: “Es stimmt aber. Keine getrennten Schlafzimmer mehr ... es ist halt passiert. Was soll ich jetzt noch reden? Sie will es. Also will ich’s auch.”

Ich: “Seid Ihr denn bekloppt? Warum auf einmal?”

Patricia: “Ach, Junge. Als du klein warst - war das nicht unsere schönste Zeit? Auch wenn es immer mal Sorgen gab. Weißt du noch, wie du mit dem Finger den Brotmesserrücken langgefahren bist: ‘Guckt mal, auf der Seite ist das Messer gar nicht scharf ...’ Und dann das Messer umdrehtest: ‘Aber auf der Seite ...’, und die Fingerübung wiederholtest? Das gab ein Geschrei!”

Ich kannte die Story: “Wie soll das Kind heißen? Maria Nostalgia?”

 

Quasimir hatte mich anscheinend nicht angezeigt. Aber das war kein Grund zur Entwarnung. Denn Danny war verhaftet worden. Kevin war zufällig gerade bei ihm in der Wohnung, als die Bullen ihn holten. Begründung: Fahren ohne Führerschein innerhalb der Bewährungszeit. Kevin hatte sich gewundert, dass sie auch ihn nicht gleich mitnahmen. Denn er selber war ebenfalls auf Bewährung verknackt. Aber offenbar wussten die Bullen noch nicht genug.

Dadurch erst erfuhr ich von Dannys und Kevins Verurteilung, die zwei Jahre zurücklag. Wenn Danny beim Verhör auspackte, waren wir anderen ebenfalls fällig. Wir beschlossen, vorerst die Finger von den Autos zu lassen.

Einen Kamolzen hatten wir also weniger.

Aber für Danny hatten wir ja die beiden Dummies, nach meiner Zählung Dummy 2 und Dummy 3.

Trotz drohender Wolken am Horizont: Die Truppe erstarkte. Wir waren immerhin sieben Leute, einigermaßen diszipliniert, Spezialisten für alle denkbaren Operationen: Auch ohne Danny kamen wir mit Autos zurecht, wir waren Fassadenkletterer, Sprayer, Katalogzocker, Ladendiebe, Messerwerfer, notfalls (die Dummies!) Brandstifter.

Ich war der Kopf.

Fehlten bloß die “Operationen.” Vorläufig. Mir fiel auch nicht jeden Tag eine Großaktion ein, und ich sorgte dann nur dafür, dass wir die Abende mit ein bisschen Fun totschlugen.

Und ich musste meine “Etagenordnung” aktualisieren.

Auf den Wettkampf hatte mich Heilbutt gebracht, unser Jüngster: Wer kann am längsten Flesher-Video gucken?

Die Vorführung sollte bei der Schwarzen stattfinden. Fünfter Stock, Wohnung von Johanna und Meret Radtke. Die Schwarze lebte mit ihrer Mutter allein, nachdem sie beide kürzlich den Alten, der zugleich ihr ehemaliger Kneipen- und Azubichef war, aus der Wohnung geschmissen hatten. Das Zimmer war schwarz gestrichen, Poster von Demon Eye, Iron Maiden und AC/DC. Ein Foto von Count Grishnackh rollte sich über dem Bett. Vertrocknete Topfpflanzen standen herum, über dem Fernseher hing ein enormer BH.

Der Hund erhob sich zur Begrüßung der Gäste, wedelte mit dem Schwanz und winselte leise. Wir platzierten uns, so gut es ging, auf Bett, Stuhl und Bettvorleger.

Jabw hatte eine Palette BECK’S mitgebracht, Kevin seinen Recorder, er schloss die Geräte zusammen. Heilbutt zog das Video aus dem Rucksack.

Die Schwarze hantierte derweil in der Küche, wir hörten den Klingelton der Mikrowelle. Sie kam mit einem Tablett, auf dem Trinktöpfe und Löffel klapperten. Eine Tomatensuppe dampfte, die dem einen oder anderen nun gleich aus dem Gesicht fallen sollte oder auch nicht. Ich hatte die Spielregel so festgelegt: Aufessen ist Vorbedingung. Und der, dem’s wieder rauskommt, der zahlt die nächste Palette Bier.

Die Tassen und für jeden ein Brechbeutel wurden verteilt, wie im Flugzeug.

Die Schwarze: “Sieben Suppen von Knorr! Ich hatte heute Busen wie Dolly Buster.” Sie nahm endlich den BH mit dem großen Fassungsvermögen vom Fernseher. Das Kleidungsstück gehörte, wie wir wussten, zu ihren Verstecken, und sie schnallte ihn nur um, wenn sie plante, in die Discounts klauen zu gehen. (In der Freizeit trug sie keinen.)

Sie ließ eine schiefe Jalousie herab und quetschte sich zwischen mich und Jabw aufs Bett.

Ich hielt meine Tasse am Henkel und äußersten Rand, das Porzellan war mikrowellenheiß.

Das Video hieß: “Die Rosen des Henkers”, es war ungefähr die dritte oder vierte Kopie, die Farben schon flächig. Zuerst sah man ein Zimmer mit zierlichen weißen Sitzmöbeln. Eine Spielwiese von Bett, rote Samtvorhänge, Blumensäulchen. Eine Frau in einer prallen, durchknöpfbaren Bluse stand vor dem Spiegel, reckte die Ellenbogen, um ihre blonde Lockenflut im Nacken zu bändigen. Sie machte sich anscheinend zu Ausgehen zurecht, rückte hier, zupfte da. Dazu summte sie das Lied: Ein Männlein steht im Walde.

Es klingelte, sie öffnete. Aha, sie wollte also nicht ausgehen, im Gegenteil, sie empfing Besuch. Die Kamera zeigte den Besucher nicht, sondern nur den Rosenstrauß in seiner Hand, nur die freudige Überraschung auf dem Gesicht der Frau. Sie war ungefähr vierzig, die Fältchen um den Mund waren nicht ganz weggeschminkt.

Sie setzte sich einladend auf das Bett, schlug die Beine übereinander, dass der Rock hoch rutschte, und goss auf einem verschnörkelten Serviertischchen Sekt ein. Im Hintergrund groovten immer die gleichen Sythesizertakte.

Kevin: “Bloß’n Porno.” Aber es klang nicht sonderlich enttäuscht.

Ich sah: Alle Augenpaare hingen wie hypnotisiert am Bildschirm. Ich selber hatte nur drei- oder viermal ein Porno gesehen, und ich war gespannt auf die nackte Frau. Ich war von Anfang an irgendwie erregt gewesen, schon beim Eintritt in dieses Zimmer - ich glaube, es war der intensive Desodorantduft der Bewohnerin. Schon im Sommer, unter dem Essigbaum, hatte mich der nicht abgestoßen. Ich hatte Jabws Freundin seitdem nur einmal wieder intensiv berührt, während einer Autofahrt, und jetzt saßen wir wieder fast aufeinander, ihr Bein klebte an meinem, es schien zu glühen.

Ich machte den Anfang mit der Suppe, und alle begannen zu löffeln, um so viel wie möglich herunter zu haben, wenn es auf dem Bildschirm eklig wurde. Die Suppe war noch immer viel zu heiß, ich verbrannte mir den Schlund.

Man sah die Hand des Besuchers, wie sie erst langsam, Knopf für Knopf, der Frau die Bluse aufmachte und sie zuletzt mit einem ungeduldigen Ruck herunter riss. Es war keine ganz normale Hand, sie war irgendwie langfingrig, knochig, knotig. Nicht übertrieben, das nicht, keine Kralle wie im Drakulafilm. Der Horror lag darin, dass das Krallenhafte noch im Bereich des Natürlichen lag. Vielleicht war der Besucher ein Greis, ein alter Lustmolch. Auch die Frau schien kurz zu schaudern, aber dann schmiegte sie sich in die Hand.

Die krümmte sich plötzlich hart, die nackte Brust, auf der man trotz der verwaschenen Kopie bläuliche Adern erkannte, quoll zwischen den dünnen Fingern hoch, die Hand begann zu drehen, als könnte sie die Brust abschrauben. Die Schwarze neben mir stöhnte leise auf.

Jabw pustete in seinen Löffel: “Na und?”

Die Frau war mit dem Oberkörper zurückgewichen, lag jetzt halb, und die Hand riss den Rockschlitz bis zum Bauch auf, zerrte den Spitzenschlüpfer beiseite und kroch in die Frau. Die Finger krochen in die Frau.

Dummy 3: “Fist fucking, na und.”

Heilbutt: “Abwarten. Gleich kommtn.” Er versuchte als erster, aus seiner Tasse zu trinken. Seine Augen leuchteten, auch ihn hatte das Wettkampffieber erfasst, obwohl er, als Kenner des Videos, außer Konkurrenz zuguckte.

In diesem Moment öffnete sich die Stubentür der Schwarzen, die Mutterstimme erklang hinter uns: “Meret! Post von Edeka! Hast du dich dort auch beworben? Und macht mal Fenster auf, Kinder!” Die Tür schloss sich wieder.

Der Frau auf dem Bildschirm schien es von neuem zu gefallen, Ihr Hintern zuckte, sie keuchte. Aber dann drang die Hand bis zum Gelenk ein, wühlte. Die Frau schrie zweimal gellend, die Hand kam langsam wieder heraus, zwischen den Fingern etwas Rotes, Glibbriges. Jetzt kam die andere Hand ins Bild, ein silberner Salzstreuer, dann vernahm man ein Schling- und Schmatzgeräusch.

Heilbutt: “Die Gebärmutter. Er frinnt nie auf.”

Kevin: “Quatsch, Eierstöcke.” Auch er trank jetzt die Suppe.

Die Schwarze rülpste und krümmte sich vornüber.

Ich: “Ist doch Film.”

Jabw: “Sie haben einen Fetzen rohe Leber oder sonst was reingetan, ist doch logisch.”

In dem Moment würgte Dummy 2 und verschwand mitsamt seiner Plastiktüte. Dummy 3 folgte. Wir hörten die Wohnungstür schlagen.

Jabw: “Morgen zahlen sie.” Und langte sich ein Bier.

Auch ich nahm mir eins. Mir stand der Brechreiz hart unter der Kehle, ich spülte ihn zusammen mit der bierverdünnten Tomatensuppe gewaltsam hinunter. Die Schwarze hatte sich aus ihrer Verkrümmung erhoben, wieder senkrecht gesetzt und den Arm hinter meinem aufgestützt. Ihre Brust lag etwas unterhalb von meinem Bizeps. Ich weiß nicht, ob Jabw es mitkriegte.

Die Krallenhand hielt jetzt ein Messer, der Besucher kniete offenbar auf der Frau, und schnitt ihr rundherum eine Brust auf. Wie sie das filmtechnisch machten, war nicht zu durchschauen - die Schneide ritzte die geäderte Haut, dunkles Blut quoll augenblicklich. Die Gefolterte keuchte mit weit offenem Mund, das Gesicht drückte Extase aus, Entsetzen und eine Art grausiger Verzückung.

Als nächster verließ der Hund das Zimmer.

Was hatte Quasimir in seiner Ansprache an unsere Hirne gesagt? Wir brauchen den Super-Thrill. Und was ist, dachte ich, gegenwärtig der Super-Thrill, der Super-Kick? Der Brechreiz. Okay, und wenn wir uns an den gewöhnt haben werden, was kommt dann? Dann gibt es nur noch den Krieg.

Ich bin das Neuhirn, dachte ich.

Der Rest der Suppe in meinem Mund vermehrte sich durch einen Schwall von Speichel, der mir unter der Zunge hervor schoss, ich musste heftig schlucken. Mein Herz schlug nicht schneller, nur härter, und ich spürte das Herz meiner Nachbarin durch den Stoff unserer Klamotten hindurch.

Die Hand hatte inzwischen alles, was abzuschneiden ging, von der Frau abgeschnitten. Die Brüste schwammen wie zwei gestürzte Puddinge auf den Serviertisch in rotem Dressing, daneben mehrere Finger, etwas, das die Zunge sein sollte. Die Hand legte feierlich den Rosenstrauß darüber. Es war unbegreiflich, dass die Gefolterte noch leben sollte, aber jetzt drückte die Hand ein unbekanntes Gerät zwischen ihre aufgerissenen Augen.

Heilbutt: “‘n Boltnnunngerät tnum Nweinenlachten. Jetnt macht er kurtn Protnen.”

Ich übersetzte, für den Fall, dass er nicht verstanden worden war: “Ein Bolzenschussgerät zum Schweineschlachten, jetzt macht er kurzen Prozess ... Du müsstest besser Kaputtbutt heißen, Kleiner.”

Der Zeigefinger bog sich langsam. Ein Knall, Blut spritzte gegen das Objektiv der Aufnahmekamera, und dann stand da: THE END.

Ich, O-Ton Heilbutt: “Die gantne letnte Neinne konnten nie weglannen. Da kommt keine Kottne mehr hoch, dan nervt nur.”

Von den Zuschauern, hatte sich keiner mehr vom Platz gerührt. Irgend jemand sagte ein mattes “Geil”, aber das war alles. Wir erhoben uns, streckten die Glieder. Keiner blickte den anderen so richtig an. Die Gastgeberin rauchte.

Wir verabschiedeten uns. Ich hatte das Moped dabei, war aber kaum dreihundert Meter gefahren, da bremste ich und wendete. Ich klingelte noch einmal bei der Schwarzen: “Könnte dir beim Abwaschen helfen.”

Die Tassen standen noch, wo jeder sie abgesetzt hatte.

Meine war leer.

Jabws war leer.

Die vom Heilbutt, oder besser: Kaputtbutt - leer, keine Kunst.

Die von der Schwarzen viertelvoll.

Kevins Tasse: dreiviertelvoll.

Die Dummies, wer hätte das von diesen eiskalten Burschen gedacht, hatten ihre Tomatensuppe nicht mal angerührt.

Das war die neue “Etagenordnung”: Die Dummies parterre. Oder sollte ich meine geheime Einstufung der Kamolzen ab heute “Tassenordnung” nennen? Wir überließen den Abwasch der Mutter und krochen ins Bett.

Die Schwarze, während sie mir half, uns auszuziehen: “‘ne Auffüllerin vom Edeka-Aktivmarkt hat mich angeschwärzt wegen der Tütensuppen. Ich durfte sie behalten, aber angeschwärzt hat sie mich. Vorhin kam der Brief.”

Ich: “Hatte die Auffüllerin kurzes schwarzes Haar, eine sportliche Figur?”

Sie nickte.

Ich: “Dann war es meine Mutter.”

Wieder erschien auf ihrem Gesicht dieser Ausdruck wie damals, als nach unserem ersten “Clinch” Jabw ihr das Auge blaugeschlagen hatte: Diese ergebene Zufriedenheit, als wollte sie sagen, “Siehst du, Höllenengel ...”

Ich feuchtete mit Spucke einen Finger an und strich ihr vorsichtig ein Körnchen Schlafsand aus dem Augenwinkel. Da fing sie an zu weinen. Und weinend liebte sie mich, ja, so muss man es sagen, es war kein “Clinch” diesmal, sondern Liebe, dabei schluchzte und schluckte sie die ganze Zeit. Sie guckte nicht auf die Uhr und hob diesmal nicht ab. War es das Video?

Wir lagen eng, Gesicht an Gesicht. Ich legte meine Hand auf ihre Schläfe. Es war, als wenn sie unter einem Zelt läge.

Und dann erklärte sie mir, dass ich falsch küsse: “Ein Kuss ist kein Lungenzug an der Zigarette. Ich krieg ja jede Menge Luft durch deinen Mund. Du musst dich festsaugen. So ...”

 

Nacht zum Mittwoch. Der zweite Mittwoch nun schon. Den vierten Ziegel geschafft, der fünfte wackelt. Heute Nachmittag keine Geräusche, deshalb bei Licht gearbeitet, allmählich Routine. Das Loch wird ungefähr quadratisch, ich rechne bald mit hereinbröckelndem Erdreich. Dann ist der Durchbruch so gut wie geschafft.

Sie ahnen nichts von meiner Schufterei. Bringen jetzt viel Obst, Weintrauben, knackig, blaubereift, Klaräpfel, zusätzlich Vitamintabletten. Haben sie ihre Taktik mir gegenüber geändert, weil ich nicht bettle, nicht bitte? Kommt jetzt die süße Tour?

Wenn schon meine Erzeuger nichts mehr für mich unternehmen, warum nicht die Schule? Erkundigt sich mein besorgter Herr Tutor Quasimir nicht nach meinem Verbleib?

Wenn Jabwonski der Verräter war, dann nicht aus Unvorsichtigkeit und zufällig. Dann zielbewusst und planvoll. Als wir überrascht wurden, hatte er den Finger am Abzug, warum erinnere ich mich nicht an einen Knall? So ohnmächtig kann einer nicht sein, dass er einen Schuss aus nächster Nähe nicht mitkriegt.

Hat er die  Bodies bestellt, um sich als Beates Retter aufzuspielen? Hat er dafür kassiert?

 

Für Silvester kauften die Kamolzen bei Jacke die Fajerwerki schockweise, weil er Mengenrabatt gab. Ich war bei dem Handel nicht anwesend, sonst hätte ich ihn verhindert. Ich wusste ja jetzt, dass man die Dinger auch klauen konnte, und wo das Depot zu finden war.

Ein neuer Kick, der auch die Dummies fesseln musste - der Bau einer Bombe. Was wir damit machen wollten, wussten wir noch nicht. Erst mal mussten wir sie fertig haben.

Zunächst benötigten wir einen Hohlkörper aus Eisen. Wir schwankten zwischen Feuerlöscher und Werkzeugkasten, aber ich hatte die grandiose Idee.

Am Abend vor Silvester befreite ich mit der Kneifzange unseren eisernen Gartenzwerg Anita von der Sicherheitskette und ließ das Monster an der Wäscheleine vom Balkon. Unten nahm Jabw es in Empfang.

Wir transportierten es auf meinem Mo zu ihm, wo der gesamte Vorrat Fajerwerki lagerte. So lernte ich Jabws Zuhause kennen und auch seine Eltern, die er mir und den Mitschülern im Gymmi stets vorenthalten hatte. Ich wusste beim Eintreten in die Wohnung sofort, warum.

Der Korridor roch nach Jabw im Quadrat. Wir rauchten und tranken alle, aber das hier übertraf, was ich kannte. Kalter Qualm, Schnapsdunst, beißender Ammoniakgestank machten das Atmen unerträglich. Die Korridortapete war fleckig, als ob Flaschen mit rotem Sekt explodiert wären.

Ein Schlucki, Marxkopf, letztes Stadium, eine Gesichtshälfte schorfverkrustet, hing neben der Flurgarderobe in einem schiefen Korbsessel und schnarchte röchelnd. Ich hatte ihn gelegentlich schon vor dem Aktivmarkt sitzen sehen. Er hob den Kopf, als wir reinkamen, glotzte mich aus verquollenen Augen an, grunzte was und schlief weiter. Das war also Jabws Vater.

Die Mutter kam gerade aus der Toilette, hinter ihr rauschte es. Sie war eine Zwergin, trug Jeans und einen kurzärmeligen, quergestreiften Pulli, den sie sich soeben über den Bauch zog, und der ihr viel zu eng war. Schulterlange Haarsträhnen klebten in ihrem flachen grauen Gesicht, das aussah wie fünfzig. Von ihr hatte Stefan seine merkwürdig engstehenden Augen.

Auf ihrem Oberarm dehnte sich ein riesiger Bluterguss, den sie mit der Hand bedeckte, als sie mich sah. Sie zog sich in die Toilette zurück.

Von drinnen kam ihre Zeterstimme: “Der Alte kommt nicht eher in der guten Stube, bis er abgekotzt hat! Und dann stell dein Vater sein Fressen hin, ich denk nicht dran!”

Jabw antwortete ruhig: “Geht in Ordnung, Mama.” Er kümmerte sich aber nicht weiter um den Schlucki, sondern sagte zu mir: “Mein Zimmer - da links, geh schon rein.”

Stimme aus der Toilette, Badewannenhall: “Hast du wenstns was in Strumpf?”

Jabw: “Ja doch, Mama!”

Und er bückte sich, fummelte einen Zwanzigmarkschein aus seiner Frotteesocke und steckte ihn an den Garderobenspiegel.

Zu mir sagte er, ohne sonderliche Betonung und wahrscheinlich nur, um Fragen zuvorzukommen: “Ich hab noch zwei Schwestern, sind aber im Heim. Und Miete zahlen wir seit Monaten nicht mehr. Demnächst fliegen wir raus. So, nun weißt du alles, Kamentz. Und wenn du mir noch mal irgendwas versaust oder wegnimmst, spritzt dein Gehirn, dass du klar siehst.”

Ich nahm an, er wusste nichts von der jüngsten Sache zwischen mir und der Schwarzen.

Sein Zimmer, das in den Abmessungen meinem glich, dem von der Schwarzen und dem von Heilbutt, war in erträglichem Zustand. Das Bett war sogar akkurat gemacht. Darauf lag die Nazizeitung NEUE FRONT, wir hatten das Exemplar in der Clique schon angeguckt, aufgeschlagen war natürlich die Seite mit der Bombenbau-Anleitung. Daneben lagen A4-Blätter mit Jabws Krakelschrift. Ich entzifferte ein paar Anfänge: Hiermit bewerbe ich mich ... Ein Rattansessel war bis zu den Armlehnen gefüllt mit Fajerwerki. Das Fenster stand halb offen, und die kalte Nachtluft erleichterte das Atmen.

Ich: “Als was bewirbst du dich?”

Er: “Hat sich erledigt, die Bettelei um einen Job. Bringt nix. Siehst es ja auch bei der Schwarzen. Ist der Satz nicht von dir: Es lebe die kriminelle Revolution? Ich werde Gangster, gehe nach Frankfurt oder nach Leipzig. Irgendwann kommt für mich das große Ding. Was ich jetzt so mache - Fingerübungen.” Er machte die Geste des Klauens und lachte verächtlich. Es war klar, dass er nicht bloß Diebstahl meinte. Auch unser Bombenbau gehörte zu den “Fingerübungen.”

So zeigte sich, dass wir ganz ähnliche Vorstellungen von der Zukunft hatten. Nur dass ich ein paar Etagen höher einzuziehen gedachte - bei den Ganoven in den gläsernen Chefetagen.

Bei den Mächtigen, bei den Machern, bei den Parteispenden-spendern und -empfängern, den Managern vom Typ Lopez, den Herzklappenprofessoren, den Dr. Schneiders, den millionenschweren Tennisvätern. Natürlich bei denen, die nicht bestraft werden. Bei denen, die das Gericht gegen Kaution wieder laufen lässt. Bei denen, für die sogar die Anklage Freispruch fordert.

Wir stellten Anita auf die Zipfelmütze und klemmten sie zwischen Sessel und Liege fest. In ihrem Unterteil war ganz realistisch ein Loch im Blech, nicht größer als ein Fünfmarkstück. Ich presste die Lippen darauf und pustete: Anita war dicht.

Eine Fahrradluftpumpe lag auch bereit, wir rissen die Raketen auf und schütteten das Pulver hinein. Natürlich ging was daneben, Jabw griff sich eine Prise und leckte daran: “Was wird das sein? Das gute alte Schwarzpulver? Holzkohle, Schwefel, Salpeter?”

Ich dachte mir mein Teil.

Jabw holte aus seiner Tischlade Bindfaden, sorgfältig auf eine Papprolle gewickelt. Das Zeug war steif und brüchig, er hatte die Fasern bereits imprägniert. Er bohrte das Ende ins Pulver und klemmte es mit dem Schraubdeckel der Pumpe fest. Beinahe feierlich senkten wir unsere Sprengkapsel in Anitas Inneres. Das Loch blieb vorläufig offen, denn wir mussten ja den großen restlichen Hohlraum noch auffüllen, so, wie es in der Zeitung beschrieben war.

Jabw zündete sich umständlich eine Zigarette an. Klar, dass die offene Flamme in der Nähe von dem reichlich verschütteten Pulver sowie einer fast fertigen Bombe ein Test für meine Nerven sein sollte. Ich verstand es als letztes Aufmucken gegen meine - von ihm selbst anerkannte - Überlegenheit und kratzte angelegentlich an meiner Handnarbe. Und begann ebenfalls zu rauchen. Wir qualmten also mächtige Wolken, belauerten die Kurven, die die Glutpünktchen unserer Zigaretten beschrieben. Eine Flasche Scotch stand bereit, und Jabw schaltete den Fernseher ein.

Soundtrack von “Golden Eye” Tina Turner, mit Rotstich.

Tina trug ein langes geschlitztes Kleid, aus dem sie immer mal das Knie rausstreckte. Die Träger des Oberteils hingen ihr auf den runden Armen. Bei der Gelegenheit sah man, dass sie nicht viel Busen hatte. Ich musste an Beate denken, an unsere letzte Begegnung in ihrer Wohnung, an Elän, den Johnny Walker, der ähnlich geschmeckt hatte wie dieser Scotch, und mit dem ich so viel Frust hatte runterschlucken müssen, und Zorn erfasste mich.

Jabw: “Was machen wir nun mit dem Ding?”

Ich: “Lassen wir uns provozieren.”

 

Wenn ich in diesen Tagen erst um Mitternacht heimkam, die Wohnungstür leise aufschloss, sah ich unter der Tür zum Elternschlafzimmer Licht, das bei meinem Eintritt sofort erlosch. Sie hatten gewartet, es aber aufgegeben, mich jedes Mal zu fragen, woher ich kam. Einer, der vom Balkon stieg, wenn man ihn einschloss, Schnaps und Gartenzwerge stahl, Umgang mit Ladendieben pflegte, sich bei rätselhaften “Stürzen” Nägel durch die Hand bohrte, Mädchenslips unter der Flurgarderobe versteckte - so einer war nicht zu retten. Zum Frühstück wurde ich nicht geweckt, ich schlief bis Mittag. Bei dreiundzwanzig Grad Raumtemperatur herrschte die große Kälte. Eine neue Strafe: Familienschweigen. Herbert war wie versteinert, Patricia verlor höchstens mal eine Bemerkung über das zukünftige Baby. Oft saß in Yogastellung auf dem Bett und las über gesunde Ernährung.

Ich brauchte nicht Staub zu saugen, musste mein Zimmer nicht aufräumen. Vor allem aber wurde ich nicht mehr in den Aktivmarkt geschickt. Dieser Zustand, besonders aber das Schweigen, war nicht auszuhalten. Schlimmer als der Nörgelkrieg zuvor, die Standpauken, die belastenden Appelle.

Ein Silvester mit den Eltern? Undenkbar.

Der ganze Tag war schon erfüllt gewesen mit Ballerei. Die Kamolzen ließen Kracher in Flaschen los, die Gehwege waren von Scherben übersät. Wieder einmal musste ich Heilbutt retten - er probierte, eine Flasche mit drei Ladungen und brennenden Lunten bis zur Explosion in der ausgestreckten Hand zu halten. Gerade noch rechtzeitig schlug ich sie ihm weg.

Ansonsten sahen ich und Jabw bei dem fröhlichen Treiben lediglich zu und lächelten väterlich. Mir schien, als hätte unser gemeinsamer Bombenbau uns einander nähergebracht. Es würde in alle Zukunft so sein: Ich war der Kopf, er die Faust.

Wir warteten auf unsere Provokation. Und wenn man darauf wartet, erscheint sie auch. Sie kam des Weges in Person von Beate v. Rippersreuth und Elän Zibchen. Vielleicht hatte der Satan unserer Schwarzen die Hand im Spiel.

Es war kurz vor Ladenschluss im Aktivmarkt. Sie trugen eine von diesen geräumigen vietnamesischen Basttaschen zwischen sich, aus der die silbernen Kappen von Sektflaschen hervorschauten. Beate hatte ein neues Hündchen, wieder Malteserrasse, noch niedlicher als das, das ich umgebracht hatte, eine rosa Flaumfeder, wahrscheinlich ein Weibchen. Das zockelte an langer Leine neben ihr her, schnupperte hier und da.

Es musste einen besonderen Grund geben, dass sie hier langkamen. Normalerweise kauft der “Sack” nicht in “Stalingrad” ein. Und wenn, latscht man bestimmt nicht prolomäßig zu Fuß. Die beiden sahen mich und Jabw und den Rest der Truppe, und es schien mir, als zögerten sie weiterzugehen. An der Kreuzung der Plattenwege setzten sie ihre Flaschen ab und beratschlagten. Die Flaumfeder zog in unsere Richtung. Sie nahmen ihre Last wieder auf und kamen entschlossen auf uns zu.

Wir saßen auf den Stufen und blickten ihnen entgegen.

Die Schwarze umärmelte ihren Hund: “Guck mal, drei Vötzchen vom Feinsten.”

Sie hatte sofort geschnallt, dass es nicht ganz so sehr die Flaschen waren und erst recht nicht das Hündchen, was uns Jungs interessierte. Ihr Köter entzog sich ihr, erhob sich und trottete der vornehmen Artgenossin entgegen. Die empfing ihn mit Gekläff und wurde an die kurze Leine genommen.

Pfui, Flöckchen” hörten wir ihr Frauchen sagen. Da waren sie noch zehn Meter von uns weg.

Jabw stieß einen Pfiff aus. Er war Beate ja seit seinem Schulabgang kaum noch begegnet. Unwillkürlich sah ich sie mit seinen Augen. Verdammt, ja, in diesem Herbst hatte sie noch zugelegt an Schönheit, war reif für das Titelblatt der Super-Illu, war eine von der Art, um derentwillen die alten Griechen Troja eroberten.

Obwohl sie winterlich eingepackt war - sie trug offenbar ihre schnieken Weihnachtsklamotten spazieren - wirkte sie sexy wie nie. Aber das machten nicht die Klamotten, die Strömung kam wie immer vor allem aus den Augen. Die Pupillen glänzten dermaßen, dass ich dachte: Sie trägt Kontaktlinsen, echt mal, das ist das Geheimnis. Sie war leicht geschminkt, schon für ihre Party.

Auch die Zibchen war ein bisschen zurechtgemacht, sah gar nicht ganz verkehrt aus, Brillen-Werbung. Die Walkman-Phones um ihren Hals machten sich fast groovig an ihr. Natürlich wirkte sie blass und schmal neben ihrer Freundin.

Es ist bestimmt nicht gerade erhebend für zwei solche S-Klasse-Töchter, sich von einer Herde, wie wir es waren, mit Blicken betatschen zu lassen. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie weit runter ich zur Zeit war. Dort die “zivililisierte Menschheit”, hier ... Schon klamottenmäßig hätte ich bei denen nicht mehr ins Bild gepasst, und die Abgeschabtheit meiner Kumpels musste zusätzlich den Eindruck verstärken, dass ich bald ein Sozialfall, Sperrmüll sein würde. Aber ich würde es ihnen zeigen.

Sie waren heran und sagten als erste hallo.

Die rosa Feder kläffte immer noch, wurde auf den Arm genommen. Die Schwarze pfiff ihrem Hund, der sich denn auch gehorsam wieder neben sie legte.

Ich: “Na? fleißig ranschaffen für den Neujahrsempfang?”

Die Zibchen blieb stehen, sie schob sich das Haar aus dem Gesicht, mit der gleichen Geste, wie ich es von Beate kannte - rechte Hand linke Schläfe. Bei ihr sah das nur geziert aus. Obgleich meine Anrede eindeutig an Beate adressiert war und nicht an ihre, riss sie das Gespräch an sich. Redete ganze Sätze, total verklemmt vor uns Typen: “Beate hat eingeladen. Ihre Eltern feiern mit Geschäftsfreunden beim OB, da haben wir das ganze Haus. Wir haben schnell noch, als Reserve, ein paar Fläschchen Schampus ...”

Ein Taschenhenkelruck von Beate, die notgedrungen ebenfalls stehen geblieben war, ließ sie verstummen.

Jabw verschlang beide mit Blicken wie der Wolf zwei Rotkäppchen auf einmal: “Ihr setzt euch doch mit her?”

Unsere Meute schnalzte und rückte zusammen.

Die “zivilisierte Menschheit” wechselte einen Blick, es war Elän, die sich zuerst setzte. Widerstrebend folgte Beate. Fast taten mir ihre flauschigen Leggins leid auf unserer von Scherbengeglitzer, Kippen und gefrorenen Fladen übersäten Treppe.

Die Hunde gewöhnten sich aneinander, sie hatten wohl beide erkannt, dass wegen des Größenunterschieds mit Sex nichts zu machen war. Vielleicht war es auch nicht ihre Jahreszeit. Sie beschnupperten einander die Nasen und wedelten freundlich mit den Schwänzen.

Ich, zu Elän: “Na, zum Jahresausklang ein bisschen Heilsarmee spielen, heißen Tee verteilen bei den Underdogs? Sie aus den Fängen des Bösen befreien?” (Wir soffen gerade Gorbatschow.)

Die Zibchen kriegte rote Flecken: “Wieso heißen Tee? Wieso Heilsarmee? Wir quatschen ein bisschen zusammen, ruhen uns aus.”

Jabw: “Scheint ja auch echt schwer zu sein, der Einkauf.”

Beate griff zögernd in die Henkeltasche. Es war tatsächlich “Schampus”, echter französischer Champagner.

Ich entkorkte das teure Gesöff mit einem Knall, ließ sie als erste trinken.

Die Flasche machte die Runde.

Die Schwarze, die zuletzt drankam, ließ ihrem Zug einen langen Rülpser folgen und gab die Flasche der Spendererin zurück. Ein kräftiger Schluck schwappte noch darin, jeder konnte es sehen. Aber Beate stellte die Flasche neben sich, als wäre sie leer.

Die Schwarze: “Trink nur! Ist doch bezahlt, oder?”

Beate: “Ich krieg so leicht Lippenbläschen.”

Ich sah, wie genervt sie war, dass sie ihrer Freundin nachgegeben und sich zu uns gesetzt hatte. Es ging ihr bestimmt nicht um die eine Flasche, sie war wütend, dass sie hier “soziales Gewissen”, Toleranz vorführen musste, bei Leuten, vor denen sie sich innerlich schüttelte. Wieder war auf ihrem ebenmäßigen Gesicht dieser scharfe Zug da, den einer nur entdeckte, wenn er ihre Mutter kannte.

S-Klasse eben.

Daneben unser schwarzer Gossenfrosch mit Schlafsand in den Augenwinkeln. Aber die Schwarze war eine von den Leuten, zu denen ich jetzt gehörte. Zu Jabw, zu Kevin mit seinen Zahnschmerzen. Zu Heilbutt, der jetzt meistens Kaputtbutt hieß, den beiden glatzköpfigen Dummies. Wer nicht aus der Flasche mit denen trank, trank nicht aus einer Flasche mit mir.

Beate, Plauderton, zu Jabw: “Und, was machst du jetzt so?”

Jabw: “Bomben bauen.”

Wir wieherten vor Lachen.

Beate atmete hörbar durch die Nase aus und erhob sich: “Also dann ...”

Jabw und ich verständigten uns mit einem Blick.

Ich: “Wir tragen euch die Tasche.”

Beate zuckte kühl die Achseln: “Wenn Ihr meint?”

Die Schwarze verfolgte uns mit Giftblicken. Die beiden Hunde bedauerten winselnd den Abschied.

 

Die Mädchen schritten vor uns her, “Flöckchen” zwang uns gelegentlich zum Stehenbleiben.

Ich zählte die verbliebenen Flaschen in der Tasche: “Neun Stück? Da kann ja nicht viel losgehen heute Abend, oder?”

Elän schwatzte von den großen Vorbereitungen im Hause Rippersreuth. Dieser Champagner war, wie gesagt, nur noch eine Reserve für alle Fälle, in letzter Minute im einzig noch geöffneten Laden gekauft. Es würde eine ganz große Fete werden, der gesamte Kurs war eingeladen. Natürlich der Imbiss ganz schlicht, Pizza, ein paar Salate, dazu Baguettes, Schnittchen, genug für alle, wer Hunger hat, schmiert sich selbst eine, haha ... Ich merkte endlich, sie wollte ihrer Freundin einen Wink geben, dass sie uns verlorene Schafe mit einlud. Und eine Sekunde lang, so schien es mir, rang Beate mit sich - ich hatte ihr schließlich mal einen Computer “repariert” ... Aber wahrscheinlich hatte sie Weisung von Dad und Mom, den Johnny-Walker-Säufer draußen zu lassen. Die ganze Klasse hatte mir gegenüber dichtgehalten.

Ich: “Auch genügend Feuerwerk auf Lager, was? Fajerwerki?”

Beate, endlich konnte sie ihrem Ärger Luft machen: “Knall und Rauch? Noch nichts von der Aktion “Brot statt Böller” gehört? Da gibt’s ein Konto für die Dritte Welt ...” Sie regte sich echt auf: “Das werdet Ihr nicht erleben, dass es bei uns knallt. Und jetzt könnt Ihr uns die Tasche geben, das Stück schaffen wir schon.”

Wir waren mitten im Ödland, unbeobachtet, Jabw machte mir ein Zeichen, dass wir mit der Tasche jetzt abhauen konnten. Aber mich juckte es auf einmal zu erfahren, ob Beate die Einladung doch noch aussprechen würde, wenigstens höflichkeitshalber: damit ich höflich nein sagen konnte. Deshalb zog ich Jabw weiter und wechselte geschickt das Thema: “Na, da knallen um zwölf wenigstens die Korken. Zu meinem Geburtstag vor drei Jahren gab’s keinen Champagner, bloß Sekt ...”

Da kam er uns entgegen, der große Chef Rippersreuth persönlich, schon in Schale für den Empfang beim OB. Langer dunkler Tuchmantel, weißseidene Fliege am Hals. Er verbreitete eine Wolke von Herrenparfüm, nahm uns die Tasche ab und bedankte sich, dass wir den Mädels so nett geholfen hätten.

Wir kommen zur Party!” rief ich ihnen nach.

 

Ich ging noch einmal hinauf in mein Zimmer und erleichterte unserer “Bierkasse” um zweihundert Mark. Ich ließ die Kamolzen am Kiosk Knaller holen, soviel sie wollten. Ich und Jabw soffen uns in Wut.

Ich: “Brot statt Böller.”

Er: “Hmmm, Pizza, ein paar Salate, Baguettes.”

Ich: “Natürlich alles ganz schlicht.”

Er : “Aber für dreihundert Mark Schampus. Sch ... schampus!”

Ich: “Hoffentlich kriegen sie Lippenbläschen davon.”

Er: “Die müssten noch ganz was anderes kriegen!”

Ich: “Und Dad und Mom sind heute beim Oberbürgermeister.”

Er: “Hast du gesehen, wie der Alte die Nase gehoben hat? Als würden wir stinken.”

Ich: “Wir sollten ihm zeigen, was Gestank ist ...”

Wir wussten beide, worauf wir hinauswollten.

 

Mittwochabend. Neunter Tag. Mit dem sechsten Ziegel Schwierigkeiten, der siebente saß von vornherein locker. Der Mörtel enthält an dieser Stelle zu viel Sand, er bröselt und stiebt bei jedem Stoß. Schlucke massenhaft Staub. Knirschen zwischen den Zähnen, ziegelrote Nasensteine.

Mit Karacho drauflosgeschabt, ohne extra leise zu sein. Jetzt Pause. Gleich kommt Abendbrot. Stets pünktlich, fast auf die Minute um sieben. Da, bitte, das Schlüsselgeklapper, die Zaunlatte serviert die Plastiktüte.

Fühle mich zur Zeit in relativer Sicherheit. Wenn sie was wollen, sollen sie kommen. Habe mir überlegt, dass ich ein unschätzbares Pfand in Form von Computerdaten zu meinem Schutz in der Hand habe. Werde damit hoch pokern. Ansonsten - Rex Kamentz ist bald über alle Berge, meine Herren!

Heute früh irren Traum gehabt: Es ist Patricias große, sehnige Hand, die mir den Essenbeutel hereinreicht.

Ich räuspere mich, frage wie es dem Baby geht.

Es wird ein Mädchen, sagt sie.

Sie drückt die Tür nicht sofort zu. Sie redet mit mir. Ich weiß sekundenlang nicht, was ich als nächstes fragen soll.

Ein Mädchen? Wie weißt du, dass es ein Mädchen wird?

Ultraschall. Man sieht alles, sogar, wie das Herz schlägt. Die Ärztin ist zufrieden.

Strampelt es schon?

Sie strampelt schon.

Wir reden dicht am Türspalt, ich versuche nicht, sie zu sehen, sie mich auch nicht. Sie draußen, ich drinnen, das Essen schon in der Hand. Ich setze den Beutel ab.

Darf ich mal den Bauch anfassen?

Lange Pause von Patricia: Du musst total übergeschnappt sein! Ich höre, dass sie nah am Weinen ist. Sie schlägt die Tür zu und schließt rum.

Ich wachte auf von dem geträumten Türknall und dachte: Verrückt, ich kriege eine Schwester.

 

Ja, da wussten wir, was wir mit unserer Bombe machen würden. Wir erarbeiteten einen ausführlichen Plan, kalkulierten jedes Detail. Ein Problem waren die Kumpels, die das Pulver ja finanziert hatten und uns bedrängten: “Was geht heute los?” Logisch, dass wir bei so einer Sache, die vermutlich auf ein ganz kleines bisschen Brandstiftung hinauslaufen musste, Zeugen nicht brauchen konnten. Es kam also darauf an, den Kamolzen Aussicht auf eine spannende Silvesterbambule zu liefern und zünftig mit ihnen zu feiern. Und zwischendurch einen geeigneten Augenblick abzupassen, um uns abzusetzen, für eine halbes Stündchen, ohne dass sie es merkten. Dafür gerade brauchten wir sie wieder, unsere Truppe: Sie mussten uns notfalls vor den Bullen ein Alibi liefern.

Der Countdown tickte.

Der Abend bis kurz vor Mitternacht verlief wie eine gewöhnliche Silvesternacht - die verschiedenen Cliquen von Kids aus dem Viertel zogen über die Höfe, randalierten auf den Spielburgen, knallten und böllerten wie schon seit Tagen, demolierten hier einen öffentlichen Fernsprecher, knackten dort die Sensoren der Luftmessstation des Landesumweltamtes oder was ihnen sonst im Weg stand. Vermutlich hat unser Viertel in so einer Nacht den Namen “Stalingrad” abgekriegt.

Wir hielten mit, denn natürlich hatten wir nicht nur die Fajerwerki angeschafft, sondern auch die legalen deutschen Kracher. Wir tranken eine Palette BECK’S bis auf drei, vier Büchsen aus, und kurz nach elf versammelten wir uns unter den Balkons bei dem kahlen Essigbaum.

Ich erklärte, im elften Stock wäre ein Libyer eingezogen, dem wollten wir mal klarmachen, was ein deutsches Silvester ist. Die Dummies waren gleich Feuer und Flamme, und wir hatten Mühe, sie davon zu überzeugen, dass sie heute bloß Zuschauer waren.

Dummy 2: “He, wer hat hier eigentlich was zu sagen?”

Die Antwort bekam er von Jabw: “Rex ist der King.” Ich sah ihn an. Soweit zu erkennen, war der Satz ohne Hintergedanken gesagt.

Ich: “Hier ist ein Walkie-Talkie. Das nimmt die Schwarze: Da, Kanal 39. Seht Ihr unten was Verdächtiges, Bullen oder Sheriffs, Sprechtaste drücken: “Hier Oberwelle. Kojaks in Sicht. Komm!”

Die Schwarze drückte probeweise: “Hier Oberwelle ... Komm!”

Jabw ging ein Stück beiseite und flüsterte in seine “Handgurke”, um die Verbindung zu prüfen: “Stand by. Das zweite Gerät nehmen wir mit rauf. Melden uns zwischendurch. QRA ‘Wolf’ bzw. ‘Adler’. Die Bombe steht im siebenten Stock bei Kamentz bereit. Wir binden sie an ein Seil und ziehen sie in den elften zu dem Ausländer hoch, sobald wir oben sind. Alles Roger? Komm!”

Die Schwarze: “Roger! Kommt Ihr auch rechtzeitig weg, eh es kracht? Komm!”

Sie machte sich Sorgen.

Ich nahm Jabws Gerät: “Stand by. Bitte bei mir ein Pentagramm auf den Grabstein und bei Jabw dreimal die sechs. Over.”

Wir turnten los. Ich vornweg. Unser Risiko war, dass wir im Schein einer vorfristigen Rakete unerwünschten Blicken ausgesetzt waren. Das wäre Pech gewesen. Andererseits - die Kamolzen, die ja jede unserer Bewegungen verfolgten, sollten uns sogar sehen, wegen des Alibis. Übrigens hatten wir nicht vor, bis in den elften Stock zu steigen.

Im siebenten drückte ich die Sprechtaste, flüsterte ins Mikrofon: “Hier Adler. Alles okay bei euch? Komm.”

Die Schwarze: “Hier Oberwelle. Alles okay. Over.”

Die Jalousien bei Familie Kamentz waren fest zugezogen. Man ahnte nur das Flimmern des Fernsehers.

Im achten Stock, auf dem Balkon vom “ Herzinfarkt”, verschnauften wir. Wieder sahen wir im kleinen Zimmer den Alten am Bett seiner kranken Frau. Ihr schmutzigweißes Haar stand dürr nach allen Seiten.

Die Balkontür war von innen verriegelt. Wir wollten aber keinen Glasbruch. Sollten wir anklopfen, bitte gestatten Sie? Auf diese Hürde waren wir vorbereitet: Wir zogen uns unsere Schals vor den Mund, die Kapuzen in die Stirn und zündeten einen Schwärmer. Das Ding irrte mit Gezisch zwischen den Betonwänden des Balkons umher. Der Alte sah es von drinnen nicht, aber in den Augen der Patientin blitzte Schrecken, sie sagte etwas, er sprang augenblicklich auf, stakste eilig aus dem Krankenzimmer, erschien gleich darauf im Wohnzimmer, auf dem Balkon, griff nach einem bereitstehenden Löscheimerchen - Jabw hatte einen zweiten Schwärmer losgelassen. Nun stellte er den Alten sanft beiseite: “Entschuldige noch mal, Opa.”

Wir jumpten in den Korridor, Türkette, Schlüssel, einmal rumschließen, noch mal - draußen. Der Fahrstuhl war sofort da, wir fuhren mit einem Trüppchen ganz kleiner Kids, die sich über unsere Vermummung freuten und sich sofort ebenfalls die Schals vor die rosigen Mäuler zogen. Vor der vorderen Haustür rannten wir los. Unterwegs meldete ich über Funk mit Flüsterstimme eine kleine Verzögerung: “Hier Adler. Neunter Stock. Leute auf dem Balkon. Geduld, falls die Show nicht gleich losgeht. Over!”

Die Schwarze: “Hier Oberwelle. Es ist bald zwölf. Over.”

Im Ödland, verborgen unter dürrem Gestrüpp, wartete in einer großen gelben Kaufhaustasche von IKEA unsere Bombe. Anita war unheimlich schwer, Jabw hatte die Füllung mit Sand komplettiert. Der “Sack” lag still. Gefeiert wurde nur in den Villen, nicht auf der Straße. Bei Rippersreuths erfasste uns der Bewegungsmelder, das Hoflicht ging an, als wir über den Metallzaun kletterten.

Da stand, wie für uns bestellt, ein Möbelanhänger, etwas abseits von den anderen Fahrzeugen, vielleicht sogar der, den ich einst mit Paintball beschossen hatte: v. RIPPERSREUTH’S UMZÜGE EUROPAWEIT.

Wir krochen drunter und lauschten. Aus dem Wohnhaus kam Reggae, Ace Of Space, verhaltener Partylärm, die Stimmen der Schulkameraden. Ich versuchte eine erneute Funkverbindung zu den Kamolzen, um eine weitere Verzögerung zu melden, diesmal aus dem zehnten Stock. Aber auf unserem Kanal rauschte es nur, entweder war zu viel Beton zwischen uns oder die Batterien waren müde.

Jabw wies auf die Durchgangstür zum Wohngrundstück: “Schleif du die Bombe zur Haustür, ich wickle von hier aus die Zündschnur von der Rolle. Lang genug ist sie, wir haben Zeit zum Abhauen.”

Ich: “Die Haustür sprengen? Willst du in den Knast? Hier ist es doch okay, ein Möbelanhänger mit Loch reicht als Denkzettel, oder?”

Ich erwog im Stillen eine weitere Möglichkeit - den Pavillon. Aber der war alt und leicht entflammbar und stand zu nahe am Wohnhaus. Ich wusste mehr als Jabw über die eventuelle Herkunft und damit unberechenbare Sprengkraft unseres Pulvers. Vorsicht war geboten.

Er sah ein, dass ein Denkzettel reichte. Wir hoben Anita mit vereinten Kräften an und klemmten sie zwischen Zuggabel und Wagenboden fest. Er klopfte gegen die Bretter : “Dreimal Holz!” Die Zündschnur wickelten wir in Richtung Zaun ab, sie reichte gerade. Wir flankten auf die Straße zurück, ich sah auf meine Swatch:

Noch eine halbe Minute bis Mitternacht. Zündung!”

Jabws Feuerzeug wollte nicht, er musste es erst schütteln. Aber dann ergriff die Flamme die präparierten Jutefasern. Leise sprühend, gemütlich wie bei einer Wunderkerze fraß sich das Feuer übers Pflaster. Wir liefen ein paar Meter, zogen uns hinter einen Müllcontainer zurück und warteten.

Jabw: “So doll kann’s nicht werden. Unser bisschen Zeug ...”

Da riss die Luft auf, ein Knattern folgte, etwas prasselte und trommelte gegen unsere Deckung, und das Prasseln und Trommeln und Knattern und Pfeifen nahm kein Ende. Erste Schreie und Rufe in der Nachbarschaft. Wir hoben die Köpfe: Die Verdeckplane des Wagens war aufgefetzt, sie brannte lichterloh, alles was brennbar war an dem Fahrzeug, stand in hellen Flammen. Hitze wehte uns an. Und immer wieder blitzte und puffte es in der Glut. Ich stierte ...

Jabw: “Was ist, Kamentz! Game over! Los, weg hier!”

Wir rannten. Dürre Zweige schlugen uns ins Gesicht, wir stolperten vorwärts. In “Stalingrad” zischte, krachte, pfiff und winselte es ebenfalls, brach sich als Echo zwischen den hohen Blöcken. “Prost Neujahr!” rief, schrie, johlte es allenthalben, und aus den offenen Balkontüren orgelten die Fernsehsender. Zwischendurch wehte von der Altstadt herauf Glockengeläut.

Wir blieben hinter einem geparkten Kleinbus stehen, und ich rief über Funk noch einmal die Schwarze: “Hier Adler! Sind jetzt im elften Stock! Zündung funktioniert nicht. Versuchen es weiter. Von hier aus Großbrand bei den Speckis im “Sack” beobachtet! Schickt mal jemanden rüber, was da los ist! Over!”

passt auf euch auf, over”, kam es zurück, und ich hörte zum ersten Mal, dass die Schwarze eine liebe, warme Stimme hatte.

Gleich darauf sahen wir den gesamten männlichen Teil der Clique an uns vorbeirennen, Richtung “Sack”.

Nur die Schwarze harrte treu am Essigbaum aus. Sie stand und starrte aufmerksam hinauf in den elften Stock, neben ihr saß der Hund. Wir machten uns nicht bemerkbar, sondern verkrümelten uns, schlossen uns einer fremden Knallerclique an, trotteten mit durch die Botanik, und wo die Jungs einen Abfallkübel umstürzen wollten, verhinderten wir es. Wo einer einen Schwärmer in einen Postbriefkasten stecken wollte, nahmen wir ihm das Ding brennend aus der Hand. Und als wir beobachteten, wie zwei Größere einen Kleinen mit einer Zigarette folterten (Sie versuchten, sie ihm auf der Stirn auszudrücken, sagten, er sähe sowieso aus wie ein Inder), schlugen wir sogar zu. Kurz, wir sorgten für Aufsehen. Ein zweites Alibi konnte nicht schaden.

 

Den Knallertrupp zog es natürlich auch irgendwann in die Richtung, wohin jetzt die Feuerwehren rasten. Neugierig, wie wir waren, trabten wir mit.

Es waren mindestens sieben Einsatzfahrzeuge, sie verstopften den “Sack”, blinkten mit ihren blauen Rundumleuchten. Es war ein erhebendes Bild, das zuckende Blau im Kontrast zu den jetzt gleichmäßig lodernden Flammen, und alles zusammen spiegelte sich glitzernd und farbensprühend auf dem bereiften Ödland und in den Scheiben der geparkten Fahrzeuge. Die Arbeit der Feuerwehr klappte wie bei einer Show, Schläuche wurden im Laufschritt ausgerollt, knappe, halblaute Kommandos hallten: “B-Schlauch!” “Angriffstrupp hierher!” “Gruppenführer zu mir!” Ein Stück Zaun wurde niedergerissen, ein weiterer Löschzug rollte aufs Grundstück, denn die reguläre Einfahrt war bereits zugeparkt.

Es stank durchdringend, der schwarze Qualm der brennenden Reifen und Kunststoffverkleidungen verdunkelte zeitweilig das Feuer, und wenn wieder eine Wolke auf den Ring aus Neugierigen zutrieb, wich alles hustend ein paar Meter zurück, um gleich darauf wieder bis zur Absperrung vorzurücken.

Die Kamolzen waren in der Menge nicht auszumachen. Ich und Jabw drängten uns ganz nach vorn, spürten die Hitze im Gesicht und bekamen gelegentlich einen Schwaden aus feinen Wassertropfen ab.

Jemand: “Den Hänger retten sie nicht.”

Jemand: “Sie legen bloß einen Wasservorhang.”

Jemand: “Die Busse stehen ungünstig ... Wenn da ein Tank hochgeht ...”

Jemand: “Diesel. Kann Diesel explodieren?”

Jemand: “Passiert den ‘Säcken’ auch mal was.”

Jemand: “Wie Reality-TV ...”

Jemand: “Das Wohnhaus, das Wohnhaus müssen sie schützen. Da sind doch Menschen! Der Funkenflug ...”

Jemand: “Geht doch kaum Wind.”

Jemand: “Schade.”

Tiefe Stimme: “Die verdammte Knallerei. Jedes Jahr kostet das Millionen ...”

Ich drehte mich zu dem Sprecher um erkannte Müller, Hilmar, den ewigen “Partner” (jetzt im Fajerwerki-Geschäft), auf seiner Stirn saß eine Pappnase.

Ich: “Ja, die heutige Jugend.”

Jabw, laut: “Genau. Wenn alle die Losung befolgen würden: Brot statt Böller ...”

Ich stieß ihn in die Rippen: “Übertreib’s nicht!”

Die Leute hielten, wie erwartet, den Brand für einen Silvesterunfall.

Die Flammen loderten jetzt ab und zu noch einmal hoch auf, aber das Feuer wurde insgesamt schwächer. Der Hänger verwandelte sich in ein glimmendes Gerippe, verbogene Metallstreben glühten dunkelrot, und im Innern glomm und schwelte ein Haufen schwarzen, undefinierbaren Materials. Die prallen Schläuche erschlafften. Hier gab es nichts weiter zu löschen.

Ich erblickte endlich Leute am Wohnhaus, die ich zuvor wegen des Rauchs und des Wassernebels nicht hatte sehen können. Vor dem Eingang drängte sich wie ein Häuflein verschreckter Schafe Beates Partygesellschaft, Beate hatte einen knöchellangen Mantel übergeworfen, sie redete gestikulierend auf Dad und Mom ein, die sie offenbar eben herbeitelefoniert hatte.

Jabw, leise: “Fällt dir nichts auf?”

Ich: “Was soll mir auffallen?”

Er war mit den Augen bei dem verlöschenden Wrack, senkte die Stimme zum Flüstern: “So viel Bums, dass der Kasten gleich total auseinander fliegt, hatte Anita nicht. Der war selber ‘ne Bombe!”

Ich: “Was du nicht sagst, Mann.”

Er hatte ausgesprochen, was ich auch dachte.

Wir traten das Absperrband nieder, drängten uns noch näher zum Zaun. Die Menge begann sich zu zerstreuen. Wir aber machten lange Hälse und versuchten, in dem Gerippe Reste unserer eisernen Anita zu erkennen.

Jabw schüttelte wieder ungläubig den Kopf über unser totales Vernichtungswerk. Ich beschloss, ihm endlich reinen Wein einzuschenken: “Da drin lagerten todsicher Jackes Fajerwerki, ‘ne ganze Ladung. Das Geknatter nach der ersten Detonation, verstehst du? Und ich fress ’n Besen, wenn der große Chef nicht mit im Geschäft ist.”

Jabw pfiff durch die Zähne: “Woher weißt du ...”

Ich: “Ich weiß nur, dass die Dinger hier auf dem Gelände zusammengebastelt werden.”

Er: “Und woher stammt das Material? Aus Polen, ein bisschen zollfrei, im Reisebus versteckt? Oder im Taxi?”

Ich: “Hab ich früher auch gedacht. Aber die polnische Beschriftung ist wahrscheinlich Irreführung. Rippersreuth hat früher bei der Waffia mitgemischt und hatte sicher noch lange seine Verbindungen in den Betrieb. Da ließ sich bei der Verschrottung Nitrozellulose abzweigen, aus den Treibladungen, die die Sprengsätze ins Ziel schießen sollten, kapierst du, ein kleiner Markt könnte so aufgebaut werden. Und der Vorrat kann Jahre reichen ...”

Jabw überlegte weiter: “Jetzt zu Silvester müssten die Superkracher normalerweise so ziemlich ausverkauft sein.”

Ich ergänzte: “Statt dessen lagert hier mindestens ein paar Dutzend Kartons von dem Zeug, dem Krach nach zu urteilen.”

Er: “Brisantes Material, getarnt in bunten Papphülsen, zur Not sogar bombenfähig. Werden die Zollheinis stutzig, können sie sich jederzeit überzeugen, dass es bloß Feuerwerkskörper sind. Sie funktionieren ja.”

Jetzt war ich es, der pfiff: “RIPPERSREUTH’S SPRENGSTOFFHANDEL EUROPAWEIT ... En gros & en detail. Lieferung mal an ein paar Dummies zum Balkonabfackeln, mal in die Türkei, nach Spanien, Nordirland ...”

Soeben kam Rippersreuth herüber, sein offener Mantel wehte, seine Fliege hing kläglich schief, aber trotz der Aufregung war er ganz der Herr Abgeordnete des Stadtparlaments, einer, der mit den Herren aus Politik und Wirtschaft Silvester zu feiern pflegt. Er verlangte den Einsatzleiter zu sprechen. In einem Ton, in dem er wohl sonst im Restaurant den Koch eines versalzenen Bœuf Stroganov an seinen Tisch zitierte.

Der Einsatzleiter kam zusammen mit einem barhäuptigen Mann in Polizeiuniform. Der stellte sich als der zuständige Brandermittler bei der Polizeidirektion vor. Die beiden ließen den Herrn Großkotz aber leerlaufen: “Sie sind der Besitzer?”

Indem sie selbst die erste Frage stellten, zwangen sie ihn in die Position des Befragten. Er senkte denn auch prompt die Stimme, und vom weiteren Gespräch kriegten wir wenig mit. Nur so viel schien klar, dass auch dem Experten die Sache spanisch vorkam: Eine verirrte Silvesterrakete konnte niemals schlagartig solchen Schaden anrichten.

Von einem Gutachten war die Rede. Wir sahen mehr als wir hörten, wie Rippersreuth die Sache herunterzuspielen versuchte. Seine Hände beschwichtigen, wiesen hinüber zum Haus, ich glaube, er wollte die Männer zum Kaffee einladen: Sie schüttelten die Köpfe.

Aus einem Transporter wurden Teile eines Absperrzauns ausgeladen.

Jabw: “Scheiße, wenn sie Reste von der Bombe finden.”

Ich: “Na, und wenn? Die würde auch noch auf sein Konto gehen. Und wie sollen sie auf uns kommen? Wir haben unser Alibi.” Wir verzogen uns mit den letzten Schaulustigen. Es war inzwischen gegen halb zwei.

Wir trafen die Schwarze, die inzwischen ebenfalls auf dem Heimweg war. Sie selbst tat cool, aber ihr Hund sprang an uns hoch wie nach wochenlanger Trennung. Jabw legte dem aufgeregten Tier die Hand ins hechelnde Maul, es beruhigte sich. Wir blieben bei unserer Story. dass unsere Bastelei nicht funktioniert hätte bei dem Libyer im elften Stock, und dass wir Schwierigkeiten beim Abstieg bekommen hätten, weil so viel Leute auf den Balkons standen. Die Schwarze kaufte uns das ab. Sie wunderte sich nur, dass wir nicht noch mal gefunkt hatten. Wir schoben es auf die leeren Batterien.

 

In der Zeitung hat lediglich gestanden, dass die Polizei Brandstiftung nicht ganz ausschloss, und dass weitere Ermittlungen abgewartet werden müssten.

Von solchen Ermittlungen war dann aber nichts mehr zu erfahren. Die Sache würde im Sande verlaufen. Mir war klar, dass der “einflussreichste Mittelständler unserer Stadt” seine Beziehungen hatte spielen lassen. Okay. Damit waren auch die zerfetzte Anita und eventuelle Spuren, die zu ihr führten, kein Thema mehr.

Ich überlegte, ob ich zu Hause was von unseren gesammelten Erkenntnissen offenbaren sollte. Aber dann hätte es verflucht viele Nachfragen über meine Rolle in der Angelegenheit gegeben.

Ich redete noch einmal über CB mit Jabw. Wir hatten herausgefunden, dass unsere Handgurken ganz gut funktionierten, wenn wir beide zum Senden auf unsere Balkons gingen. Punkt zwanzig Uhr, Kanal 39. (Meine Eltern wirtschafteten um die Zeit abwaschklappernd in der Küche) Wir redeten Funkchinesisch, vermieden Namensnennungen und erfanden natürlich jede Menge Codewörter aus dem Stegreif.

Ich: “Hier Adler. Santiago? Komm.”

Er: “Hier Wolf. Santiago zirka S3, S4. Leichtes Fading, aber ich höre. Komm.”

Ich: “Schluss mit City-Climbing und dem anderen Schwachsinn. Komm.”

Er: “Schluss mit SB ohne Kassenbon.”

Ich: Aquila non capit ... Wir werden Jungunternehmer, ‘stille Teilhaber’. Komm.”

Er: “Sag ich doch schon lange. Kriminelle! Komm!”

Ich: “Keinen Klartext! Komm!”

Er: “Kapiert, was ich meine?”

Ich: “Roger, Mann. Kamolzen bleiben aber draußen. Gruß an Oberwelle. Cheerio!”

Wir hatten uns verstanden. Die Sache konnte für uns beide endlich den ganz großen Einstieg bedeuten.

Tatsächlich mussten wir die Clique wiederum uneingeweiht lassen. Auch wussten wir ja noch nicht einmal exakt, wie die Sache anzupacken war.

 

Manchmal kam ich Stunden später in die Schule. Manchmal kratzte ich meine juckenden Allergiepusteln absichtlich blutig und ließ mich für zwei Tage krankschreiben. Ich machte auch selten noch irgendwelche Schularbeiten und verhaute einen Test nach dem anderen. Primus war ich schon lange nicht mehr.

Quasimir hatte mich anscheinend nicht angezeigt, aber ich war für ihn Luft. Sein Unterricht lief wie gewohnt: Latein in Verbindung mit Privatphilosophie.

Einmal ging er von dem Verb privare aus: jemanden berauben. “Die Tat des Räubers, der Raub, ist die privatio. Auf deutsch?

Jemand: “Privatisierung. Abwicklung. Kennen wir doch.”

Quasimir: “Hmhm. Und nach der Privatisierung kommt was? Friede, Freude, Eierkuchen, lateinisch tolerantia? Wir wollen einander doch nichts wegnehmen?”

Quasimir lächelte hintergründig, er wollte provozieren.

Und richtig, ein paar Leute wurden rebellisch. Beate rief: “Ich wusste es, Sie sind ein Linker!” Unter ihrem Pony flammte Zorn.

Quasimir sah sie wohlgefällig an, sein Auge irrte zu mir ab und senkte sich aufs Pult: “Pardon, meine Dame. Aber so funktioniert die Welt seit Olims Zeiten. Aber die Sache geht ja weiter: Die Beraubten neigen zunehmend zum Gegenteil von tolerantia, nämlich zum Fundamentalismus. Sie sind der Meinung, dass sich radikal etwas ändern muss, sie stellen die Welt, wie sie ist, in Frage, lassen nichts mehr gelten.”

Ich meldete mich, aber er übersah meine Hand.

Da schraubte ich mich von meinem Stuhl hoch: “Wieso dürfen die einen die anderen “privatisieren” und nicht umgekehrt? Heute “privatisiert” jeder jeden. Jeder zockt jeden ab, so heißt das neue Gesetz. Es lebe die kriminelle Revolution!”

 

Immer öfter krache ich mich aufs Bett. Eben wieder verrückten Traum gehabt, obwohl ich gar nicht fest schlief: Ich komme zu spät zur Totenfeier für meine Großmutter Nelly. Der Raum ist dunkel, nur vorn wehen Kerzen um einen geschmückten Sarg. Ich habe eine Eintrittskarte, und wie im Kino leuchtet ein Platzanweiser mir zu einem bestimmten Platz neben einer kleinen Gestalt, obwohl alle Bänke ringsum leer sind. Ich setze mich, die alte Frau hält das Gesicht gesenkt. Als sie mich bemerkt, schiebt sie ihren Arm unter meinen und lehnt das graue Schädelchen mit dem wirr abstehenden Haar an meine Schulter. Ich sitze steif. Wieso bist du die Frau vom “ Herzinfarkt” und schon so uralt, Nelly, denke ich im Traum.

 

Ich tippte in meinen PC einen Brief, in den ich absichtlich Fehler aller Art einbaute:

An den Mittelständler VON Rippersreuth. Du Schwein, wir wissen alles, wo du dein vieles Geld her haßt. Von wegen nur ein bisschen verbotene Fajerwerki usw. Paß auf, das deine Firma nicht mit hoch geht. Silvester war unsere erste und letzte Warnung. Du wirst AUFGEFORDERT umgehend 30000 DM sowie 30 Kilo Sprengstoff in unnummerierten Scheinen zu übergeben. Dann kommen wir ins Geschäft. Anderen falls erfährt die “Rundschau” von deinen Machentschaften. Komme mit deinen PKW auf das stilgelegten Gelände von “Spezialtechnik GMBH” am 20. Dieses Monats. Punkt 23 Uhr. Keine Mätzchen, schalte nicht die Bullen ein, das ist ein guter Rad, du Waffioso. Mit Antimperalistischen Gruß!

Die antimperalistichen Zellen

Ich dachte, dreißigtausend, das ist dreimal unsere alte Haustür: Zehntausend für mich, zehntausend für Jabw, zehntausend für Herbert. Die Fehler, so schien es mir, machten den Brief erst richtig anonym. Der Inhalt war nicht allzu konkret, aber Rippersreuth würde wissen, woher der Wind weht. Er würde unsere Drohung ernstnehmen. Wissen ist Macht.

Ich speicherte mein Kunstwerk auf Diskette, wischte sie sorgfältig ab wegen der Fingerabdrücke, obwohl ich sicher war, dass der große Chef nicht zur Polizei gehen würde. Ich druckte den Umschlag, frankierte ihn und schob die Botschaft hinein. Ich borgte Jabw mein Mo, er fuhr in den Nachbarort und warf die Sendung dort in den Kasten.

Bis zum zwanzigsten war es noch eine Weile hin, aber wir wollten unserem Gegner Zeit geben, das Geld zu beschaffen. In dieser Zeit passierte noch etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

 

Herbert experimentierte zur Zeit an einer neuen Erfindung: Zahnstocher mit gehärteten Spitzen. Er tauchte sie in verschiedene saure Flüssigkeiten: Zitronensaft, Weinessig, Joghurt, saure Milch. Auf den Heizkörpern lagen auf Brettchen die nummerierten Chargen seiner Versuchsmuster zum Trocknen. Nach den Mahlzeiten testete er sie ausgiebig, so dass es Patricia zu viel wurde, sich ihre Nasenlöcher vor Abscheu weiteten, und sie aus der Küche rannte. Ihr war sowieso jetzt oft schlecht, und ich merkte, dass sie schon fülliger wurde um die Hüften.

Herbert dagegen sah aus wie eine vertrocknete Spinne. Eine Spinne in Oberhemd und Schlips.

Einmal hielt er mir wortlos ein amtliches Schreiben hin. Diesmal nicht mit dem Schul- sondern mit einem Behördenstempel. Vorladung an die Eltern. Gegen Ihren Sohn Rex Kamentz ... Anzeige .... Verdacht auf Diebstahl eines PKW und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr gemäß ... werden gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass sich Ihr Sohn am 16. Januar ... 15-16 Uhr Zimmer 213 bei obengenannter Dienststelle ...

Sie haben das Recht ...

Falls ... Hinderungsgründe ..., ist dies telefonisch ... Sofern Ihr Sohn ... nicht erscheint, wird davon ausgegangen, dass ...

Hochachtungsvoll

Mehnert, Obermeister

Beim Lesen merkte ich, wie mir der Schweiß ausbrach. Diebstahl eines PKW - von welchem war die Rede? Wie hatten sie es rausgekriegt? Ich murmelte: “Arsch voller Tränen.”

Herbert: “Was hast du da gebrabbelt?”

Ich: “muss ‘ne Verwechslung sein, das ganze, ich hab mit Autos nichts am Hut.”

Er: “So. Nichts am Hut. Und was ist das?”

Er hielt mir meinen Tankschlauch unter die Nase. Der roch unzweideutig nach dem Zweitaktgemisch, um das ich so manchen Trabi erleichtert hatte. Aber nicht für geklaute Autos, verdammt noch mal! Sondern für mein Mo, damit es immer startklar war! Der Schlauch hatte unterm Bett gelegen, zwischen einem Dutzend anderer Sachen, Herbert hatte gründlich gesucht, dass er mir was anhängen konnte.

Er schlug mir das Ding um die Ohren. Das erste Mal, das er mich schlug, nachdem Patricias berühmte Vorhand mit dieser neuen Art Pädagogik den Anfang gemacht hatte. Er drosch regelrecht auf mich ein und hörte nicht wieder auf, so wie er vor Jahren unseren Garderobenspiegel zertrümmert hatte. Ich hielt schließlich seinen Arm fest und merkte, wie viel stärker ich war als er. Ich sagte ihm, so ruhig ich in dem Moment konnte, in einem halben Jahr wäre ich wahlberechtigt und für mich selbst verantwortlich. Wie er da plötzlich erschlaffte und zu Patricia schlich - das war ein trauriger Sieg für mich, ein schlimmer Moment.

Ich hörte ihn zu ihr sagen: “Nix, nix, nix. Er hält sich für volljährig.”

Zum Glück hatte er unsere “Bierkasse” nicht entdeckt. Der Umschlag steckte nämlich ebenfalls unter dem Bett, und zwar hinter der Scheuerleiste. Er hätte das Bett nur wegzurücken brauchen.

 

20 Uhr. Funkkontakt.

Ich: “Hier Adler. Habe Einladung zur Party bei den Kojaks. Komm.”

Er: “Hier Wolf. Ebenso. 16. Januar, 14 Uhr. Komm.”

Ich: “Das ist eine Stunde vor mir. Komm.”

Er: “Was können sie wissen? Komm.”

Ich: “Frag ich mich auch. Auf jeden Fall gilt: 74. Cheerio!”

Vierundsiebzig bedeutete in dem Fall: Alles abstreiten.

Mir war echt mulmig, als ich das ausladende, frisch restaurierte Gebäude mit den Säulen und Karyatiden und dem Bundesadler neben dem Portal betrat. Hinter einem Glasfenster saß einer ohne Sternchen auf den Schulterstücken, ein Polizeianwärter, der ließ sich meinen Personalausweis und die Vorladung durchschieben, musterte mich, wie mir schien, ein bisschen verwundert und sagte durchs Mikro: “Zweiter Stock links.”

Im Treppenhaus hielt ich nach Jabw Ausschau, traf ihn aber nicht. Ein paar krumme Typen standen im Gang herum und sogen an ihren Zigaretten. Ich klopfte an Zimmer 213.

Der Brillenmensch hinter dem Schreibtisch sah aus wie Typ Mathelehrer. Und außerdem: glatte Haut, Kosmetik, Wollsiegel. Ein Wessi. Am PC im Hintergrund saß eine kraushaarige Farbige. Ich sagte hallo und legte mein Papier hin.

Er las, obwohl er ja genau wissen musste, wer vor ihm stand.

Herr Kamentz”, sagte er. “Ich bin Obermeister Mehnert, das ist Frau Schulz, die Protokollführerin.” Er wies auf einen Stuhl. Dann kamen Fragen zur Person, Geburtstag, Wohnsitz. Trocken klapperte die Tastatur unter den flinken Fingern von Frau Schulz.

Mehnert: “Wie geht’s in der Schule?”

Aha. Die Plaudertour. Ich hatte in meinem Leben schon ein paar Krimis gesehen und wusste, was lief.

Ich: “Es geht so.”

Das Klappern hatte ausgesetzt. Ein Zeichen, dass dieser Teil des Gesprächs nicht wichtig war.

Mehnert: “Sie lernen sogar Latein?”

Ich: “Hab den Leistungskurs belegt.”

Mehnert: “Was wollen Sie denn mal machen nach dem Abi?”

Ich zuckte die Achseln: “Vielleicht Theologie.”

Mehnert blinzelte nur kurz: “Ach ja, für Theologie brauchen Sie natürlich Ihr Latein.”

Er ritt auf dem Latein herum.

Ich spürte ein wenig Erleichterung. Die Befragung lief nur auf meinen Müll mit Quasimir hinaus. Und prompt kam Mehnert zur Sache: Wo ich am Abend des achtundzwanzigsten November vergangenen Jahres gewesen wäre?

Ich hatte bis zur Stunde keinen Schimmer, an welchem Datum wir Quasimirs Caravan von der Straße manövriert hatten.

Ich: “Am achtundzwanzigsten November? Ich war zu Hause.”

Er: “Sie haben recht prompt geantwortet, Herr Kamentz. Woher wissen Sie so genau, dass Sie am achtundzwanzigsten zu Hause waren?”

Damit hatte er mich. Meine Antwort kam viel zu spät und war andererseits viel zu unverschämt, als dass sie ihn hätte überzeugen können. Aber mir fiel in dem Moment nichts Dümmeres ein: “Ich war vierzehn Tage vor dem 6. Dezember jeden Abend zu Hause, habe für meine Großmutter ein Geschenk vorbereitet, eine Laubsägearbeit.”

Das Klappern am PC hatte vor einer Minute wieder eingesetzt, jetzt stockte sich erneut. Mehnert blickte mich lange und sehr nachdenklich an. Und dann kam: “6. Dezember. Ein Geschenk zu Sankt Nikolaus, warum nicht. Aber halten Sie mich bitte nicht für den Nikolaus, Herr Kamentz.”

Und er machte mich mit sehr unangenehmen Dingen bekannt. Er begann mit dem Namen Danny Grün. Danny, in Haft wegen Fahrens ohne Führerschein während seiner Bewährungszeit, hatte auf die Dauer nicht dichtgehalten. Weil man ihn, zunächst rein routinemäßig, auf einen Fall ansprach, der von meinem Lateinlehrer, Herrn Kopp, angezeigt worden war.

Ich merkte, wie ich steif wurde vor Wut. Quasimir hatte mich also doch in die Pfanne gehauen. Jetzt hatte er meine Rache zu fürchten. Äußerlich blieb ich ruhig: “Und wieso fällt Herrn Kopp sein sogenannter “Fall” erst jetzt ein, nach reichlich anderthalb Monaten?”

Mehnert hob die Brauen: “Ironie sollten Sie sich für andere Gelegenheiten aufsparen, Herr Kamentz. Ihr Lehrer hat die Sache noch am nächsten Tag angezeigt.” Er zog ein Papier hervor, las kurz: “Und er hat uns auch gesagt, dass er Ihnen Gelegenheit geben wollte, sich selbst zu stellen. Selbststeller können mit mildernden Umständen rechnen. dass wir uns erst heute mit Ihnen befassen - nun, wir wissen auf diesem Revier schon nicht mehr, wo uns der Kopf steht. Außerdem hätten Sie die Sache doch nur abgestritten. Aber jetzt haben wir die Aussage des Zeugen Danny Grün.”

Ich war am Boden zerstört. Ich wusste nicht, was Jabw vor einer Stunde hier schon ausgepackt hatte. Aber ich erinnerte mich an unsere Abmachung, alles abzustreiten: “Und woher wollen Sie wissen, dass ich dabei war?”

Mehnert: “Machen wir Schluss für heute. Zu gegebener Zeit werden wir uns weiter unterhalten. Was ist übrigens mit ihrer linken Hand?”

Ich: “Ein Mopedsturz. Die Maschine ist aber heil.”

Er: “Ihr Freund Stefan Jabwonski hatte eine ähnliche Narbe.”

Ich: “Reiner Zufall.”

Die Tastatur am PC hatte unterdessen weitergeklappert, das Blatt wurde ausgedruckt, ich wurde aufgefordert, es durchzulesen und zu unterschreiben.

Mehnert belehrte mich darüber, was mich erwartete: ein Verfahren wegen unerlaubter Benutzung eines Kraftfahrzeugs, Fahrens ohne Führerschein mit absichtlicher Herbeiführung eines Verkehrsunfalls, billigender Inkaufnahme möglichen Personenschadens mit Todesfolge für mehrere Beteiligte. Sachschaden war ja auch eingetreten, ebenso Personenschaden, denn der Geschädigte hatte sich wegen einer Schläfenverletzung in ärztliche Behandlung begeben müssen. Da ich einen festen Wohnsitz nachweisen konnte, wurde kein Haftbefehl beantragt. Ich hatte mich zur Verfügung zu halten und war entlassen.

Jabw, der mich am Essigbaum schon erwartete, hatte Ähnliches hinter sich. Er war der Beifahrer gewesen, und sie wussten es. Aber er nahm es gelassener als ich, für ihn stand fast nichts auf dem Spiel. “Man sollte sich als Bulle bewerben”, sagte er. “Als Job jedenfalls nicht öde.”

Die Schwarze kam mit ihrem Hund. “Schon gehört? Kevin ist jetzt auch verhaftet.”

Jabw: “Na und. Vor dem Knast hatte er weniger Schiss als vor dem Zahnarzt.”

Auch die Schwarze hatte eine Vorladung, aber erst für morgen. “Beim ersten Mal kriegen wir Bewährung”, meinte sie. Sie wollen uns unser junges Leben nicht verpfuschen.” Sie verzog verächtlich und angewidert ihren roten Mund.

 

Die Clique war angeschlagen, und ich hatte ein Tief. Nicht mal so sehr wegen der Autosache. Rex Kamentz, dachte ich, du bist ziemlich down. Jetzt schon Erpressung. Erst bei dem Mann, der dir den Satz vom Adler beigebracht hat, deinem Lehrer. Okay, da war es Notwehr, und es hat nichts gebracht. Jetzt aber, bei Rippersreuth, im großen Stil. Wenn du deswegen vor den Richter müsstest - was könntest du sagen: Der Erpresste ist selbst ein Schwein, er hat’s nicht anders verdient?

Aber es hätte ja immerhin noch die Möglichkeit gegeben, ihn wegen seiner dunklen Geschäfte anzuzeigen. Einfach zu Mehnert zu gehen. Ha, ha. Für die Rippersreuths hat der Gesetzgeber Kaution vorgesehen. Und freie Auswahl an Anwälten. Und Geldstrafe. Wenn überhaupt.

Nein, meine Damen und Herren Geschworenen - einer wie ich muss seinen Grips nutzen und seinen Mut und seine Kälte, um in der Welt voranzukommen. Das ist die einzige Chance.

La Chance. Glücklicher Zufall.

Da liegt sie, zum Greifen nah, die Goldmine. Ich bin aquila, der Adler, der große Beute schlägt. Und wenn’s sein muss, bin ich aper, das Wildschwein, das im Dreck nach Trüffeln wühlt. Na und?

Ich hatte mich wieder im Griff.

Die Zeit der ziellosen Aktionen, der Abendunterhaltungen vom Typ POWER PLAY, der “Fingerübungen”, wie Jabw es ausdrückte, lag hinter mir, hinter uns. Wir hatten die Diskette abgeschickt, die Geldübergabe angekocht. Mit dreißigtausend war auch ein Bewährungsjahr (wegen der einen, lächerlichen Autogeschichte) locker rumzukriegen. Jetzt gab es nur eins: die Sache durchziehen.

Zu Hause musste ich natürlich mit der Sprache raus, weswegen genau sie mich auf der Polizei ausgehorcht hatten. Und ich erzählte davon ziemlich ausführlich. Herberts Daumen bohrte. Dann wandte er sich seinen Zahnstochern zu. Patricia ging ins Schlafzimmer. Es war für das Baby nicht gut, wenn sie sich aufregte.

Klar, ich kapierte schon, sie waren am Boden zerstört. Sie wollten partout anständig bleiben. Aber sie zogen eben auch die Köpfe ein. Ich gab mir Mühe. Blieb abends zu Hause, drehte den Sound nicht zu laut, machte sogar Ordnung in meinem Zimmer, half beim Aufräumen der Kellerwerkstatt. Das Familienschweigen wurde zeitweise ausgesetzt. Ich spielte gegen Herbert Schach und schlug ihn dreimal, einmal sogar mit dem Schäferzug. Er war nicht bei der Sache.

Am zwanzigsten, es war ein Sonnabend, zog ich gegen sieben meine gefütterte Jacke an und erklärte, dass ich zu Kumpels noch ein bisschen Musik hören ginge.

Sie sagten, ich sollte dableiben. Wenn ich nicht Schach spielen wollte, dann vielleicht Monopoly wie in alten Zeiten?

Ich bin gegen Mitternacht zurück”, sagte ich.

Sie wussten, ich war nicht aufzuhalten.

 

Donnerstag. Werkzeug total stumpf. Dem Eisen und mir selbst zu viel zugemutet. Beide Handflächen nur noch aufgeplatzte Blasen, rote Haut. Die Bodies haben mich soweit. Ich bin am Ende. Wenn sie wiederkommen, werde ich sie bitten, mit der Ungewissheit ein Ende zu machen, endlich eine Entscheidung zu treffen. Und wenn die Zaunlatte das Essen hereinschiebt, werde ich die ansprechen, notfalls auf die Knie gehen: Komm rein, Latte, verprügle mich, schlag mich tot, wenn es sein muss. Aber tu was.

Ich kann nicht mehr.

Wieder die Ameisen. Ekelhaft die Vorstellung, dass auch Beate ihnen tagelang ausgeliefert war. Wenn sie wacht, wenn sie schläft. Sie kriechen ihr unter die Klamotten, versammeln sich an ihren warmen Körperstellen. Schwachsinn, es bringt nichts, daran zu denken. Aber es ist wie eine fixe Idee, ich kann hören, wie sie im Traum stöhnt, ich stöhne selbst, fühle unter den Fingerspitzen, als wären es ihre Finger, die beweglichen, rebellischen Krümel, die Schwellungen, die sie sich wund kratzt, die ich mir wund kratze.

Nein, ich werde nicht bitten. Sie anreden ja, aber nicht betteln. Ich werde meine letzte Karte ausspielen.

Hallo”, sage ich übungshalber. “Zunächst verlange ich eine Zigarette.”

 

Nun hatte ich ein, wenn auch angeschlagenes, privates Einsatzkommando und brauchte es nicht. Nur ein Mann daraus war wichtig, Jabw.

Wir beiden fuhren schlicht mit meinem Mo. Wir wollten mindestens zwei Stunden vor dem anberaumten Treff am Platz sein, denn wir mussten mit Überraschungen rechnen.

Ich stellte den Motor etwa einen Kilometer vor dem Werktor ab, an der Einmündung eines zugewachsenen Feldwegs. Wir wollten das Betriebsgelände nicht durch den Haupteingang betreten, sondern das Areal zunächst umgehen und von der rückwärtigen Seite abchecken, vom ehemaligen Testgelände aus.

Wir schoben über holprige Grasnarbe. Manchmal rutschte der Vorderreifen in eine der uralten Fahrrinnen, dann ging es leichter. Jabw, hinter mir, fluchte leise: “Du denkst, Rippersreuth kommt heute mit dreißigtausend? Wär er ja bescheuert.”

Ich: “Heute hat er die Knete sicher nicht dabei. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder, erstens, er hat die Bullen informiert, dann ist das Gelände jetzt schon von denen besetzt, und wir sollen ihnen in die Arme laufen, oder ...”

Er: “Moment: Wenn er die Bullen ins Spiel bringt, hat er eine saubere Weste. Dann gibt’s für uns nix zu holen.”

Ich: “Zweite Möglichkeit: Er kommt allein. Zum Verhandeln. Will rauskriegen, wie viel wir konkret wissen, ob er unser Schweigen erkaufen muss oder nicht. Dann wird er uns vertrösten, das Übliche, dass er so viel Geld nicht flüssig hat. Er denkt, er testet uns. In Wirklichkeit testen wir ihn: Keine Polente, dann ist er fällig. Dann wird’s erst richtig teurer für ihn.”

Er: “Und wie verhandeln wir, ohne dass er mitkriegt, wer wir sind?”

Ich überlegte. “Unsere Stimmen wird er nicht gut genug kennen. Aber sehen lassen dürfen wir uns nicht.” Ich blickte zum Himmel. “Hoffentlich kommt der Mond nicht durch.”

Er: “Keine Bange, ich halte ihn auf Distanz.”

Ich: “Den Mond?”

Nach ungefähr einer halben Stunde Marsch lehnten wir das Mo an einen der einsamen Betonpfähle des abgebauten Doppelzauns. Wir überquerten den Streifen, in dem früher die Wachhunde gelaufen waren. Wir schlichen, hielten uns dicht genug beieinander, dass einer die Umrisse des anderen sehen konnte. Das Knacken der gefrorenen Brennnesselstrünke unter unseren Füßen würde uns nicht verraten, denn wir hatten Gegenwind. Von Zeit zu Zeit verharrten wir reglos und lauschten. Bis jetzt war nichts Verdächtiges zu hören.

Auf einmal schrie Jabw auf und verschwand von der Bildfläche. Ich tappte in seine Richtung und hörte ihn unter mir atmen: “Nix passiert ...”

Er war in einen der Laufgräben gefallen, den die Faschos angelegt hatten, vielleicht war 's der, in den Herberts Auto schon mal festsaß. Ich streckte die Hand aus, um ihm heraufzuhelfen, da hörte ich einen Motor und sah kurz darauf eine Scheinwerferpaar angewippt kommen, das direkt auf uns zuhielt. Ich warf mich auf den Bauch und wälzte mich ebenfalls in den Graben. Wir hoben vorsichtig die Köpfe.

Das Auto stoppte ungefähr vierzig Meter vor uns, der Motor verstummte, die hochliegenden Scheinwerfer erloschen.

Jabw flüsterte: “Rippersreuths SL.”

Ich: “Schätze eher, der Frontera, der ist nämlich geländegängig.”

Er: “Er kommt ohne Bullen. Die wären nicht bloß mit einem einzelnen Fahrzeug da!” Er haute mir freudig auf die Schulter: “Wir haben ihn an der Angel!”

Vor uns war alles dunkel, der Wind trug zwei- oder dreimaliges Klappen von Autotüren bis zu uns. Jabw griff in die Tasche.

Er zog etwas hervor, wickelte einen Lappen ab. Es war eine Pistole: “Damit halte ich sie auf Distanz.”

Ich: “Schreckschuss?”

Er schüttelte den Kopf. Ich konnte erkennen, wie sein Daumen den Sicherungshebel nach unten drückte. “Makarov M59, 9mm - acht mal schießen, einmal werfen”, flüsterte er, “Selbstladepistole, nach dem ersten Schuss sofort wieder bereit.”

Ich: “Woher hast du sie?”

Er kicherte nervös, ließ den Schlitten schnappen. Zielte ins Dunkle.

Ich: “Lass den Scheiß!” Ich sah zur Uhr: Es war erst kurz nach zehn. Auch unser “Geschäftspartner” war, wie erwartet, früher gekommen, versuchte seinerseits, einen Hinterhalt zu legen. Aber solange er uns nicht ausgemacht hatte, waren wir im Vorteil.

Schritte durchs dürre Kraut - Jabw verlor die Selbstkontrolle. Sein Schuss brach dicht an meinem Ohr, die Hülse wirbelte aus dem Auswurffenster über meinen Kopf hinweg, ich war halb taub. Augenblicklich wurde das Feuer erwidert, zwei Kugeln schlugen irgendwo rechts von uns gegen einen Stein und prallten als sirrende Querschläger ab. Dann war wieder Ruhe.

Mir schlug das Herz im Hals. Feuertaufe, dachte ich, Feuertaufe, und das Kribbeln zwischen den Schulterblättern war da. Neben mir schnaufte Jabw, ich hätte wütend sein müssen, weil sein Mündungsfeuer unsere Position verraten hatte. Aber ich spürte Genugtuung: Jetzt wussten die anderen, dass wir nicht spaßten. Ich zog ihn am Arm fort, nach ein paar Metern bog der Graben fast rechtwinklig nach vorn ab, wir schlichen geduckt weiter, ungefähr fünf Meter. Der Lehm war an dieser Stelle nicht gefroren, unsere Tritte versanken in weichem Untergrund.

Klar, die anderen wussten nicht, dass hier ein Graben war.

Und jetzt riss über uns die Wolkendecke auf, der Mond war nicht zu sehen, aber er verlieh den ziehenden Wolkenrändern eine leuchtende Korona. Keine zwanzig Schritt vor uns standen geduckt, Rücken an Rücken, Jacke und der “Partner”. Das Licht spiegelte sich matt auf zwei Pistolenläufen.

Waffen weg und Hände hoch!” schrie Jabw.

Die beiden fuhren herum in die neue Richtung, sahen nur Gestrüpp, der “Partner” gehorchte als erster. Dann plumpste auch Jackes Waffe ins Kraut. Zögernd hoben sich die Hände.

Jabw behielt sie im Visier, während ich im Graben noch näher an sie rankam. Diesmal bemühte ich mich nicht, leise aufzutreten. Sie wussten nicht, dass ich unbewaffnet war, sie sollten sich von zwei Seiten her bedroht fühlen.

Der “Partner”: “Wir haben die Hände oben. Was wollt Ihr denn noch, Leute?”

Keiner von uns antwortete.

Er: “Wir kommen ins Geschäft. Leider hat der Chef das Geld nicht so schnell auftreiben können, dass müsst Ihr doch verstehen.”

Jabw: “Und den Sprengstoff?”

Der “Partner”: “Im Auto. Wir stellen die Kiste raus, wenn wir abfahren, okay? Der Chef lässt euch sagen, er hat viel Verständnis für die Antiimperialistischen Zellen.”

Ich lachte laut heraus.

Das war mein Fehler. Denn in diesem Moment kam der Mond ganz durch, die beiden hechteten zu Boden, und mindestens einer muss sofort seine Waffe wieder erwischt haben. Der Schuss war gezielt, die Patrone pfiff durchs Gras und mir dicht über den Kopf, jetzt schoss auch Jabwonski wieder, und dann kam das Geballer zweifach von vorn, ich sah das Aufblitzen und konnte nichts machen. Erst jetzt packte mich blanke Angst. Ich stolperte im Graben zurück, riss Jabw mit, wir rannten hintereinander weiter, der Laufgraben war unsere Rettung, und als es hinter uns ruhig blieb, wälzten wir uns nach oben, rollten in die nächste Erdmulde, erhoben uns und spurteten.

Einer verfolgte uns noch, es war wohl Jacke. Der andere war zu alt und zu massig, um mitzuhalten. Aber wir hängten auch Jacke ab und kamen wohlbehalten bei unserm Moped an. Alles in allem konnten wir zufrieden sein. Wir wussten jetzt, mit wem wir es zu tun hatten. Und der Gegner, umgekehrt, wusste es auch.

Der Krieg war nicht nur erklärt. Er war ausgebrochen. Nix mehr mit “Game over”.

 

Herbert sass schon vormittags am Tisch und spielte gegen sich selber Schach. Sein Daumen bohrte unter dem Tisch im Handteller.

Oder er hockte wieder über Bündeln von Papieren. Er hatte seinen gehärteten Zahnstocher fertig erfunden und war dabei, ihn beim Patentamt anzumelden. TOOTH PICK EXTRAHART MIT CITROFRISCHE AUS DEM HAUSE KAMENTZ.

Ich dachte: Nein! O nein! So ende ich mal nicht. Was für ein anderes Kaliber war da mein Gegner Rippersreuth! So muss man rangehen, wenn man es zu was bringen will! Bei dem heißt es: dran, dran, drauf! Der stochert nicht mit Zahnstochern!

Ich fragte mich allerdings, warum der Chef nicht persönlich erschienen war, ganz gemütlich, ganz privat, um den “Antiimperialistischen Zellen” auf den Zahn zu fühlen. Er hatte mit seinem bewaffneten Kommando für meine Begriffe einfach zu massiv reagiert. Ein Indiz, dass er womöglich noch einiges mehr zu verteidigen hatte, als seinen Handel mit Fajerwerki, egal, womit die Papphülsen vollgestopft waren.

Ich saß wieder am PC. Ging meine Kopie von Rippersreuths Festplatte durch, hunderte von Dateien: werbung.wps, briefbmw.wps, abrech91.wps ... Bis ich auf eine stieß, die nicht die Erweiterung .wps aufwies, sondern drei an dieser Stelle unerwartete Buchstaben.

Die Buchstaben .bat mit Punkt davor.

Komplett hieß die Datei ind.bat - ich wollte sie öffnen, aber da kam die Aufforderung: KENNWORT EINGEBEN FÜR DATEI!

Zwischen all diesen belanglosen, aber ursprünglich ja schon durch Password geschützten Dokumenten ein extra geschütztes. Drei Buchstaben wie ein Barrikade, die genommen werden wollte.

Ind - hieß das Index? Indien? Indonesien? Oder Indiana? Hatte mir Beate nicht mal was von einem kartoffelnasigen Amerikaner erzählt, mit dem sie Sekt trinken musste? War das der Vierzig-Millionen-Dollar-Ami, auf den Kaiserswartha so gut zu sprechen war wegen seines Schachers mit der alten Waffia?

Ein raffiniert ausgetüfteltes Kennwort zu knacken ist so gut wie aussichtslos. Ich probierte es trotzdem. Ich versuchte es mit: WAFFIA. Mit FAJERWERI. Mit NITROZELLULOSE. Obwohl das völlig abwegig war, denn er würde sich ja wohl ein unverdächtigeres Wort ausgesucht haben. Ich dachte: Es muss immerhin was sein, das er sich merken kann. Der Name der Gattin? Ich kannte ihn nicht. Der Name der Tochter? BEATE?

Nichts.

Da kam ich auf die Idee, nach einem Anagramm zu suchen - ähnlich, wie die Schwarze in den Wörtern ihren SATAN suchte. Ich gab ein: ETAEB. TEEAB. BEEAT usw.

Und dann, in Caps, BAT: Be-A-Te.

Da sprang mir der Brief entgegen.

Kaiserswartha, 28. 12. 1989. Er war adressiert an einen Mr. Paul Mollenhower, Mollenhower Steel Inc. 2344 Sixth Street, Indianapolis, IND 46206, U.S.A., und enthielt eine Empfangsbestätigung für “Transfer via Frankfurt” und Wünsche für weitere gute Partnerschaft. In der linken unteren Ecke ein Hinweis auf zwei Anlagen zu dem Brief. (“Die erbetenen ergänzenden 2 drawings.”) Mit den besten Grüßen von Haus zu Haus.

Das einzige englische Wort hieß drawings. Das sollte wohl eine zusätzliche Verschlüsselung sein. Gemeint waren sicher keine Kinderzeichnungen von “BAT”, sondern blueprints, Unterlagen, und was für Unterlagen konnte ein gewesener Chef der alten Waffia wohl haben? Sicher doch Know-how aus der Entwicklungsabteilung II/B - wenn hier im Osten früher mal was innovativ war, dann die konventionelle Rüstung. Auf welche Summe sich der “Transfer” belief, ließ sich nur spekulieren.

Ein Beweis war dieser Brief keineswegs. Aber mir genügte er. Ich beglückwünschte mich zu meiner Fährtennase. Fajerwerki hin, Nitrozellulose her - das waren Peanuts für einen wie Rippersreuth. Der war eine noch weit größere Adresse. Für uns eine unerschöpfliche Goldmine.

 

QSO zu Jabw, unsere letzte Funkverbindung. Verabredung am Essigbaum.

Die Vorladung zum Prozess hatten wir noch nicht, aber wir beredeten schon mal unsere Taktik: Wir wollten alles auf Danny Grün und Kevin Richter schieben, die ja sowie wegen Autosachen saßen. Die hatten uns angestiftet.

Jabw: “Und dann unbedingt die Arie vom fehlenden Freizeitangebot für die Jugend. Von unserer Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit.”

Ich: “Von der Arbeitslosigkeit.”

Er: “Vorsicht. Du bist nicht arbeitslos. Außerdem bringt das Argument jeder, damit klopfst du keinen Richter mehr weich.”

Ich: “Okay. Dann schwafeln wir ihnen eben vor, was ständig über unsereinen in der Zeitung steht: Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, mangelndes Unrechtsbewusstsein. Das Fehlen von Werten und religiösen Bindungen, von Hürden, von Hindernissen, die wir jungen Menschen bezwingen, von verschlossene Türen, die wir öffnen wollen ...”

Er: “Zum Beispiel Autotüren. Mensch, das Psycho-Gesülze, mir wird jetzt schon schlecht. Wechseln wir das Thema.”

Gerade sprang der Hund der Schwarzen freudig an uns hoch, Jabw griff ihm ins Maul und kraulte seinen Schädel. Das Tier blinzelte vor Glück. Die Schwarze kam in ihren zu großen Schuhen angeschlappt.

Jabw: “Sail away. Wir haben was zu bereden.”

Die Schwarze: “Über mich?”

Jabw: “Im Moment nicht. Geh Gassi.”

Sie ging mit hängenden Schultern. Die Frühlingssonne glänzte auf ihrem Scheitel. Da riss ich drei Krokusse ab, die in kleinen Inseln um den Essigbaum wuchsen, rannte ihr nach und schenkte sie ihr.

Als ich zu Jabw zurückkam, sagte ich, und ich sagte es halb zu mir selber: “Man müsste sie entführen.”

Jabw: “Du meinst die Rippersreuth?”

Natürlich meinte ich die. Wir lagen auf gleichem Kanal.

Ja, wir beschlossen, “BAT” zu kidnappen. Dann würden Rippersreuths  Bodies künftig die Pistolen im Halfter lassen, und er würde brav auf unsere Forderungen eingehen. Okay, jetzt sollte es das Zehnfache sein, dreihunderttausend Mark, die er blechen musste: ein Drittel als Schweigegeld im Zusammenhang mit seinen krummen Geschäften, zwei Drittel als Lösegeld.

Ich wehrte mich gegen die ekelhaft plastische Vorstellung, wie Beate kreischen, sich wehren, winden, wie sie beißen und kratzen würde, bis wir sie geknebelt und gefesselt hatten. Wie die Stricke sich in ihre Haut schnüren mussten. Ich versuchte mir einzureden, dass sie vernünftig und ohne Zicken mit uns kommen würde. Selbstverständlich wollten wir ihr kein Haar krümmen. Immerhin, eine kleine Lektion, hatte sie die nicht verdient? Donnerwetter, ja, und wir würden ihrem lieben Dad klarmachen, dass wir auch anders konnten.

In diesen Tagen hatte sie Augenringe, sah grün und übernächtigt aus, reagierte langsam, wenn ein Pauker sie ansprach. Ich beobachtete sie unauffällig. Hätte gern gewusst, ob sie von den Waffiageschäften ihres Vaters, den alten und den neuen, jemals etwas mitbekam.

Einmal sah ich, wie sie sich zwei Tabletten einwarf, danach schien es ihr besser zu gehen, ja, ihr Zustand kippte ins andere Extrem, sie gab sich übertrieben munter. In der Pause erzählte sie ihrer Umgebung, dass “Dad” Ende Mai geschäftlich nach den USA müsste, und dass sie und ihre “charming Mom” mit eingeladen seien. Sie zitierte offenbar aus dem Einladungsbrief, machte sich ein bisschen lustig, aber nur, damit das Ganze nicht zu sehr nach dem klang, was es war: übelste Angeberei. Sie selbst würde nicht mitfliegen, wegen der Schule. Leider! Aber später würde sie ja sowieso in den USA leben. Vorläufig lud sie Freundinnen und Freunde auf eine Karaoke-Fete ein: Sturmfreiheit, die musste man doch nutzen!

Karaoke! Ich hasste sie wegen ihrer ahnungslosen Gespreiztheit, wegen dieses Hab-ich’s-nicht-wunderbar-getroffen-im-Leben. Und ich hasste mich selber, dass ich mal auf sie abgefahren war.

Am nächsten Tag war sie krank. Und in den nächsten Wochen. Gelbsucht, Hepatitis. Krankenhaus, strenge Isolation, Komplikationen. Es wurde tatsächlich Ende Mai, eh ich und Jabw unseren Plan ausführen konnten.

Die Vorladung zu unserem Prozess war gekommen: Am 26. Juni hatten wir anzutreten. Bis dahin musste alles gelaufen sein.

 

Zu unseren Vorbereitungen gehörte die Beschaffung von zwei Fotografenscheinwerfern, denn wir wollten die Gefangene mit meiner M 632 filmen, gefesselt und verschnürt, und das Video zusammen mit unseren Forderungen an ihren Alten schicken.

Die Scheinwerfer besorgte Jabw. Die Rundschau wunderte sich am nächsten Tag, dass in dem Atelier nichts anderes geklaut worden war, als eben zwei Scheinwerfer.

Das Gefängnis war ebenfalls bald gefunden. Standen nicht genug Häuser leer? Nun ging es darum, wie wir uns dem “Objekt BAT” unerkannt nähern und es in unsere Gewalt bringen konnten. Es musste natürlich Nacht sein. Und wir maskiert.

Als Maske nahm ich meinen alte Survival-Gesichtsschutz für den Paintballsport, sie ähnelt ja dem beim Eishockey - das Visier lässt nicht mal die Augen erkennen. An Klamotten fand ich einen alten, ausgebeulten Jogginganzug von Patricia, dazu ein Paar abgelatschte flache Turnschuhe. In diesen Sachen kannte mich niemand. Jabw wollte sich im entscheidenden Moment mit einer Strumpfmaske behelfen.

Vorläufig aber verwandelten wir uns in zwei abendliche Jogger, unentwegte Sportfreunde, denen die hereinbrechende Nacht nichts ausmacht. Wir hetzten zwei Wochen lang jeden Abend durch den “Sack” und das angrenzende Ödland, observierten das Anwesen Nr. 33: Rippersreuth war gewarnt und todsicher auf Überraschungen gefasst: Hatte er Wachen postiert? Wenn ja, wo? Wir konnten nichts entdecken. Die Joggerei hatte außerdem die Aufgabe, die Nachbarn an unseren Anblick zu gewöhnen - sie würden dann am fraglichen Abend nichts Befremdliches bemerken, falls wir aus irgendeinem Grund zu Fuß speiken mussten.

Wir knackten einen älteren weißen 190 E. In der Dunkelheit, unter der gelblichen Straßenbeleuchtung, konnte er gut und gern als Taxi angesehen werden - die werden bei Kontrollen oft durchgewinkt. Ein Taxischild mit Anschlusskabel hatte Jabw ebenfalls besorgt.

Eigentlich waren bis zur Rückkehr des Herrn Waffioso und seiner Gattin aus Amerika noch drei Tage Zeit, aber wir wussten nicht, wie schnell wir wieder ein passendes Auto auftreiben würden. Kamera, Fotolampen, genügend Wäscheleine zum Fesseln, breites Heftpflaster waren schon am Bestimmungsort deponiert. Auch ein Bett, auf dem die Geisel bis zu ihrer Freilassung schlafen sollte, ein rostiges Kasernenbett, Sperrmüll, dazu eine trockene Matratze.

Wir rollten los. Jabw hielt mit laufendem Motor vor Nummer 33. Ich schaute auf meine Swatch. Es war kurz vor elf, ich setzte meine Maske auf und klingelte an der Wechselsprechanlage mit dem dezenten Messingschild, hielt mich im Schatten der Torsäule.

Das Gekläff des Maltesers. Dann Lautsprecherknacken: “Bittä?”. Eine weibliche Stimme, aber sie gehörte nicht Beate.

Ich, Daphne-Falsett aus dem Film “Manche mögen’s heiß”: “Besu-uch!”

Die Stimme, verwundert: “Nix Besuch. Beata selber Besuch bei Freindin!”

Es knackte erneut, das Gespräch war beendet. Am Fenster erschien der Umriss einer dunkelhaarigen weiblichen Gestalt, die nach dem “Besu-uch” Ausschau hielt. Die Frau war mir unbekannt, eine neue Hausangestellte vermutlich. Sie sah das parkende “Taxi”, das für sie sogar eins der Firma sein konnte, sie zog sich zurück und ließ die Jalousie herab. Ich stieg wieder ins Auto.

Mit so etwas hätte ich rechnen müssen: Der alte Fuchs! Natürlich war sein Argwohn nicht eingeschläfert. dass er seinen Bau nach dem Brand nicht ohne Aufsicht ließ, wenn er in der Welt rumreiste, war klar. dass er aber sein teures Töchterlein ausquartierte, darauf war ich nicht verfallen. Er hatte also tatsächlich sogar den Fall kalkuliert, dass unser nächster Angriff nicht unmittelbar auf sein Portemonnaie, sondern zunächst auf sie zielen könnte. Von ihm konnte man lernen.

Jabw: “Wenn’s stimmt, dass sie ‘bei Freindin’ ist! Wahrscheinlich hockt sie in ihrem Zimmer.”

Ich: “Kaum. Los, wir schnappen sie uns!”

Wir fuhren hinüber in den älteren Teil des Betonviertels, wo Elän wohnte. Das “Taxi” wartete fünf, sechs Meter von der beleuchteten Haustür entfernt im Schatten einer Birke. Ich klingelte bei Zibchen, sechster Stock.

Ja bitteschön?” Die Predigerstimme von Eläns Vater.

Diesmal hatte ich heftigen Husten und drückte mir beim Sprechen mein Taschentuch vor den Mund: “Taxi für Rippersreuth!”

Einen Moment bitte”, kam es von oben.

Ich hatte recht behalten. Unser Opfer war tatsächlich hier.

Nach einer Weile wieder die Predigerstimme: “Fräulein v. Rippersreuth hat kein Taxi bestellt. Sie schläft hier bei uns. Das muss ein Irrtum sein.”

Ich (Husten): “Auftrag von ihrem Vater, er ist vorzeitig aus den USA zurück!”

Ich holte meine Maske aus dem Auto, schnallte sie mir vors Gesicht und verbarg mich. Während ich noch meine Handschuhe überstreifte, sah ich, wie Elän ihren Gast an der Haustür verabschiedete und wieder hineinging. Beate kam mit wippendem Schritt, über der Schulter eine Umhängetasche.

Jabw machte vom Fahrersitz aus die hintere rechte Tür auf, sie stieg ohne weiteres ein und schlug hinter sich zu. Ich ging um den Kofferraum herum und schob mich links neben sie. Die Strumpfmaske auf Jabws Kopf sah aus wie ein Präservativ. Beate hatte gemerkt, was lief, und wollte wieder raus. Aber wir hatten die Kindersicherung aktiviert. Jabwonski drehte sich um und hielt ihr den Pistolenlauf vor die Nase. Sie schrie nicht, ihr Mund klappte bloß auf, ich stülpte ihr einen Rucksack über den Kopf, zog die Schnur um den Hals fest und knotete zu.

Das Ganze verlief in völligem Schweigen und dauerte nur eine Minute.

Wir fuhren die neue Umgehungsstraße um die Stadt, volle zwei Runden, bogen auch mehrfach ab, damit unsere Geisel die Orientierung verlor.

Wohin bringen Sie mich? Was wollen Sie?” fragte sie unter dem Rucksack. Sie fragte mehrmals. Ihre Stimme war kläglich, das Zittern darin erregte mich körperlich, ich musste mich innerlich zur Ordnung rufen. Was hier lief, war ein Deal, hier hieß es durchziehen, rein geschäftsmäßig.

Wir fuhren und schwiegen.

Sie siezte uns, ahnte nicht, wer wir waren. Ich passte auf, was sie mit den Händen unternahm, hielt ihr die Finger fest, als sie versuchte, die Schnur um ihren Hals zu lockern.

Irgendwann bogen wir wieder in den “Sack” ein, fuhren an Nummer 33 vorbei und hielten vor dem verlassenen Haus, das mein Zuhause gewesen war. Jabw stieg aus, öffnete die gesicherte Tür und zog die Gefangene am Handgelenk nach draußen. Die Nachtluft duftete nach Raps, ich hoffte, Beate würde es unter dem Rucksack nicht riechen. Wir führten sie in den Keller, in den ehemaligen Hobbyraum, den wir für sie vorbereitet hatten. Ich durchsuchte zunächst ihre Umhängetasche, ob auch kein Handy drin war. Aber da lagen nur, ziemlich kreuz und quer, Wäsche und Toilettensachen. Die würde sie brauchen.

 

Freitagabend. Das Abendbrot zur Hälfte stehen gelassen. Wechselnde Stimmungen. Schon lange keine Gymnastik mehr. Ich bin wie hohl. Greife die zerknitterte Zeitung, die ich unter der Matratze gefunden habe: OPEL-MANAGER VERSCHACHERT KNOW HOW AN VOLKSWAGEN.

Na bitte, der Mann ist seit Jahren groß im Gespräch, und nichts passiert ihm. Gangsterkollegen überall. Ich tappe wieder an meine Ziegel.

Habe mir meinen Matratzenkeil geholt und unter die Knie gelegt. Anders halte ich die Kratzerei keine fünf Minuten mehr aus. Der Arm passt jetzt bis zum halben Ellenbogen in das Loch.

Kraftloses Schaben und Scharren.

Pausieren.

Wieder mal ein Geräusch, irgendwo draußen.

Hallo”, sage ich hinunter auf die Fliesen und muss mich räuspern, eh die Stimme überhaupt kommt. Mir ist alles egal. “Hallo.”

Ruhe.

Lasst mich hier raus!” schreie ich. “Ihr könnt mir nichts tun! Ich hab genügend gegen euch in der Hand!” Lausche. Draußen ist nichts.

Ich kniee unter der Luke und kratze. Fünf Minuten? Ich blicke auf die Swatch. Der Sekundenzeiger steht. Die Knopfzelle muss leer sein. Auch egal. Ich kratze.

Etwas streift von oben her meine Schläfe.

Mein Hals ...

Das Werkzeug klirrt, ich greife zum Hals ... ein Draht, unterm Kinn, hinter den Ohren hoch. Ich reiße den Kopf zurück, vergebens, die Schlinge ist schon zu.

Aufstehen, du Schwachkopf!”

Die Schlinge schneidet, zieht mich hoch, zerrt, schneidet sich enger. Plötzlich ist mehr Licht über mir, das Abdeckrost über dem Lukenschacht ist weg. Männerhände ...

Umdrehen! Gesicht zur Tür!”

Ich gehorche. Zwänge die Finger unter den Draht, acht Finger, ich atme.

Das ist ein Bowdenzug von einem LKW, Junge, was anderes haben wir in der Eile für dich nicht auftreiben können. Und wir drehen ihn jetzt hinter dem mittleren Gitterstab noch ein bisschen zusammen. Stehst du bequem?”

Auf den Zehen”, bringe ich hervor. Ich kann reden. Meine Augen quellen nicht raus. Der Draht schneidet nur in die Finger.

So ähnlich sind die Hitlerattentäter vom zwanzigsten Juli vierundvierzig krepiert, habt Ihr das in der Schule gehabt? Glaub ja nicht, dass uns der Job Vergnügen macht, Junge. Du hast deine Chance. Erzähl uns, was du weißt.”

Das also ist das Verhör, auf das ich gewartet habe. Sie müssen dazu nicht mal reinkommen.

Ich weiß nichts, echt, Herr Müller.”

Schlinge enger. Puls in der Halsschlagader.

Du weißt also erst mal schon, wer ich bin. Ja, ich bin’s, Müller, Hilmar. Und neben mir, mit dem Bowdenzug, dein alter Freund Jacke. Aber dass du das weißt, ich nicht gut. Kein bisschen, das siehst du ein?”

Jackes Semmelrogge-Lache.

Ich muss irgendwas sagen: “Ihr verkauft ... Fajerwerki, das weiß ich, das weiß jeder.”

Jacke: “Und da möchtest du abzocken?”

Jetzt ruhig Blut. Dummstellen? Harmlos scheinen? Oder auftrumpfen? Besser dumm stellen. Aber nicht zu dumm.

Die Schlinge ruckt: “Wir warten!”

Eure Fajerwerki enthalten kein Schwarzpulver. Sondern Nitrozellulose. Ihr könnt auch hochbrisanten Sprengstoff liefern, an Nazis, an Terroristen, Ihr seid die ‘Neue Waffia’!”

Wieder die tiefe Stimme: “Schlaues Köpfchen. Gar nicht gut, ts ... ts ... ts ... Wer alles weiß diese haarsträubenden Neuigkeiten?”

Nur ich.”

Erneuter Ruck. Mich packt Wut: “Bis jetzt nur ich! Wenn mir was passiert, wissen es alle. Ich habe Kopien ...”

Brav. Die wollen wir ja gerade von dir wiederkriegen.”

Also hat Beate meine “Computerreparatur” gebeichtet. Dad, alter Blödmann, denke ich. Als wenn Kopien nicht hundertmal kopiert werden könnten. Hätt ich’s nur gemacht. Ich quetsche mühsam hervor: “Er kann sie kaufen.”

Wo sind sie?”

Die Schlinge schneidet sich ein, tief wie noch nie. Die Finger zittern, der Druck hinter den Ohren ... Aber ich darf jetzt nicht reden, sonst bin ich tot. Sie denken, ich habe irgendwo Disketten hinterlegt. In dem Glauben muss ich sie lassen.

Wo sind sie!!”

Eine Schwäche, ich knicke in den Knien weg.

Ein Fluch, die Schlinge zieht mich wieder senkrecht.

Dann ist wieder die tiefe Stimme da: “Hast Massel, dass der Chef wieder mal auf Geschäftsreise ist. Bis morgen kannst du dir ein paar Antworten überlegen. Vor ihm wirst du schon auspacken.”

Jacke bekräftigt: “Das wird er. Der andere hat auch ...”

Der Satz bleibt unvollendet, der “Partner” redet schnell weiter: “Mag der Chef entscheiden, was mit dir passiert. Bis dahin wirst du wohl durchhalten. Glaub uns: An so einen kommst du nicht ran ... Und noch was: Sollte dich vor uns jemand da unten rausholen, kriegst du die Kugel. Damit du kalkulierbar bleibst, verstehst du? Wir finden dich überall, Rex Kamentz. Solche wie du sind nichts als ein Sandkorn im Getriebe, das putzt man weg, fertig.”

Ich höre, wie sie das Rost über den Schacht schieben und sich entfernen, versuche, die Zehen zu entlasten, stütze die Fersen gegen die Mauer hinter mir. Wie lange halte ich es so aus? Die Schlinge ist eng, ich ziehe die Finger der linken Hand hervor, der Gesamtdruck wird erträglicher, dafür schneidet der Draht ...

Taste mit der freien Hand den Bowdenzug hinauf. Erreiche die Stelle, wo die Enden hinter dem Gitterstab zusammengedreht sind. Aussichtslos: Der Finger sind zu schwach, Jacke hat zum Drehen einen Knebel benutzt. Eine Garrotta mit Verzögerung.

Ich lebe. Finger wieder unter die Schlinge. Ganz still stehen. Langsam, tief atmen.

 

Wir stiessen Beate in absoluter Dunkelheit auf die Matratze. Wir zogen ihre Beine in die Grätsche, fesselten die Knöchel an die Bettpfosten, sie leistete verzweifelten Widerstand. Bei den Handgelenken ging es leichter.

Sie lag und keuchte unter dem Rucksack. Ich hörte auch Jabw im Dunkeln schnaufen.

Für den Film, den wir drehen wollten, musste ihr Gesicht erkennbar sein. Ich streifte für einen Moment meine Handschuhe ab, öffnete den Knoten an ihrer Kehle und hob den steifen Rucksack herunter. Ich konnte fühlen, wie ihr Haar am Kopf klebte.

Sie atmete tief durch und fragte wieder, was wir von ihr wollten. Wir tasteten uns hinter die Scheinwerfer zurück, die auf den Stativen mit aufgeklappten Seitenblenden bereits vorsorglich auf das Bett gerichtet waren. Ich hatte bei unseren Vorbereitungen die Plomben am Hausanschlusskasten zerbrochen und eine Verlängerungsschnur angeklemmt. Jetzt ertastete ich die Kabel, an denen die beiden Tausendwattlampen hingen, drückte die Stecker in den Verteiler.

Beate zuckte von dem vielen Licht, kniff die Augen zusammen, die Lider wirkten wie aufgeschwemmt, vielleicht war es die Folge ihrer Krankheit, ihre Nase schien mir auf einmal viel zu groß. Die Stirn glänzte schweißig, von ihren Achselhöhlen breiteten sich dunkle Flecken auf ihrem Pulli aus. Ich bemühte mich, ihre atmende Brust nicht zu sehen, ich steckte ihr den Zettel mit meinem neuesten Erpressertext in die gefesselte Rechte und zog mich rasch wieder hinter die Scheinwerfer zurück. Sie hob den Kopf und las, was ich entworfen hatte. Es war im wesentlichen der Text unseres ersten Briefes, sogar mit den Fehlern.

An den Mittelständler Rippersreuth. Letzte Warnung. Wir wissen, wo du dein vieles Geld her haßt. Du wirst AUFGEFORDERT umgehend 300000 DM in unnummerierten Scheinen zu übergeben. Komme mit dein PKW auf den stilgelegten Gelände von “Spezialtechnik GMBH” am dritten Juni 23 Uhr. Geld gegen “Kennwort BAT”, du verstehst, was wir meinen, du Waffioso. Gruß nach Indianapolis! Mit Antimperalistischen Gruß!

Die antimperalistichen Zellen

Sie blinzelte den Zettel zunächst verständnislos an. Wahrscheinlich machten ihr die Buchstaben “BAT” zu schaffen. Das wohlbehütete Töchterlein, das die Losung “Brot statt Böller” vertrat! Jetzt hörte sie meine Kamera surren und begriff, was sie sollte. Mit schriller Stimme begann sie vorzulesen.

Bei der “BAT”-Stelle unterbrach sie sich, hob das Gesicht und fragte mit geschlossenen Augen in die Kamera: “Was meinen sie damit, Papa?”

Sie haspelte den Text zuende, ließ das Blatt zu Boden segeln und legte den Kopf zurück. Sie schwitzte jetzt noch stärker, die zweitausend Watt verbreiteten ihre Glut im ganzen Raum. Ich hatte meine Survival-Maske abgelegt - solange ich im Schatten blieb, war ja mein Gesicht nicht zu erkennen. Ich hatte so mit meiner Videoaufzeichnung zu tun, dass ich nicht gleich mitbekam, dass Jabw das Ding aufsetzte, auf seine Strumpfmaske drauf.

Wie ein Hockeyspieler, breitschultrig wie er war, trat er jetzt ins Licht. Ich wusste nicht, was er wollte, bis er Beates Jeans aufriss. Er krempelte sie herunter, es ging wegen der Fesselung nur bis zu den Waden. Sie versuchte, die Knie nach innen zu drehen, aber das gelang nur ein Stück.

Die etwas zu runden Knie, die ich lange kannte. Die ich in mancher Nachtphantasie und ein einziges Mal in der Wirklichkeit sanft auseinandergestreichelt hatte. Warum habe ich Jabw nicht gehindert? Ich durfte nicht reden, meine Stimme hätte mich verraten. Ich durfte nicht dazwischengehen, mein Gesicht war ungetarnt. Und etwas flutete mir über den Rücken: Was ich sah, war bloß Pornovideo, irgendwie. Anders kann ich meine Lähmung nicht erklären. Jetzt, wo ich hier stehe, das Bett im Blick, die Schlinge um den Hals. Er wälzte sich auf sie, schob seine Jogginghosen runter, fummelte zwischen sich und ihr, und ich wusste: jetzt, jetzt ...

Während der ganzen Zeit surrte die Kamera, hielt fest, wie Beate sich sträubte und dann aufgab, wie ihr der Kopf auf die Schulter kippte. Ich weiß noch, wie ich dachte: Warum schiebt er ihr den Pulli nicht hoch, warum macht er nicht schneller ...

Jabw bäumte sich auf. Trat dann mit abgewandtem Maskenvisier zurück in den Schatten und zog seine Klamotten zurecht.

Er stand neben mir noch außer Atem, nahm mir die Kamera aus der Hand und gab mir die Maske. Das hieß: So, und jetzt du, Kumpel. Wie damals bei dem Löffel Salz, aber da hatte ich den Satz gesagt.

Das Geschehene war mit keinem Wort vorher ausgemacht gewesen, aber mindestens er hatte von Anfang an gewusst, was er wollte. Zudem erhöhte es die Wirkung unseres Films enorm, Rippersreuth wusste nun, was seiner Tochter blühte, jeden Tag, den sie in Gefangenschaft blieb.

Der Typ, der ich sein soll, setzt die Maske auf. Wirft sich auf Beate. Er sieht ihr verklebtes Haar, ihre Augen, glänzend, jetzt wieder voller Angst und Abwehr, mit der “Magnetanomalie”, mit den stechend winzigen Pupillen wegen des grellen Lichts, wie sie versuchen, das Visier der Maske zu durchdringen, wie sie schielend durch das Drahtgitter von seinem linken zu seinem rechten Auge hasten, weil sie hofft, den Mann wenigstens zu erkennen, der ihr das tut. Der Typ, der ich sein soll, versucht, sie zu küssen, aber dazwischen ist die eckige Plastikschnauze der Maske. Der Typ, der ich sein soll, schiebt Beates schweißnassen Pulli hoch, greift zu, um sich anzutörnen. Aber es nützt ihm nichts, er hat ja Handschuhe an, die Erregung, die ihn vorhin erfasst hatte, ist abgeklungen, er fühlt sich klein und jämmerlich.

Ich war so impotent wie ein Strickstrumpf. Ich ließ von ihr ab und flüchtete mich hinter die Scheinwerfer, zog sofort die Stecker aus der Verteilerdose. Im Dunkeln banden wir unsere Gefangene los. Fesselten nur die Hände auf dem Rücken. Verklebten ihr mit breitem Heftpflaster den Mund, damit sie nicht rufen konnte. Sie weinte, wehrte sich nicht mehr.

Im Dunklen bauten wir noch die Scheinwerfer ab. Dann verschloss ich die Eisentür von außen und steckte den großen alten Schlüssel ein, den ich zuhause in Herberts Kellerwerkstatt hervorgekramt hatte.

 

Während der letzten anderthalb Stunden hatten wir kein Wort geredet. Das Verbrechen war perfekt. Waren wir nicht Profis?

Wir verstauten die Lampen auf den Rücksitzen, stiegen ein. Diesmal ich auf der Fahrerseite. Das Schweigen setzte sich fort. Ich startete nicht, sondern knipste die Innenbeleuchtung an. Das war Wahnsinn, denn wir waren jetzt beide unmaskiert, jeder zufällig auftauchende Hundebesitzer konnte uns sehen. Aber irgendwie ritt mich der Teufel, das Schicksal herauszufordern, und Jabw schien Ähnliches zu empfinden: Trotzig saßen wir beide unter der trüben Lampe und rührten uns nicht.

Endlich brach ich das Schweigen, meine Stimme war belegt: “Warum hast du meine Paintball-Maske aufgesetzt?”

Er: “Weil sie die bestimmt nicht an mir kannte. Aber möglicherweise an dir. Es ist nur für alle Fälle, du Schwein.”

Da war sie, seine lange zurückgehaltene Rache für alle Niederlagen, die ich ihm beigebracht hatte. Er wusste, dass ich Beate mal gern gehabt hatte. Und ich hatte gewusst, dass er die Schwarze liebte, auf seine Art. Die Rache war perfekt wie unser Verbrechen insgesamt. Wir waren quitt. Und es gab kein Zurück.

Ich bückte mich, zog die blanken Kabelenden der Zündung unter dem Armaturenbrett vor. An einem hing die große Büroklammer, mit der wir schon so manchen Zündkreis kurzgeschlossen hatten.

 

Zu Hause machte ich mich sofort daran, die Aufnahmen auf Kassette zu überspielen. Ich ließ alles ungekürzt, die Gesamtlänge betrug knapp elf Minuten. Die Tonqualität war gut, man hörte das Zittern in Beates Stimme beim Vorlesen. Die Stelle wo sie sagt: “Was meinen sie damit, Papa?” hörte ich mir mehrmals an. Da war sie ein kleines Mädchen, so klein, wie in unserer Kindergartenzeit. Der zweite Teil, wo Jabw die Kamera hatte, war missglückt, er war nicht zurechtgekommen mit der Bedienung.

Insgesamt habe ich das Video vielleicht fünfzehn Mal durchlaufen lassen: play, rewind, play, rewind. Und von Mal zu Mal versank ich tiefer in Trauer. Ich sah Jabws gestraffte Hinterbacken wippen, hörte sein widerliches Geschnauf, und Beates stöhnendes Nachgeben brachte mich jedes Mal von neuem zur Verzweiflung, ich suchte nach dem Grund, warum sie, die Schnippische, Unnahbare, Stolze, sich schließlich gefügt hatte. Und ich machte auf dem Bildschirm eine Entdeckung, die mich mit traurigem Entzücken und zugleich mit Entsetzen erfüllte: Jabw trug auf der Aufnahme keine Handschuhe. Deutlich war die bläuliche Narbe auf seiner linken Hand zu erkennen, die Beates Schulter in die Matzratze presste.

Beate wusste aus der Schule, dass ich eine solche Narbe hatte. Hatte sie die bei dem grellen Licht sehen können? Immerhin, die Buchstaben auf dem Erpresserschreiben waren für sie ja auch lesbar gewesen. Wenn es hart auf hart kam, war die Narbe ein zusätzliches Indiz gegen mich, neben der Maske. Ich hatte Jabw wieder einmal unterschätzt, meinen Blutsbruder im Hass.

Es wurde bereits hell, draußen war alles ruhig: Samstag. Ich stellte meinen Wecker auf sieben. Ich schlief wie bewusstlos, schreckte verschwitzt auf, schlurfte in die Küche, trank nur schwarzen Kaffee, sagte, dass ich später in meinem Zimmer was essen würde. Ich machte mir zwei Wurstbrötchen, nahm einen Joghurt und eine Fanta aus dem Kühlschrank und verschwand vom Tisch. Und verließ die Wohnung.

Ich mimte wieder den Jogger, der früh vielleicht mit seinem Beutel vom Bäckerwagen kommt, rannte hinüber zum “Sack”, Rippersreuths Villa lag ruhig, die polnische “Babysitterin” schlief sicherlich den Schlaf der Gerechten in dem Glauben, dass ihre Schutzbefohlene “bei Freindin” nächtige. Ich tat, als müsste ich meinen Schnürsenkel binden und schob das Video in den Hausbriefkasten.

Dann joggte ich zu unserer Ruine, sah mich um - niemand weit und breit. Über den Kies des Vorgartenwegs schlich ich auf Zehen. Auch in den Keller kam ich fast geräuschlos. Ich legte das Ohr an die Tür, hörte nichts. Ich schloss blitzschnell auf und schnellte den Plastikbeutel mit dem Frühstück durch den Spalt: eine Vorsichtsmaßnahme. Beate machte das, was ich später auch versucht habe: Sie warf sich von innen gegen die Tür. Ich aber war stärker und schloss wieder ab.

Sie fing an zu schreien, schimpfte wüst, heulte, trat gegen das Eisen. Mir wurde ein Problem erst jetzt bewusst, da sie es offenbar selber gelöst hatte: Wie hätte sie frühstücken sollen, gefesselt und mit zugeklebtem Mund? Sie hatte die Leine durchgescheuert.

Es war ein Risiko, dass sie die Möglichkeit hatte, Krawall zu machen. Aber das musste in Kauf genommen werden.

 

Ich hatte Beate regelmäßig versorgt und ihr sogar - die Bitte kam kleinlaut durch den Türspalt - Slipeinlagen durchgereicht, die mit der berühmten Saugkraft aus der Werbung, dazu irgendeine alte Zeitung. Sie hatte keinen Versuch mehr unternommen, mich auszutricksen. Wahrscheinlich rechnete sie einfach mit ihrem Dad. Drei Tage lang hat sie nichts weiter von mir mitgekriegt als einen braunen Lederhandschuh.

Nun kam es darauf an, die Geldübergabe, die ja diesmal todsicher stattfinden musste, reibungslos über die Bühne zu bringen. Im Fernsehen läuft das gewöhnlich so: Anruf der Kidnapper: Erst den Koffer mit den Scheinen in das und das Versteck, die Geisel könnt Ihr später da und da auflesen. Aber uns war klar, dass wir Beate live dabeihaben mussten. Ganoventausch: Geld gegen Ware. Ohne lebendes Schutzschild lief nichts, die Waffia würde diesmal schärfere Geschütze auffahren.

Das wollten wir ebenfalls tun. Wir sammelten die frustrierten Kamolzen. Die letzte große Aktion vor knapp einem halben Jahr war für sie ein Schuss in den Ofen gewesen. Nach Silvester hatten wir, um unser neues Vorhaben nicht zu gefährden, nichts mehr mit ihnen angestellt. Aber ich versprach diesmal ein niedagewesenes Feuerwerk. Die beiden Dummies besaßen Schreckschusswaffen mit aufgebohrten Läufen. Die Schwarze lieh sich einen Revolver, allerdings nur Gas. Kaputtbutt hatte einen Stahlhelm der Bundeswehr. Ich plante, Jabws Makarov zu nehmen, er selbst besaß ja noch sein treffsicheres Wurfmesser. Untereinander würden wir überdies durch CB-Funk verbunden sein.

Wir veranstalteten ein kleines Manöver auf dem Waffiagelände. Ich verteilte meine Truppen in den Gräben, besprach mit ihnen alle denkbaren Situationen. Außer mir und Jabw sollten alle am Tag X schon früh auf ihren Posten sein, nüchtern, damit sie jeden Überraschungstrick des Gegners rechtzeitig ausspähen und melden konnten.

Ich: “Der Befehl lautet: Nur ballern, wenn ich ballere. Aber dann aus allen Rohren. Alles weitere entscheide ich operativ, okay? Wenn nichts schief geht, trinken wir feinsten Schampus, bis er uns zu den Ohren rausläuft! Es geht gegen die Fettis aus dem Sack. Mehr dazu vorläufig nicht, wegen der Geheimhaltung.”

Ich sah sie mit ihren Kanonen vor mir im Gras sitzen, mit den gesenkten Köpfen nicken. Sie fragten nicht mal, wann der Tag X sein sollte. Ich dachte: Wozu braucht man im Krieg Spezialisten? Wozu militärische Ränge? Die Hauptsache, sie können rumballern. Ein exaktes Kriegsziel? Sie wollen gar keins. Aussicht auf kleine Beute, einen Feind vor den Lauf, fertig. POWER PLAY.

Ich betrachtete Kaputtbutt mit seinem zu großen Helm, der ihm beim Nicken ins Gesicht gerutscht war, und der ihm jetzt, nachdem er ihn zurechtgerückt hatte, auf dem rechten Ohr saß. Ich dachte: Kleines Arschloch, und wenn du dabei drauf gehst? Da schickte sie alle nach Hause.

 

Der Matratzenkeil - es ist mir gelungen, ihn mit der linken Fußspitze zurechtzuschieben, mich draufzustellen, die erhobenen Fersen weiterhin gegen die Wand gestützt. Gesamtes Körpergewicht auf den Ballen, eingebohrt in die Polsterung, aber so vermindert sich der Druck auf den Kehlkopf, auf die Finger unter der Schlinge. Manchmal knicken mir erneut die Knie ein, dann hänge ich wieder: Klimmzug an dünnem Draht, das Zittern der Armmuskeln teilt sich dem Nacken mit, wird im Ohr als dunkler Ton hörbar. Die Finger können den Hals dennoch nicht voll entlasten, der Atem beginnt zu schnorcheln. Aber die Füße erholen sich drei, vier Sekunden lang. Ich reiße mich zusammen, stehe wieder. Rufe krächzend. Nichts rührt sich.

Die Ameisen ...

 

Ich hätte am liebsten auch Jabw nach Hause geschickt, aber das ging nicht. Wenn ich schon kein Einsatzkommando hatte, benötigte ich wenigstens schweres Gerät, um notfalls auf Crashkurs gegen den Frontera gehen zu können.

Am dritten Juni fuhr Jabw mit einer orangefarbenen Müllfahrzeug der Stadtwerke vor und hupte vor unserem Segment. Ich stand schon vor der Haustür und stieg ein. Wir brummten los. Es war kurz vor zweiundzwanzig Uhr und noch nicht dunkel, ich fürchtete schon, den Treff zu früh angesetzt zu haben. Wir fuhren ein paar Mal die Wolgograder Allee rauf und runter, dann schob sich ein Wetter zusammen, wir konnten wegen der Lichtverhältnisse beruhigt sein. Wieder als Jogger angezogen, diesmal beide mit Strumpfmasken über dem Kopf, betraten wir Beates Gefängnis. Ich hatte eine Taschenlampe, Jabw die Pistole. Er winkte damit, sie stand ergeben von Bett auf, hatte auf uns gewartet. Es stank penetrant vom WC her, ich leuchtete kurz hinüber - es war verstopft.

Ob ich wollte oder nicht, ich registrierte ihren verwahrlosten Zustand. Ich stieg vor ihr her nach oben, beleuchtete für sie, halb umgewand, die Stufen. Ich sah im Schritt ihrer Jeanshose den getrockneten Fleck. Ein jämmerliches Mitleid überkam mich, es war ein fast körperliches Gefühl, irgendwo im Hals, ich musste schlucken. Ich hätte sie in diesem Moment laufen lassen können. Jabw aber war hinter ihr und drückte ihr die Pistole in den Rücken.

Wir betraten den Vorgarten.

Was für ein Wind, denke ich, wie die Sträucher sich bewegen ... Eine Glocke stülpt sich über mich, dröhnender Klöppelschlag. Ich spüre, wie ich falle, die Taschenlampe neben meinem Gesicht erlischt langsam. Batterie schon alle? denke ich verblüfft. Und dann ist Dunkelheit.

 

Schleichen, Schleifen, jemand gähnt. “Hallo!” Meine Stimme fremd, gequetscht, ich muss husten.

Statt einer Antwort zwei, drei eilige Schritte, wie wenn jemand hinter eine Deckung flüchtet.

Ich sauge meine Lungen voll: “Hallo!”

Von oben ein Überraschungslaut, ein Grunzen mit Fragezeichen. Dann tappt es die Treppen herunter.

Holt mich raus”, krächze ich.

Wer int da?” kommt es unsicher von draußen. Kaputtbutt.

Ich huste.

Rekn? Machnt du denn da drin? Hier nteht‘n alter Kohleofen!”

Weiß ich, du Spasti. Renn raus, mittleres Kellerfenster, heb das Rost an!”

Er entfernt sich. Ich spüre meine Fingerspitzen nicht mehr. Die Füße taub, die Waden, bis hinauf zu den Knien. Ameisen am ganzen Körper.

Endlich bewegt sich das Rost.

Siehst du den Draht?”

Mann, Rekn!”

Kaputtbutt erfasst die Lage. Ich höre die Schraubköpfe im Griff seines Patentschraubendrehers klappern. Er benutzt ihn als Knebel, dreht den Draht auf. Ich sacke in die Hocke, lehne an der Wand: “Hol Hilfe!”

Warum Hilfe holen?”, kommt es von oben. “Ich befrei die dich auch alleine.”

Ich höre ihn ums Haus flitzen.

Dann schabt und knirscht es an der Tür, ich stütze mich mühsam hoch, massiere meinen Hals. Allmählich strömt das Blut in die Fingerspitzen zurück, Ich höre, wie ein Werkzeug ein paar Mal abrutscht, und dann das Quietschen einer rostigen Schraube. Es sind vier Schrauben insgesamt, ein aufgesetztes Kastenschloss.

Die Tür öffnet sich, schlägt am Ofen an. Wir heben sie aus den Angeln, er leistet die Hauptarbeit, ächzt und stöhnt, wir rücken sie beiseite, ich hieve mich über die Barrikade und bin draußen.

Mann, Rekn!” Kaputtbutts Stimme klingt erfreut und aufs höchste verwundert. “Wer hat dich da drin angehängt? Du konntent tot nein.”

Scherzkeks. Das überlass mir. Und was machst du hier?”

Mittlerweile sind wir die Kellertreppe hinauf, meine Füße gehorchen mir notdürftig. Erst mal weg, denke ich. Und den Kleinen loswerden.

Wir pennen hier manchmal”, sagt er, bleibt mir auf den Fersen. Ich wate durch das Unkraut unseres verwilderten Gartens, er mir nach.

Wer ist wir?” frage ich.

Meret und ich.”

Die Schwarze?” Ich bin stehen geblieben, er erschrickt: “Nicht, wie du denknt. Meret findet, ich bin noch tnu klein.”

Wo ist sie jetzt?”

Fragt überall rum.”

Nach wem fragt sie - nach Jabw?”

Er zuckt die Achseln. “Nach dir auch.” Und er erzählt mir munter, froh, einen Zuhörer zu haben, alles durcheinander: dass er rumzieht, mal hier mal da übernachtet. Aber nur im Sommer. dass aber die Schwarze total für immer von zu Hause weg ist, weil ihre Mutter den Alten wieder in die Wohnung gelassen hat, den Misthund, der seiner Tochter an die Wäsche ging. Den Schäferhund hat sie dort gelassen. Und dass sie und er, Kaputtbutt, immer Angst hatten und extra leise waren, wenn sie im Keller so ein Kratzen hörten.

Kaputtbutt hat sich seine Initialen HB ins Haar gesprüht.

Bist du jetzt’n Punk?”

Ach, Rekn, ich bin nur’n Penner. In der Clique, da war ich wenignten ‘n Kamoltne. Wo int nur Jabw?”

Was ist mit den Dummies?”

Ach die”, er winkt ab.

Zieh erst mal Leine”, sage ich. “Morgen reden wir über alles.”

Und dann lannen wir’n Ding abfahren, okay?”

 

Die Juninacht beginnt kühl zu werden. In den Mulden steht noch Wärme, da ist der Wiesengeruch am intensivsten. Manchmal zirpt eine Grille kurz auf. Ich strecke die Glieder und atme tief. Ich stolpere über die abgeernteten Rapsäcker. Zur Rechten leuchtet “Stalingrad” mit tausend Lichtaugen.

Plötzlich vor mir eine Plakatwand, mitten im Feld, meterhoch: HIER ENTSTEHT EIN GEWERBEPARK.

Ich gehe so nah ran, dass ich die frische Farbe rieche. Unter der großen Schrift ein dunkler Grundriss, der ungefähr die Form einer Niere hat. Ich erkenne am rechten Rand Rippersreuths Anwesen mit dem Fahrzeughof. Vergeblich suche ich nach unserem Haus am anderen Ende. Wo es sein müsste, bezeichnet ein riesiges Rechteck eine Halle oder Ähnliches. Ich entziffere die Beschriftung: Erlebnis-Autohaus Rippersreuth. Die ehemals freien Grundstücke an der Straße sind auf dem Lageplan, der auch das Ödland in Richtung Betonviertel einschließt, sämtlich überbaut. Aquila non capit muscas.

Was hat der “Partner” zuletzt gesagt: An Rippersreuth kommst du nicht ran? Das werden wir ja sehen. Sie haben die Katze zu früh aus dem Sack gelassen, im buchstäblichen Sinn, meine Herren Waffiosi!

Die Katze bin in diesem Fall ich.

Meine Beine setzten sich in hastigen, unregelmäßigen Trab Richtung Nummer 33, quer übers Feld. Der Fahrzeughof liegt unbeleuchtet. Hoffentlich gibt es hinten heraus keine Bewegungsmelder.

Lampenlicht dringt aus einem Fenster im Obergeschoss, diffus reflektiert von den Obstbäumen. Ich suche Deckung unter einem Holunderstrauch. Ich glaube es ist der, unter dem ich mich mit Beate mal geküsst habe, einen halben Nachmittag lang. Aus den Blütendolden strömt welker Duft nach den Eierkuchen meiner Kinderzeit. Ich schiebe die Zweige ein Stück auseinander: Hinter dem hellen Fenster bewegt es sich himmelblau, ich erkenne den dunkelblonden Kopf von Beate.

Beate. Wie eh und je bewohnt sie ihr schönes Nordic-Design-Zimmer. Wahrscheinlich hört sie Vanessa Mae.

Eine andere Gestalt tritt neben sie. Es ist die Dunkelhaarige, die polnische Hausangestellte. Die beiden lehnen die Köpfe aneinander, es sieht aus wie in einem Russenfilm, wenn dort gesungen wird. Oder geweint. Ich kann Frauenweinen nicht vertragen.

Ich wollte nur sehen, wie es dir geht, Beate.

Ich mache kehrt.

 

Auf dem Rückweg lächle ich wie ein Idiot. Über dem türlosen Eingang zu unserem Geisterhaus blüht immer noch der Eibisch.

Sie schlafen in Herberts ehemaligem Zimmer, die zwei versprengten Kamolzen. Auf dem Parkett glänzt der Blechgriff einer Taschenlampe. Ich knipse sie an. Die Schwarze liegt auf einer Isomatte, Kaputtbutt auf den blanken Dielen. Im Lampenstrahl sieht seine Oberlippe mit der schlecht vernähten Hasenscharte aus wie ein Regenwurm, der in seiner Jugend halbiert wurde. In der Frisur der Schwarzen ist die Naturfarbe rausgewachsen, die ehemals rasierte Hälfte bedecken rötlichen Stoppeln.

Zwischen beiden Köpfen ein offener TV-Karton, darin Kaputtbutts Stahlhelm, und daneben, ordentlich aufgereiht, eine Packung Zigaretten, Streichhölzer, zwei Lollies in Folie, mehrere Bierbüchsen, eine ist noch zu. Ich zippe sie auf, trinke in langen Zügen.

Erst jetzt sehe ich die Ratte mit dem Halsband - sie macht Männchen und glitzert mich mit engstehenden Knopfaugen an.

Auf mich wartet die Kugel. Aber die Anwesenheit der Kumpels gibt mir im Moment Sicherheit, die  Bodies werden nicht die ganze Nacht hier herumschleichen. Ich kann nicht anders - ich mache mich zwischen den beiden Schläfern lang, stoße mit dem Kopf den Karton weg, schiebe mich an das Gesicht der Schwarzen ran und fange an, sie zu küssen. Sie zuckt erst kurz, dann öffnen sich ihre Lippen. Ihr Mund schmeckt nicht mehr nach Zitrone, sie hat wohl hier draußen kein Spülmittel. Sie schlingt die Arme um meinen Hals, dass mir ein Wirbel knackt, dehnt sich, dann reißt sie mir ihren Mund weg, schnauft. “Nimmst mir ja die Luft, Rex”, sagt sie atemlos.

Schwarze!”

Sie stößt mich weg: “Na, hast du die Blonde besucht? Geht’s ihr gut, ja?”

Willst du das echt wissen?”

Sie bläst kurz die Wangen auf. “Sag mir lieber, wo Jabw ist.”

Jabw wird schon irgendwo sein.”

Ich schraube mich hoch, nehme mir zwei Zigaretten aus der Schachtel und die Streichhölzer. Noch einmal leuchte ich mit der Lampe den Raum ab. Kaputtbutt hat Herberts Zimmer auf seine Art verschönert. Ich suche seinen Fisch, aber der ist nur klein in einer Ecke. Ein Fries aus Ernies, Berts, Käpt’n Blaubären und Alfen schmückt ringsum die ausgeblichene Tapete.

Kaputtbutts Sprühdosen. Das Zischen, das ich gehört habe.

 

In der Dresdener Strasse muss ich zweimal klingeln. Der Polizeianwärter, den ich schon kenne, lässt mich ein.

Die Neonröhren des Wachzimmers. Ich sage knapp, was Sache ist, und bitte, zuhause anrufen zu dürfen.

Nach einer halben Stunde ist Herbert da. Der Polizist lässt uns allein.

Neues Zahnputzzeug und Waschsachen, etwas Wäsche.” Herbert schiebt mir einen Beutel rüber.

Hab ich euch gefehlt?”

Wie man’s nimmt. Wir hatten dich ja zuhause, sozusagen. Mehr als in den Monaten zuvor.”

?”

Weit weg waren wir nie. Mal Patricia, mal ich. Ich hab die Johannisbeersträucher hinterm Haus ausgegraben. Mal sehen, ob sie unter den Balkons wurzeln. Du müsstest doch die Spatenstiche gehört haben?” Er langt über den Tisch und fasst mir in die Haare: “Zeig mal die Narbe! Hmhm. Maßarbeit, keine Spur zu kräftig ... Daran erkennt man die berühmte Tennisvorhand deiner Mutter.”

Die Tennisvorhand??”

Denkst du, wir gucken vom Fenster aus zu, wenn unser Sohn spätabends in ein Müllauto steigt? Dann fahren wir hinterher. Dann ist es Zeit, ihn aus dem Rennen zu nehmen, damit er bis zu seinem Prozess nicht noch mehr verzapft.”

Und womit hat Patricia zugehauen? Mit ‘nem Racket?”

Herbert schwingt mit kurzem Ruck die Rechte: “Eine neue Verwendungsmöglichkeit für meine KKK30. Der andere Lümmel und irgendein Mädchen - ich nehme an, beide aus deiner Clique - sie sind nur so davon gespritzt.”

Und das Müllauto habt Ihr ordnungsgemäß abgeliefert, nehme ich an?”

Wir haben bei den Stadtwerken angerufen.”

Ich kann es nicht fassen. Die eigenen Eltern. Ich bin die ganze Zeit einem Irrtum aufgesessen, weil sie sich Familienschweigen auferlegt hatten.

Strafschweigen. Plus Schlag übern Schädel plus Einzelhaft in Ungewissheit. Und das alles wegen Peanuts. Von Beates Entführung wissen sie nicht mal. Ahnen nicht, dass sie mich in Todesgefahr brachten, als sie mich den  Bodies auslieferten. Wie fürsorglich, sie haben das Haus im Auge behalten, Sträucher ausgebuddelt.

Danke”, sage ich. “Danke wegen des Müllautos.”

Tja”, ergänzt Herbert fast vergnügt. “Und dann kam uns unser alter Hobbyraum zupass - Das Bett und ein paar herumliegende Pennerklamotten konnten wir nutzen.”

Ich dachte: So. Pennerklamotten. Operativ ... Beates Hinterlassenschaft.

Der schwere Ofen vor der Tür”, sagt er, “war mein Einfall. Erstens schloss er den oder die Penner aus. Zweitens vermutete kein Fremder dahinter einen Arrest. Und drittens - wenn von uns beiden jemand, deine Mutter oder ich, knieweich geworden wäre und dich hätte rauslassen wollen, hätte er erst den anderen überreden müssen - allein schafft’s einer nicht. So haben wir uns für die Zeit gegenseitig den Zutritt zu dir verboten. Eine logische UND-Verknüpfung, Boolesche Schaltalgebra, du kennst dich ja wohl aus. Ach, übrigens ...”

Er griff in den mitgebrachten Beutel und zog eine Thermoskanne heraus, goss schwarzen Kaffee ein. “Gruß von deiner Mutter. Wir hatten erst übermorgen mit deinem Durchbruch gerechnet.”

Ich muss pusten, der Kaffee ist sehr heiß. Sie haben mich also schaben hören. Und die Bodies mit dem Bowdenzug habe ich erst selber herbeigebrüllt. Bei ihrem ersten Besuch haben sie kein Loch für eine Sprengung gesucht, sondern das Loch, in dem ich mich vor ihnen verkroch, ihrer Meinung nach. Da war ich noch gar nicht in ihrer Gewalt.

Langweilig da unten, hm? Zeit zum Grübeln?” Herbert reibt sich die Hände. Tatsächlich, es ist nicht sein übliches nervöses Daumenbohren: “Ein Typ hat mehrmals nach dir gefragt, wenn ich mit den Johannisbeersträuchern aus dem Garten kam. Angeblich ein Computerfreak wie du. Tat sehr besorgt um seinen Freund. Aber er gefiel mir nicht, er hatte eine unangenehme Stimme.” (Herbert versuchte, Jackes Semmelrogge-Organ hinzukriegen.) “Ich habe ihm weisgemacht, dass du jetzt bei deiner Großmutter lebst.”

So sind sie auf mich gestoßen, denke ich. Sie haben jeden Schritt meiner Alten observiert. Nachdem sie durch Beate erfahren hatten, dass sich da jemand und wer sich an dem alten PC zu schaffen gemacht hatte. Das weitere war Routine.

Herbert fasst mir in die Brusttasche, nimmt meine zwei Zigaretten heraus.

Gib mal Feuer”, sagt er.

Wir rauchen. Der erste Zug süß-brandig. Herbert bläst eine lange Fahne seitwärts unter den Tisch: “Ein bisschen wie angebrannte Milch, findest du nicht? Nebenbei, was heißt eigentlich ‘Rotzlöffel’ auf lateinisch?”

 

Der Polizeianwärter führt mich durch den Korridor. An der Wand ein Fahndungsblatt. DIE POLIZEI BITTET UM MITHILFE. Auf dem Foto blickt Jabw starr. Der Mann nimmt es im Vorbeigehen herunter.

Warum nehmen sie es ab?” frage ich.

Er zieht aus der Gesäßtasche eine zusammengefaltete Zeitung, reicht sie mir: “Eben frisch aus dem Briefkasten.”

Balkenüberschrift: UNBEKANNTER TOTER AUF MÜLLKIPPE JETZT IDENTIFIZIERT.

 

Nachtrag: Jener junge Mann (18), der in manchem die Züge meines Rex Kamentz trägt, sitzt zur Zeit der Drucklegung dieses Buches in der Jugend-JVA im sächsischen Z. ein. Der Jugendrichter räumte ihm unter Berücksichtigung des Umstands, dass er Selbststeller ist, (sowie unter der Voraussetzung angepassten Verhaltens) die Möglichkeit ein, als Freigänger seine Schulbildung abzuschließen. Er bekommt regelmäßig Besuch von seinen Eltern und seiner Schwester (Alice, 5 Monate) sowie von zwei unzertrennlichen Freundinnen: Die eine heißt in dieser Geschichte Meret Radtke, die andere Hélène Zibchen. (Elän hat sich das Rauchen abgewöhnt und versucht beharrlich, auch der “Schwarzen” die neue Tugend nahezubringen.)

Ich bin bei Lesungen aus dem Manuskript eindringlich gebeten worden zu verraten, was aus Beate wurde. Nun, wählen wir eine realistische Variante: Sie hat kürzlich in die Schweiz geheiratet. Kasimir Kopp hat sie aus Kaiserswartha herausgeholt. Er war ja schon immer ein lieber Mensch, wenn auch ein Linker, und man könnte mit ihm angesichts dieser ganzen Geschichte in den Ruf ausbrechen: Triste esset nisi ridiculum - es wäre traurig, wenn es nicht lächerlich wäre.) Beates Vater musste sich übrigens aus der Politik zurückziehen und widmet sich zur Zeit ausschließlich der baldigen Eröffnung seines Erlebnis-Autohauses (Mit Oldie-Abteilung.) Der Tod von Stefan Jabwonski blieb bislang unaufgeklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um einen tragischen Unfall.

                                                                       Der Verfasser